Predigt vom 21.4.2019, Ostersonntag (Jes. 25,6-9)


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Create Date21. April 2019
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Liebe Schwestern und Brüder,

In Gottes Wort zur Predigt aus dem Propheten Jesaja geht es heute um eine Einladung zu einer Feier, um den Tod, und um Tränen, die zu nichts als Freude werden. Aber ich beginne mit einer Feier zu einem hohen Geburtstag:

Oma Marlies hatte nicht gedacht, dass sie das alles erleben würde. Aus dem Osten war sie als Jugendliche gekommen. Alt genug, um mitzubekommen, wenn wieder ein Kinderwagen an der Straße zurückblieb, weil ein Kleinkind den extremen Winter nicht überlebt hatte. Und mitzubekommen, dass manche Frau daneben im Frost sitzen blieb, weil sie keine Hoffnung mehr hatte. Davon redete sie nicht mehr viel. Schon für ihre Enkel war das wie eine Welt aus dem Archiv. Aus alten Schwarzweißfilmen.

Aber sie hatte gelebt. Hatte geheiratet, Kinder bekommen, Enkel, und gerade war ihr erstes Urenkelkind konfirmiert worden. Die Geburtstage brachte sie inzwischen etwas durcheinander. Aber die Taufverse hatte sie im Kopf. Und manchmal bat sie den Pastor, das Taufbuch zum Seniorenkaffee mitzubringen. Dann blieb sie eine halbe Stunde länger, legte ihre Bibel daneben und lernte nochmal drüber. “Du musst eine Menge Sütterlin im Kopf haben”, hatte die Tochter ihrer Nachbarin neulich gesagt, die beim Kaffeekochen half. “Nee,” hatte sie gesagt, “eine Menge Tauf-Hoffnung”.

Dass sie dann mit ihrem Franz zusammen die Diamantene Hochzeit erleben würde, das hatte Oma Marlies auch nicht gedacht. Er war schon etwas tüddelig. Aber noch ganz verliebt. Und meinte, er würde sie auch noch mal nehmen. “Mit Mehrwert”. Und als sie fragend guckte, grinste er: „Mit Falten. Und den teuren Zähnen.“

Nun war es acht Jahre her, dass er umgezogen war, wie er gesagt hätte. Auf den Kirchhof. Und ihre Gedanken liefen immer öfter rückwärts. Vorwärts waren sie nur in den letzten Wochen noch mal gelaufen. Als die Enkel anriefen und von ihrem 90. Geburtstag sprachen. Schön würden sie es für sie machen. Sie bräuchte sich um nichts zu kümmern. Die Schwieger-Enkeltochter würde mal zum Kaffee kommen, dann könnten sie die Gästeliste durchgehen. Und die Karte vom Gasthof Tietjen mit dem Menü vom 80. Geburtstag lag doch bestimmt in ihrer Küchentischschublade. Da konnte man ja abschreiben.

Nein, sie hatte nicht gedacht, dass sie ihren 90. noch erleben würde. Aber die Familie hatte ihr zugeredet. Keine Sprüche wie “Sag doch nicht sowas, du wirst doch hundert”, sondern “Wenn Gott will, und wir leben.” Damit konnte sie etwas anfangen. Und freute sich tatsächlich ein bisschen vorwärts, nicht nur rückwärts. Und es war eine schöne Feier geworden.

Auch wenn der Stuhl von Oma Marlies leer war. Weil sie 10 Tage vorher umgezogen war. Am Grab waren die Tränen gelaufen. Aber dann, beim Beerdigungsessen, als der jüngste Urenkel gesagt hatte: “Ich freu mich auf Oma Marlies' Geburtstag”, da war es plötzlich klar. Sie würden nicht wieder ausladen. Sie würden feiern. Auch wenn es ein seltsames Gefühl war.

Nein, sie hatten nicht so getan, als ob man den Tod nicht beim Namen nennen darf. Als ob man irgendwie das Lebenfeiern musste, das sie gehabt hatte, um nicht auszusprechen, dass es zu Ende war. Und der Pastor hatte nicht über ihr ganzes Leben gepredigt, sondern über ihren Sterbetag als ihren himmlischen Geburtstag.

Und sie hatten am Grab gesungen: „Christ ist erstanden / von der Marter alle; / des solln wir alle froh sein, / Christ will unser Trost sein. / Wär er nicht erstanden, / so wär die Welt vergangen; / seit daß er erstanden ist, / so lob'n wir den Vater Jesu Christ. / Halleluja! / Des solln wir alle froh sein, / Christ will unser Trost sein!“

Und es war gut so gewesen. Beides. Das Beerdigungskaffeetrinken mit Blechkuchen und geschmierten Broten, die Älteren in Schwarz, die Mittleren eifrig am Sortieren, wer von wem ein Cousin um zwei Ecken war. Und die Anfang-Zwanziger redeten über ihre Umzüge; nicht zum Kirchhof, sondern in das selbst ausgebaute Dachgeschoss. Oder zum Studienort. Undes war gut, dass sie das Essen bei Tietjen gemacht hatten. Drei Gänge, gutes Fleisch, schöner Wein, alles reichlich. Und keiner sagte mehr, dass Freude und Trauer nicht zusammengehören.

Und am Abend war ihr Ältester noch einmal in ihr Schlafzimmer gegangen. Hatte die Bibel vom Nachttisch genommen. Die schlug sich fast von selber auf bei dem Lesezeichen. Eine Karte war das, etwas kitschig für seinen Geschmack, die Ecken gelb, mit dem Text: “Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? (1. Korinther 15,55)”. Eingeschoben im Matthäusevangelium, 26. Kapitel, bei der Überschrift “Das Abendmahl.” Und auf der Seite war ein Vers unterstrichen, ein bisschen schief, und mit einem Kugelschreiberklecks am Ende, der fast noch frisch aussah:

“Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.” (Mt 26,29)

Er war kein großer Buchleser. Aber so viel sah er: Der so redete, das war Jesus, als er am Gründonnerstagabend den Jüngern das Abendmahl gab. Mit seiner Mutter hatte er neulich noch über den Wein zu ihrem Fest geredet. “Nur den besten”, hatte sie gesagt. Dabei war ihr das nie wichtig gewesen. Ob sie da nicht schon ein bisschen nach vorne gedacht hatte, dorthin, wo Gottes Sohn mit ihr feiern würde?

Liebe Schwestern und Brüder, das Leben ist nicht immer Grund zur Freude. Aber es ist schön, wenn man dann den Grund, den man hat, auch feiert mit denen, die man liebhat. Es ist schön, wenn man sich auf etwas freuen kann und es auch erlebt. – Von so einer Feier hören wir beim Propheten Jesaja im 25. Kapitel:

Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; laßt uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

Nur kurz am Rande, damit wir's nicht anders verstehen, als es gemeint ist: Ein fettes Mahl, das ist für Jesaja und seine Hörer damals, gut 700 Jahre vor Christi Geburt, kein Grund, an Übergewicht zu denken oder sich schuldig zu fühlen. Diät haben sie meistens, ungewollt. Mageres Fleisch, das wäre wie für manche Afrikaner heute keine Feier. Eine, wenn man's vorher wüsste, wo man nicht hingeht. Gott aber sagt: Ihr sollt genug von allem haben. – Und „reiner Wein“, „Wein, in dem keine Hefe ist“, das ist ein guter, reifer Wein, kein erst halb gegorener Tischwein, weil man keinen anderen hat.

Gott redet also von einer Feier, die er für sein Volk plant. In einer Zeit, wie sie bei Jesaja zwischen den Zeilen erkennbar wird: Dass Kinder nicht alt werden, dass Menschen früh sterben, dass ein einziges Jahr mit verkehrtem Wetter für die Land­ wirtschaft Hunger bedeutet – und Landwirt war fast jeder –, das war für sie Alltag. Dazu kamen von Menschen gemachte Probleme. Die hingen damit zusammen, dass immer weniger Menschen an ihre Verantwortung vor Gott dachten. Denn dann gibt es keine Grenzen mehr. Dann ist die einzige Frage die, welche menschliche Mehrheit sich durchsetzt. In meiner Bibelausgabe steht in der Einleitung zum Jesajabuch „soziale Missstände“, „Rechtsbruch“, „Wohlstandssucht“, „entleerter Gottesdienst“ und „glaubenslose Politik“. Die Probleme, die das bringt, mögen anders aussehen als unsere Probleme in der Gesellschaft heute, aber sie sind ganz ähnlich. Es sieht nach Fortschritt aus, wenn der Mensch sich selbst zur höchsten Instanz macht. Aber wenn er Gott nicht mehr über sich sieht, ist die Welt hoffnungslos. Denn so gut und nötig es ist, dass Menschen sich einsetzen gegen Krieg, gegen Umweltzerstörung, gegen Unrecht – dass wir die Welt damit retten werden, ist eine Utopie: ein von Menschen gemaltes Bild von einer besseren Zukunft. Mehr nicht.

Und wenn es echte Hoffnung für uns Menschen gibt, dann muss es Hoffnung auch für den einzelnen sein. Und da sollten wir früh zu unterscheiden üben. In einer Sammlung von 'passenden Sprüchen für den Trauerfall' heißt es, „Tot ist überhaupt nichts, ich glitt lediglich über in den nächsten Raum. […] Es hat sich nichts verändert, ich warte auf euch, irgendwo sehr nah bei euch. Alles ist gut.“[1]Das ist keine Hoffnung, liebe Gemeinde, das ist Dichterei. Phantasie.

Aber „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel, Tod, wo ist dein Sieg?“Dasist Hoffnung, so wie Paulus davon schreibt. Denn er kennt diesen Abschnitt beim Propheten Jesaja, wo es von Gottes Feier heißt: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig“, und „Er wird abwischen die Tränen von ihren Augen.“ Er hat den auferstandenen Jesus gesehen. Er hat gehört, was die Frauen am Ostermorgen erlebt haben, und Petrus und Johannes. Er kennt die Tatsachenworte des Engels am Grab: „Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ Paulus weiß, dass Jesus den Jüngern vorher gesagt hat, es muss so geschehen, er muss verworfen werden und leiden und sterben. Und am dritten Tag auferstehen! Und wir wissen, was er den Jüngern gesagt hat, die am Sonntagabend auf dem Weg nach Emmaus waren: „Musste es nicht alles so geschehen, damit die Schrift erfüllt wird?“

„Die Schrift“, das ist auch diese Stelle hier bei Jesaja. Die ist mit dem Ostermorgen erfüllt worden. Die Feier hat begonnen! Die Jünger haben sie am Abend in Emmaus erlebt, als Jesus für sie das Brot gebrochen hat wie der Gastgeber. Eine einfache Mahlzeit, aber mit einem Mal voll von „fetter Freude“, und schöner als mit dem schön­ sten Wein. Denn wenn Jesus lebt, dann hat der Vater sein Opfer am Kreuz angenom­ men. Dann gibt es für sie Vergebung. Dann hat der Tod nicht mehr das letzte Wort. Dann ist das Leben nicht immer die reine Freude, aber wir haben Grund zum Feiern.

Und dann nimmt Gott drei Dinge weg – hier werden sie aufgezählt: Die Hülle oder die Decke, mit der alle Völker verhüllt sind, die Tränen von den Augen, und die Schande des Volkes Gottes. Die Hülle oder Decke, das wird im Neuen Testament für uns gedeutet (2 Cor 3,14): Was wir Menschen von Gott erkennen können, das ist so, wie wenn wir als Kinder die Bettdecke über den Kopf gezogen haben. Hell und Dunkel konnten wir da noch sehen, aber nicht viel mehr. Wir ahnen, dass es jemanden oder etwas über uns gibt, über unserer Decke. Aber wer und wie der ist, das können wir nicht erkennen. Diese Ahnung ist der Grund, warum es überall Religionen gibt. Aber die Decke zeigt sich darin, dass sie nichts Verlässliches darüber sagen können, wie Gott zu uns steht und mit uns umgeht.

Diese Decke hat Gott weggenommen. Er hat seinen Sohn geschickt. In ihm erkennen wir, wie Gott zu uns steht, zu uns Sündern. So, dass er alles tut und alles gibt, um uns zu retten. Am Karfreitag haben wir es gehört: Wie Gottes Sohn sich hat festnehmen lassen, wie er aus freiem Willen mitgegangen ist. Wie er es gelitten hat, dass sie ihm die Nägel durch die Hand- und Fußwurzeln geschlagen haben. Wie er für die, die da an ihm schuldig wurden, gebetet hat. Wir haben sein Schlusswort gehört: „Es ist bezahlt!“ Ja, die Rechnung, die wir mit unserem eigenen Leben bezahlen müssten, hat er mit seinem bezahlt.

Und nun hören wir zu Ostern, dass der Tod ihn nicht halten konnte. Und damit ist auch unsere Schande weggenommen. Wir kennen Fotos von Angeklagten im Gerichtssaal, die einen Papphefter vor ihr Gesicht halten, weil sie sich schämen. Wer weiß, ob dieser Hefter selbst nicht ihre eigene Anklageschrift ist. Aber seit Gottes Sohn für uns gestorben und für uns vom Tod auferstanden ist, gibt es für uns keine Anklageschrift mehr. Wir haben Grund zum Feiern wie einer, der es nicht gedacht hätte, der auf dem Weg ins Gefängnis war und begnadet wurde.

Und – und damit schließe ich –, wir haben Grund zur Schadenfreude. Es heißt ja, „wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“ Der Teufel hat am Karfreitag gedacht, er hat gewonnen. Dass da Gottes Sohn am Kreuz hing, daran hatte erkeinen Zweifel. Und erhatte Gottes Mission in dieser Welt zum Scheitern gebracht. Alles Reden von Gott konnte von jetzt an nur noch eine Gott-ist-tot-Theologie sein. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. Am Ostermorgen haben die Engel im Himmel gelacht, als Gottes Sohn auferstanden ist. Und bis heute lachen wir Christen am Ostermorgen. Das ist eine Freude, die ist rückwärts und vorwärts zugleich. Sie kommt vom ersten Ostermorgen, und sie guckt zum eigenen Oster­ morgen, zu der Feier, bei der unser Herr den besten Wein mit uns trinken wird, den Wein der ewigen, ungetrübten Freude.

Bis dahin aber lasst uns Schadenfreude üben über den Teufel. Denn mit diesem Jesajawort sagen wir über Jesus, der auferstanden ist:

„Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; laßt uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.“

Wenn wir mit ihm unser Leben ausrichten, wenn wir bei ihm unsere Schuld abladen, wenn wir es ihm überlassen, mit unserem Tod fertigzuwerden, wenn wir zusehen, dass unser Platz bei der Feier hier in der Kirche nicht leer bleibt – dann hat der alte Feind davon den Schaden. Damit verliert er alles, was er gegen uns in der Hand hat.

Aber wir haben gut lachen. Und wer denkt, er weiß nicht, ob er das erleben wird, dem sagen wir: Du bist ja hier schon mittendrin in dieser Feier. Nicht: „Wenn Gott will und wir leben.“ Sondern: „WeilGott will und wir ewig leben.“ Denn: „Der Herr ist auferstanden!“ – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

(Predigtreihe I neu zum 2. Ostertag)

Daniel Schmidt, P.

 

[1]   Von Annette v. Droste-Hülshoff (https://www.kartenmacherei.de/sprueche/trauersprueche.html, 17.4.2019)