Predigt vom 23.7.2017 (5. Mose 7,6-12)


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Create Date23. Juli 2017
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Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, daß du danach tust.

Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

 

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

wenn du dir deine Fingernägel ansiehst, was siehst du? Ich meine nicht den dunklen Rand, der zeigt, dass du zu denen gehörst, die arbeiten. Ich meine das obere Ende des Fingernagels mit dem Halbmond. Welche Farbe hat der? Bei den meisten von uns dürfte der weiß sein. Hätten wir vor 1994 in Südafrika gelebt, dann hätten wir Glück gehabt. Denn vor Gericht galt das als Beweis, dass jemand zur weißen Rasse gehörte. Wenn die Farbe aber stattdessen blass-lila war, galt das als Zeichen, dass jemand von gemischter Rasse war.

Weiß zu sein aber hieß, man hatte viele Rechte. Man musste nicht vom Fußweg runter in den Dreck treten, wenn jemand anders kam. Man durfte im Bus vorn sitzen, im Laden zur Vordertür hineingehen und an der Tankstelle den Toilettenschlüssel bekommen. Man durfte Land besitzen – vor allem das beste Ackerland –, und man konnte seinen Beruf frei wählen.

Begründet wurde das alles damit, dass die Buren, die aus Europa nach Südafrika kamen, das auserwählte Volk waren. Das von Gott auserwählte Volk. Und das hießt für sie auch, dass andere die “Wasserträger” und “Holzhacker” sein sollten – sie selbst waren ganz oben, und die anderen unten, für die Arbeiten, die sie selbst nicht machen wollten. Und dass es keine gemischten Heiraten geben durfte.

Liebe Gemeinde, da hatte sich ein Volk selbst erwählt. Und hatte Bedingungen aufgestellt dafür, dass jemand dazu gehörte, zu diesem auserwählten Volk. Bedingungen, die niemand anders erfüllen konnte. Und je nachdem, wie weit man es trieb, fand man auch angebliche Bestätigung für eine solche Erwählung: Waren sie nicht die zivilisierteren Menschen, die mehr wussten, die mit Technik umgehen konnten, die erfolgreicher waren? War das nicht der Beleg dafür, dass sie von Gott erwählt waren?

Nicht alle Buren haben diese Gedanken geglaubt. Aber viele waren überzeugt davon, viele, die sonntags zur Kirche gingen, ja, die sogar auf ihren Farmen Kapellen bauten für ihre Arbeiter. Dabei hätten sie schon von unserem Predigtwort her merken können, wie sehr sie daneben lagen. Ja, es geht hier um ein auserwähltes Volk. Aber es geht tatsächlich um ein Volk dabei, ein ganz bestimmtes, aus dem wir am Missionsfest einen hier unter uns hatten, Steve Cohen. Und Gott sagt es ganz klar: Mit dem Blick auf sich selber können sie gar nichts erkennen. Nicht, dass sie erwählt sind, und nicht warum.

Und das bringt uns zu mehreren ganz wichtigen Punkten. Zweien vorneweg, und dreien, die Gott uns tief ins Herz schreiben will.

Zunächst vorneweg: Das Volk, von dem Gott hier spricht, ist ein einziges Volk, zu dem man tatsächlich durch seine natürliche Abstammung gehört wie Steve Cohen, Albert Einstein oder Felix Mendelssohn Bartholdy. So weit ich bisher weiß, gehört keiner von uns heute hier dazu, und es gehört zu einer ordentlichen Schriftauslegung, dass wir das sehen. Und dass Gott dieses Volk weiterhin lieb hat wie seinen Augapfel, das sagt Paulus im neuen Testament im Römerbrief deutlich. Und ein zweites, vielleicht haben wir's schon gemerkt beim Hören, wo Gott in seiner Anrede hier immer wieder wechselt zwischen “du” und “ihr”: Erwählt, von Gott erwählt, ist der, der zu seinem Volk gehört. Der einzelne und das Volk als ganzes sind untrennbar.

Jetzt aber zu dem, was Gott uns hier ins Herz schreiben will. Denn wie und warum Gott erwählt und was das bedeutet, das betrifft uns sehr wohl. Denn als Christen gehören wir zu dem neuen Volk, das Gott für sich erwählt hat. Und da sehen wir hier drei wichtige Punkte: 1. In uns selbst gibt es keinen Grund dafür, dass Gott uns ausgesucht hat. 2. Der einzige Grund ist Gottes Treue. 3. Zu Gottes Volk zu gehören, bedeutet ein entsprechendes Leben und Verhalten.

  1. Wenn wir uns selbst ansehen, finden wir keinen Grund dafür, dass Gott uns ausgesucht hat. An deinen Fingernägeln siehst du's nicht. Auch nicht daran, ob du einen “ordentlichen” Beruf lernst oder hast, oder wie erfolgreich du bist. Und nicht daran, ob du genauso gut singen oder ein Blasinstrument spielen kannst wie andere, genauso gut handwerkern oder mit Kindern arbeiten. Und nicht daran, ob du gesund bist oder mit Krankheit zu tun hast.

Und vielleicht kann uns die Sache mit den Fingernägeln eine Erinnerung sein. Denn es steckt wohl in unserer Natur, dass wir Regeln aufstellen, wer nach unserer Meinung zu uns gehört oder nicht; manchmal auch unbewusst. Es gab in Südafrika noch andere Regeln: Wer festes Kraushaar hatte, auch wenn seine Hautfarbe hell war, der war schwarz. Das konnte ebenfalls vor Gericht getestet werden, indem ein Bleistift ins Haar gesteckt wurde. Wenn der fest stecken blieb, war man “schwarz”. Wenn er beim Kopfschütteln rausfiel, war man “farbig”. Und wenn er gleich durchrutschte, war man weiß.

Man kann sagen, das ist absurd. Und das ist es. Und man kann darüber selbst den Kopf schütteln. Aber was wir geistlich daraus mitnehmen können, ist dies: Da machte sich eine Gruppe zu Gesetzgebern und Richtern zugleich. Und ich stelle fest, mir passiert es auch, dass ich im Stillen über andere urteile nach irgendwelchen Vorstellungen von mir selbst. Aber: Wir können niemandem an seinen Fingern, seiner Hautfarbe oder seinem Haar ansehen, ob er Christ ist, also zu Gottes auser­ wähltem Volk gehört. Auch nicht an der Sprache, die er spricht, oder an seiner Kleidung.

Zwei Tage nach unserem Missionsfest habe ich mittags im Missionshaus in Bleckmar neben Steve Cohen am Tisch gesessen. Ich bekam Schweinefleisch auf den Teller, für ihn wurde aus der Küche eine Extra-Schüssel mit Rindfleisch gebracht. Warum? Das war seine freie Entscheidung. Ihm ist es wichtig, seine Identität als Jude zu bewahren, auch mit den Essens-Traditionen. Aber ich bin froh, dass er mir damit nicht abspricht, dass ich zu Gott gehöre. Das gilt auch für andere freie Entscheidungen, etwa ob jemand sein Bier oder sein Glas Wein am Feierabend genießt oder aus freien Stücken darauf verzichtet.

  1. Das zweite ist: Es gibt tatsächlich einen Grund dafür, dass du und ich zu Gottes Volk gehören. Einen, den wir kennen und erkennen können. Das ist Gottes Liebe und Treue und Gnade. Verdient haben wir sie so viel wie ein Einbrecher oder ein U-Bahn-Stationen-Schläger eine Medaille vom Bundespräsidenten. Wenn du nach Wunder­ geschichten in der heiligen Schrift suchst, dann ist das das erste Wunder: Dass Gott solche wie uns liebhat. Wie wir das wissen? Das sehen wir in allen diesen Berichten daran, wie Gott mit uns Menschen umgeht, wie er uns ruft, uns warnt vor den Folgen unseres Weglaufens, wie er uns seinen Sohn nachschickt, wie er ihn schlecht­ machen lässt von den Menschen, ja, wie er ihn selbst in diese Anfechtung laufen lässt, ob er noch zu Gott gehört: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!” Damit wir da nicht mehr durchmüssen. – Das Kreuz ist das Zeichen der Treue Gottes zu dir. Dass du von ihm erwählt bist, kannst du nicht an dir erkennen. Nicht an deinem Erfolg, auch nicht an deinem Erfolg im Kampf gegen die tägliche Versuchung und Sünde, nicht an deinem frommen Leben. Aber an dem, was Gott mit dir gemacht hat, als du getauft wurdest: ein Kind Gottes. Denn die Taufe ist nicht zuerst dein Bekenntnis zu Gott, sondern sein Bekenntnis zu dir. Und sie bleibt es, solange du lebst.

Deshalb wird ja die Taufe eine Wiedergeburt genannt. Denn keiner von uns hat entschieden, dass er geboren werden wollte. Oder wann oder wo. Auch die Wiedergeburt ist nicht der Moment, wo einer entscheidet, er will zu Christus gehören. Sie ist etwas, das unser Vater entschieden und getan hat. Die Frage, “bist du ein wiedergeborener Christ?” ist darum genauso sinnvoll wie die Frage, “bist du ein menschlicher Mensch?” Es gibt keine anderen Christen.

Dass wir aber wiedergeboren werden und dadurch zu Gottes Volk gehören, ist das Besondere, das seit dem Tod des Sohnes Gottes am Kreuz und seit seiner Auferstehung gilt. Wir haben's vorhin gesagt: Wir gehören nicht zu dem zuerst von Gott erwählten Volk, das tatsächlich auch im weltlichen Sinne ein “Volk” war und ist; ja, zu dem Jesus selbst gehört hat und gehört. Das Besondere am neuen Volk Gottes ist gerade, dass nun Menschen aus allen Völkern dazugehören können. Eben auch durch einen Vorgang, den sie nicht selbst bestimmen, und zu dem sie nichts beitragen. Und durch einen, der auch körperlich ist – keiner kann getauft werden, ohne nass zu werden – und der sich an einem Ort und einem Datum in dieser Welt festmachen lässt wie dein Geburtstag.

  1. Und das dritte: Zu Gottes Volk zu gehören, bedeutet ein entsprechendes Verhalten. Ich war in der vergangenen Woche auf einer Konferenz für junge Christen. Da waren Teilnehmer aus Finnland, Schweden, Norwegen, Polen, Russland, der Ukraine, Deutschland, England, der tschechischen Republik, alle aus verschie­ denen Sprachen und Ländern. Und einer der Sprecher hat diese Frage gestellt: Wenn jemand heiraten will und fragt, muss ich mit meiner Frau (oder meinem Mann) dann zusammen wohnen, kann nicht einer von uns in Timbuktu wohnen und der andere in Alaska – was würden wir antworten? Das war einer von solchen Momenten, wo die Antwort im Raum ist und keiner sie auszusprechen braucht. Manche von den Teilnehmern waren jung verheiratet, manche waren mit ihrem Freund oder Freundin da, viele hoffen sicher auf so eine Freundschaft. Und keiner hätte überhaupt versucht, die Frage zu beantworten. Denn es ist die falsche Frage. Und so ist es auch mit der Frage, “Muss ich als Christ zur Kirche gehen?” “Muss ich mich an bestimmte Regeln halten?” Heiraten heißt, eine Liebes-Bindung eingehen, einen Bund. Die lebt davon, dass sich beide jeden Tag aufeinander einstellen, dass sie aufeinander reagieren, dass sie in ihrem Wollen und Tun immer neu eins werden, dass es nicht heißt, “aber ich ...”, sondern “wir”.

Liebe Schwestern und Brüder, ist es mit dem Christsein nicht genauso? Lebt nicht die Liebesbeziehung zu Gott davon, dass wir es hören, wie lieb er uns hat? Dass wir das, was wir wollen und tun, immer wieder von ihm zurechtrücken lassen, auch wenn's nicht immer angenehm ist? Lebt sie nicht davon, dass er auf uns reagiert, dass er uns sagt, wo wir sie mit unserem Verhalten gefährden, und trotzdem an uns festhält? Dass ein Christ nicht sagt, “Aber ich will anders leben”, sondern “Ich will sein, wo Christus ist und wie Christus ist, das ist mein Leben.”

Eine Ehe kann nicht gut gehen, wenn einer denkt, er kann so weiterleben wie bisher ohne den Ehepartner. Es kann nicht gutgehen, wenn ein Christ meint, er kann so leben wie jemand ohne Gott. Ja, wer auf Gott hört, der erkennt, was die Sünde für ein Gift ist für unser Herz und unsere Beziehung. Der wird sich mit Gottes Hilfe daran machen, sie auszureißen wie das Unkraut aus dem Blumenbeet. Nicht, dass wir sie mit der Wurzel ausreißen können. Nicht, dass wir in diesem Leben sünd-los werden. Wo wir so denken, wäre das die Sünde des Hochmuts und der falschen Sicherheit, von der es im Neuen Testament heißt: “Wer steht, sehe zu, dass er nicht fällt.” Aber wir können mit Gottes Hilfe daran arbeiten, dass die alte Natur in uns nicht gefüttert wird, nicht stark und bequem wird – weil wir das machen, was “alle” machen; weil wir das, was für uns persönlich eine ständige Versuchung ist, weiter wachsen lassen; oder weil wir meinen, die Beschäftigung mit solchen Dingen ist ganz gut im Gottesdienst, aber ich lasse sie in der Kirche zurück, wenn ich nach Hause fahre.

Nein, lieber Bruder und Schwester, Christsein heißt: Von Gott ausgewählt sein. Zu seinem Volk gehören. Und so leben. Aus seiner unverdienten Gnade wie am Anfang so auch mit unserer täglichen Bitte um Vergebung und im täglichen Widerstand gegen alles, was gegen ihn ist. Und es heißt auch: mithelfen, dass viele den Weg in sein Volk hineinfinden, mit krausem oder glattem Haar, mit weißen Fingernägeln oder mit Arbeitsrändern. Und sich mitfreuen, indem wir gemeinsam bekennen: Ich glaube an die heilige christliche Kirche, Gottes auserwähltes Volk, das er nach seiner Gnade erhalten wird in Ewigkeit, und mich mit ihm. Amen.

 

  1. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe III)

Daniel Schmidt, P.