Predigt vom 19.8.2018 (Apg. 3,1-12)


Download8
Stock
File Size185.48 KB
Create Date19. August 2018
Download

Petrus [...] und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos, und sie wunderten sich sehr.

Als Petrus das sah, sprach er zu dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber, oder was seht ihr auf uns, als hätten wir durch eigene Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, daß dieser gehen kann?

Liebe Schwestern und Brüder,

An manchen Tagen kommt viel zusammen: Das Auto springt nicht an, die Oma, die für das Mittagessen sorgt, fällt plötzlich für zwei Wochen aus, und mit der Post kommt eine Rechnung, die im Moment wirklich nicht zu bezahlen ist. – Oder ein Langzeit­arbeitsloser, der seine Bewerbungen mit immer weniger Hoffnung los­schickt, bekommt einen Brief mit einer Zusage für eine Arbeitsstelle. Jetzt kann er in zwei Wochen von Hartz IV runter sein. Nichts davon hat man am Morgen gewusst; all das ändert ziemlich viel für die nächsten Tage oder Wochen.

Der Mann, um den es hier im dritten Kapitel der Apostelgeschichte geht, hat am Morgen des Tages auch nicht erwartet, dass er ganz anders zu Ende gehen würde.  Nach dem, was Lukas von ihm erzählt, hatte der Tag ganz normal angefangen. Eigentlich nur mit der kleinen Hoffnung, dass er am Abend etwas haben würde, das zu seinem Lebensunterhalt in der Familie beiträgt. So wie eine Frau, die während meiner Studienzeit in Erlangen in der Obstsaison immer in einem Klappstuhl an einer Straßenecke saß. Sie war wohl Rentnerin und verkaufte Obst. Man kannte sie vom Sehen. Und überlegte vielleicht, was da mit den Münzen, die sie einnahm, am Tag zusammenkam. Irgendwann bekam ich dann mit, dass sie jeden Morgen mit einem Mercedes dorthin gebracht wurde und jeden Nachmittag wieder abgeholt.

Das ist der Grund, warum ich oft an sie denke, wenn ich den Bericht von diesem Gelähmten hier höre. Auch er wird von Angehörigen dorthin gebracht und wieder abgeholt, wenn auch nicht mit einem Fahrzeug, sondern wahrscheinlich von einem oder zwei Männern getragen, den Tempelberg hinauf. Auch er sitzt da, wo möglichst viele Leute vorbeikommen, auch er zählt am Abend die Münzen zusammen. Allerdings hat er nichts anzubieten, er kann nur betteln.

Es gab vor einigen Jahren einen Zeitungsartikel über solche “Schnorrer”, wie sie sich selber nennen, in Köln. Der Journalist erklärte, dass es da drei Gruppen gibt. Ganz oben sind die, die etwas anbieten. Die Musik machen oder eine Obdach­losenzeitschrift verkaufen. Die nehmen am meisten ein. In der Mitte sind die, die Menschen ansprechen. Und ganz unten die, die einfach nur dasitzen. Zu denen gehörte Dirk, Mitte Dreißig, Stammplatz vor dem Kölner Dom, auf der großen Treppe vor dem Haupteingang. Einen Zettel legt er nicht hin, meinte er. Egal, was man da drauf schreibt, die Leute würden es sowieso nicht glauben. Und – schlechtes Wetter heißt auch schlechtes Einkommen. Aber er hoffte jeden Tag, dass die, die in das Gotteshaus gehen, ob als Touristen oder zum Gebet, Barmherzigkeit zeigen.

Genau das hofft der gelähmte Mann, der Petrus und Johannes jetzt kommen sieht. Fromme Juden beten dreimal am Tag, und wer damals in Jerusalem ist, tut das im Tempel, wenn er kann. So wie Petrus und Johannes. Sie sind ja weiterhin Juden, auch wenn Christus sie beauftragt hat, in seinem Namen allen Menschen Umkehr zu predigen, dass sie durch die Taufe frei werden von der Macht der Sünde und des Todes. Und sie wissen auch: Freiheit von Vorschriften heißt nicht, keine Regeln zu haben. Wer nicht zu festen Zeiten betet, betet bald gar nicht mehr, hat jemand gesagt. Sie halten deshalb die Zeit für das Nachmittags- oder Abendgebet.

Drei Uhr ist es. Sie kommen an das äußere Tor, das sogenannte “Schöne”; vielleicht das, was heute als das “Goldene” bekannt ist, auf der Ostseite, oder ein Doppeltor in der südlichen Mauer. Da hat dieser Bettler seinen Stammplatz. Außerhalb der Tempelhöfe, in die keine Menschen mit Behinderungen hinein­kommen. Und da, wo möglichst viel Fußgängerverkehr ist. Der Journalist würde sagen, das ist einer aus der dritten Gruppe, die nur dasitzen. Nein, keiner aus einer organisierten Bande, die die Leute aggressiv anbetteln; keiner, der tagsüber erbärmlich dahockt und abends fröhlich die Krücke auf die Schulter schwingt und mit den Tageseinnahmen zur nächsten Kneipe joggt; auch kein Sozialhilfe­empfänger, der Spenden für einen neuen Flachbildfernseher sammelt. Er ist vom Bauch seiner Mutter an lahm, schreibt Lukas wörtlich. Er konnte noch nie richtig laufen, und kann in einem Land ohne Rollstühle und ohne barrierefreie Zugänge auch kaum etwas arbeiten. Es geht ihm damit so wie denen, die in unserer Gesellschaft bei keiner Behörde mehr registriert sind, die durch alle Maschen fallen und keine Unterstützung mehr vom Staat bekommen, auch nicht mehr bei der Tafel – einfach, weil es so etwas damals nicht gibt. Weil die einzige Unterstützung die Almosen sind, die Gott vorschreibt, wie es im 5. Buch Mose heißt (15,7):

“Wenn einer deiner Brüder arm ist in irgendeiner Stadt in deinem Lande, das der HERR, dein Gott, dir geben wird, so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten gegenüber deinem armen Bruder”.

Auf diesen Mann also kommen Petrus und Johannes zu. Vielleicht gehen gerade jetzt viele zum Gebet, vielleicht sieht er ihnen an, dass sie nicht zu den Händlern gehören, die im Vorhof ihre Tauben und Lämmer für die Opfer verkaufen. Und er sagt leise “Erbarmen, Erbarmen!” Oder er hält ihnen wortlos seine Bettelschale hin. Die Apostel bleiben stehen. Worauf er hofft, ist klar. Eine Kleinigkeit, eine kleine Münze. Und klar ist, dass ein frommer Jude etwas gibt. Aber Petrus sieht ihn an und sagt: Ich habe kein Geld. Keine Gold- oder Silbermünze, nicht einmal ein Kupferstück. Und dann gibt er ihm etwas, um das der Mann mit seiner Behinderung nicht gebeten hat: “Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und laufe.”

An dieser Stelle halten wir mal kurz an, liebe Gemeinde. Viele Ausleger schreiben hierzu, dass es auch außerhalb der Heiligen Schrift zu der Zeit viele Berichte von Heilungen gab. Und dass später viele Heiligenlegenden in der Kirche entstehen, die ganz ähnlich klingen. Und sie schließen daraus, dass man von diesem Wunder­bericht einiges abziehen muss, um auf den “Boden der Tatsachen” zu kommen. Auf jeden Fall sei da nichts “gegen die Naturgesetze” geschehen. Und: Glaube und Gesundheit soll man auseinanderhalten. Für den Glauben ist die Kirche zuständig, für die Gesundheit der Arzt. Da fragt man sich nur, warum Lukas sich so etwas überhaupt ausgedacht hätte. Die Antwort, die sie geben? Er wollte deutlich machen, “dass Jesu Kraft auch über den Tod hinaus wirksam ist.”

Das scheint mir allerdings unglaubwürdiger als ein Wunderbericht im Neuen Testament. Denn was kann man mit einer Sache beweisen, die man sich aus­ denkt? Und wenn Jesus tot ist und immer noch Kraft hat, in dieser Welt etwas zu bewirken, wird dann nicht daraus eine Geistergeschichte?

Sicher, es gibt frag-würdige Wundergeschichten. Es gibt ausgedachte. Und es gibt Menschen, die holen sich andere Mächte heran, um Dinge zu tun, die sich mit dem Verstand und der Naturwissenschaft nicht erklären lassen. Aber hören wir genau hin: “Im Namen Jesu Christi von Nazareth”, sagt Petrus. In dem Namen “Jesus”, das heißt “Der Herr hilft”. Denn der ist der Christus, der von Anfang an versprochene Retter, der alles neu machen wird. Von dem die Propheten sagen, wie es in der alttestamentlichen Lesung für heute heißt:

“Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn.” (Jesaja 29)

Ja, im Namen des “Jesus von Nazareth” – wie es öffentlich und in drei Sprachen zu lesen war über seinem Kreuz. Mit dessen Sterben der Vorhang vor dem Aller­heiligsten im Tempel zerrissen und der Zugang frei geworden ist für alle, auch für solche wie diesen Mann mit seiner Behinderung und für uns, die gar nicht aus dem jüdischen Volk kommen. Weil damit unsere Schuld zugedeckt ist, die uns von Gott fernhält. Jesus von Nazareth, der am dritten Tag danach auferstanden ist. Von dem Paulus deshalb sagt, er ist der Erstgeborene der neuen Schöpfung (Col 1,18). Ja, in dessen Namen steht Petrus vor dem Bettler. Und damit Christus selbst. Uner­wartet, ungehofft, unverdient. Sieht ihn an. Sagt ihm, “Steh auf und laufe!” Nimmt seine Hand und richtet ihn auf. Macht ihn zu einem Teil der neuen Schöpfung. Ja, dass mit seiner Auferstehung die neue Schöpfung begonnen hat, wird an dem Tag im Tempel sichtbar. Der geh-unfähige Bettler, den viele vom Sehen kennen, springt und hüpft und singt und lobt Gott – und er ist nicht mehr außen vor, er ist im Tempel. Das hat keiner von ihnen am Morgen gedacht.

Und der Bettler auch nicht. Für ihn verändert sich damit ganz viel. Er kann ab jetzt für sich selbst arbeiten. Was Paulus im Epheserbrief schreibt – dass der, der arbeiten kann, es tun soll, damit er anderen etwas abgeben kann (Epheser 4,28) – das gilt jetzt auch für ihn. Aus dem Empfänger wird ein Geber. Vielleicht muss er das erst lernen. Aber wenn er das hört, was Petrus am Anfang gesagt hat: “Im Namen Jesu Christi von Nazareth”, dann verändert sich für ihn noch viel mehr. Dann ändert sich seine ganze Zukunft. Denn dann begreift er, dass Christus durch seine Apostel an dieser Stelle etwas Wunderbares tut, etwas, das mit dem Verstand nicht zu erklären ist, was wir aber alle jeden Sonntag mit dem Glaubensbekenntnis aus­sprechen, wenn wir sagen: “Ich glaube an Gott, den Allmächtigen.” Es gibt zwar Gesetzmäßigkeiten in der Natur. Aber das sind keine Gesetze, die irgendwie über Gott stehen. Wo sollten die auch herkommen? Wenn Dinge nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten ablaufen, dann um unseretwillen, damit wir in dieser Welt zurechtkommen. Und wenn Gott es anders tut, dann auch um unsertwillen, aus seinem Erbarmen mit uns, mit dem er uns hilft, wo unser Verstand und unsere Erfahrung keine Hilfe erwarten können.

Und wir wären nicht nur dumm, wir wären verkehrte Boten, wenn wir das kleinreden würden. Nein, liebe Schwester, lieber Bruder, Gott hat die Macht dazu. Und deshalb will er gebeten sein. In deiner Not. Zuerst und immer wieder um Glauben. Und dann auch um das, was dir unmöglich scheint. Um Gesundheit. Um Arbeit. Um ein Einkommen, mit dem ein Mensch auskommen kann. Und darum, dass wir mit unseren Mitmenschen auskommen, dass sie uns annehmen und respektieren und einen Platz geben bei sich. Vor allem aber will er, dass wir die Hand seiner großen Gnade und Treue ergreifen, die er uns jeden Morgen hinhält. Dann beginnt der Tag so, wie's sonst nicht möglich wäre: Unter seiner Gnade. Dann endet er so, wie wir's zwar hoffen, aber nicht machen können und auch nicht verdient haben: dann finden wir am Abend Barmherzigkeit und Vergebung bei ihm.

Worum sollen wir denn sonst beten, wenn nicht um das, was für uns Menschen nicht möglich ist? Was heißt es denn sonst, einen Gott zu haben? Sicher, die Ärzte und die Medizin können heute viel tun, was die meiste Zeit in der Geschichte nicht möglich war. Aber den Verstand dazu und alle Zutaten für die Medikamente hat Gott gegeben. Ist das nicht auch zum Wundern und Staunen?

Und er tut auch heute Dinge, die nicht zu erklären sind. Wo auch Ärzte nach 12 Jahren Ausbildung ganz neu ins Staunen kommen. Dass einer die Diagnose bekommen hat “unheilbar”, und gesund wird. Oder dass einer eine solche Diagnose so gefasst aufnimmt, wie es nur ein Mensch kann, der an den aufer­standenen Herrn glaubt. Der die Zeit nutzt, sein Haus zu ordnen, wie es biblisch heißt; der nach vorne blickt auf seinen eigenen Ostermorgen. Und am Ende im Glauben friedlich einschläft. Und ich habe es hier in der Gemeinde erlebt, dass der Arzt jemandem erklärt, wie viel Zeit er nach seiner Erfahrung noch hat, und dass er etwa in einer Woche dann starke Morphiumdosen spritzen wird – und dieser Patient brauchte bis zuletzt kein Schmerzmittel. Sind das nicht auch Wunder?

Keine von solchen Erfahrungen eignet sich dazu, dass wir damit hausieren gehen. Egal, wie groß ein Wunder ist, es ist kein Beweis. Er wirkt auch keinen Glauben. Aber Gottes Wort wirkt Glauben. Das Wort von der Auferstehung Jesu, mit der er eine Tatsache geschaffen hat. Das Wort, das aus dir in deiner Taufe einen neuen Menschen gemacht hat. Einen, der schon jetzt zur neuen Welt gehört. Das Wort der Vergebung, durch das er dich in den Gottesdienst reinholt, dass du nicht außen vor sein musst. Auch wenn's bei dir noch nicht mit den Augen zu sehen ist, hier in der Apostelgeschichte zeigt dir dein Herr, was das heißt: Dass du allen Grund hast, zu loben und zu singen, mit Leib und Seele, hier im Haus Gottes, und dann in Ewigkeit. Mit Petrus und Johannes. Und mit deinen Brüdern und Schwestern. Amen.

                (Daniel Schmidt, Pfr., Immanuelsgemeinde Groß Oesingen, 2018)