Predigt vom 22.12.2019 (Lukas 1,26-38)


Download3
Stock
File Size182.96 KB
Create Date22. Dezember 2019
Download

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! – Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. – Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? – Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, daß sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. – Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Das ist keine Kleinigkeit, dieser Satz: “Dein Wille geschehe.” Wenn wir das im Vaterunser beten, sollten wir nicht nur damit rechnen, dass vielleicht tatsächlich das eintritt, was Gott will. Denn Gottes Wille geschieht auch ohne unser Gebet, wie wir im Katechismus lernen. Wir sollen uns deshalb auch klarmachen, dass das auch gegen das gehen kann, was wir uns eigentlich vorstellen oder wünschen.

Maria ist mit dieser Bitte aufgewachsen. Davon können wir ausgehen. Denn es ist, salopp gesagt, fast “unglaublich”, wie gelassen sie hier reagiert nach allem, was ihr der Engel sagt: “Mir geschehe, wie du gesagt hast.” Das heißt ja: Gott, dein Wille geschehe. Ganz konkret. Das, was du mich da gerade hast erkennen lassen. Was ich nie gedacht hätte. Und was in diesem Moment praktisch alle meine Pläne auf den Kopf stellt.

Es gibt ja Momente, da merkt man jemandem an, ob er mit diesem Gott lebt. Man merkt es daran, wie er reagiert, wenn etwas geschieht, was nicht in seine Pläne passt. Jemand, den ich kenne, hat mal geschrieben: “Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber Gott schon.” Da war an dem Tag in seiner Familie etwas besonders Schönes geschehen. – Umgekehrt kann es Situationen geben wie etwa bei einer jungen Frau, die endlich einen Freund hat, seit einem dreiviertel Jahr, sie machen Pläne für die Zukunft, und dann merkt sie: Zusammenziehen, das will er. Aber er will sich nicht binden. Nicht nur an eine. Und nicht für immer. Und sie bricht die Beziehung ab. Es tut weh, so weh wie noch nie vorher. Aber sie sagt sich: Gott wird's schon wissen.

Gott wird's schon wissen” – so reagiert Maria. 14, 15, 16 Jahre alt dürfte sie sein. Aufgewachsen mit der heiligen Schrift, dem ersten Teil unserer Bibel. Als sie klein war, wurden ihr die Geschichten von Abraham und Sara erzählt, die sich nach vielen Jahren darauf eingestellt hatten, dass sie ohne Kinder sterben würden. Und dann doch einen Sohn bekamen. Von Hanna, die Gott um einen Sohn gebeten hat, die den Samuel bekommen und ihn dann nach wenigen Jahren wieder hergegeben hat, damit er am Tempel aufwächst, damit er mit seinem ganzen Leben Gott dient.

Und die Geschichte von Ruth im Land Moab, die dort einen jüdischen Mann geheiratet hatte und ihn früh verloren hatte. Sie hätte fragen können, warum Gott das zulässt. Sie hat es vielleicht auch gefragt, auch ihre Schwiegermutter Naomi, die genauso wie sie litt. Aber sie hat an diesem Gott festgehalten, den sie selbst noch gar nicht so lange kannte. Sie ist mit Naomi mitgegangen. “Wo dein Gott ist, ist mein Gott”, hat sie gesagt. Sein Wille geschehe. Und hat einen Mann gefunden in Bethlehem, hat einen Sohn bekommen und ist zur Urgroßmutter des späteren Königs Davids geworden und gehört damit zu den Vorfahren von Maria.

Das alles hatte sie gehört und gelernt. Und dazwischen die Ankündigungen der Propheten. Was Gott versprochen hatte: Dass er einen Retter senden wird, der Israel erlösen wird von seinen Sünden. In dem alle Völker gesegnet werden. Und sie hatte mit ihren Eltern und Geschwistern mitgebetet, von klein auf, an den großen Festen im Jahr, zum Essen, zum Aufstehen und Schlafengehen. Und hatte irgendwann angefangen, auch für sich selbst mit Gott zu sprechen.

Und wir können davon ausgehen, dass sie das ihren Kindern weitergeben wollte. Wenn sie zu Joseph ziehen würde, wenn die Ehe vollzogen werden würde, ganz bald, vielleicht schon im nächsten Jahr. Denn rechtlich war alles festgemacht zwischen den beiden Familien, sie galt schon als seine Frau. Aber es war klar, dass das Zusammenziehen mit einer öffentlichen Feier verbunden war, und erst dann würden sie Tisch und Bett und alles teilen.

Und dann geschieht dies. Plötzlich redet Gott mit ihr. Es scheint, dass sie allein ist an dem Tag. Da tritt dieser Bote ein. Das ist sehr ungewöhnlich. Aber was er sagt, ist noch ungewöhnlicher. So ungewöhnlich, dass es zu keiner anderen Frau jemals gesagt worden ist, und zu keiner jemals wieder gesagt werden wird. Sie wird schwanger werden. Nicht von Joseph. Von überhaupt keinem Mann. Sondern vom Heiligen Geist. Ja, der Engel redet offenbar von einem Zeugungsakt. Aber der Vater dieses Kindes wird Gott selbst sein. Und dieses Kind wird ewig herrschen. Das aber kann nur von Gott gesagt werden. Ihr Kind wird Mensch werden durch sie, und ist doch zugleich Gott!

Das ist viel mehr, als sie in diesem Moment aufnehmen kann. Aber etwas anderes dürfte ihr sofort klar sein: Schwanger, bevor Joseph sie in sein Haus geholt hat, und nicht von ihm – das heißt, ein uneheliches Kind. Was sollen ihre Eltern denken, wenn sie ihnen das sagen muss: “Ich bin schwanger, und Joseph war's nicht.”?

Und sie weiß auch, womit sie im Ort rechnen muss. Vielleicht haben die Nachbarn schon gesehen, wie dieser Mann zu ihr ins Haus gekommen ist. Auf jeden Fall werden sie irgendwann ihren Schwangerschaftsbauch sehen. Und was soll sie dann sagen: “Das kommt vom Heiligen Geist”? “Das haben andere auch schon behauptet” wäre da noch eine milde Antwort. Und nach den Gesetzen, die Gott Israel gegeben hat, steht auf Ehebruch die Todesstrafe. Sie muss damit rechnen, dass man sie steinigt.

Das geht alles gegen ihre Pläne. Aber das passiert, wenn man betet: “Dein Wille geschehe!” Das passiert, weil Generationen von Juden die ganze Zeit des Alten Testaments so gebetet haben. Und ihre Familie und sie selbst auch. Gottes Wille geschieht. Sein guter, gnädiger Wille. Er will nicht, dass der Bruch der Beziehung von uns Menschen zu ihm endgültig ist, der mit Adam und Eva passiert ist. Er will nicht, dass wir für immer in diesem Teufelskreis bleiben, dass wir etwas gut meinen, aber es anders ankommt; dass wir Gottes Willen hören oder doch im Gewissen spüren, aber anders denken und entscheiden und handeln und reden.

Adam und Eva konnten sündigen, und sie haben es getan. Wir können nicht mehr ohne Sünde leben. Der Sünde Sold, das, was wir dafür als Lohn ausgezahlt bekommen, ist der Tod. Nicht nur der Tod hier, sondern der ewige Tod. Aber Gott will nicht den Tod des Sünders. Er will, dass wir leben. Und so macht er sich auf, um selbst in die Welt zu kommen. Er kommt in unser Fleisch und Blut, um unser Verderben auf sich zu nehmen.

Und das geschieht zu einer ganz bestimmten Zeit. Kein Mensch hat's vorher berechnen können, denn Gott lässt sich nicht in seinen Terminkalender gucken. Aber als Maria eine Jugendliche war, da war es so weit. Und an einem ganz bestimmten Ort, den es bis heute gibt. In der Stadt Nazareth. Gott handelt mit Tatsachen.

Und er handelt gnädig mit uns. Wir hätten es verdient, dass er die Beziehung mit uns abbricht. Dass er die Menschheit ausrottet. Aber er hat uns gemacht. Er will uns nicht verlieren. Und so steht ganz am Anfang von dem, was Gottes Bote zu Maria sagt, dieser Gruß: “Sei gegrüßt, du Begnadete. Der Herr ist mit dir.” Nicht “Schalom”, 'Friede', wie man heute in Israel grüßt. Sondern “du bist begnadet.”

Aber ist das nicht zum Angsthaben, was er ihr dann sagt? Zumindest für Maria selbst? Und wird sie nicht “fremdbestimmt”? Liebe Schwester, lieber Bruder, so ist das, wenn Gottes Wille mit dir oder mir geschieht. Das ist eben nicht einfach die Erfüllung unserer Träume und Wünsche nach dem Motto: “Lieber Gott, mach, dass ich glücklich werde. Und dass es mir immer gut geht.” Aber es ist das, was uns rettet. Uns rettet von unseren selbstgewählten Wegen, die so gut aussehen, aber ohne ihn ins Verderben führen, in die ewige Trennung von ihm.

Und noch einmal: So ist das, wenn Gott an uns in seiner Gnade handelt. Das kann ganz anders aussehen als wir uns ein erfülltes, glückliches Leben vorstellen. Hätte Maria nicht einfach eine glückliche Verlobungszeit und Hochzeit und Ehe verdient, jemand, der in einem so frommen Elternhaus aufgewachsen ist und alles richtig machen will vor den Menschen und vor Gott? Aber wenn es nach dem ginge, was wir verdienen, dann wäre auch Maria schlecht dran. Denn ein Sünder ist sie auch, wie du und ich. Nach einem schrecklichen Unglück, als 18 Menschen von einem ein­stürzenden Turm erschlagen wurden und Jesus danach gefragt wurde, womit die das verdient haben, hat er gesagt: Seht zu, dass ihr nicht auch so umkommt. Wir mögen denken, dass wir ja eigentlich nichts Schlechtes verdient haben, wir sind ja insgesamt ganz gute Menschen. Aber Gottes Wort vergleicht uns mit einer Frau, die ihrem Mann untreu ist und ihn betrügt. Wie kann so jemand erwarten, dass er sie weiterhin liebt? Und es vergleicht uns mit Kindern, die von ihrem Vater nichts mehr wissen willen. Wie könnten die von ihm noch Unterhalt verlangen?

Aber Gott will uns das Gute geben, das wir nicht verdienen. Und uns nicht verdienen können. Der einzige Grund dafür ist seine Liebe zu uns. Dass er sie uns unverdient schenkt, das ist seine Gnade. Maria hat Gott lieb. Und sie hat ihren Joseph lieb. Und irgendwie hofft sie, dass sie ihm das, was da mit ihr passiert, sagen kann. Und dass Gott auch sein Herz bewegen wird zu glauben, und das anzu­nehmen, wie er's dann auch tun wird. Und irgendwie hofft sie, nein, sie kann eigentlich gewiss sein, dass sie diese Schwangerschaft überleben wird. Sie wird nicht unter Steinwürfen sterben. Wenn es denn wahr ist, dass Gott durch sie in die Welt kommt. Dass ihr Mutterwerden bedeutet, sie wird zur Mutter Gottes. So hat es die Kirche später bekannt.

Und doch ist es mit einem Mal ganz demütigend, an diesen Gott zu glauben und zu ihm zu gehören. Die Nachbarn, ja die Gemeindeglieder um sie herum werden sagen, dass sie offenbar das 6. Gebot, das Ehegebot gebrochen hat. Und sie kann sich nicht dagegen verteidigen. Sie ist sowieso noch ein Kind in ihrer Kultur, und nun wird sie noch einmal kleiner.

Aber wie kommt das? Weil Gott selbst sich dem aussetzt, dass von seinem Sohn schon gesagt wird, “in Sünde empfangen und geboren”; „seine Mutter hat das Gesetz übertreten“, die 10 Gebote. Ja, was man früher hier über ein uneheliches Kind gesagt hätte – „in Sünde ampfangen und geboren“ – und was wir in einem viel allgemeineren Sinne von uns selbst bekennen, das wird von ihm gesagt werden. Und genau das wird man ihm auch später vorwerfen: Dass er Gemeinschaft sucht mit denen, die Gottes Gebote übertreten. In so eine Situation bringt der himmlische Vater die Mutter seines Sohnes.

Aber die so reden begreifen nicht, dass Gottes Sohn deshalb das von sich sagen lässt, weil es die Wahrheit ist. Anders, als sie denken, aber doch wahr: Er kommt in die Sünde hinein. Nicht seine eigene, sondern unsere. Dass wir in Sünden empfangen und geboren sind, das wird nur dadurch gut, dass Gott als Mensch geboren wird. Als Mensch wie wir, aber ohne Sünde. Durch diese einmalige Geburt, an der kein Mann beteiligt ist, bei der Gott selbst wie der Ehemann ist, bei der er der Vater des Kindes ist.

Und das ist dann für uns Gnade: Dass er das, was Menschen bei uns an Schuld sehen – zu Recht oder zu Unrecht – auf sich nimmt. Und dass wir dann aufhören können, uns zu verteidigen, wo wir im Unrecht sind. Und nur noch sagen: Mein Gott wird es recht machen. Sein Wille geschehe.

So liefern wir uns ihm aus, wenn wir in den Gottesdienst hineingehen, indem wir unsere Schuld bekennen. So liefern wir uns ihm aus, wenn wir im Vaterunser beten: Dein Wille geschehe. Und wissen wie Maria, dass das sein guter, gnädiger Wille ist, der uns rettet. Ja, seitdem sie dieses Kind im Bauch getragen hat und zur Welt gebracht hat, wissen wir gewiss: Sein Wille ist gut für uns. Auch da, wo er unsere Pläne auf den Kopf stellt. Und wo es ganz anders aussieht. Er will uns unsere Schuld vergeben. Er will uns von allem Bösen erlösen. Er will, dass wir ewig leben. Und er tut's.

Bei uns ist das unmöglich. Aber wir wollen mit Maria bekennen: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Und wollen wie sie sagen: “Lieber Vater, uns geschehe, wie du gesagt hast.” Gelobt sei, der da kommt, der zu uns kommt. In Ewigkeit. Amen.

4. Sonntag im Advent (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.