Predigt vom 22.4.2018 (2 Kor. 4,16-18)


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Create Date22. April 2018
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Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

Ein neuer Action-Roman ist rausgekommen. Alle zweieinhalb Seiten gibt's da drin einen Spannungshöhepunkt. Der Held macht Unglaubliches durch. Man spürt, wie das Adrenalin in die Adern schießt. Man hält den Atem an bis der Held am Schluss gesiegt hat. Und braucht dann eine Weile bis man sich daran erinnert, es war nur ein Buch. Nicht gefährlicher als ein Kreuzworträtsel. Die ganze Spannung war nur “Kopfkino”. Und man schiebt den Roman ins Regal, wo er bleiben kann. Nein, es gibt keinen Grund, die Jagdpistole rauszuholen und unter's Kopfkissen zu legen.

Was Paulus als Apostel durchgemacht hat, liebe Gemeinde, das würde durchaus Stoff für mehrere Bände von so einem Action-Roman bieten. Sicher, einige Einzel­ heiten müsste man ergänzen. Aber was wir wissen, ist spannend genug: Er war dabei, als Stephanus öffentlich gesteinigt wurde und als er starb; so wie in manchen Ländern heute Ehebrecherinnen mit Steinen umgebracht werden. Als er dann als Apostel unterwegs war, wollte man ihn umbringen. Mehr als einmal ist er nur knapp davongekommen. Man hat ihn gesteinigt und erst aufgehört, als er am Boden lag, blutend, bewegungslos, und alle dachten, er ist tot. Schiffbruch hat er mehrmals erlitten, nicht sprichwörtlich, sondern buchstäblich, und Folter und Gefängnis. Die Mission, mit der er unterwegs war – das war der Grund dafür.

Wir wissen das, weil Paulus selbst davon geschrieben hat. Aber wenn man in seinen Briefen die Höhepunkte sucht, dann sind das nicht solche Erlebnisse. Paulus nennt keine Einzelheiten davon, schildert nicht, wie die Angst sich anfühlte, baut nicht in jedes Kapitel eins von diesen Erlebnissen ein, um es immer wieder spannend zu machen. Er listet das einfach auf. Das klingt fast wie ein Einkaufszettel:

“Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.” (2 Cor 11,23-28)

So schreibt er's im 11. Kapitel in seinem zweiten Gemeindebrief an die Korinther. Da hat er an unserer Stelle hier, im vierten Kapitel, schon vorher gesagt, dass das alles leicht ist und vorübergehend. “Vorübergehend” – das kann man eher begreifen. Er hat ja jedes Mal die Erfahrung gemacht, dass solches Leiden vorüberging. Aber wie kann er das “leicht” nennen? Sicher nicht, weil er wie ein Romanautor an seinem Schreibtisch sitzt und sich das alles nur ausdenkt. Auch nicht deshalb, weil er besonders fit war, wie ein Ausbilder bei der Bundeswehr nach 35 Dienstjahren, oder weil er im Einsatz alles gesehen hat und alles Gefühl dafür verloren hat. Nein, er nennt das nicht leicht, weil er ein Super-Mensch oder Super-Christ ist. Sondern weil Christus es für ihn getragen hat, jedes Mal, wenn er mitten drin war, und das noch jeden Tag tut. Wenn er den nicht hätte, dann hätte ihn das kaputt gemacht. Dann wäre er nicht mehr zu gebrauchen für irgendeine ernsthafte Arbeit, irgendeine echte menschliche Beziehung. Dann würde er seine restlichen Jahre vielleicht in einer Kneipe versacken, in einem der beiden Häfen von Korinth. Wenn es nicht schon aus wäre mit ihm.

Christus – darauf kommt's an in hier. Er, der selbst gelitten hat, mehr als Paulus. Auch ihn wollte man steinigen, wollte ihn einen Abhang 'runterstürzen in seinem Heimatort, man hat ihn gefesselt, gefoltert und öffentlich ans Kreuz gehängt, damit er verreckt wie einer, der kein Mensch mehr ist. Aber dieses Leiden hat etwas viel Größeres bewirkt, etwas ganz Herrliches. Wir haben's am Ostertag gehört. Und das strahlt heute durch diesen Abschnitt von Paulus, weil das entscheidend ist für das, was wir durchmachen, und wie es uns geht. Wir können's mit dem Bild einer alten Waage sagen. Paulus sagt, das Leiden hat viel weniger Gewicht als die Herrlichkeit, die es bewirkt. Die liegt seit der Auferstehung Jesu in der andern Waagschale. Die ist entscheidend, wenn uns das, was wir erleben, runterdrückt. Hören wir den Abschnitt noch einmal, und achten wir einmal darauf, dass Paulus gar nicht nur von sich schreibt. Er sagt “wir”. Damit meint er zunächst seine Mitarbeiter Lukas, Silas und Markus usw., aber dann auch alle Christen:

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Das ist entscheidend: Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das, was man nicht sieht. Nicht auf das, was vorübergeht, sondern auf das Ewige. Denn wenn das in die Waagschale kommt, dann hat alles andere dagegen viel weniger Gewicht. Ja, sehen wir auf Christus im Leiden, dann wird unser innerer Mensch jeden Tag neu, wie Paulus sagt.

Gehen wir das mal durch, mit den Augen auf ihm: Das Leiden – sein Leiden und unser Leiden; und die Herrlichkeit – seine und unsere.

Das Leiden Christi sehen wir im Altarraum jeder Kirche. Dabei wird Gottes Sohn am Kreuz ganz verschieden gezeigt: mal entstellt und schmerzverzerrt, mal fast königlich oder als Sieger. Aber selbst bei einem solchen Kreuz ist es so, wie Paulus hier sagt: Wenn wir nur auf das gucken, was man sieht, steckt darin kein Trost. Dann ist das nur die Erinnerung an Grausamkeiten, die früher begangen wurden und weit weg von uns. Aber wir gucken im Glauben hin und sehen: Das ist der Sohn Gottes. Durch den das ganze Universum geschaffen ist. Gott hängt da, von dem wir herkommen. Gegen den du und ich so oft gesündigt haben. Der nicht gekommen ist, um uns dafür zu bestrafen. Sondern um uns Vergebung und Rettung zu bringen.

Nein, dieser Christus ist nicht wie ein Trainer, der uns antreibt, damit unser Verhalten besser wird. Er ist auch nicht gekommen, um uns allen ein gutes Leben zu geben, indem er alle heilt, die krank sind, und allen zu essen gibt, die Hunger haben. Sondern er ist Gott selbst, in unser Fleisch und Blut gekommen, um zu leiden. Das ist das Unsichtbare, das uns die Evangelisten zeigen, das man am Kreuz nur mit den Augen nicht sieht. Aber wenn wir auf Gottes ewiges Wort hören, dann sehen wir's eben doch. Er hängt da für dich und mich. Er wusste, als er geboren wurde, dass es so ausgehen würde. Und er ist trotzdem gekommen. So schwer es war – das fiel nicht ins Gewicht für ihn gegen deine und meine Rettung!

Das hilft uns nun, wo wir leiden. Bei manchen von euch weiß ich ein bisschen, was ihr durchmacht. Bei manchen ahne ich es. Und bei manchen weiß ich zumindest, dass es eigentlich nicht anders sein kann als bei anderen auch, mit Stress auf der Arbeit, Angriffen von Kollegen, einem kaputten Auto, Magen­ schmerzen, oder einfach dem Älterwerden. Nicht alles davon sieht man uns von außen an. Aber man sieht uns an, was wir sind: Menschen aus Fleisch und Blut. Das heißt: Keiner von uns ist von solchen Dingen ausgenommen. Und: sie sind die Symptome dafür, dass diese Welt nicht mehr “sehr gut” ist, wie Gott sie gemacht hat. Sondern wir bekommen im Leben Stück für Stück so etwas wie eine Raten­ zahlung auf unser Sterbenmüssen.

Wenn wir das im Glauben akzeptieren, wenn wir sagen: Unser Herr Christus hat's erlebt, viel mehr als wir, dann wollen wir das auch aus seiner Hand annehmen; ja, wenn wir bereit sind, Nachteile dafür in Kauf zu nehmen, dass wir zu ihm gehören, indem wir uns bei allen Entscheidungen nach ihm richten und nicht zuerst nach unserem Vorteil, indem wir bereit sind, für den Glauben auf einen Teil unseres Ein­ kommens und unserer Zeit zu verzichten – dann haben wir ein kleines bisschen teil am Leiden Christi. Dann üben wir uns auch ein in das Sterben. Denn dann stirbt jedesmal ein bisschen unser Eigenwille, die alte Natur in uns, die wie bei Adam so gerne selber Chef sein will. Und an solchen Stellen werden wir frei von dem, was wir sowieso am Ende zurücklassen müssen. Und sind umso enger gebunden an den, der uns eben nicht zurücklassen will, wenn es hier zu Ende geht.

Auch in dieser Hinsicht geht es um das, was zu sehen und was nicht zu sehen ist. Das, was andere an dir und mir sehen, wird mit der Zeit nicht schöner, und es muss vergehen. Darüber wird einmal gesagt werden: “Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub.” Aber wenn du und ich durch die Taufe gekommen sind, dann sind wir eine neue Kreatur, eine neue Schöpfung geworden. Eigentlich fehlen uns die Worte, wie man das sagen kann. Weil es nichts ist, was wir sonst um uns herum erleben. Das lässt sich nicht aufteilen auf “Seele” und “Leib”, als ob der Leib vergeht und die Seele bleibt. Die, die nicht an Christus glauben, haben ja auch eine Seele. Vielleicht müssen wir's dabei belassen: Es ist etwas Unsichtbares in uns, das aber von uns nicht mehr trennbar ist. Etwas, das schon jetzt zu der neuen Welt gehört, die Gott schaffen wird. Und dann einmal sichtbar sein wird.

Deshalb: Lasst uns den Blick auf Christus richten, aufsehen auf ihn, wie die Jünger nach Ostern. Es gibt ja Momente, wo Gott den Vorhang vor seiner himmlischen Herrlichkeit zurückzieht und sie hier in dieser Welt auch für menschliche Augen sichtbar wird: Als die Engel den Hirten bei Bethlehem erschienen in der Nacht, die Gottes Herrlichkeit immer vor Augen haben, und die von ihr sangen, da haben die Hirten diesen Glanz für einen Moment gesehen. Und als Jesus auferstanden war und zu den Jüngern und den Frauen kam, da haben sie's irgendwie erkannt, dass er er selbst war, und doch nicht mehr sterblich, nicht mehr gebunden an Raum und Zeit; leiblich da, ganz real, ganz wirklich und zu hören und zu sehen und zu fühlen, aber in einer neuen, unvergänglichen Leiblichkeit. Einer himmlischen. So wie's mit uns einmal sein wird.

So, liebe Gemeinde, hat er sich nur denen gezeigt, die an ihn glaubten. Die anderen hätten ihn doch nur für einen Geist gehalten. Die Christen aber haben diese Herrlichkeit auch weiterhin gesehen. Denn auch das gehört dazu, was wir in der Apostelgeschichte lesen: Dass Petrus im Gefängnis war, im innersten Sicherheits­ bereich, und von einem Engel durch alle Sicherheitstüren und an den bewaffneten Wachen vorbei nach draußen gebracht wurde – nicht zu erklären, aber eine Vorwegnahme der himmlischen Herrlichkeit, wenn uns einmal nichts mehr binden und festhalten wird. Und als die Christen in Jerusalem verfolgt wurden, als die ersten Apostel umgebracht wurden, als sie in alle Richtungen zerstreut wurden, da hat sich gerade so die Kirche ausgebreitet. Und ist bis zum Ende der Zeit nicht aufzuhalten. Ist das nicht herrlich? Sehen wir darin nicht auch den Glanz davon, dass es eben nicht Menschenwerk ist, sondern Gottes Werk?

Vor Jahren, als dieser Abschnitt aus dem Epheserbrief am Sonntag nach Ostern zu predigen war, war ich kurz vorher in einem Baumarkt gewesen. Da gab's Nägel in allen Größen. Die wurden nicht auf einer elektronischen Waage gewogen, sondern auf einer mit zwei Waagschalen. An dem Tag stand ein anderer Verkäufer als sonst an der Waage, der wenig Erfahrung damit hatte. Von einer bestimmten Größe wollte ich ein Kilogramm haben. Aber er hat erst ein viel zu schweres Gewicht auf die eine Seite gestellt. Da ging die Waagschale sofort ganz runter.

Christus hat für uns gelitten, als sie ihn als Kreuz genagelt haben. Unser Leiden kommt dazu, auch wenn es klein ist dagegen. Aber die andere Waagschale geht ganz runter. Das ist die Herrlichkeit der Gnade Gottes, die Christus damit für uns gewonnen hat. Die wiegt das alles unendlich auf.

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, was wir hier durchzumachen haben, hat seine letzte furchtbare Macht schon verloren. Es gehört zum Leben hier dazu, das sollen wir glauben. Noch mehr aber sollen wir die Herrlichkeit glauben, die wir einmal sehen werden. „Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“ Deshalb lasst uns auf das Unsichtbare sehen, das bleibt, auf Gottes herrliche Rettungstat für uns am Kreuz. Und bis dahin wisssen: Wer Christus im Herzen hat, bei dem sieht der Vater nur lauter Schönes und Gutes drin, wenn er ihn ansieht. So sollen auch wir einander ansehen, und, ja, auch unser Spiegelbild, mit dem Blick auf das Unsichtbare, das bleibt, nach dem Satz: “Ich liebe schöne Menschen. Wie sie aussehen, ist mir ganz egal.” Amen.

Sonntag Jubilate (Predigtreihe IV)

(Daniel Schmidt, P.)