Predigt vom 23.9.2018 (Jes. 49,1-6)


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Create Date23. September 2018
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Liebe Gemeinde,

es gibt Personen, über die nur wenige etwas wissen, und die doch viel bewirkt haben. Ja, die so unwahrscheinliche Dinge geschafft haben, dass sich das keiner hätte ausdenken können. Über eine solche Person hat der US-amerikanische Finanzminister 2016 mitgeteilt, dass der 20-Dollar-Schein ab 2020 ihr Bild tragen wird. Diese Person ist Harriet Tubman, eine Schwarzamerikanerin aus dem 19. Jahrhundert.[1]Harriet Tubman war als Sklavin geboren. Und ist zur Retterin vieler Sklaven geworden.

Diese Frau schaffte es 1849, aus Maryland in den Südstaaten in den Norden zu fliehen. Dort war die Sklaverei abgeschafft, und sie war frei. Aber sie ist danach 13 Mal in den Süden zurückgekehrt, um Mitglieder ihrer Familie und andere Sklaven in die Freiheit zu bringen. Sie fühlte sich von Gott dazu berufen und war überzeugt, dass er sie schützen würde. Sie hat sich dabei den Decknamen “Moses” gegeben, nach dem biblischen Moses, der das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat. 70 Männer und Frauen und Kinder hat sie gerettet und hat keinen einzigen verloren, wie es heute auf einer Gedenktafel für sie steht. Im amerikanischen Bürgerkrieg ab 1861 kümmerte sie sich um Flüchtlinge und um Pockenkranke. Zugleich arbeitete sie als Kundschafterin für die Soldaten aus dem Norden. Eine normale Bezahlung erhielt sie dafür nicht. Sie starb 1913 mit über 90 Jahren, krank und arm.

In dem, was wir heute aus dem Jesaja-Buch hören, geht es auch um eine Person, die etwas ganz Unwahrscheinliches tut. Die nicht nur Familienangehörige aus der Gefangenschaft herausholt, sondern ein ganzes Volk sammelt und befreit. Aber im Unterschied zu Harriet Tubman wird das alles ein halbes Jahrtausend vorher angekündigt, eben im Jesajabuch. Und im Gegensatz zu ihr ist das, was diese Person tut, mit ihrem eigenen Scheitern verbunden. Hört Gottes Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja Im 49. Kapitel:

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist.

Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, daß ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem HERRN wertgeachtet, und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, daß du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, daß du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

Wer diese Person im Jesajabuch ist, darüber hat man immer wieder diskutiert. “Knecht Gottes” wird sie genannt. Und es gibt zusammen mit dem Abschnitt, den wir heute hören, insgesamt vier, in denen von diesem Knecht die Rede ist. Manche meinen, es geht dabei um den Propheten selbst. Vielleicht lag es für die Leute seiner Zeit nahe, das so zu verstehen. Aber dann wäre das nur eine erste Andeutung von dem, was noch kommen sollte. Das gibt es im Alten Testament immer wieder. So ist es bei Mose, der Gottes Volk aus der Gefangenschaft führt. In ihm ist etwas zu ahnen davon, dass Gott selbst einmal als Retter seines Volkes kommen wird. So ist es auch bei David, dem großen König, 500 Jahre vor diesen Worten bei Jesaja, von dem dann der König der Könige herkommt, Gottes Sohn, dessen Mutter Maria von David abstammt.

So könnten einige der Propheten im Alten Bund auch von sich sagen: “Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat [...] meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht” . Auch dass die Zielgruppe eines Propheten über das Volk Israel hinausgeht, sehen wir andeutungsweise etwa im Jonabuch.

Aber es ist  doch ein gewaltiger Anspruch, wenn der Knecht Gottes hier direkt die Inseln ruft – das ist für Israel als Küstenland im Nahen Osten der “ausgefranste Rand”, wie jemand gesagt hat, ganz im Westen; dahinter kommt das Meer, das keinen damals an Urlaubsreisen denken lässt, sondern an eine furchtbare, tod­ bringende Macht, den Rand der bewohnten Welt. Und er ruft ja noch weiter, ruft alle Völker, auch das babylonische, das Israel gefangenhält. Nein, das geht über einen ganz menschlichen Propheten hinaus. Und dann heißt es im sechsten Vers: “Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.” Wo das hinführt, wenn ein ganz menschlicher “Führer” meint, er könnte das Heil sein für sein Volk, ja für die Welt, das haben wir in der Geschichte unseres Landes furchtbar erlebt. Aber dieser Gottesknecht geht nicht davon aus, dass er bei seiner Mission selbst groß herauskommt: “Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich,” sagt er, “und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.”

Nein, liebe Gemeinde, wir haben es hier mit dem einen zu tun, der Knechtsgestalt angenommen hat und ganz wie ein Mensch aussah, wie der Apostel Paulus im Philipperbrief schreibt, und gerade deshalb damals wie heute von vielen nur als ein Prophet unter vielen anderen gesehen wird. Und der doch von Gott hergekommen ist; ja, der Gott ist. Von dem heißt es im Johannesevangelium am Anfang, er ist das fleischgewordene Wort Gottes, und hier sagt er selbst, “er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht”,

Denn was er einzusetzen hat, um sein Volk zusammenzubringen, ja, um aus allen Völkern Menschen dazuzurufen, ist keine Armee. Es ist auch nicht einmal eine friedliche Anhängerschaft, die irgendwie versucht, immer mehr Menschen für seine Ideen zu gewinnen. Es ist sein Wort. Das Wort, mit dem er Petrus und Philippus und Matthäus gerufen hat. Und sie haben alles stehenlassen und sind ihm gefolgt. Das Wort, mit dem er der Frau aus Syrophönizien, die nicht zu Israel gehörte, gesagt hat, dass ihre Tochter gesund wird. Mit dem er die Jünger gesandt hat, dass sie alle Völker zu Jüngern machen. Nicht, dass siedie Menschen überzeugen, sondern so: “Wer euch hört, der hört mich.” So ist er es, der bis heute jeden einzelnen ruft, der sein Wort hört. Und deshalb hat es Macht, Menschen aus ihren menschengemachten Gottesvorstellungen herauszurufen; aus ganz verschiedenen Menschen eineGemeinschaft zu machen, eine Glaubensgemeinschaft.

Aber nun sagt Gott selbst über diesen Knecht noch etwas, über das schon viel nachgedacht worden ist: “Du bist mein Knecht,” sagt er, “Israel, durch den ich mich verherrlichen will.” Ist also vielleicht doch gar nicht der eine gemeint, der ver­ sprochene Retter, sondern das ganze Volk Israel? Nein, liebe Gemeinde, da müssen wir wohl weiter zurück denken, an den Anfang, von dem der Name Israel herkommt. An die Nacht, bevor sich Jakob mit seinem Bruder Esau versöhnen will. Jakob, der dem älteren Bruder mit einem Trick das von Gott gegebene Erstgeburts­ recht abgenommen hat, der damit die Familie auseinandergerissen hat, und der nun nach vielen Jahren seinen Bruder versöhnen möchte mit einem großen Teil von dem, was er sich inzwischen als Besitz erarbeitet hat. Und in der Nacht ringt er am Fluss Jabbok mit einem Mann. Und als Jakob erkennt, dass er es in irgendeiner Weise mit Gott zu tun hat, sagt er: “Ich lasse dich nicht los, bis du mich segnest.” Er, der sich den Segen zu Unrecht genommen hatte, sucht damit Vergebung bei Gott. Und er braucht sie, um seinen Bruder um Vergebung zu bitten. In derStunde sagt Gott zu ihm: “Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel”, d.h. Gottes­ streiter, “denn du hast mit Menschen und mit Gott gekämpft und hast gewonnen.” Gott hat sich überwinden lassen von dem, der weiß, dass er keine Vergebung verdient hat, dass er Gottes Segen nicht verdient, und schenkt ihm beides.

Das steckt in dem Namen Israel. Und der gewinnt in dem Gottesknecht noch einmal eine neue Bedeutung. Der braucht für sich selbst keine Vergebung, aber er wird sie erkämpfen für sein Volk. Der braucht für sich keinen Segen, denn er ist Gott wie der Vater, und Segen heißt Gemein­ schaft mit dem, der das Leben selber ist, der allmächtig und durch und durch gütig ist. DenSegen will der Gottesknecht seinem Volk bringen. Das wird er sich von Gott erkämpfen, wird mit Gottes Zorn ringen. Wir lesen bei den Evangelisten im Neuen Testament, wie das geschieht. Wie er im Garten Gethsemane mit dem Vater gerungen hat, dass nicht sein eigener Wille geschehe in dieser Todesangst, sondern der Rettungswille seines Vaters. Und wie er am Kreuz menschlich gescheitert ist, unter elenden Schmerzen verblutet und erstickt. Ja, er wird so hingerichtet, wie entlaufene Sklaven im römischen Reich, deren Flucht in die Freiheit damit im Tod endete. Und die Brutalität dieses Todes war beabsichtigt, denn es sollte alle anderen Sklaven abschrecken. Sie sollten sich keine Hoffnung auf Freiheit machen.

Und so könnte man sagen, es hat doch etwas mit dem Volk Israel zu tun. Denn so, wie das ganze Volk von den 12 Söhnen Jakobs hergekommen ist, lässt Gott dieses Volk wachsen, gibt ihm ein eigenes Land und erhält es durch die Zeiten der Vertreibung hindurch, erhält es in all den wechselnden Machtverhältnissen im Nahen Osten, in denen jetzt Babylonien, dann das Perserreich zur Großmacht wird; ja, macht den Perserkönig Kyros zum Retter für Israel, als der die freie Rückkehr aller nach Babylon gebrachten Völker anordnet. Und er tut das alles, damit von diesem Volk der Retter der Welt kommt, geboren in Bethlehem zu einer Zeit, als ein großer Teil des Königreichs Israel längst untergegangen ist, und der Rest aus kleinen Gebieten in einer Provinz besteht, die nun von Rom beherrscht ist.

Doch das Scheitern des Gottesknechts am Kreuz bringt all denen Freiheit, die an ihn glauben. Im 52. und 53. Kapitel des Jesajabuches heißt es davon in dem vierten Gottesknechtslied:

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Is 53,3-5)

Ja, dazu hat Gott seinen Sohn ausgeschickt, dass er sein Heil sein soll, hebräisch “jeshua”, bis an die Enden der Erde. So ist es bei diesem Propheten so lange vorher zu lesen, wie wir es in der Predigtlesung gehört haben. Und ganz deutlich: Gott hat an den Namen dieses Knechtes gedacht, als seine Mutter noch schwanger war mit ihm, und hat Josef durch den Engel sagen lassen, er soll ihn “Jesus” nennen. Oder, wie es einer modernen Über­ setzung des Neuen Testaments für die, die Neuhebräisch sprechen, heißt: Du sollst ihn “Jeshua” nennen.

Und auch das, was vielleicht beim ersten Lesen einfach wie eine sehr bildhafte Sprache klang, dass Gott ihn wie einen Pfeil in seinem Köcher verwahrt hat, wird dann deutlich: Bis zu seinem Einsatz hat Gott ihn verborgen, so dass Maria und Josef mit ihm aus Bethlehem nach Nordafrika fliehen konnten, sodass er sich auch während der Zeit seines öffentlichen Wirkens immer wieder zurückziehen konnte, wenn sich die Schlinge um ihn schon zuziehen wollte. Bis zu der Zeit, wo Jesus selbst gesagt hat, dass seine Stunde gekommen ist und er ans Kreuz gegangen ist. Die Waffe der Liebe Gottes, die nicht angreift, sondern sich selbst opfert.

Was für eine schwere Arbeit diese Liebe war, das sehen wir in manchen Momenten in den Evangelien. Wenn Jesus klagt, wie oft Gott sein Volk hat sammeln wollen und sie nicht gehört haben. Wenn er erleben muss, wie ihn einer seiner Jünger verrät und sie ihn alle allein lassen. Wenn er auf dem Weg zu seiner Hinrichtung zu den Frauen am Rand sagt, sie sollen nicht über ihn, sondern über sich und ihre Kinder weinen. Ja, es ist ein Ringen mit dem Vater. Für uns. Und darin weiß er, wie es auch schon bei Jesaja zu lesen ist, dass sein gerechter Lohn bei Gott ist. Oder, wie man auch sagen kann, der Lohn seiner Gerechtigkeit.

Von dem, liebe Schwestern und Brüder, leben wir. Davon, dass er uns freimacht von der Sünde und dem Tod. Und so wie Harriet Tubman von sich sagen konnte, dass sie keinen von den 70 verloren hat, die sie aus der Sklaverei herausgeholt hat, so hat Jesus gesagt, niemand kann die aus der Hand des Vaters reißen, für die er gekommen ist.

Harriet Tubman wird übrigens unter Präsident Trump wohl doch nicht auf dem 20-Dollar-Schein in den USA zu sehen sein. In einer lutherischen Kirche dort ist ihr allerdings der 10. März als Gedenktag gewidmet.

Und es gibt einen europäischen Geldschein, auf dem Jesus zu sehen ist, den 1000-Dinar-Schein aus Mazedonien. Er hat es nicht nötig, dass er damit geehrt wird, und es geht wohl auch eher um ein Stück kulturelles Erbe. Denn da ist eine Ikone aus dem 14. Jahrhundert zu sehen, die Maria mit ihrem Sohn zeigt. Aber wer unsere Stelle im Jesajabuch im 49. Kapitel dazu liest, der weiß: Der ist es, den Gott als seinen Knecht erwählt hat vom Leib der Jungfrau Maria an, zur Rettung für sein Volk Israel und zu unserer Rettung. Amen.

  1. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe IV)

Daniel Schmidt, P.

 

[1]  https://de.wikipedia.org/wiki/Harriet_Tubman(20.9.2018)