Predigt vom 21.5.2020 (Joh. 17,20-26)


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Create Date21. Mai 2020
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(Jesus betet für die Apostel und für alle Christen zum Vater:) Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Wir erleben seit Wochen eine Einschränkung unserer Kontakte. Manche trifft das auf die Dauer sehr. Manche Paare mit unterschiedlicher Nationalität, etwa deutsch-französisch, konnten sich wochenlang nicht sehen und nicht hin und her über die Grenze. Und bei manchen älteren Menschen wird buchstäblich das Herz krank, wenn sie so lange mit ihren Kindern oder Enkeln nicht zusammenkommen können.

Dabei haben wir ja das Telefon. Wir können uns gegenseitig hören. Wir können Bilder mit dem Handy verschicken. Aber je länger je mehr zeigt sich, dass das nicht das gleiche ist. Wenn man sich liebhat, will man zusammensein.

Nun könnte man meinen, dass unsere Beziehung zu Christus auch so eine eingeschränkte ist. Die Jünger hatten Jesus gesehen und gehört. Sie hatten aus seiner Hand das Brot bekommen und die Fische, mit denen sie die anderen satt gemacht haben. Er hat dem Blinden die Finger auf die Augen gelegt, und Aussätzige berührt – obwohl ihre Krankheit hochansteckend war.

Aber dann war er gestorben. Nur die Erinnerung an ihn schien noch dazusein. Die Bilder von ihm im Kopf, die Worte im Ohr. Und sie waren isoliert von den anderen Menschen. Nun ja, irgendwie gab es dann diese Zwischenzeit, wo der Kontakt wieder möglich war. Die sechs Wochen ab dem Ostermorgen, in denen er immer wieder zu ihnen kam; wo sie ihn berühren konnten und sogar sollten, damit sie begreifen, er ist kein Geist, auch kein digitales 3-D-Bild. Aber mit seiner Aufnahme in den Himmel, die wir heute feiern, war das vorbei, oder nicht? So wie das Licht der Osterkerze, das wir heute ausgelöscht haben.

Wir lesen, was Jesus gesagt hat, in den Evangelien und den Gemeindebriefen. Aber ist das nicht irgendwie indirekt wie bei einem Brief oder einer Nachricht auf dem Handy, wo man den anderen eben nicht vor sich hat und nicht beieinander ist? Müssen wir uns als Christen nicht einfach darauf einstellen, dass es so ist?

Das wäre traurig, liebe Gemeinde. Und es wäre das Gegenteil von dem, was Jesus den Jüngern gesagt hat: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

Ja, er ist bei uns. Genau dasist die Botschaft des Himmelfahrtstages: Er ist in den Himmelaufgenommen worden. Er sitzt nicht auf einer Wolke, sondern auf dem Thron. Er hat die Herrschaft angetreten über alle Mächte in dieser Welt.

Und dass wir Teil dieser Herrschaft sind, darum betet Jesus vor seiner Himmelfahrt. Er bittet den Vater, dass wir dasind, wo erist; dass wir einssind mit ihm / wie der Vater und er einssind; dass seine Liebe in uns ist, ja, er selbst. Das hört sich gar nicht nach einer Grenze an, über die wir nicht zu ihm kommen können oder umgekehrt. Das klingt nach viel mehr, als dass man sich über die Entfernung hören kann oder über die Zeit hinweg wie bei einer Sprachnachricht.

Und es istviel mehr. Es ist das, was wir in der Kirche und im Gottesdienst erleben. Da kommen wir in seine Gegenwart und er in unsere. Nicht so, dass wir's mit den Augen in unserem Kopf sehen. Auf geheimnisvolle Weise, aber ganz wirklich. Wenn sein Evangelium gelesen wird, dann spricht er zu uns. Wenn wir den Mund aufmachen, um seinen Leib und sein Blut zu empfangen, dann empfangen wir den, in dem Gott und Mensch eins sind, in dem die ganze Liebe Gottes wohnt.

Da liest du in den Psalmen ein Liebesgedicht, in dem es um dich selbst geht: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir … Denn deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen preisen dich … Das ist meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann; wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach … meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich …“ (Psalm 63).

Und Gottes Sohn betet in solcher Liebe für uns bis in die Ewigkeit, wo wir seine Herrlichkeit auch mit den Augen sehen werden:

“Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.”

Und er geht im Gebet zurück bis an den Anfang dieser Liebe vor dem Anfang der Welt: “... denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.”

Diese Liebe hat ihn zu uns getrieben. Deshalb hat Johann Sebastian Bach sie seiner Johannespassion wie eine Überschrift vorangestellt mit dem Choral, “O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße”. Und Martin Luther, der die Erfahrung kannte, dass der Kontakt zu Gott manchmal unterbrochen zu sein scheint oder dass es manchmal nicht klar ist, wie er es mit uns meint – Martin Luther hat gesagt, “Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe”.

Die Wärme dieses Backofens umgibt uns aus diesem Gebet Jesu. Er weiß, dass es eine Anfechtung ist, dass wir seine Gegenwart nicht mit unseren fünf Sinnen so wahrnehmen wie die von anderen. Er weiß, dass die Welt, in der wir leben, viel “wirklicher” scheinen mag als die, zu der wir seit unserer Taufe gehören. Deshalb betet er für uns. Und wenn unser Gebetetwas bei Gott bewirkt, wie wir am Anfang dieser Woche am Bete-Sonntag gehört haben, wie viel mehr das Gebet des Sohnes Gottesfür uns!

Aber worum betet er für die, die durch alle Zeiten hindurch an ihn glauben? Er betet für unser Einssein. Er betet, dass wir seine Herrlichkeit sehen. Und er betet für unsere Sendung in die Welt. Einssollen wir sein. Darum betet er vor seiner Himmelfahrt, weil er weiß, dass die Christen immer in der Gefahr sind, sich zu zertrennen. Paulus warnt vor falschen Predigern in der Gemeinde in Korinth. Petrus ruft gegen falsche Lehre das in Erinnerung, was die Christen von den Aposteln gehört haben.

Und wir haben es vor Augen, dass wir dieses Gebet brauchen, bei den vielen christlichen Konfessionen heute, bei denen es manchmalum Unterschiede in der Tradition geht, aber oftauch um Unterschiede in dem, was geglaubt wird. Für jeden, der die Kirche und seine Brüder und Schwestern liebhat, ist das eine Anfech­ tung. Das kann auch uns nur immer wieder ins Gebet treiben, für unsere Mit­ christen, für Einheit in der Wahrheit bis in die eigene Kirche und Gemeinde hinein.

Diese Einheit aber, die kann nicht darin bestehen, dass man sagt, die einen lehren vom Abendmahl, dass wir den Leib und das Blut Christi in und mit dem Brot und dem Wein empfangen; die anderen sagen, es ist nur ein gemeinsames Essen zur Erinnerung an ihn; aber es soll beides gleich gültig sein, wir machen daraus eine Kirche. Nein, die Einheit finden wir nur in Christus, indem wir uns immer wieder zu ihm zurückrufen lassen, indem wir immer neu auf sein Wort hören. Und indem er sich mit uns verbindet im heiligen Abendmahl. Denn wo der Sohn Gottes, wahrer Mensch und wahrer Gott, eins wird mit uns, da zieht er mit seiner ewigen, liebevollen Wahrheit in unser Herz ein. Wo in der Kirche etwas gegen diese Wahrheit Platz bekommt, da verdunkelt es den Glauben und unsere Hoffnung.

Und wo in der Gemeinde etwas Platz bekommt, das zu der Liebe Christi nicht passt, da sind wir miteinander in Gefahr. Und gerade in einer Kirchengemeinde, wo die Verbindung über Generationen zurückgeht und viele auch im Alltag miteinander zu tun haben, gibt es Spannungen, die lange nachwirken können. Sind wir einig, so, wie wir miteinander umgehen, übereinander reden, voneinander denken? Das ist eine Frage an jeden von uns: “Habe ich das Band der Einheit beschädigt? Habe ich etwas zu 'reparieren' mit Gottes Hilfe?”

Gott sei Dank, liebe Brüder und Schwestern, dass wir nun zur Beichte und zum heiligen Abendmahl wieder hier in der Kirche zusammenkommen können, dass uns keine Hausmauern mehr trennen. Wenn Christus für unsere Einheit betet, sollten wir uns nicht dorthin rufen lassen, wo er unsere Einheit wiederherstellt? Lasst euch einladen zum heiligen Abendmahl an diesem Sonntag nach so vielen Wochen des “Abendmahlsfastens”, auch wenn die Art des Empfangs anders ist als sonst und es etwas länger dauern wird. Lasst uns einfach uns darauf konzentrieren.

Es ist wahr, dass wir diese Einheit nicht immer sehen. Und dass das manchen von uns in dieser Zeit besonders zusetzt, wenn wir uns nicht mal eben in den Arm nehmen, nicht zum Kirchenkaffee nebeneinanderstehen und nicht miteinander singen. Deshalb lasst es uns glauben, dass Christus für uns darum betet und dass erdiese Einheit schafft. Und lasst es uns annehmen, dass er uns damit in die Welt schickt. Damit unsere Mitmenschen es an unserem Leben erkennen: Wir sind in Christus und er in uns. Damit auch sie schon jetzt in sein himmlisches Reich kommen, in dem er mit seiner Himmelfahrt die Herrschaft angetreten hat, die alles überwindet, was uns bedroht und was uns von ihm trennt. Amen.

Fest der Himmelfahrt Christi (Predigtreihe II neu)

Daniel Schmidt, P.