Predigt vom 24.12.2019 (Hes 37,24-28)


Download2
Stock
File Size29.00 KB
Create Date30. Dezember 2019
Download

Liebe Gemeinde,

kann ich hier für immer bleiben? So fragt man, wenn man einen besonders schönen Platz gefunden hat. Vielleicht im Urlaub in den Bergen oder Weihnachten unter dem Tannenbaum bei den Geschenken. Aber irgendwie ist uns klar, dass es so nicht für immer bleiben kann. Und so bemühen wir uns, dass es weiter geht, arbeiten, tun und schaffen immer Neues. Und dabei geht der Blick nach oben: „Weiter“ heißt höher und besser. Wie der Weg zum nächst höheren Gipfel nach oben geht, so soll es auch für uns nach oben gehen. Dort stellen wir uns die Zukunft vor. Aber wie kommt man dahin?

Ich war mal in einer Kunstausstellung, da standen Leitern in einem Raum. Die kann man natürlich auch zu Hause finden. Aber diese scheinen besonders zu sein, jedenfalls musste ich Eintritt bezahlen, um sie zu sehen. Helle Holzleitern stehen aufgeklappt in dem riesig hohen Raum. Durch eine Glasfassade scheint das Licht von außen auf sie, sodass sie glänzen. Und daneben steht: „Nimm teil, indem du eine goldfarbene Leiter deiner Wahl spendest. Bedenke, dass deine Wahl – die Größe und das Material der Leiter – über deinen Zugang zur Zukunft bestimmt.“ Was für eine Leiter würdest du dort hinstellen? Eine ganz stabile oder Hauptsache hoch? Oder lieber gar keine?

Nur wenige Leitern standen dort. Ich weiß nicht, ob jemand überhaupt eine dazu gestellt hat. Und zurecht würden wir davor zurückschrecken: Kann ich mir so meine Zukunft sichern? Wer weiß, ob die Leiter hoch genug ist? In dem riesigen Raum wirken die Leitern verschwindend klein. Sie enden irgendwo in der Luft. Das ist eher ernüchternd.

Sicher, die nächsten Stufen kann man kann planen, vorsorgen, sich vorbereiten, gerade für morgen ist sicher viel geplant. Aber danach muss ich wieder neu einkaufen und planen. Und was hält schon für die Ewigkeit? Das Holz der Leitern hält jedenfalls nicht ewig. Nein, was ich jetzt auch Großes tue und wie hart ich mich nach oben arbeite. Meine Zukunft kann ich mir so nicht sichern. Und bis zu Gott komme ich niemals, wie hoch ich die Leiter auch baue, wie sehr ich mich bemühe.

Nun frage ich mal die Kinder: Könnt ihr in die Richtung zeigen, in der die Weisen den Stern gesucht haben? War das unten oder oben? Auch die Weisen haben die Zukunft oben gesucht, im Himmel, in den Sternen. Sie wussten, dass sie sie nicht selbst erreichen können. Sondern sie haben darauf gehofft, dass ihnen von oben ein Zeichen gegeben wird – für eine neue und bessere Zukunft. Natürlich war es dann anders als gedacht: Ihre Zukunft lag in der Krippe, nicht in den Sternen. Nun müssen wir nicht mehr eine Leiter nach oben bauen. Eine, die dann doch in der Luft endet, ohne Halt. Sondern Gott ist zu uns gekommen, bis ganz auf den Boden. Ja, in eine Futterkrippe ist er gelegt worden. Aber da kommen selbst die Tiere dran, auch ohne Leiter.

Das hatte Gottes Volk lange erwartet, dass Gott ihnen einen König schickt, der sie in die Zukunft leitet und der sie für immer beschützt. So wie der König David, nur viel besser. Und dass Gott selbst bei ihnen wohnt. Sodass sie sagen können: Hier will ich für immer bleiben. Hier ist so ein schöner Platz. Das hat Gott durch den Propheten Hesekiel angekündigt und versprochen:

Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Heiden erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.“

In Bethlehem ist das passiert. Das Geschehen haben die Kinder eben vorgeführt: Gottes Sohn will bei den Menschen wohnen, soll von Maria geboren werden. „Können wir hier bleiben?“, haben Maria und Josef gefragt. Nur für ein paar Nächte. Doch jeder musste in seinen Heimatort, und so war ähnlich viel los wie heute kurz vor Weihnachten. Wenn viele ihre Eltern und Verwandten besuchen. Deshalb wird der Platz eng auf den Straßen und in den Häusern. Und was passiert? Werden Maria und Josef hineingelassen? Erst einmal nicht, nur in einen Stall kommen sie am Ende.

Hätte ich´s gewusst“, sagt ein Wirt nachher. Hinterher, wo herauskommt, wie prominent die Person ist, die Maria in ihrem Bauch trägt. Da wäre natürlich jeder gern bereit gewesen, sie aufzunehmen, wäre gern mit berühmt geworden. Der Wirt hätte es gut vermarkten können: Ein Zimmer im Haus, wo Gottes Sohn geboren wurde. Da kann man schon etwas mehr für verlangen.

Aber das wollte Gott nicht. Und so ist er kein Prominenter geworden, sondern ein Mensch wie du und ich. Er hat auf seinen Status verzichtet. Ein Knecht, ein Diener ist dieser König für uns geworden. Deshalb müssen Maria und Josef eine Unterkunft suchen, es ist nichts reserviert. Was meint ihr: Wäre es anders, wenn die beiden sagen würden: Unser Sohn muss die Welt retten; bitte geben Sie uns ein Zimmer, damit er geboren werden kann? Da würden die Leute sicher drüber lachen. Nein, sie kommen als Menschen, die Hilfe brauchen.

Doch wir Menschen sind oft mit anderen Dingen beschäftigt, mit wichtigeren natürlich. Wer aber nur auf seine eigene Lage sieht, hat keinen Blick für den anderen. So wie der eine Wirt nicht hilft, weil ihm Familie und Freunde wichtiger sind. Oder ein anderer sagt, die beiden wären selber schuld, sie hätten eben vorsorgen müssen, besser planen. Doch wer so dem anderen begegnet, erkennt auch nicht, wie Gott zu ihm kommt.

Wir Menschen neigen dazu, Gott im Himmel zu verorten, weit weg von uns. Dann merkt man es natürlich nicht, wenn er im eigenen Leben erscheint, an die Tür klopft wie Maria und Josef eben. So haben wir Menschen Gott keinen Platz gegeben in unserer Welt, in unserem Leben. Vielleicht denken wir: Hoch oben treffe ich ihn, wenn ich es endlich geschafft habe. Bis dahin baue ich mir meine Zukunft selbst, Stufe für Stufe oder Sprosse für Sprosse.

Wer aber so auf seinen eigenen Plan sieht, merkt nicht, was Gott für uns geplant hat, dort in Bethlehem. Und wir steigen an ihm vorbei auf unserer Leiter nach oben. So übersehen wir ihn, wie die Bewohner von Bethlehem das junge Paar. Er ist nicht hoch oben zu finden, im höchsten Glück und Erfolg; in dem, was wir vielleicht einmal erreichen wollen. Nein, er ist unten bei uns, besonders in der Not und Hilflosigkeit. In der Krippe, im Dunkeln des Stalles will er wohnen.

Wisst ihr noch, wer zuerst davon gehört hat, dass Jesus geboren wurde? Zuerst wird es den Hirten gesagt, dass es endlich soweit ist. Der Neugeborene soll ja auch ein Hirte sein. Keiner der die Schafe weidet. Sondern der einzige Hirte, der sich um die Menschen kümmert. Er hält uns bei ihm zusammen, er beschützt uns vor dem Bösen, er führt uns durch Freude und Leid und bringt uns nach Hause. Zu dem, von dem wir kommen. Der sich schon unseren Vorfahren gezeigt hat. Und hat diesen Hirten zu ihnen geschickt, denselben auch zu uns und zu den Menschen in allen Völkern. Wie der Engel es gesagt hat: „Zur großen Freude, die allem Volk widerfahren wird.“

Darüber kann man sich schon wundern, wenn man an den Stall denkt, in dem kleinen Ort Bethlehem, in dem kleinen Volk Israel. Doch die Nachricht hat sich verbreitet; angefangen hat es bei den Weisen – und heute reden Menschen auf der ganzen Welt davon. Immer mehr werden zu Gottes Volk gehören. Sie alle will Jesus Christus leiten als der einzige Menschenhirt. Sie alle sollen erfahren, dass Gott in ihm bei uns wohnt. Sodass wir in Gemeinschaft mit ihm zusammen leben.

Aber das geht nicht im Chaos, sondern nur wenn der Hirte die Herde leitet. Wir Menschen können nur friedlich beieinander wohnen, wenn wir in Gottes Ordnungen leben. Nicht umsonst steht auch das in der Ankündigung von Hesekiel. Und das gilt nicht nur an den Weihnachtstagen in der Familie; auch wenn es vielleicht manchmal schwer sein mag, friedlich zu sein. Sondern Gott verändert uns ganz, dadurch, dass er bei uns im Herzen einzieht.

Dazu schließt er einen Friedensvertrag mit den Menschen. Einer, der ewig ist, den er niemals brechen wird. Und damit hat er uns Versöhnung gebracht mit ihm und unseren Mitmenschen. Deshalb können die Engel schon singen: Friede auf Erden. Auch wenn der nicht immer und überall zu spüren ist – und noch weniger zu sehen. Aber er ist uns gebracht, der Frieden mit Gott, wir müssen ihn nicht mehr weit oben suchen. Daher haben wir den Blick frei nach rechts und links. Wie es die Sprecherin eben gesagt hat, am Ende vom Krippenspiel: Wer weiß, wer heute Abend an unserer Tür klingelt?

Gott will auf jeden Fall bei uns wohnen und bleiben – nicht nur für ein paar Nächte. Denn dazu ist er zu uns gekommen, damit er für immer in unserer Mitte bleibt. Er will ja unser Gott sein und wir sollen sein Volk sein. Und so erreichen wir unsere Zukunft nicht über eine selbstgebaute Leiter, immer weiter nach oben; und unsere Zukunft liegt auch nicht ungewiss in den Sternen, sondern in der Krippe. Da haben wir den schönsten Platz gefunden, bei unserm Herrn und Hirten - der uns in die Zukunft leitet, in eine ewige. Hier bei ihm kannst du für immer bleiben. Amen.

(Heiligabend, J. Achenbach)