Predigt vom 21.7.2019 (Lk 6,36-42)


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Predigt vom 21.7.2019 (Lk 6,36-42)

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!"

Liebe Gemeinde,

Gerichte brauchen wir, das leuchtet ein. Das Recht muss durchgesetzt werden. Der Staat muss für Recht und Ordnung sorgen. Einige Menschen finden, dass das sogar noch zu wenig geschieht. Sie fordern oft noch härtere Urteile und höhere Strafen: "Höhere Strafen braucht die Gesellschaft, damit sie besser wird." Denn es sind ja die anderen, die das betrifft. Selbst hat man keine Strafe nötig, denn man tut ja nichts Schlechtes. Oder jedenfalls nichts, was so rücksichtslos ist, wie das, was der andere tut. Daran, wie es bei uns zugeht, sind andere schuld.

Der Balken sitzt tief bei uns. Der Mensch will seine eigenen dunklen Seiten nicht wahrhaben. Stattdessen überträgt er das Dunkle oft auf seine Mitmenschen. Er betrachtet sie als seine Gegner und Feinde des Guten, während das alles doch in einem selbst liegt.

Und so wird die Hilfe in der Verurteilung gesucht, wenn Menschen Böses tun: "Der muss so und so viele Jahre kriegen; der darf nie wieder auf die Menschheit losgelassen werden." Und wo sich neue Formen der Gewalt finden, heißt es: "Die müssen auch bestraft werden". Da müssen zusätzliche Gesetze her und Methoden der Verfolgung. Die Hasskommentare im Internet - die verfolgt nun auch die Polizei. Gericht, Verurteilung, das brauchen wir Menschen vor allem, wie es scheint.

Aber die Kirche? Wozu braucht es die denn?

Nun ist es schon positiv, wenn es heißt: "Die Kirche, die tut doch Gutes, die kümmert sich um die Armen und Schwachen." "Augenwischerei", sagt ein anderer, "auch das ist Aufgabe des Staates. Die Kirche soll nicht verdecken, wo der Staat seiner Pflicht nicht nachkommt". In vielen anderen Ländern wird man darüber nur den Kopf schütteln: Dort kann man sich nicht auf den Staat verlassen; oft hilft nur die Kirche den Menschen in Not.

Es ist ein Segen, was es bei uns an staatlichen Hilfen für die Menschen gibt. Sie stammen auch aus einer christlichen Haltung, aus der Sorge um die anderen, auch um die Schwachen. Lange Zeit war das ein besonderes Merkmal der Kirche: Sie sorgt für die Barmherzigkeit, während der Staat sich um die Durchsetzung des Rechts kümmert.

Als aber Staat und Kirche getrennt wurden, musste sich der Staat auch sozial um seine Bürger kümmern. Und so wurde schon vor 200 Jahren verkündet: Die Kirche wird bald im Staat aufgehen. Er übernimmt ihre Aufgabe der Fürsorge, und dann erübrigt sich die Kirche.

Aber was ist dieser Staat eigentlich? Was ist dieses Wesen, das alle Aufgaben übernimmt - Verurteilung und Fürsorge? Der Staat, von dem man alles erwartet?

In der Schule habe ich gelernt: Das Gemeinwesen, der Staat, ist die Sache des Volkes. Wer es in einer anderen Sprache hören möchte: Res publica est res populi. (So beginnt eine berühmte Staatsdefinition bei einem alten Römer).

Der Staat ist also kein hohes Wesen, sondern eine menschliche Sache. Es hat Auswirkungen, wenn wir die anderen verurteilen, weil sie eine andere Meinung haben. Wenn wir alles beanspruchen, aber nichts zurückgegeben. Wenn man Menschen beleidigt, die wichtige Aufgaben übernehmen. Wenn Menschen sogar ihr eigenes Urteil ausführen und einen Politiker umbringen.

Und umgekehrt: Es wirkt sich aus, wo wir uns für das Gemeinwesen einbringen. Wo wir dem anderen liebevoll entgegengehen. Wo wir die Schwachen und Bedrohten in Schutz nehmen. Wir brauchen Institutionen, aber sie können nicht alles abnehmen. Sie machen es nicht überflüssig, dass wir barmherzig handeln.

Das alles betrifft uns als Bürger dieses Landes. Aber gerade darin sollen wir uns auch als Christen zeigen. Im Bereich des Staates wie auch im Bereich der Kirche.

"Es ist gut, dass die sich um die Menschen kümmert", heißt es. Auch bei der Kirche lässt sich das von außen bequem erwarten. Es ist aber nötig, dass Menschen, du und ich, sich darin einsetzen. Menschen setzen sich also ein - in der Kirche und im Staat. Warum aber geht die eine nicht im anderen auf? Was brauchen wir mehr als Gericht und Fürsorge?

Jesus fragt: "Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen?"

Der Staat, das sind Menschen. Was wir von ihm erwarten, das erwarten wir von Menschen. Und wir Menschen - wir sind oft blind. Es ist äußerlich eine gute Absicht, dem anderen den Splitter zu ziehen. Aber wir haben ein Brett vor dem Kopf oder einen ganzen Balken im Auge.

Und das ist schon ein absurd großes Teil für ein Auge! Einen Splitter kann man mit einer Pinzette ziehen, aber womit zieht man einen Balken aus dem Auge? Geht das überhaupt? Beim Augenarzt wird man jedenfalls kein Gerät dafür finden.

Wir finden also alle kleinsten Makel des anderen, aber unsere größten Fehler sind uns nicht bewusst. Wir richten in etwa so: "Der hat das und das falsch gemacht; diese Art muss er bei sich ändern; dieses Problem hat er verursacht."

Noch stärker ist es, zu verurteilen. Das lautet dann etwa so: "Der ist für mich gestorben; mit dem will ich nichts mehr zu tun haben." Und wie leicht verurteilen wir die Sicht des anderen!

Zu verdammen schließlich steht uns überhaupt nicht zu. Und doch geschieht es, wo wir das Leben des anderen festlegen wollen; wo wir für ihn keinen anderen Weg mehr sehen, als den, den wir uns vorstellen. Die Grube ist gegraben - mit diesen Versuchungen, zu richten. Die Fallen sind gestellt. Und wer sie nicht sieht, wird hineingeraten. Das ist ein schweres Wort. Wer kann uns dann noch leiten im Leben? Noch mehr: Wenn wir Vorbilder sein sollen, werden wir nicht andere mit in die Falle ziehen?

Die Kirche, das sind auch Menschen. Aber: Nicht nur. Es sind die Menschen, die der Herr Christus führt. Dadurch steht die Kirche fest, gegenüber dem Torkeln und Schwanken der Blinden. Doch dafür sorgen nicht Menschen mit Balken im Auge. Sondern Jesus macht, dass die Blinden sehend werden; er holt sogar die wieder heraus, die schon in die Grube gefallen sind; und er befreit die, die in der Falle ihres eigenen Urteils stecken.

Nicht weniger geschieht durch das Evangelium von der Vergebung der Sünden. Das schenkt er uns in seiner Barmherzigkeit. Und darum können wir vergeben. Das heißt, die geschenkte Barmherzigkeit weitergeben.

Und zu vergeben, das heißt, die Beziehung zum anderen nicht abzubrechen. Die Schuld wird beseitigt - die Weg und Sicht versperrte. In der Kirche gibt es so ein Hilfsmittel zum Entfernen des Balkens. Und dann ist der Weg wieder frei für einen Austausch.

Denn zur Barmherzigkeit zählt auch das Geben. Wer gibt, erhält den Austausch mit dem anderen. Wir sollen weitergeben, was wir an guten Gaben bekommen. Und dazu zählt vor allem, dass wir das Evangelium weitergeben - in Wort und Tat.

Und damit sind auch wir Lehrer. Wir geben die Botschaft Jesu weiter. Wir verbreiten die Barmherzigkeit Gottes. Wir können zwar nicht Lehrer sein. Denn wir lernen ja selbst noch. Und wir sind noch nicht vollkommen ausgebildet wie unser Meister Jesus Christus. Wir sind noch in der Ausbildung – und wir müssen trotzdem schon Lehrer und Vorbild sein für andere.

Doch sollten wir es nicht deshalb beiseiteschieben, weil wir es sowieso nicht können. Es ist uns gesagt: "Werdet barmherzig" – so kann man den ersten Satz übersetzen. Und das ist ein mächtiges Wort: "Werdet barmherzig!" Wir werden es – und sind es auch schon.

Es ergeht uns eben wie menschlichen Meistern: Wir wissen nicht alles und sind nicht vollkommen. Jesus ist da eine Ausnahme – er ist vollkommen wie der Vater im Himmel. Ganz so wie er werden wir Zeit unseres Lebens nicht werden. Und doch sollen und wollen wir so sein. Weil der Vater im Himmel barmherzig zu uns ist.

Von ihm können wir uns sagen lassen, was unser Splitter ist. Denn er hat keinen Balken im Auge. Gesetzespredigt können wir nämlich auch in Comedy- und Kabarettsendungen hören. Aber wer wird das auf sich selbst beziehen? Wie können wir es ertragen, unsere Balken zu untersuchen, ohne uns selbst zu verachten?

Ja, das können wir nur, weil wir an die Vergebung der Sünden glauben. Daran, dass Jesus Christus nicht nur kam, um uns alle als Blinde zu enthüllen. Sondern er kam vor allem, um uns den Balken aus dem Auge herauszuziehen. Wir können also auf Jesus Christus vertrauen; den Blindenführer, der sieht. Der hat alles Dunkle in uns mit ans Kreuz genommen. Die Splitter und die Balken. An ihnen ist er gestorben, damit wir leben können.

Deshalb wollen wir so nach dem Willen des Vaters leben, wie Christus es getan hat. Ja, dazu kann auch Warnung nötig sein, wo es nicht geschieht. Wenn uns bewusst ist, dass wir wie der andere von der Vergebung leben; und wenn wir selbst zur Vergebung bereit sind.

Aber wir sollen den anderen nicht durch unser Urteil ändern. Das steht allein Gott zu. Wir können den Splitter des anderen ja gar nicht entfernen.

Vielmehr sollen wir durch Barmherzigkeit wirken. Wir brauchen nichts darüber hinaus. Denn unser Meister Jesus Christus hat dadurch die Menschen gerettet. Und wir sollten nicht versuchen, mehr zu sein als dieser Meister. Nicht eigene Strategien entwickeln, wie wir dem anderen doch noch den Splitter herausoperieren. Und ihm dafür unseren Balken verpflanzen. Nicht selbst festlegen, was noch nötig wäre; sondern nur das, was unser Meister uns gesagt hat.

Es ist einfach und zugleich doch so schwer: Barmherzig sein, wie unser Vater im Himmel barmherzig ist. Das ist für uns Menschen noch wichtiger als Gerichte, die Menschen vorläufig bestrafen. Die sind wohl nötig, um das Unrecht einzudämmen.

Aber wir sollten davon nicht zu viel erwarten. Wir irren, wenn wir richten und urteilen. Denn wir sehen nicht klar. Ein gerechtes Urteil kann der Mensch gar nicht fällen, weil er nur das Äußere sieht.

Und wir selbst können nicht die Splitter aller Menschen entfernen. Soviel Gesetze und Verfolgungsmethoden wir auch erfinden mögen. Aber wir müssen es auch nicht. Denn das Gericht steht Gott zu.

Er richtet aber nicht nach unserer Gerechtigkeit, sondern nach seiner Barmherzigkeit. Seine Barmherzigkeit stellt nur den bloß, der unbarmherzig ist. Denn wenn man anfängt, an andere den Maßstab anzulegen, so wird er für einen selbst zum Maßstab.

Gottes Maß an Barmherzigkeit dagegen sprengt unsere Maßeinheiten. Es ist wie ein großes Getreidemaß, das erst einmal schon gut gefüllt ist. Dann wird es gepresst und gerüttelt, bis sich alle kleinsten Hohlräume zusetzen. Und dann schüttet er noch einmal gehäuft nach, bis es überfließt. So ein Übermaß an Barmherzigkeit schüttet Gott in unsere leeren Taschen, Hände und Herzen.

Das ist es, was wir am nötigsten brauchen: Barmherzigkeit brauchen wir - noch viel mehr als die besten Gerichte und passenden Strafen. Und schon gar als unser eigenes Urteilen und Richten.

Aber was an unserem Urteil falsch ist, das erkennen wir nicht selbst. Das kann uns nur der eine sagen, der klar sieht. Der unseren Balken aus dem Auge trägt und uns zuerst vergibt. Der uns als seine Kirche leitet. So werden wir in die Barmherzigkeit geführt - von einem der sieht, wo es lang geht.

Seid barmherzig, denn Barmherzigkeit hat uns unser Vater im Himmel geschenkt: Überreichlich; für uns allein viel zu viel. Amen.