Predigt vom 2.6.2019 (Eph. 3,14-21)


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Create Date2. Juni 2019
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Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

„Gott ist wie ein Vater für dich“ – wie klingt das in deinen Ohren? Denkst du da an deinen leiblichen Vater? Hast du Liebe von ihm bekommen, war er stark und verlässlich für dich, als du klein warst, hast du ihn heute lieb? Wie wunderbar, wenn es so ist, bei allen Schwächen, die menschliche Väter (und Mütter) haben.

Aber „Gott ist wie ein Vater für dich“, das kann auch ganz anders klingen, wenn der eigene Vater sich nie um einen gekümmert hat, wenn eine normale Vater-Kind-Beziehung nie entstanden ist, weil er jähzornig war oder ein Trinker, wenn dadurch jede Vaterfigur eine Belastung war.

So ist das mit manchem, das wichtig und zentral ist im christlichen Glauben, das wir manchmal nur kurz ansprechen wie selbstverständlich, und das doch ganz anders gehört werden kann. Unsere Erfahrung spielt immer eine Rolle dabei, wie wir hören, ja auch dabei, was wir überhaupt aufnehmen von dem, was gesagt wird.

Aber Gottes Wort sagt nicht nur, dass Gott „wie ein Vater“ für uns ist. Sein Verhalten wird zwar mit dem eines menschlichen Vaters verglichen, etwa im 103. Psalm:

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. (Ps 103,13)

Und im Buch der Sprüche im 3. Kapitel:

Wen der HERR liebt, den weist er zurecht, und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn. (Prov 3,12)

Wie ein guter Vater mit seinen Kindern umgeht, das gehört zu dem, was wir als Kinder brauchen, ob es nun ein leiblicher Vater ist oder jemand, der an seine Stelle tritt und sie ausfüllt, so gut er kann. Das wirkt sich auf ein ganzes Leben aus.

Aber Gottes Wort vergleicht Gott nicht nur mit einem menschlichen Vater. Es sagt: Gott istunser Vater. Was das für bedeutet, das können wir nur sehr schwach an dem ablesen, was wir an Vatererfahrungen selbst in dieser Welt machen. Denn es ist umgekehrt: Alle Vaterschaft hier kommt aus dem Vatersein Gottes. Und dieses Vatersein ist nicht einfach nur ein Vergleich, sondern es ist ganz wörtlich gemeint, auch wenn wir's nicht bis ins letzte verstehen können: Wir haben unser Leben von Gott, und wir sind tatsächlich seine Familie.

Wie können wir das sagen? Weil Gottes Sohn unser Bruder geworden ist, weil er uns den Vater gezeigt hat, weil die Jünger gehört haben, wie vertraut er mit dem Vater spricht und wie er zugleich mit ihm ringt. Und irgendwann, als diese Beziehung in ihnen wuchs, haben sie ihn gebeten, dass er ihnen zeigt, wie sie auch so mit ihm reden können. Seitdem ist das „Vater-unser“ das Grundgebet aller, die ihm als Jünger folgen. Und es verbindet uns als Brüder und Schwestern über Zeiten und Kulturen und Sprachen hinweg.

Und hier im Epheserbrief zeigt uns Paulus nun, dass das nicht nur eine Art Gebetsformular ist. Für uns Christen ist jeden Tag Vatertag; ein Tag, der von unserem Vater herkommt, den wir mit ihm erleben, und den wir zurück in seine Hände legen. Es ist ein Tag, an dem wir gerufen sind, zu unserem Vater zu kommen mit allem, was uns bewegt, was uns Sorgen macht, was uns Freude macht, worum wir ringen. Das tut der Apostel Paulus, nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Gemeinden. Davon redet er hier so anschaulich, dass man es regelrecht sehen kann:

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“

Vielleicht haben bei diesen Worten die Christen in der kleinasiatischen Stadt Ephesus auch etwas vor Augen, das man bei ihnen täglich sieht, wenn man über einen Marktplatz geht, wenn da unter all den kleinen Tempeln und Altären für verschiedene Götter einer ist, an dem ein Soldat  die Wache hält, ein Altar für den römischen Kaiser, und dann jemand kommt, vielleicht auch ein Soldat, stehenbleibt vor der Inschrift, die in den Stein gemeißelt ist. „Vater des Vaterlandes“, und dem Text, der beschreibt, wie der Kaiser seine Feinde besiegt hat und welche Wohltaten er für alle im römischen Reich tut; wenn der Soldat dann vielleicht einen kleinen Opferkuchen auf den Altar legt, ein paar Körner Weihrauch in die Flamme auf dem Altar streut, und das Knie beugt.

Nun, Paulus wird vor dem himmlischen Herrn und Vater nicht in der Öffentlichkeit auf die Knie gehen, sondern in seinem Privatraum oder gemeinsam mit der kleinen Gemeinde in den Häusern, wo sie Gottesdienst feiern. Aber so, wie Jesus laut gebetet hat, wie man überhaupt laut gebetet hat, lässt er auch uns hören, worum er bittet:

„... dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“

Man könnte auch hier den Vergleich ziehen und sagen, dass ein Junge oder ein Mädchen stark wird, dazu braucht es viel Mutterliebe und einen starken und verlässlichen Vater. Dass Gottes Kinder stark werden, darum bittet Paulus. Aber was heißt das?

Es geht offensichtlich nicht darum, dass wir alle geistliche Türstehertypen oder Bodybuilder werden, die stolz darauf sind, wenn jeder ihre vermeintliche Kraft sieht, von denen jeder denkt, dass sie keine Angst vor irgendetwas haben und die mit allem stolz fertig werden. So ein Wunsch steckt hinter dem Plan zum Turmbau in Babel. Er steckt hinter der Verehrung des Kaisers damals und hinter jedem Personenkult bis heute. Es ist natürlich auch ein Kindheitstraum, „groß und stark“ zu werden und mit allem fertigzuwerden. Aber es gehört zum geistlichen Erwach­ senwerden, dass wir erkennen: Wir Menschen sind nicht allmächtig, weder allein noch gemeinsam als Menschheit. Wir sind Menschenund nicht Über-Menschen,wir sind auch nicht der Herr über die Schöpfung. Wir sollen uns nicht selbst anbeten. Und wenn ein Mensch nach dem Motto lebt, „MeinWille geschehe“, wird er rücksichtslos, und es wird furchtbar für alle anderen.

Ein solcher Mensch, liebe Gemeinde, ist das Gegenteil von einem, der „stark ist an dem inwendigen Menschen“. Gerade deshalb bittet Paulus darum, weil es hier um den Kampf gegen unser „Fleisch“ geht, gegen unsere Natur und unsere Selbst­ verwirklichung. Weil Gott allein diesen Kampf in uns führen kann. Ja, ein starker innerer Mensch, das ist Christus in uns, und deshalb sagt Paulus an anderer Stelle, dieser innere Mensch wird von Tag zu Tag erneuert, auch wenn der äußere verfällt (2 Cor 4,16). Da kann es von außen alles ziemlich schwach aussehen, da mag einer nicht zu denen gehören, die von Lebenskraft strotzen, die die „Macher“ sind und Erfolg vorweisen können, aber innerlich mögen sie starke Kämpfer sein; Beter für sich selbst und für die Gemeinde, die die Macht des Versuchers kennen, die dagegen anbeten, und deren größte Bitte ist: „Dein Wille geschehe!“

Da mögen wir, liebe Gemeinde, selbst unsere Schwachheit erleben, wenn wir derselben Versuchung immer wieder erliegen; wenn wir ehrlich sind und uns eingestehen, dass wir selbst nicht nach dem leben, was wir anderen Christen sagen; wenn wir jahrelang gegen die Umstände ankämpfen und nicht dagegen ankommen – dann beginnt das Starkwerden mit dieser Bitte: „Dein Wille geschehe!“ Denn damit ergreifen wir die Hand unseres Vaters, der stärker istals das alles. Ja, an dieser Bitte reifen wir als geistliche Menschen.

Und dazu gehört eine Wohngemeinschaft wie sie vielleicht vor allem Studenten kennen. Da teilt man sich mit Leuten, die man oft erstmal noch nicht kennt, den Wohnungsschlüssel und Küche und Bad. Da muss man sich aufeinander einstellen, da sitzt man abends und redet miteinander, und man muss Regeln finden zum Einkaufen, zum Kochen oder Saubermachen, und muss auch eine gewisse Zeit füreinander haben.

So eine Wohngemeinschaft beschreibt Paulus weiter in seinem Gebet. Da bittet er Gott für die Christen in Ephesus und überhaupt,

„dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“

Dazu gehört, dass wir uns Zeit nehmen für das Gespräch mit Christus, dass wir ihn immer noch besser kennenlernen, dass wir uns die Regeln für unser Zusammen­ leben anhören. Christsein kann man nicht wie man ein Hobby betreiben und nicht in Teilzeit. Wenn Christus in uns wohnt, dann hat das Folgen dafür, was und wer sonst in unserem Herzen wie viel Platz beansprucht. In einer Studenten-WG kann auch nicht einer alles vollstellen oder alle möglichen Mitbewohner reinholen. Was ist für dich in deinem Herzen das wichtigste? Gibt es da Konkurrenz zu Gottes Sohn? Gibt es Dinge, die da nicht sein sollten, die du aufräumen solltest?

Andererseits kommt es auch vor, dass über eine Wohngemeinschaft jahrelange Freundschaften entstehen, oder dass sich zwei verlieben und eine Ehe daraus wird. An so eine gute Freundschaft, ja, an ein wachsendes Familienverhältnis denkt Paulus, wenn er weiter über sein Gebet schreibt:

„So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“

So bereichernd ist es, mit dem lebendigen Gott zu leben. Es hat mal jemand versucht, diese vier Dimensionen, die Paulus nennt – Breite und Länge und Höhe und Tiefe – mit den vier Enden des Kreuzes auszudeuten. Die ausgestreckten Arme Christi reichen bis an die Enden der Erde, wollen jeden Menschen erreichen und in den Arm nehmen. Das obere Ende des Kreuzes reicht zum Himmel. Dort steht geschrieben, dass Christus der König ist. Er ist der Herr über alle Herren, und er ist unser Herr – wie wunderbar! Denn das heißt, wir können mit allem zu dem kommen, der allmächtig ist, und der uns mit aller seiner Macht schützt und hält.

Und das untere Ende des Kreuzes steht auf dem Boden, hier in dieser Welt voll Not, voll Gewalt und Ungerechtigkeit. Aber genau da, unten am Kreuz, können wir all das bei ihm abladen. Es gibt die Sitte, dass ein Christ sich verneigt, wenn er in eine Kirche kommt, wenn er vor einen Altar tritt oder wenn er den Leib und das Blut Christi empfangen hat. Das ist ein Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit. Wer den Kopf so vor Gott senkt, der zeigt damit, dass er kleiner ist als sein Herr. Dass er ihm zutraut, für alles zu sorgen, was nötig ist und was uns bewegt. Der beugt sich damit auch unter Gottes guten, gnädigen Willen.

So sehen wir's bei Paulus, wenn er davon schreibt, dass er vor diesem Herrn und Vater die Knie beugt. So hält er seinen täglichen „Vatertag“. Er spricht mit dem Vater und wird dabei klein und demütig. Er tritt als Mensch und als Apostel ganz hinter sein Anliegen zurück und sieht wie ein kleines Kind vertrauensvoll nur den Vater,

„der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt.“

Wer den Vater so kennengelernt hat, dass er mit solcher Zuversicht zu ihm kommen kann, der wird gerne auch für die Gemeinde mit beten und für seine Mitmenschen. Der ahnt immer mehr, was für ein wunderbares Vorrecht es ist, zu Gott „Vater“ sagen zu können. Der kann auch nicht anders, als dass er sein Gebet mit dem Lob Gottes schließt.

„dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit ...“.

Und der kann über allem Bitten auch ganz still werden vor Gott, sich ganz ruhig ihm anvertrauen, der uns erhört über all unser Bitten und Verstehen hinaus, so dass jedes Aus- und Einatmen einfach solches Bitten ist und zugleich die Gewissheit der Erhörung: „Höre, Vater, meine Stimme. Dein guter Wille geschehe!“ Amen.

Sonntag Exaudi(Predigtreihe I neu)

Predigtgottesdienst mit Predigtgespräch

Daniel Schmidt, P.