Predigt vom 20.1.2019 (Röm. 12,9-16)


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Create Date20. Januar 2019
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Liebe Gemeinde,

In der Epistellesung zu diesem Sonntag haben wir ein Gemeindeerneuerungs­programm. Oder ist es doch noch etwas anderes? Hören wir auf das, was der Apostel Paulus den Christen in Rom schreibt:

Die Liebe sei ohne Falsch. Haßt das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

– so, liebe Schwestern und Brüder, steht es im Römerbrief im 12. Kapitel. Ein Gemeindeerneuerungsprogramm, das könnte doch passen, oder? Wenn wir das alles tun, miteinander und untereinander, dann wäre doch dem der Wind aus den Segeln genommen, der die Gemeinde auseinanderbringen will, der sie lähmen will, der allen Einsatz der Mitarbeiter ins Leere laufen lassen will.

Gehen wir's mal durch: “Die Liebe sei ohne Falsch.” Das heißt ja, es gibt manches, was sich Liebe nennt, aber diesen Namen aus Gottes Sicht nicht verdient. Wie ein falscher Fuffziger. Ich muss da an eine Fernsehserie denken über den “eisernen Gustav”. Das war ein Pferdedroschkenkutscher in Berlin, am Anfang des 20. Jahrhunderts, der sich von den neumodischen Motor-Taxis nicht unterkriegen lassen wollte, und der das damit zeigte, dass er in einer aufsehen­ erregenden Fahrt mit seiner Droschke von Berlin nach Paris fuhr. Ein Satz aus diesem Film ist mir hängengeblieben. Als ihm ein Fahrgast eine Münze gibt, sagt Gustav: “Die dreh'n Se mal 'm Taxifahrer im Dunkeln an.” Der Fahrgast hatte wohl mit einem “falschen Fuffziger” bezahlen wollen. Und der erfahrene Gustav hat's sofort gemerkt.

Um uns herum wird viel von Liebe geredet. Kann es sein, dass da auch manche falschen Fuffziger dabei sind? Billig nachgemacht, oder offiziell geprägt, aber wie die Alu-Chips, die es in manchen Währungen gibt? Die haben kein Gewicht, sie nutzen sich schnell ab. Und sind vor allem kaum etwas wert.

Aber wir merken ja auch den Unterschied. Wenn auf der Kekstüte im Supermarkt steht, “mit Liebe gebacken”, dann wissen wir schon, dass das keiner mit Liebe zu unsgebacken hat – vielleicht noch aus Liebe zum Backen, wenn's hochkommt. Und dass es in den sogenannten “Love-Mobilen” hier an den Landstraßen gar nicht um Liebe geht, ja, dass gerade das den Frauen dort genommen wird, wissen wir auch. Und wir wünschen uns alle, dass wir die echte Liebe gewinnen, den echten Fünfziger. Wer einen solchen Freund oder Freundin hat oder Ehepartner oder einen christlichen Bruder oder Schwester, der hat ein Wertstück. Das ist nicht selbstverständlich. Lasst uns nicht vergessen, dafür immer wieder dankbar zu sein. Und wer sich danach sehnt – man könnte ja damit anfangen, Gott zu bitten, dass er uns zu so einem Menschen macht für jemand anderen.

Was aber steckt bei Paulus dahinter, wenn er hier so ausführlich von Liebe schreibt? Er meint auf jeden Fall echte Liebe. Aber woran erkennt man sie? Wer nicht selbst sehbehindert ist, der müsste erst ein bisschen üben, bis er die Zahl auf der 50-Cent-Münze fühlt. Aber die Riffelung am Rand rum, daran könnte man sie auch im Dunkeln erkennen. So erkennt man nach dem, was Paulus hier schreibt, die echte Liebe daran,

I     dass sie Herz hat,

II    dass sie Hand und Fuß hat und

III   dass sie Kopf hat. Nicht Köpfchen, sondern Kopf.

Ein Heiratsschwindler hat kein Herz. Der investiert zwar viel: Er ruft an. Er schickt Nachrichten auf's Handy. Er kauft Blumen. Aber sein Herz ist nicht dabei. Er ist auf etwas anderes aus, auf das, was der oder die andere hat.

Das ist falsche Liebe. Es gibt auch Freundschaften, die so sind. Die können sich auch erstmal ganz gut anfühlen. Da ist jemand ein Freund, solange er selbst etwas davon hat. Solange der andere ihm hilft, sein Auto zu reparieren oder man Spaß miteinander hat in der Freizeit. Aber wenn einer dann krank wird, wenn es ihm schlecht geht, dann ist's vorbei mit der Freundschaft. Und dass viele von den sogenannten “Freunden” auf Facebook beim Umzug nicht da sind, wenn Kartons zu schleppen sind, wissen wir auch.

Wir haben Christi Liebe bekommen. Er hat sich ganz für uns eingesetzt. Er hat nicht gefragt, was er dafür bekommt. Er hat keine Selbstbestätigung gesucht. Er hat sein Leben dabei verloren. Seine Liebe ist ungeteilt. Sie ist wahrhaftig, aufrichtig. Ohne Vorbedingung. Als ein echter Freund verschweigt er uns auch nicht, wie es um uns steht. Dass die Sünde uns todkrank macht. Und dass wir alle auf den ewigen Tod zugehen, wenn er uns nicht rettet. Das Märchen vom immer nur “lieben Gott” ist ein falscher Fuffziger. Es ist eine Lüge. Denn die Kehrseite dieses Märchens ist, dass es mit uns gar nicht so schlecht aussieht. Wir haben uns doch gegenseitig lieb. Wir setzen uns doch ein. Aber es ist damit so wie mit Südafrika zur Zeit der Apartheid: Weil seine Sportler zu den internationalen Wettkämpfen nicht eingeladen waren, dachte man, man wäre ja ganz gut. Kein Wunder, wenn man sich mit sich selber vergleicht. Man kann auch falsche Fünfzig-Euro-Scheine miteinander vergleichen und welche finden, die gar nicht so schlecht sind. Echt sind sie deshalb aber nicht. Und ein Zahlungsmittel auch nicht. Im Gegenteil: Wer sie einsetzt, obwohl er es besser weiß, macht sich strafbar.

Und so hart es ist: Wenn unsere Liebe nicht echt ist, nicht uneigennützig, dann sind gerade wir Christen wie jemand, der einen echten Fünfziger einsteckt und einen falschen weitergibt. Darum sagt Christus uns die Wahrheit über uns. Echte Liebe ist nie ohne Wahrheit. Und bei Gott ist Wahrheit nie ohne Liebe. Beide sind wie zwei Seiten eines Geldscheins. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Nur zusammen sind sie wirklich gut. Und um das Gute soll es uns gehen. Für uns selbst, für unsere Gemeinde, für unsere Kirche. Ein Gemeindeerneuerungspro­ gramm sind diese Sätze von Paulus aus dem Römerbrief deshalb nicht – zumindest nicht so, dass wir sie alle erfüllen müssten, dann würde alles neu werden. Sondern umgekehrt: Dass wir erkennen, wo's bei uns nicht so ist und nicht so läuft. “Die Liebe sei ohne Falsch” – ist sie das bei uns? Sind wir nicht nur aktiv zusammen, feiern wir nicht nur zusammen, sondern merken auch, wenn es dem andern schlechtgeht? “Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.” Ja, das heißt, aufrichtig. Und es heißt auch, von Herzen. Das gibt es bei uns. Viel davon, denke ich. Aber das heißt auch: Wir brauchen das, dass Gott dauernd an unserm Herzen arbeitet. Immer wieder und auf Dauer. Wir brauchen deshalb seine Gegenwart hier im Gottesdienst. Wir brauchen den Blick in sein Herz in den Lesungen hier vorne vom Lesepult. Wir brauchen seinen Sohn, Jesus Christus, der vom Herzen des Vaters gekommen ist.

Und weiter: “Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.” Das heißt nicht nur, den Hut ziehen vor dem andern – es sind sowieso nicht mehr viele hier, die regelmäßig so etwas auf dem Kopf haben. Es heißt nicht nur, die Tür aufhalten oder einen Stuhl anbieten – so gut das auch tun kann. Sondern den anderen ernstnehmen mit seinen Meinungen, ihm Platz geben dafür, auch wenn es nicht unsere sind. Und Respekt haben gerade dann, wenn er oder sie etwas nicht so macht, wie ich es gut finde. “Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.” Gutes nicht tun, was wir tun sollen und können, ist auch Sünde. Lasst uns das nicht aufschieben. Heute beginnt eine neue Woche. Und hier im Gottesdienst macht Gott einen neuen Anfang mit uns. Sicher, manches muss die richtige Zeit finden. Aber wir sollten auch aufpassen, dass wir nicht aus Trägheit immer wieder etwas zurückstellen, was gut und wichtig wäre, was die Gemeinde aufbauen würde.

“Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.” Wie geht das? In dem wir in der fröhlichen Hoffnung bleiben, die er uns schenkt. Das ist das Wichtigste im Leben. Wenn uns anderes wichtig wird, dann fehlt uns auch das “Geduldigsein in Trübsal”, wie Paulus hier sagt. “Seid beharrlich im Gebet.” Wenn wir Gemeindeerneuerung wollen, dann fängt das mit Gott an, nicht mit uns. Denn wir können uns nicht erneuern. Und die Kirche auch nicht. Deshalb lasst uns ihn zuerst fragen, mit ihm darüber reden, auf ihn hören.

“Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.” Das war zur Zeit des Paulus sicher oft zuerst eine ganz praktische Not: Eine Schlafmöglichkeit für die Nacht. Etwas zu essen. Versorgung von Witwen. Ein Job für die Tagelöhner. Das kann es auch heute alles bedeuten. Aber wir wissen auch: Es gibt noch andere Nöte. Sich angenommen zu wissen. Jemanden zu haben, der einem zuhört. Und das bedeutet auch: Freude und Tränen miteinander teilen. Und es bedeutet: Loyalität unter den Gemeinden einer Kirche. Hinfahren und teilnehmen an einem Kirchenmusikfest, am Missionsfest einer anderen Gemeinde, an Jugend- oder Erwachsenenfreizeiten. Auch mit unseren Finanzen helfen, dass dort ausgeglichen wird, wo Gemeinden Mangel haben. Und für die Missionsarbeit – wie es auf schöne Arbeit Ende 2018 geschehen ist!

Und schließlich: “Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.” Es geht nicht darum, wie unsere Gemeinde im Vergleich zu anderen dasteht. Es geht darum, dass wir auf dem Boden bleiben. Denn es geht beim Christsein um nichts anderes, als bei Christus zu bleiben. Jeder für sich und wir alle miteinander. Mir hat mal jemand von einem Pastor erzählt, der beim Schlusssegen die Arme immer dreimal rauf und runter bewegte. Ein Kind hat das mal gesehen und hat mit einem Mal laut und deutlich gesagt: “Guck mal, Mami, gleich hebt er ab!” Nein, ein Christ soll nicht abheben. Er soll nicht, soweit es sein Christsein angeht, zwanzig Zentimeter über dem Boden schweben, als ob ihn das, was hier unten los ist, nichts angeht. Runter auf den Boden der Tatsachen holt Jesus seine Jünger, wenn sie darum streiten, wer unter ihnen der wichtigste ist oder das Sagen hat und er ein Kind nimmt, es in die Mitte stellt und sagt: Wenn ihr nicht so werdet, kommt ihr nicht in Gottes Reich. Und runter auf den Boden holt er sie, als er sich die Schürze umbindet und ihnen die Dreckfüße wäscht. Und man könnte es noch einmal anders sagen, dieses “Haltet euch herunter zu den geringen Dingen”: lasst uns miteinander unter dem Kreuz bleiben. Da ist es klar, wie ernst es mit unserer Schuld steht, dass sie uns den Tod verdient hat. Dass sie uns trennt. Untereinander und von Gott. Da ist es aber noch viel mehr klar: Da gehört sie hin. Unten an's Kreuz. Da hebt er sie auf und lässt sie mit seinen Händen und Füßen annageln. Und da bleibt sie.

Und dann noch dies: “Haltet euch nicht selbst für klug.” Wie weit diese Ermahnung dir oder mir gilt, dazu mag jeder von uns diese Frage wohl mitnehmen.

Liebe Gemeinde, was Paulus so beschreibt, ist eine Liebe mit “Herz”. Und mit Hand und Fuß. Füße etwa, die zur Haustür gehen, und Hände, um sie für andere zu öffnen und sie einzuladen. In besonderer Weise haben das im Mittelalter die Klöster getan, die Reisende aufgenommen haben und dann auch Kranke – und ohne zu fragen, wo sie herkamen oder wo sie hingehörten. Daraus sind dann später die Spitäler entstanden, die christlich geführten Krankenhäuser, wie heute die Heime der Diakonie und der Caritas, und schließlich die staatlichen Krankenhäuser. Da machen sich Leute die Hände schmutzig und arbeiten sich müde. Aber wie in einem christlichen Krankenhaus nicht nur Christen behandelt werden können, so kann unsere Liebe nicht nur auf die beschränkt sein, die mit uns zur Gemeinde oder zur Kirche gehören. Ob sie echt ist, ob sie keine fromme Fälschung ist, das wird sich gerade da zeigen, wo es am schwersten ist: “Segnet, die euch fluchen; segnet und flucht nicht.” Wir kennen den Segen am ehesten vom Sonntag, wo er den Gottesdienst abschließt. Aber was heißt hier “segnen”? Und ist das etwas, was jeder Christ tun kann?

Gott segnet. Er spricht uns alles Gute zu. Er schafft dieses Gute durch sein Wort, so wie am Anfang der Schöpfung. Und wir sollen auch Gutes schaffen. Wir lesen in der Apostelgeschichte, dass Stephanus gesteinigt wurde. Und seinen letzten Satz: “Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!” (Ac 7,60). Er bittet um Vergebung für die, die Gottes Gesetz furchtbar missbrauchen, die ihn als Gotteslästerer umbringen. Bitten wir um Vergebung füreinander? Für die, die uns wehtun?

Und zuletzt: Wo kommt diese Liebe her? Ein Fluss kann nur fließen, wo es eine Quelle gibt. Echte Liebe braucht deshalb auch “Kopf”. Nicht Köpfchen. Obwohl wir durchaus auch unseren Verstand dazu einschalten sollen. Sondern das Haupt. Wir sollen leben als Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist. Was wir tun, soll ein Dienst am Herrn sein. Von ihm her und zu ihm hin. Paulus fasst das in diesem Satz zusammen: “Seid fröhlich in Hoffnung geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.” Ein Programm zur Gemeindeerneuerung ist das nicht. Dann würde es von unserer Anstrengung abhängen. Und stünde auf so wackeligen Füßen wie unser Glaube ohne Christus. Aber ein Weg zur Gemeindeerneuerung ist es. Ein Weg immer wieder hin zu ihm – zu diesem Kirchturm, zu diesem Altar, zu seiner heiligen Schrift. Dazu segne er allen Anfang. Er sei die Mitte. Er segne das Ende. Amen.

  1. Sonntag nach Epiphanias (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.