Predigt vom 20.11.2019 (Röm 2,1-11)


Download1
Stock
File Size31.12 KB
Create Date20. November 2019
Download

Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden geben wird nach seinen Werken: ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Liebe Gemeinde,

gut, wenn es sein muss, entschuldige ich mich. Aber eigentlich ist der andere mindestens genauso schuld wie ich. Das habe ich früh gelernt. Spätestens in der Grundschule weiß man das: Die anderen haben angefangen. Die sind schuld.

Nur wer hat uns das eigentlich beigebracht? Eltern oder Freunde? Oder die Fußballspieler im Fernsehen? Dort kann man es jedenfalls regelmäßig beobachten: Ein Spieler foult einen anderen. Die Kamera war dicht dabei. Der Schiedsrichter pfeift und verwarnt den Spieler. Der aber hebt die Arme mit dem Ausdruck völliger Unschuld. Und er wendet sein fassungsloses Gesicht den Zuschauerrängen zu, um Mitleid zu bekommen – als ein Gerechter, dem die böse Welt übel mitspielt.

Und das ist nur ein Beispiel. Denn die Fußballspieler sind nicht besonders böse Menschen, sondern ein Teil unserer Gesellschaft, ein Teil dieser Welt. Und da hat das Abschieben der Schuld früh angefangen, bei Adam und Eva: Wie, ich? Nein, nein, sie hat angefangen. Seitdem lebt diese Neigung weiter in dem, was wir Ursünde nennen. Daher ist es nicht nötig zu lernen, wie man das macht. Obwohl man solche Taktik sicher noch verbessern kann.

Aber so will ich nicht sein, also entschuldige ich mich eben. Dann ist das geklärt. Mehr kann ich nicht machen. Wie? Der andere reagiert? Das ist nicht vorgesehen, dass er reagiert. Doch er sagt: „So einfach geht das nicht. Du kannst dich nicht selbst entschuldigen. Aber willst du um Entschuldigung bitten?“ Moment, das heißt, der andere kann auch ablehnen, nein sagen. Dann mache ich mich abhängig von ihm; dann kann nur er mich entschuldigen Das ist mir zu riskant.

Ja, auch ein Buß- und Bettag ist riskant. Denn wir geben zu, dass wir gesündigt haben, wir liefern uns Gott aus und vertrauen allein auf seine Gnade. Und zugleich ist dieser Tag ein Tag zum Umkehren. Und auch das ist ja ein Wagnis: Wieder neu zu beginnen. Schließlich geht es hier darum, dass ich neu anfange. Nicht der andere, der es bitter nötig hat, wie ich meine. Gerade davor warnt Paulus: Worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst.

Das ist das zweite Verhalten, das Paulus anspricht. Und es hängt oft mit dem ersten zusammen: Über den anderen zu urteilen, lenkt von den eigenen Fehlern ab. Manchmal verurteilt man genau das beim anderen, was man selbst tut. Das geschieht ganz unbewusst. Das entlastet, weil man den anderen für die eigenen Fehler hassen und bestrafen kann. Die Psychologie hat sich damit beschäftigt.

Aber es ist nichts Neues - das hat Gott dem Paulus schon damals gezeigt. So wie uns Gottes Wort überhaupt das zeigt, was uns nicht klar ist bei dem, was wir tun. Eben damit es uns bewusst wird.

Und auch wenn wir nicht dasselbe verurteilen, was wir selbst tun - das Urteilen macht überhaupt Spaß. Noch mehr natürlich, wenn man darin auch bestätigt wird. Vielleicht in geselliger Runde. Oder man sucht solange, bis man jemanden findet, der genauso weiß, wer an allem schuld ist. Vielleicht findet man sogar eine ganze Gruppe. Geteiltes Urteil ist doppelt so schön. Natürlich nicht für den, über den über den dann alle reden.

Nein, zerstörerisch ist das Verurteilen für Menschen, für unser Land; es hat die Kraft, die Gesellschaft zu spalten. Wie gut täte uns ein gemeinsamer Buß- und Bettag! Stattdessen Verurteilen, wohin man sieht. Und wenn man sich nicht selber traut, oder nicht so hart, kann man zusehen in Casting-Shows, Gerichtssendungen und real im politischen Alltag. Das verurteilen wir aufs Schärfste, heißt es oft. Es ist schon gut, dass es nicht heißt: „Den und den verurteilen wir.“ Also dass die Tat und nicht der Täter verurteilt wird. Denn das ist Aufgabe der Richter.

Und beurteilen müssen wir ja in dieser Welt. Aber oft sind wir zu schnell in unserem Urteil. Und vor allem: Oft geschieht es nicht aus der Demut, auf die uns Gottes Wort heute hinweist: Dass ich weiß und bekenne, selbst schuldig zu sein. Wie selten erlebt man das in hohen öffentlichen Ämtern und Positionen, in Wirtschaft und Politik! Wie soll es aber zu Verständigung und Versöhnung kommen, wenn man selbst auf seiner Unschuld besteht? Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, wie es heißt, und natürlich alles richtig gemacht.

Aber jetzt bin ich wieder bei den anderen. Bei der Strategie: Ich präsentiere dem Gericht (und dem eigenen Gewissen) einen Verdächtigen, einen, der noch mehr Schuld auf sich geladen hat. Wie sehr unsere Gesellschaft auch Gott ausblendet - darüber scheint es ein Einverständnis zu geben: Man muss vor einem höheren Gericht seine Unschuld erklären. Wie gut ist es zu wissen, dass es Gottes Gericht ist und keines der Menschen. Dort gibt es kein Ansehen der Person. Dort ist kein Mensch Richter über den anderen. Auch nicht, wer sonst immer die Kandidaten beurteilt und über andere herzieht.

Deshalb bereiten wir uns nicht mit Entschuldigungen vor. Ich stelle mir vor, wie jemand vor dem Gericht steht und sagt: „Ich habe alle schlechten Menschen aufs schärfste verurteilt.“ „Ja“, wird Gott vielleicht sagen, „und was ist mit dir? Indem du die anderen richtest, verdammst du dich selbst.“

Wie aber können wir unsere Schuld eingestehen, wenn wir überall Ankläger befürchten? Ob das Gewissen, Gott oder „die anderen“, – wenn alle gegen mich sind, dann ist doch verzweifelte Gegenwehr angesagt. Dann muss ich doch „zurückurteilen“. Dann muss ich mich verteidigen, indem ich dem anderen etwas Größeres vorwerfe.

Wo ist der Ausweg? Paulus zeigt ihn mit dem befreienden Satz: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Umkehr treibt?“ Er könnte auch sagen: Sieh dir den an, der über dich richtet. Es ist Jesus. Der für seine Feinde gebetet hat, der selbst den untreuen Jüngern seinen Frieden zusprach – er ist der Richter. Und vor ihm dürfen wir alle aussprechen, wie oft bei uns etwas danebenging. Er wird es nicht benutzen, um selbst besser dazustehen. Er wird es nicht aufschreiben, um es nachher gegen uns zu verwenden. Sondern er nimmt uns die Schuld ab. Sodass wir durch ihn den Ausweg finden, neu beginnen können.

Ja, wir kennen Gottes Güte. Er wird unsere Bitte doch nicht ablehnen. Er ist gekommen, uns zu retten vor dem Gericht; dass wir als Schuldige dennoch keine Strafe bekommen. Aber wozu dann ein Bußtag, wozu regelmäßig die Bitte um Entschuldigung?

Einiges lockt uns zurück. Es ist, als sind wir aus einem brennenden Haus gerettet worden. Aber da sind noch unsere alten Sachen, die wir gern wieder hätten. Der Feuerwehrmann warnt uns. Aber einmal kurz reinhuschen, das kann so schlimm nicht sein. Vorn, gleich im Eingang, liegt mein Geld. Und wenn ich schon mal da bin: Im Nebenraum sind meine Notizen über das, was mir andere noch schulden. Die sind doch nötig als Entlastung – wenn ein anderer mir vorhält, was ich ihm getan habe.

Doch was nötig ist, ist umzukehren. Von draußen höre ich die Stimme rufen: Komm sofort zurück, du bist in Lebensgefahr! Gottes Güte leitet zur Buße; zu ihm zurückzukehren, nicht ins brennende Haus.

Gott erzieht durch seine Güte. Damit ruft er uns. Denn die Strafe und Abschreckung hat nicht gewirkt. Sie bewirkt eher Verstockung; dass man denkt: Jetzt erst recht. Unwahrscheinlich ist, dass jemand noch umkehrt, wenn er nur Zorn und Strafe spürt. Daher schenkt Gott die unverdiente Chance zur Neubesinnung für die Welt.

Wo man aber unempfindlich bleibt für neue Einsichten, kommt es nicht zum Umdenken. Sondern das verkehrte Handeln festigt sich in einem; das Herz verhärtet sich. Ich versuche mich dann selbst zu entschuldigen. Aber dieser Versuch dient dazu, mich selbst zu rechtfertigen, um weiterzumachen wie bisher.

Doch dann staut sich Gottes Feindschaft gegen das Böse an. Nur seine Geduld hält diese Feindschaft zurück, so wie ein schützender Damm. Aber irgendwann bricht dieser Damm. Dieser Tag wird ein „Tag des Zorns“ genannt, denn dann fällt alles auf die Menschen zurück, was sie an Bösem getan haben. Das, was man sich als Schuld lange eingehandelt hat, ohne dafür zu bezahlen oder um Erstattung zu bitten.

Natürlich: Von dem Gericht Gottes sehen wir noch nicht viel. Gottes Gericht ist aber eine Wirklichkeit, der sich niemand entziehen kann. Unausweichlich folgt es aus der Tatsache, dass wir uns nicht selbst entschuldigen können. Wer den Beweisen nicht etwa ein Alibi entgegenhalten kann, wird dem Richter vorgeführt.

Nun ist es so, dass das Gericht nicht unmittelbar auf Taten folgt. Viel Zeit kann dazwischen verstreichen, vielleicht spürt man ein Leben lang nicht die Folgen. Daher kann man leicht meinen, der Sache entgehen zu können: Gott hat Geduld. Ganz schön viel Geduld. Da kann ich doch einige Zeit sammeln. Wie man den Müll nicht jeden Tag wegbringt. Es ist ja noch viel Zeit, um Entschuldigung zu bitten. Und dann häuft es sich an. Nein, davor werden wir gewarnt.

Denn die Verzögerung bedeutet nicht, dass Gott davon nichts mitbekommen hat oder den Täter nicht ermitteln konnte. Sondern so zeigt Gott seine Güte. Er gibt die Möglichkeit, sich noch selbst zu stellen, die Schuld einzugestehen und um Gnade zu bitten. Man könnte ja auch auf frischer Tat ertappt werden. Aber wir bekommen vorher die Gelegenheit umzukehren – das ist ein Geschenk Gottes. Dazu lockt er uns mit seiner Güte. Und er knüpft dazu an das an, wofür wir empfänglich sind.

So ist hier von Ehre und Ansehen die Rede. Und echtes Ansehen bewahre ich nicht, indem ich Schuld verstecke, auf andere abschiebe, ablenke durch das Verurteilen anderer, mir Entschuldigungen suche. Sondern Ehre sucht, wer sich seiner Verantwortung stellt, die Schuld eingesteht und sich bessern will. Der sucht die Umkehr zu Gott auf den Weg, der ins ewige Leben führt. Ihr Ansehen verlieren dagegen die, die sich für unantastbar hielten; die über andere urteilten und nicht die eigene Schuld erkannten.

Gehören wir nun zu denen, die in Geduld gute Werke tun? Oder zu denen, die berechnen und sich überlegen, dass jetzt ja noch Zeit ist; dass wir noch nach unrechten Maßstäben handeln können? Die Grenze verläuft nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch innerhalb unseres eigenen Lebens und Seins. Daher brauchen wir regelmäßig einen Schnitt, einen Neuanfang. Wer nun am Ende zu welcher Gruppe gehört, darüber urteilen nicht wir, sondern Gott. Daher ist Verurteilen im Grunde unangemessen, ja vermessen. Gott allein entscheidet gerecht, ohne Ansehen der Person.

Das ist gut für uns, wenn wir Schuld nicht angehäuft haben, sondern um Vergebung gebeten. Das ist schlecht, wenn wir Entschuldigungen bereit halten, falls unser verborgenes Unrecht aufgedeckt wird. Denn Gott will, dass wir jetzt umkehren, er ruft uns zurück durch seine Güte, damit wir nicht weiter im brennenden Haus leben; damit wir nicht in der Gefahr leben, dass über uns hereinbricht, was wir getan haben.

Sondern Gott will trockenlegen, was sich hinter dem Damm angesammelt hat. Jesus Christus bietet den Ausweg aus dem Urteil und unserem gegenseitigen Verurteilen. Er durchbricht die Taktik, die Schuld abzuschieben, indem er sie auf sich nimmt. Dank ihm können wir also unsere Schuld eingestehen, umkehren und neu anfangen. Ja, dann will ich gern um Entschuldigung bitten. Amen.

(Buß- und Bettag, J. Achenbach)