Predigt vom 24.9.2017 (Joh. 15,15-16)


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Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Bei Kindern ist es oft ganz wichtig, wer die beste Freundin ist oder der beste Freund. Und es kann sich ändern. Wenn ein neues Mädchen in die Gruppe kommt, wenn ein anderer Junge einen schöneren Fußball hat, oder wenn zwei sich streiten. Dann heißt es plötzlich: Du bist nicht mehr mein Freund.

Freundschaften – ich denke, da werdet ihr euch am Tag eurer Goldenen Konfirmation an manches erinnern, wenn ihr zurückdenkt an die Konfirmandenzeit mit Pastor Hein und Pastor Tepper. Und noch weiter, zur Grundschulzeit und davor. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber es kommt ja vor, dass manche Freundschaft im Sandkasten anfängt und ein Leben lang hält. Auch deshalb ist es inzwischen eine gute Tradition, dass beide Kirchengemeinden hier in Groß Oesingen ihre Goldene Konfirmation am selben Sonntag begehen, dass man zum Gottesdienst um den Altar versammelt ist, an dem man damals eingesegnet wurde, und den Rest des Tages dann zusammen verbringt. Gleichzeitig wird einem an so einem Tag auch deutlich, dass manche früheren Beziehungen auch abgelöst wurden von neuen. Etwa durch die Berufsausbildung, oder wenn man sich verliebt hat, wenn in der Zeit nach der Konfirmation der Freund oder die Freundin zum Ehepartner wurde, und die beiden hoffentlich ein Leben lang in besonderer Weise füreinander das sind, was wir als Freunde brauchen.

Ja, wir brauchen Freundschaften im Leben. Martin Luther hat recht, wenn er das im Kleinen Katechismus zum täglichen Brot zählt, so wie ihr es bei euerm Konfir­mator zur vierten Vaterunserbitte gelernt habt.

Andererseits machen wir aber auch die Erfahrung, dass manche Freundschaft nachlässt, wenn einer wegzieht. Und sie kann zerbrechen, wenn einer den andern hintergeht oder ausnutzt oder betrügt.

Einer aber ist heute hier, der euch die Freundschaft gehalten hat nicht nur seitdem ihr dreizehn oder vierzehn wart. Nicht nur seit eurer Zeit im Sandkasten. Und das gilt für uns alle. Einer ist heute hier, der dein Freund ist seit deiner Geburt, nein, noch viel länger. Denn das ist unser Herr und Heiland, und der hat schon lange, bevor deine Eltern sich gefunden haben, bevor du “unterwegs” warst, alles getan, um dein bester Freund zu werden.

Es gibt viele Geschichten, wo zwei Jungs ein bisschen wild sind, der Fußball trifft die Fensterscheibe am Haus oder am Auto des Nachbarn. Der eine hat geschossen, aber der hat im Moment zuhause genug Stress, und der andere nimmt's auf sich. Man kann darüber diskutieren, dass er damit lügt. Aber dass einer etwas auf sich nimmt, was der andere nicht tragen kann, das ist Freundschaft. Und das hat Christus für uns Menschen getan. Sie haben gesagt, er ist schuldig, als er da vor dem Hohenpriester in Jerusalem stand, und vor dem römischen Verwalter, Pontius Pilatus. Das war gelogen. Aber er hat nicht widersprochen. Er hat keine Schuld getan, aber er hat Schuld gehabt: Deine und meine Schuld. Dazu ist Gottes Sohn in diese Welt gekommen, dass er sie für uns Menschen trägt.

Deshalb war er bei denen, die ganz offensichtlich schuldig waren – den Betrügern und Prostituier­ten. Auch bei den Pharisäern, die schuldig waren im Sinne der Selbstgerechtigkeit und der Verachtung anderer. (Nur erkennt eben der, der selbstgerecht ist, seine eigene Schuld schwerer als andere.) Und er war bei denen, die ganz offensichtlich unter den Folgen davon litten, dass der Mensch von Gott abgefallen ist; denen, die zum Überleben nicht genug hatten, und denen kein Arzt helfen konnte. Beides macht ja unübersehbar, dass unser Leben begrenzt ist und nicht immer besser wird, sondern mit dem Tod endet.

Aber er hat noch mehr getan. Er hat dich bei deinem Namen gerufen in deiner Taufe. Nicht, weil du schon irgendetwas für ihn getan hattest, weil du so ein toller Freund für ihn warst. Wenn du als kleines Kind getauft worden bist, dann hatte es die ganze Gemeinde in dem Gottesdienst wunderbar vor Augen, dass wir gar nicht den Anfang dieser Freundschaft machen können. Und egal in welchem Alter einer von uns getauft ist: Wenn wir irgendwann im Leben merken, dass es mit unserem christlichen Lebenswandel nicht so “astrein” aussieht – was das Leben der anderen angeht, das ist ihre Geschichte; aber mit unserm eigenen – wenn wir diese Erfahrung machen, dann soll das immer wieder unser Trost sein: Nein, er ist unser Freund nicht geworden weil wir ihm sympathisch waren oder weil er irgendetwas davon gehabt hätte. Er ist unser Freund geworden – weil er uns liebhat. Das klingt wie die Katze, die sich in den Schwanz beißt, aber es ist tatsächlich so: Der einzige Grund, dass er unser Freund geworden ist, ist seine Liebe zu uns. Und die erfahren wir darin, wie er mit uns umgeht. In seiner Freundschaft.

Davon habt ihr schon als Kinder gehört, damit seid ihr aufgewachsen, so wie die meisten unserer Kinder in der Gemeinde heute, die das im Kindergottesdienst, auf der Kinderfreizeit und in der Christenlehre mitbekommen. Ihr habt gelernt, seine Stimme zu erkennen, so wie man über den Schulhof bei allem Pausenlärm gehört hat, wenn der Freund oder die Freundin einen von weitem gerufen hat; so wie ihr bis heute einen vertrauten Menschen am Telefon an der Stimme erkennt, noch bevor er seinen Namen sagt, und oft noch nach vielen Jahren.

Und dann habt ihr im Konfirmandenunterricht gelernt, was dieser Freund für euch getan hat. Er hat euch und uns verlorene und verdammte Menschen erlöst; erworben und gewonnen vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben. Dazu habt ihr in der Konfirmation euer Amen gesagt, habt vor der Gemeinde hier in der Kirche bekannt, dass ihr das glaubt. Und habt versprochen, dass ihr der Kirche treu bleiben wollt, die das bekennt und lehrt, und euch fleißig zu ihren Gottesdiensten halten wollt und zum heiligen Sakrament seines Leibes und Blutes. Fleißig, das heißt, Energie, Kraft und Zeit aufbringen dafür. Weil es nichts besseres gibt, auch wenn der alte Adam (oder die alte Eva) immer wieder gute Gründe dagegen findet. Und ganz einfach: Weil Gott es so sagt im dritten Gebot.

So haben wir's alle versprochen, wenn wir schon konfirmiert sind. Und darauf gehen auch unsere 10 Vorkonfirmanden und Konfirmanden zu, die wir zur Zeit haben.

Aber wie sieht's damit auf deiner Seite aus? Gottes Freundschaft zu dir – gehört das zu den Beziehungen, die seit der Kindheit geblieben sind, wo man sich immer wieder freut, einander zu haben, und alles Wichtige erzählt und hört?

Oder ist das eine von den Beziehungen, die “dünne” geworden sind nach der Konfirmandenzeit, nach der Zeit im Jugendkreis? Wo es zwar schön ist, mal wieder in diesem Kreis zusammenzusein und in dieser Kirche, aber andere Beziehungen spielen eigentlich längst eine größere Rolle? Wo man ihn vielleicht irgendwann mal im Gebet “anruft”, wenn einem danach ist, aber eigentlich sein eigenes Leben lebt?

Oder gehört das sogar zu den Beziehungen, die zerbrochen sind, weil Konkurrenz dazu kam – ein Freundeskreis, der mit der Kirche nichts zu tun hat, oder eine geistliche Enttäuschung; ein Schlag im Leben, den wir nicht damit zusammen­ bringen, dass Gott sich unsern Freund nennt?

Liebe Gemeinde, wir merken es: Was Gottes Wort hier von solcher Freundschaft sagt, das betrifft nicht nur die “Jubel-Konfirmanden” heute, sondern uns alle. Es betrifft uns, ob wir nun die Konfirmation noch vor uns haben, ob wir in den letzten Jahren konfirmiert sind, oder vorher unter Pastor Dittmer, Pastor Wilkens, Pastor Griesheimer oder Pastor Tepper. Und es betrifft das, was Gottes Sohn für uns getan hat.

Denn wenn Freundschaften auseinandergehen, dann liegt das eigentlich immer daran, dass man den anderen nicht mehr braucht. Deshalb ist jedes Kreuz auf einem Kirchturm, jedes Glockenläuten, jeder Sonntagmorgen im Kalender die Frage: Brauchen wir das, was Gottes Sohn für uns getan hat? Brauchst du das, dass er deine Schuld auf sich nimmt? Dass er seinen Rücken dafür hinhält? Brauchst du ihn, wenn dir in einer dunklen Stunde bewusst wird, was in deinem Leben vielleicht schiefgelaufen ist?

Ach, noch genauer, liebe Schwester, lieber Bruder: Es ist die Erinnerung daran, dass du diesen Freund brauchst. Denn wie willst du denn vor deinem eigenen Gewissen bestehen, wenn du ehrlich bist, wenn du im Konfirmandenunterricht dein Gewissen geschärft bekommen hast und weißt, die Gebote Gottes betreffen zuallererst nicht das, was andere Menschen mitbekommen? Das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Die anderen neun Zehntel sieht man nicht. Aber das ist der eigentlich gefährliche Teil. Aus dem Herzen kommt Neid, Hass, Gleichgültigkeit, Verachtung, Selbstgerechtigkeit und was dazugehört.

Und wenn dein eigenes Gewissen ganz ruhig und entspannt ist – wie willst du vor ihm bestehen? Es gibt keinen anderen, der da für dich einstehen kann. Kein bester Freund, keine Eltern, kein Ehepartner. Da hilft nur eins: Wenn du Gottes Sohn zum Freund hast. Denn wer den hat, der steht vor Gottes Richterstuhl nicht allein. Der hat einen Fürsprecher, den deckt Christus mit seiner Gerechtigkeit, dass er nicht nackt dasteht, wenn sein ganzes Leben aufgedeckt wird. “Es wird alles gut” – wenn er diesen Satz sagt als dein Freund, dann ist das nicht nur der Versuch, dich aufzumuntern, dann wird das wahr. Und “Kopf hoch” – das sagt Jesus wörtlich, wenn er vom Ende der Welt spricht, und das heißt auch, vom Ende unseres Lebens: „Wenn ihr seht, dass das geschieht, dann erhebt eure Häupter,“ eure Köppe, „darum, dass sich eure Erlösung naht.“ (Luk. 21,28)

Nicht ihr habt mich erwählt, sagt Jesus in seinem Wort zu unserer Predigt heute, sondern ich habe euch erwählt. Wie gut. Denn das Ja, das wir irgendwann zu ihm gesprochen haben, wie oft haben wir dagegen schon “Nein” getan. Aber auf seiner Seite bleibt dieser Bund feste stehn. Und er lässt uns nicht verlorengehn – wenn wir seine Freundschaft nur nicht ausschlagen.

Und dann ist auch ganz klar: Die Konfirmation ist nicht nur ein Meilenstein auf dem Weg vom Kindsein zum Jugendlichen, damals für manchen noch von der Schule in die Lehre. Konfirmation heißt “festgemacht werden” in seiner Freund­ schaft und durch seine Freundschaft. Und das heißt dann auch, befestigt werden in der Zusammengehörigkeit mit den Brüdern und Schwestern. Dass wir uns zur Kirche und zum Gottesdienst halten, das ist nicht in unser Belieben gestellt. “Du sollst” das tun, sagt Gott dazu im dritten Gebot. Gehen wir nicht alle hin, wenn ein Freund uns einlädt?

Und noch etwas. Jesus sagt, er hat uns erwählt, damit wir Frucht bringen. Das ist ein Arbeitsauftrag. Und hat mit den Menschen um uns herum zu tun. Auch deshalb sollen wir uns zum Gottesdienst halten, weil unsere Brüder und Schwestern uns brauchen. Weil sie es brauchen, dass wir auch für sie das “Amen” sprechen, wenn wir für die unter uns beten, die krank sind, die allein sind oder einsam, die einen lieben Menschen verloren haben, die sich auf die Ehe vorbereiten und auf die Konfirmation. Frucht bringen heißt auch, im Alltag als einer zu leben, der zu ihm gehört. Für den das, was dieser Freund zu unserem Verhalten sagt, mehr zählt als alles andere. Und zur “Frucht” zählt auch Geduld im Gebet und Frieden im Herzen.

Und spätestens da wird deutlich: Auch diese Frucht können wir nicht machen. Die kommt von ihm. Und sie wächst, da, wo wir in ihm bleiben und er in uns. Lass dir's heute wieder schenken, an seinem Altar, wenn er zu dir kommt mit seinem Leib und Blut. Er sagt Ja zu dir. Willst du's nicht auch von neuem tun?

Ich habe vor einer Weile einen Werbespruch von der Bundeswehr gelesen. Da heißt es: “Was sind schon 1000 Freunde im Netz gegen einen Kameraden?” Da ist etwas dran. Wenn einer viele Facebook-Freunde hat, heißt das nicht, dass auch nur einer davon da ist zum Kistenschleppen, wenn er umzieht. Ein Kamerad aber ist einer, von dem du über die Jahre weißt, du kannst dich ganz auf ihn verlassen. Gerade, wenn's drauf ankommt. Wenn's um Leben und Tod geht.

Für uns geht es um Leben und Tod. Dass Christus diesen Kampf gewinnt, steht fest. Seit Karfreitagnachmittag. Bist du dabei? Dann wirst du auch dabei sein, am ewigen Ostermorgen, wenn Christus seine Freunde aufweckt zum ewigen Leben. Amen.

  1. So. n. Trin. (ohne Predigtreihe, Lesung zur Konfirmation)

Daniel Schmidt, P.