Predigt vom 20.10.2019 (Jos 2,1-24)


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Create Date20. Oktober 2019
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Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von Israel hereingekommen, um das Land zu erkunden. Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. Aber die Frau verbarg die beiden Männer und sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. Und als man die Stadttore zuschließen wollte, als es finster wurde, gingen sie hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. Die aber jagten den Männern nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als die draußen waren, die ihnen nachjagten.

Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg sie zu ihnen hinauf auf das Dach und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der Herr euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. Denn wir haben gehört, wie der Herr das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der Herr, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. So schwört mir nun bei dem Herrn, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet. Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der Herr das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hernieder; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass euch nicht begegnen, die euch nachjagen, und verbergt euch dort drei Tage, bis sie zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eure Straße. Die Männer aber sprachen zu ihr: Wir wollen den Eid so einlösen, den du uns hast schwören lassen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herniedergelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. Und wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über ihn, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause sind, soll über uns kommen, wenn Hand an sie gelegt wird. Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir des Eides los, den du uns hast schwören lassen. Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

Sie aber gingen weg und kamen aufs Gebirge und blieben drei Tage dort, bis die zurückgekommen waren, die ihnen nachjagten. Denn sie hatten sie gesucht auf allen Straßen und doch nicht gefunden. Da kehrten die beiden Männer um und gingen vom Gebirge herab und setzten über und kamen zu Josua, dem Sohn Nuns, und erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war, und sprachen zu Josua: Der Herr hat uns das ganze Land in unsere Hände gegeben, und es sind auch alle Bewohner des Landes vor uns feige geworden.

Liebe Gemeinde,

ganz unterschiedliche Menschen treffen hier aufeinander, aber sie kommen zusammen in demselben Glauben, der der Sieg ist. Rede ich vom Gottesdienst oder von der biblischen Erzählung? Es gilt wohl hier wie dort. Natürlich, in der Erzählung ist es besonders drastisch: Männer eines anderen Volkes treffen in einer fremden Stadt auf eine dort ansässige Prostituierte. Wie könnte man das noch überbieten?

Gottes Wege sind bisweilen recht interessant. Die Israeliten stehen vor dem Einzug in das Kernland von Israel. Und dort, westlich des Jordans liegt Jericho, eine der ältesten Städte der Welt, 9000 Jahre vor Christi Geburt gegründet. Es ist die erste Stadt, die die Israeliten werden erobern müssen – und natürlich sind sie sich unsicher, ob das gelingen wird.

Aber so weit ist es noch nicht. Erst einmal schickt Josua zwei Kundschafter ins Land – und die gehen in die nächstgelegene Siedlung von Jericho. Dort kennen sie niemanden; und um nicht aufzufallen, wollen sie auch niemanden um Unterkunft bitten. Also gehen sie in ein öffentliches Haus, das jedermann ohne Voranmeldung betreten kann – das Haus der Hure Rahab.

Für die Stadtbewohner war es nicht ungewöhnlich, dass Fremde auf ihrer Reise in ihren Ort kommen. Warum ist der König von Jericho dann so beunruhigt? Ja, er gerät in schon hysterisches Misstrauen. Und so startet er eine tagelange Suchaktion nach den beiden Männern. Niemals wird er sich sonst bei jedem Fremden in der Stadt solche Mühe machen. Es wirkt geradezu lächerlich, wie der König diese zwei harmlosen Männer verfolgt – obwohl sie noch nicht einmal irgendetwas getan haben. Aber man jagt ihnen nach – selbst als es heißt, dass sie die Stadt verlassen haben. Warum also diese Aufregung?

Eine vernünftige Erklärung gibt es dafür nicht. Aber Rahab gibt eine Antwort aus dem Glauben: Die Bewohner hat ein Schrecken vor den Israeliten getroffen, sie haben schreckliche Angst. Denn sie haben gehört wie der Gott Israels sein Volk gegen Gefahren und Angreifer verteidigt hat, wie er es bisher durchgebracht hat – aus Ägypten, durch die Wüste, bis an den Jordan. Und das heißt, es ist ein mächtiger Gott, ein starker Gott. Rahab sagt: „Der Herr, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“ Er ist also keiner der Götzen, die nichts tun können; deren regungslose Abbilder in der Stadt stehen. Es ist ein mächtiger Gott und einer, der handelt.

Und da wird den Menschen plötzlich Angst und Bange. Und das zurecht, auch Rahab schließt sich da mit ein: Unser Herz ist verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen.“ Wir gehören ja erst einmal nicht zu diesem Volk; und wer weiß, wie dieser Gott zu uns steht?

Der Gott über die ganze Welt; der nicht bloß in der Ferne thront, sondern hier auf Erden handelt; der die Geschicke der Völker führt; der über Krieg und Frieden entscheidet, über Aufbau und Zerstörung – ob unser Ort nun noch so alt ist, ob wir schon immer hier wohnen und bisher doch alles gut gegangen ist: Vor der Macht dieses Gottes müssen wir erschrecken – er hat es in der Hand, ob es uns weiter gut geht oder Unheil über uns hereinbricht; wenn er uns nicht erhält, sind wir verloren.

Rahab erkennt das und ist uns darin ein Vorbild im Glauben. Sie weiß, sie und ihre Familie sind dem Tod ausgeliefert; es sei denn, Gott der Herr rettet sie. Und da stehen die Mauern der Stadt noch, da blüht das Leben, da gibt es keine Anzeichen für eine Krise, für das vorläufige Ende einer so alten Stadt.

Und doch bekennt Rahab schon diesen Gott als den Herrn der Geschichte. Ihr ist klar, dass mit dem Kommen Israels Größeres gemeint ist; und dass einem Gott, der so gewaltige Dinge getan hat, nicht zu widerstehen ist; sich dem entgegenzustellen wäre sinnlos.

Und sie lässt sich darauf ein, was er vorhat mit diesem Land, mit dieser Stadt, mit ihr und ihrer Familie. Und so versteckt sie die beiden Männer auf dem flachen Dach, das war begehbar wie eine Dachterrasse; sie versteckt die beiden unter Flachsstengeln, die dort zum Trocknen ausgelegt sind. Dabei sind sie eigentlich Feinde; aber für Rahab sind sie eben Menschen, die vor demselben Gott Ehrfurcht haben, die glauben, dass dieser Gott alles in der Hand hat.

Und so kommen diese völlig Fremden plötzlich zusammen in demselben Glauben. Die, die vorher nicht im Entferntesten etwas miteinander zu tun hatten. Und es ist keine einseitige Sache, eine Verkündigung, die von den Männern ausgeht. Schon gar nicht ist es vorausgesehen und gewollt von den beiden; es ist wie zufällig bei dieser Gelegenheit, dort wo sie eben hingekommen sind. Und einseitig ist es deshalb nicht, weil Gott nun durch diese Frau handelt. Denn die Taktik der beiden Männer ist nicht aufgegangen; unauffällig wollten sie ja in dieses öffentliche Haus gehen, aber irgendwie wurden sie doch enttarnt. Meistens werden die Leute ja doch beobachtet, die in solche Häuser gehen.

Aber ausgerechnet von Rahab werden die Kundschafter gerettet; von der Frau, deren Beruf mehr als anstößig war und nicht gerade vertrauenerweckend. Doch die Kundschafter vertrauen ihr und tun das, was sie sagt. Sie verstecken sich auf dem Dach; und sie hören nachher auf ihren taktisch klugen Rat: Sie gehen in die entgegengesetzte Richtung, ins Gebirge, und bleiben dort drei Tage. Die Verfolger suchen sie aber natürlich auf dem Rückweg durch das Jordantal – und können die Männer nicht finden.

Es geht hier ganz menschlich zu; besonders, wo Rahab und die beiden Männer miteinander verhandeln; man könnte sagen, es ist doch ein Geben und Nehmen: Sie versteckt sie und wird dafür nachher gerettet; ein Aushandeln der Gegenleistung, so wie heute selbst Glaubensdinge betrachtet werden – etwa die Kirche als Dienstleistungsbetrieb. Also als eine Versicherung, gerettet zu werden, Segen zu erhalten - gegen Geld und Mitgliedschaft; und als Zeichen der Bestätigung dafür wird zu bestimmten Gelegenheiten eine Amtshandlung gefordert.

So scheinen die drei hier einen Vertrag zu schließen. Die Frau sagt, was sie sich für sich und ihre Familie erhofft wegen ihrer Tat; sie will eine Bestätigung – und so schwören die Männer bei ihrem Leben, einzuhalten, was sie versprochen haben: Sie und ihre Familie soll am Leben bleiben.

Ja, äußerlich geht es menschlich zu. Aber es ist nicht berechnende Schläue, mit der Rahab hier handelt. Denn rein von der Vernunft betrachtet, ist es doch ganz unsinnig: Seit eh und je wohnen Rahab und ihre Familie in der festen Stadt. Warum riskiert sie dann für zwei fremde Kundschafter ihr Leben?

Viel klüger wäre es doch, die beiden an den König zu verraten - und sich so eine Belohnung zu holen. Vielleicht würde sie dann endlich aufsteigen in der Gesellschaft, einen besseren Job bekommen, Karriere machen, eine Stelle im Umfeld des Königs kriegen. Stattdessen erhält sie bloß das Versprechen, am Leben zu bleiben, gerettet zu werden. Aber sie lebt doch, und warum muss sie gerettet werden?

Ja, das erkennen wir Menschen nicht leicht an, solange von unserem Ende nichts zu sehen ist; wir sind doch abgesichert gegen alle Risiken, wie hinter dicken Mauern. Und von einem Gericht Gottes ist nichts zu merken; hier läuft alles, wie wir es berechnen - und so etwas passt da nicht hinein. Und schließlich: Wer versichert uns denn, dass wir durch den Glauben wirklich gerettet werden; dass wir vor Gericht und ewigem Tod bewahrt bleiben?

Rahab genügt das mündliche Wort der beiden Männer. Das ist doch leichtsinnig! Hätte sie nicht fordern können, dass einer der beiden dableibt, als Pfand sozusagen? Oder wenigstens eine schriftliche Erklärung, einen persönlichen Gegenstand oder irgendetwas? Aber nein. Und wir sehen: So normal und menschlich es auch erscheint – erst in Anbetracht des Glaubens ist es verständlich, vernünftig, erklärbar.

Die Bestätigung also liegt allein im Wort, das die beiden ausrichten. Darauf vertraut Rahab. Und das kann sie, weil sie zugleich an die Treue Gottes glaubt; dass der hinter diesen menschlichen Beschlüssen steht. Deshalb sollen die Kundschafter beim Namen des Herrn versprechen, dass sie es tun. Denn der ist wahrhaftig und er wird dafür sorgen, dass wirklich geschieht, was die Männer gesagt haben; so wie er tut, was er angekündigt und versprochen hat.

Und das glaubt Rahab, weil es der Herr über Himmel und Erde ist. Und so spart sie nicht an Einsatz und vernünftiger Handlung. Denn das heißt der Glaube hier nicht, dass man nun unbedacht handeln soll. Sie könnte doch die Männer einfach herausschicken; Gott wird schon für sie sorgen. Nein, sie benutzt nicht den Glauben als Vorwand, um das Risiko auf die anderen abzuschieben. Nach dem Motto: Da brauche ich mich nicht für einzusetzen, dafür wird Gott schon sorgen.

Sondern sie lässt die Männer herab, aus dem Fenster ihres Hauses, dessen Außenwand ein Teil der Mauer ist. Ein Einsatz, der für sie riskanter ist, als für die Männer: Sie können schnell davon kommen. Aber was ist, wenn jemand gesehen hat, dass sie aus ihrem Fenster entkommen sind? Und dann noch das Zeichen am Fenster, ein verräterisches Bekenntnis. Doch sie steht zu ihrem Glauben, Wort und Bekenntnis.

Und genauso die Israeliten, die mit ihr nun im selben Glauben verbunden sind. Nachher, als sie die Stadt erobern, wird Rahab verschont und ihre Großfamilie. Man kann es so verstehen, dass die Israeliten ihr Versprechen sogar übererfüllen: Nicht einer, der irgendwie entfernt mit ihr verwandt ist, soll umkommen. Aber was wird ihre Zukunft sein, wo die Stadt zerstört ist, ihre Heimat, ihr bisheriges Leben?

Sie wird in das Gottesvolk aufgenommen – und wie! Nach dem Evangelisten Matthäus wird sie eine Vorfahrin von Jesus; sie, die die Hure Rahab war, wird eine Urgroßmutter des Retters; des Retters nicht allein vor der Zerstörung einer Stadt, sondern vor dem Gericht über die Welt und alle Menschen. Durch den Glauben wird sie so Teil des ewigen Gottesvolks.

Aber noch ist es nicht so weit; noch stehen die alten Mauern, von der Zerstörung ist nichts zu sehen und erst recht nichts von dem Leben danach. Und die Israeliten stehen noch vor dem Jordan, vor dem versprochenen Land. Aber die Worte der Kundschafter verändern die Lage. Unsicher waren sich die Israeliten gewesen. Aber es ermuntert sie, was die beiden Männer ihnen mitteilen: Es sind die Worte Rahabs, der fremden Frau, mit dem mehr als anstößigen Beruf.

Was sich da bei ihr in Jericho abgespielt hat, das beeindruckt: Ihre Ehrfurcht vor dem Herrn, ihr Glauben an Gott und wie sie deshalb diesen fremden Kundschaftern vertraut hat. Ja, ausgerechnet das Glaubenswort der fremden Frau stärkt den Glauben der Israeliten: Der Herr ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde. Mit ihm werden sie gewinnen. Denn er handelt damals wie heute, deshalb geschieht es hier wie dort: Ganz unterschiedliche Menschen treffen aufeinander, aber sie kommen zusammen in demselben Glauben, der der Sieg ist. Amen.

(18. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)