Predigt vom 20.8.2017 (2. Mose 19,1-6)


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Create Date20. August 2017
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Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

Als du vor vierzig Minuten hier in die Kirche gekommen bist, was hast du da hinter dir gehabt? Eine Menge Arbeit aus den letzten Tagen, Frust, Stress? Das könnte ein Grund sein, zum Gottesdienst zu kommen. Denn “Not lehrt beten”, wie man sagt. Oder war es mehr Freude, Erfolg und Anerkennung? Das könnte auch ein Grund sein, zum Gottesdienst zu kommen. Denn “Freude lehrt beten”, das sollte genauso gelten. Genauer müssten wir eigentlich sagen: Gott lehrt beten. Denn Gott holt uns heraus aus dem Alltag mit seinen Sorgen, seinem Stress. Da, wo wir es nicht leicht haben mit anderen. Und wo ein Mensch, der christlich leben will, es auch nicht leicht hat mit sich selbst. Und er holt uns heraus aus dem Alltag mit der Freude in dieser Welt, mit dem Vergnügen. Er hilft uns, das einzuordnen, was da im Alltag passiert. Noch mehr: Er rückt es ins rechte Licht. In sein Licht.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, das ist Sonntag. Herauskommen aus der Welt, zur Ruhe kommen vor Gott. Und dann, wie bei Israel am Berg Sinai, Hören auf seine Stimme. Und die Erinnerung daran, dass wir sein Eigentum sind und auch so leben sollen. Das ist Sonntag. Lasst uns beten: “Herr, lass uns zur Ruhe kommen vor dir. Rücke du unser Leben in dein Licht, wenn wir jetzt dein Wort hören. Amen.”

Der Sonntag als

I                       Herauskommen aus der Welt mit ihrem vielfachen Glauben

Herauskommen aus der Welt – das ist nicht so gemeint wie beim Aussteigen aus dem Auto, wo man entweder drin ist oder draußen. In so einer Weise sind wir nicht entweder in der Welt oder in der Kirche. Wenn Gott zu Israel sagt: “Ich habe euch zu mir gebracht”, heißt das nicht, dass er vorher nicht da war, wo sie waren; in Ägypten, wo sie wie Sklaven gehalten worden waren. Sonst hätten sie ja dort nicht zu ihm beten können. Er hat ihr Schreien auch dort gehört. Und sie konnten ihn hören. Sie haben das Passahfest gefeiert, wie er es ihnen aufgetragen hat. In der Nacht, als er sie herausgeholt hat. Ja, er war auch dort bei ihnen, sie gehörten auch dort zu ihm.

Aber: Dort waren sie in einem Umfeld, in dem vieles geglaubt wurde. Mancher Mitarbeiter hatte sein Amulett. Das sollte ihn vor Unglück schützen. Die Aufseher und Sklaventreiber waren Leute, die zum Gottesdienst gingen – vielleicht nicht immer, aber immer wieder mal. Zu vielen Gottesdiensten, denn es gab viele Götter. Gemalt an die Wände der Pyramiden und der Paläste. Als Statuen aufgestellt. Und in der Politik waren die Priester sehr gefragt. Der Pharao erließ kein Gesetz und traf keine Entscheidung ohne sie. Wenn er der mächtigste Mann war, so weit man sehen und denken konnte – war das nicht ein Zeichen dafür, dass an solcher Religion etwa dran war?

Ja, es wurde viel geglaubt in Ägypten. Und solange man dieses ganze multi­ kulturelle und multireligiöse System nicht infragestellte, konnte sich jeder seine Götter aussuchen und nach seinem Glauben leben.

Und wenn einer sich mehr auf die Mathematik und die Naturwissenschaft verließ (da waren die Ägypter sehr fortschrittlich!) als auf Ramses und Isis und die anderen Götter – war das nicht auch eine Religion? War das nicht der Glaube daran, dass der Mensch so ziemlich alles erreichen kann, wenn er seinem Verstand vertraut?

Das ist das Umfeld, liebe Gemeinde, aus der Gott sein Volk herausruft. Zwei Monate sind sie jetzt weg von Ägypten. Zwei Monate, in denen sie mehrmals den Aufstand gegen ihn geprobt haben. Kein Trinkwasser in der Wüste. Keine Nahrung. Und Gott hat ihnen beides gegeben: Wasser aus dem Felsen, Wachteln, Manna. Dann werden sie angegriffen durch ein anderes Volk. Israel hat kaum kampffähige Männer – seit Jahren wurde dafür mit systematischem Kindermord gesorgt. Sie haben keine Waffen und keine Kampferfahrung. Doch Mose ruft zu Gott, und die Angreifer werden zu Verlierern. “Verlasst euch auf mich,” sagte Gott so seinem Volk. “Nicht auf eure Kraft. Nicht auf einen Menschen, der sich selbst für den mächtigsten hält. Nicht auf Naturwissenschaft, als ob euer Leben daran hängt.“

Und so bringt er sie dahin, wo diese anderen Götter keinen Platz haben. Zum Berg Sinai, möglicherweise dem Berg, wo später das Katharinenkloster gebaut wurde und wohin bis heute Christen pilgern. Da gilt das, was er ihnen gleich sagen wird von diesem Berg herunter: “Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Denn ich bin der Schöpfer. Ich bin der Erlöser. Ich bin der Heilige. Und sonst keiner.” Und so lässt Gott sie ...

II                      … zur Ruhe kommen im Gegenüber zu ihm.

So lässt er uns zur Ruhe kommen vor ihm, wenn er uns zu sich bringt im Gottes­ dienst. Das fängt an mit einer Erinnerung: “Ich habe euch wie auf Adlerflügeln getragen”, sagt Gott zu seinem Volk, und meint besonders die vergangenen Wochen. Habe euch zu essen und zu trinken gegeben, habe euch geholfen, als die Bedrohung und die Sorge so groß wurden und ihr ohnmächtig wart dagegen. Das ist die Erinnerung, die wir uns als Bekenntnis am Anfang des Gottesdienstes zurufen: “Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.” Dessen, der alles geschaffen hat. Der unser Erlöser ist. Der uns heilig macht.

Liebe Gemeinde, wir brauchen wohl diese Auszeit. Wir müssen es wohl von ihm hören, dass er uns so hindurchträgt, dass er's die vergangenen Tage auch getan hat und in den kommenden Tagen weiter tun wird. Weil wir's oft nicht wahrhaben, wenn wir mittendrin stecken. Wir müssen das hören, damit wir's wieder sehen.

Und weiter sagt Gott: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern gemacht habe. 10 Plagen hat er ihnen geschickt. Zehnmal musste der angeblich mächtigste Mann der Welt einsehen, dass dieser Gott mit einem Wort mehr tut als alle diese Religionen. Und festhalten konnte er sie auch nicht. Sie sind Gottes Eigentum. Sie haben ein Heimatland, auch wenn es von denen, die jetzt leben, noch keiner gesehen hat. Dorthin sind sie unterwegs mit Gott. Und das sollen sie erreichen.

Wir sehen's nicht immer, was Gott mit den Mächtigen dieser Welt macht. Die Nachrichten zeigen uns mehr, was sie mit dieser Welt machen. Darüber kann man sich sorgen. Aber wie schnell zieht er so einem den Stuhl weg, den Thron, und dann ist der plötzlich am Boden. Mancher Diktator findet sich plötzlich vor einem Gericht wieder, auch in unseren Tagen. Und dass so einer auch nur menschlich ein ruhiges, friedliches Ende findet, danach kann man lange suchen.

Uns aber lässt Gott zur Ruhe kommen vor ihm. Das haben wir heute gleich am Anfang erlebt, als wir in diesen Gottesdienst kamen. Als wir bekannt haben, was da in den vergangenen Tagen an Schuld an uns hängengeblieben ist. Denn wem seine Schuld leidtut, wer sie ihm bekennt, zu dem sagt Gott: “Ich bin der Herr, dein Erlöser”. Hier hast du Ruhe vor aller Anklage, auch vor deinem eigenen Gewissen.

 

III         Drittens bringt Gott sein Volk zu sich, damit es seine Stimme hört

Und welch ein Trost liegt darin, wenn Gott weiter sagt: “Die ganze Erde ist mein. Mir gehört die Welt.” Es gibt nichts und niemanden, der sein Leben nicht von ihm hat, den er nicht zur Rechenschaft zieht Es gibt nichts, was er nicht kann. Es gibt nichts, was er uns nicht geben kann.

Ja, so rückt das, was uns Tag für Tag umgibt, unter seinem Wort ins rechte Licht. Und gibt uns in diesem Licht einen Blick, der weit über die Tagesnachrichten und unsere eigene Erfahrung in ihrer Mischung aus Sorgen und Mühe und Freude hinausreicht. Das Volk, das er zum Berg Sinai gebracht ist, ist sein Volk. Denn es stammt von Abraham ab. Mit dem hat Gott seinen Bund geschlossen. Hat ihm versprochen, ihn zu einem großen Volk zu machen. Und dass von ihm der Nachkomme kommt, durch den alle Menschen gesegnet werden. Dieses Versprechen hält Gott. Deshalb ist dieses Volk, das ihn in diesem multireligiösen Staat am Nil, in dieser Minderheitssituation wohl manchmal fast vergessen hat, sein Volk. Deshalb hat er der Politik im Nahen Osten nicht ihren Lauf gelassen.

Deshalb hat er nicht zugelassen, dass dieses Volk in den Mühlen der Geschichte zermahlen wurde. Obwohl kein anderes so furchtbare und immer neue Wellen von Verfolgung erlebt hat. Obwohl das in Europa gerade von Christen ausging. Er hat es wie seinen Augapfel bewahrt.

Wir haben's in der Epistellesung gehört, wie der Apostel Paulus versucht, mit dieser Frage fertigzuwerden. Wie kann es sein, dass dieses Volk den ausgestoßen hat, den Gott ihm zu seiner Rettung geschickt hat. Dass dieses Volk, dem sich der eine Gott offenbart hat, den Sohn Gottes nicht aufgenommen hat. Israel, dem Gott am Sinai sagt, “Ihr sollt ein königliches Priestertum sein”, hat seinen König, hat seinen Hohenpriester verstoßen. Wir haben's gehört, was Paulus den Christen predigt, die keine Juden waren: Dadurch ist das Evangelium von der Rettung durch den Sohn Gottes zu euch gekommen. Nicht, dass ihr euch zu Richtern über sie macht. Sondern damit es durch euch auch zu ihnen kommt. Und ganz Israel am Ende gerettet wird: Alle, die Gott von Anfang an zum Glauben an Jesus Christus erwählt hat, dass sie durch ihn zum Vater kommen.

IV                    Leben als die, die zu ihm gehören

Dass Gott Menschen zu sich bringt, das geschieht am Sonntag, das geschieht in der Kirche. Das Wort, das im Neuen Testament für Kirche oder Gemeinde steht, kommt von dem Wort für “herausrufen”. Israel bleibt auch nach dem Auszug aus Ägypten mittendrin in der Weltpolitik damals, und in ähnlicher Weise heute wieder, wenn wir an den Staat Israel denken. Als Christen bleiben wir auch mittendrin in der Tages- und Kommunal- und Weltpolitik; haben Verantwortung vor Ort und sind zum Wählen aufgerufen zum Bundestag und zum Landtag im September und Oktober. Wir sind in der Welt. Aber wir sind nicht von der Welt. Wir kennen den Grundartikel, den Gott erlassen hat: Wir sollen ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von aller Kraft. Und das Gesetz zum Zusammenleben: Jeder soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst.

Dass wir das tun sollen, das gilt für alle Menschen. Doch ohne ihn können wir das nicht tun. Deshalb ruft er uns zu sich. Und wer dem Ruf folgt, wer sich zu ihm bekennt, der bekennt sich damit auch dazu. Das Volk Israel wird von Gott danach gefragt, unmittelbar nach unserem Abschnitt hier. Und es heißt: “Alles Volk antwortete einmütig und sprach: 'Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun.'”

Schluss

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns dazu bekennen, dass wir Gottes Eigentum sind, dann gehört dazu auch das Bekenntnis in unserem Leben in der Welt. In Wort und Tat. Aus dem Gottesdienst am Sonntag mit seinen eineinhalb Stunden kommt der Gottesdienst am Werktag. Wir sind ein königliches Priestertum, wie der Apostel Petrus schreibt (1 Pt 2). Berufen, für die Welt zu Gott zu beten mit Bitte und Dank, für alle Menschen und besonders für die, die Macht haben. An uns soll die Welt es sehen, was keine menschliche Religion ist, keine menschlichen Gedankengebäude über irgendeine höhere Wirklichkeit, sondern was uns offenbart ist von dem Gott, der uns zu sich ruft, der uns zur Ruhe kommen lässt vor ihm, der seinen Bund mit uns geschlossen hat: Er allein ist Gott, und ist kein Gott neben ihm. Bei ihm ist die Erlösung, bei ihm allein. Dazu lasst uns einmütig Amen sagen: Amen.

  1. Sonntag nach Trinitatis („Israel-Sonntag“)

Daniel Schmidt, P.