Predigt vom 24.12.2018, Heiligabend (Jesaja 9,1-6)


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Create Date24. Dezember 2018
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Liebe Gemeinde, liebe Großeltern und Eltern, liebe Konfirmanden und –

liebe Kinder: Euch begrüße ich mal als letztes, weil ich euch dann gleich als erstes eine Frage stellen kann. Zeigt uns doch einfach mal mit der Hand, in welche Richtung die weisen Männer geguckt haben, als sie gemerkt haben, dass da etwas ganz Besonderes passiert; und die Hirten, als sie die Engel gehört haben. Genau – die haben nach oben geguckt. Von ganz hoch oben kam die Nachricht. Und dann, als sie im Stall ankamen, wohin haben sie dann geguckt? – Ja, sie haben nach unten geguckt. In den Futtertrog, die Futterkrippe für die Esel oder die Schafe, wo Jesus lag, das kleine Baby.

Ungefähr vor einem halben Jahr hat ein Mann beschlossen, dass er ganz hoch nach oben will. Dass er sich bei der amerikanischen Weltraumbehörde bewerben will, um zum Mars zu fliegen. Das war am 14. Juni, einem Donnerstag. Da waren manche von euch hier zur Kinderstunde und zum Konfirmandenunterricht und zum Jungbläserunterricht. Der Mann war zu der Zeit am Flughafen in der Hauptstadt von Malaysia, Kuala Lumpur. Aber es war für ihn unmöglich, da wegzukommen. Er ist nämlich Syrer, hat schon lange im Ausland gearbeitet und sollte vor ein paar Jahren in sein Land zurückgehen, um im Krieg zu kämpfen. Er wollte aber nicht und deshalb wurde sein Pass nicht verlängert. Er hatte versucht, in ein anderes Land zu fliegen, aber kein Flugzeug hat ihn mitgenommen. So saß er am Flughafen fest. Seit genau 100 Tagen.

Und er hatte natürlich kein Zimmer da und auch kein Bett. Was meint ihr, wo er da geschlafen hat? Auf den Stühlen, wo Leute sonst auf ihren Flug warten, oder in einer Ecke unter einer Treppe. Und sein Geld war auch bald alle. Da haben ihm die Angestellten von einer Fluggesellschaft mit Essen geholfen. Nur mitfliegen, das war unmöglich für ihn. Er konnte nirgendwohin vom Flughafen. Vielleicht hat er sich deshalb überlegt, dass er gerne mal auf den Mars fliegen will.

Schließlich aber hat eine Frau in Kanada von ihm gehört. Laurie Cooper heißt sie. Die hat zwei Kinder adoptiert, weil sie eine Mutter brauchten. Sie war schon dreimal nach Griechenland geflogen, um in einem Flüchtlingslager mitzuhelfen. Sie kannte diesen Mann aus Syrien gar nicht – aber er hatte nichts mehr, und sie hat wie eine Mutter alles getan, damit er wieder ein Zuhause hat. Sie hat Geld gesammelt. Sie hat für ihn eine Einreisegenehmigung beantragt. Und schließlich konnte sie ihm eine Nachricht auf sein Handy schicken: Kanada nimmt dich auf. Aber sie hat gesagt: Sie kann erst glauben, dass er wirklich kommt, wenn sie ihn am Flughafen sieht und in den Arm nehmen kann. Und das, was für den Mann bis dahin unmöglich war, ist mit einem Mal geschehen. Vor dreieinhalb Wochen ist er in Kanada angekommen. Und jetzt hat er dort eine Wohnung und eine Arbeitsstelle.

Weihnachten hören wir, dass Gottes Sohn seine Heimat verlassen hat. Er ist in die Welt gekommen und hatte gar nichts. Doch, eine Mutter hat Gott ihm gegeben, Maria. Ja, er ist tatsächlich von Maria geboren worden. Und es ging ihm ähnlich wie dem Mann am Flughafen: Es gab kein Bett für ihn, auch kein Zimmer. Maria und ihr Mann Joseph waren froh, dass sie irgendwo in einer Ecke schlafen konnten – in einem Hof, wo für die Nacht die Pferde oder Esel angebunden wurden, oder in einem Stall. Denn im Haus war es unmöglich, wegen der vielen Leute.

Ja, auch das war ähnlich wie für diesen Mann: Um sie herum waren ganz viele Leute auf Reisen. Weil jeder dahin gehen musste, wo seine Familie ursprünglich herkam, um dann in Listen eingetragen zu werden; der Kaiser wollte das, damit sie dann aller mehr Steuern zahlen. Und die waren alle mit sich selber beschäftigt. So wie die 160.000 Männer und Frauen und Kinder, die jeden Tag am Flughafen in Kuala Lumpur ankommen und weiterfliegen. Die meisten von denen haben von dem Mann dort nichts mitbekommen. Vielleicht haben sie hinterher etwas über ihn gelesen. Und haben gedacht: Habe ich ihn vielleicht doch irgendwo gesehen? Aber ich habe ihn nicht erkannt – ich wusste das ja nicht.

Johannes schreibt im Evangelium von Gottes Sohn, “er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.” Das ist nun anders als bei diesem Mann. Laurie Cooper hat ihn praktisch wie ihren Sohn genommen. Bei Jesus ist es umgekehrt: Wer ihn aufnimmt, wer ihn in sein Herz nimmt, der wird Gottes Kind. Der Mann aus Syrien ist als Fremder nach Kanada gekommen – er war Versicherungsangestellter, aber in Kanada ist er jetzt weniger als jeder kanadische Bürger.

Jesus ist wie ein Fremder in die Welt gekommen. Aber er ist Gott selbst. Ja, Gott ist in die Welt gekommen. Die Ankündigungen davon haben wir vorhin von den Vorkonfirmanden gehört. Beim Propheten Jesaja heißt es im 9. Kapitel:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Das ist nun tatsächlich unvorstellbar und – unmöglich (oder nicht?): Dass jemand wie ein Fremder kommt, und doch mehr ist als der wichtigste Mensch in der ganzen Welt. So dass wir eigentlich nicht zu ihm runtergucken müssten wie die Hirten im Stall, sondern zu ihm aufsehen. Die Hirten haben das übrigens begriffen: Sie sind auf die Knie gegangen vor ihm.

Und das Wunderbare ist: Wer so zur Krippe kommt, den macht Gott ganz groß und hoch. Der braucht nicht zum Mars zu fliegen. Denn wer an dieses Kind glaubt, der gehört zum Vater im Himmel, der hat dort seinen Platz, wenn hier seine Zeit zu Ende geht.

Zum Schluss habe ich jetzt noch eine zweite Frage. Guckt mal rüber zu unserer Krippe. Von allen Figuren dort, welche ist die wichtigste? Genau, die Figur von Jesus. Vielleicht könnt ihr alle heute nach dem Gottesdienst mal aufpassen, dass keiner die mitnimmt. Es gibt nämlich eine Kirche, da ist die Jesus-Figur weg­ gekommen. Das ist die Kirche St. Peter in St. Peter-Ording. Da sind über dem Altar drei große Bildtafeln. Links sieht man Maria und Joseph und zwei Engel, geschnitzt aus Holz. Und alle gucken auf die Mitte zwischen ihnen – und die ist leer. Ein früherer Pastor dort meinte, vielleicht ist die Figur einfach mal verlegt worden oder verlorengegangen. Seitdem ist da Weihnachten zu sehen ohne Krippe und ohne Jesus. Aber der Pastor meinte, das macht nichts – wenn die Leute Christus im Herzen mit nach Hause nehmen. Und man sieht ihn da in der Mitte über dem Altar groß am Kreuz. Und das ist noch wichtiger. Denn dazu ist Gott in die Welt gekommen, dass er unsre Schuld für uns trägt, dass er sie ans Kreuz trägt, dass er dort für uns stirbt und dass er aufersteht. Verdient haben wir das nicht. Aber so hat er für uns den Weg freigemacht zu Gott, dass wir Gottes Kinder sein können. Wenn er nicht in die Welt gekommen wäre und für uns gestorben wäre, wäre das für uns unmöglich. Aber was hat Maria gesagt, als sie vom Engel gehört hat, dass sie die Mutter von Gottes Sohn werden soll? Sie hat nicht gesagt, “das ist unmöglich”, sondern “es soll so mit mir geschehen, wie du gesagt hast.” Das wollen wir zu Weihnachten auch antworten, wenn Gott uns sagen lässt: Für euch ist heute der Heiland geboren. In dieser Nacht ist er angekommen. Und wir können's glauben.

So habe ich zum Schluss nur noch eins: es wäre schön, wenn ihr das Kind hier in der Krippe lasst – aber nehmt es mit im Herzen. Dazu haben die Propheten und Evangelisten von ihm geschrieben, damit er einen Platz bei uns bekommt, damit wir ihn auch kennenlernen, und damit wir am Ende dabei sind, wenn er wiederkommt, um unszu sichnach Hause zu holen. Amen.

Predigtreihe I neu

Daniel Schmidt, P.