Predigt vom 18.8.2019 (Phil 3,7-14)


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Predigt vom 18.8.2019 (Phil 3, 7-14)

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde,

wer will nicht Gewinner sein?

Tim stammt aus einer angesehenen Familie. Die Menschen erwarten, dass er das gleiche erreicht wie seine Eltern und Großeltern. Ein Zeichen des Erfolgs ist für sie auch gesund und fit zu sein. Denn so zeigt man, wie leistungsfähig man ist, welche Ausdauer und welchen Siegeswillen man hat. Für Manager gehört es nämlich dazu, bei harten sportlichen Wettbewerben mitzumachen: Beim Triathlon oder wenigstens beim Marathon. Und so machen die Eltern von Tim regelmäßig mit. Und sie schicken ihren Sohn auf eine Sport-Eliteschule. Aber er will alle Erwartungen übertreffen. Er will nicht nur Amateur sein, sondern Profi. Nicht nur dabei sein, sondern Erster, Bester.

Ja, wer will nicht der Beste sein? Ob nun bei Wettbewerben, in der Schule oder im Betrieb.

Paulus wollte zu den Besten vor Gott gehören. Und tatsächlich: Wie es aussah, war er ein Gewinner. Schon von seiner Herkunft hatte er die besten Voraussetzungen: Er stammte aus dem erwählten Volk Gottes; seine Eltern hatten genau befolgt, was das Gesetz forderte. Er selbst hat zu der Gruppe mit den strengsten Regeln gehört, zu den Pharisäern. Darin lebte er fehlerlos; keiner konnte ihm nachsagen, etwas anderes getan zu haben, als von ihm gefordert wurde.

Noch dazu hat er dafür gekämpft, dass alle sich an diese Ordnungen halten. Deshalb hat er die Christen verfolgt. Die, die meinten, der Messias wäre gekommen und der hätte anderes über den Willen Gottes gesagt. Und Paulus war durchaus erfolgreich bei dieser Arbeit, sein Ruf eilte ihm voraus. Er meinte es eben ernst, er hat alles gegeben. Weiter konnte man nicht kommen.

Aber plötzlich will Paulus lieber ein Verlierer sein. Die früheren Siege erscheinen ihm ganz wertlos. Die früheren Erfolge nennt er „Dreck“; es ist eigentlich das, was in die Kläranlage gehört. Wer redet denn so von seinem Erfolg? Warum sagt Paulus das?

Er hat erkannt, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Wer der wirklich ist, den er eben noch verfolgt hatte. Dieser Verlierer, der am Kreuz gestorben ist. Der ist in Wirklichkeit der Sieger. Mit ihm steht man auf der Seite der Gewinner.

Vor Damaskus ist das Paulus klargeworden. Er hat das natürlich nicht von selbst erkannt. Niemand kommt von selbst auf so eine Idee: von einem Gegner des Christus zu einem Verkündiger seiner Botschaft zu werden. Er hat das nicht erreicht, indem er sich weiter gesteigert hat. Er hatte sich ja schon bis zum Äußersten bemüht, alle Erwartungen Gottes zu erfüllen. Es ist kein Übergang, sondern eine Wende, die er erlebt. Viele werden die Erzählung von dieser Lebenswende kennen: Wie Jesus selbst zu Paulus gesprochen hat; wie Paulus solch ein Licht aufgegangen ist, dass er gar nichts anderes mehr sehen konnte.

Und in diesem Licht hat Paulus auch erkannt: Was er bisher erreicht hat, das ist Mist. All unser Gewinnen führt vor Gott nicht zum Sieg, sondern in die Niederlage. Alles, was wir erreichen und vorweisen wollen, bringt uns an diesem Punkt nicht weiter. Wenn es um uns selbst geht. Klammern wir uns an unsere Erfolge, dann sind wir von ihnen abhängig. Richten wir uns danach, was die Menschen von uns erwarten, sind wir ihrem Urteil ausgeliefert. Und womit stehen wir dann da? Wir haben uns abhängig davon gemacht, was die anderen sagen; wir sind abhängig davon geworden, wie viel wir noch wie lange schaffen. Wenn wir uns aber unter so ein Urteil nach unserer Leistung stellen, so haben wir alle verloren, vor den Menschen und vor Gott.

Also müssen wir erst erkennen, welcher Schaden es ist, alles erreichen zu wollen, unbedingt Gewinner zu sein, Erster und Bester. Dazu musste auch Paulus vor Damaskus erst blind werden für den Gewinn dieser Welt. Damit er sehen konnte, was wirklich das Wichtigste war. Denn wer alles hat, der kann nichts mehr dazu gewinnen. Und so geht es uns Menschen: Wenn wir alles haben, sehen wir nicht, was uns fehlt. Wenn wir es aber verlieren, sind wir nichts mehr.

Deshalb ist es umgekehrt besser: Dass wir nicht allem nachjagen, was wir für Erfolg halten. Dass wir uns nicht danach richten, wer für die Menschen ein Gewinner ist. Dass wir vielmehr zu dem zu gehören, der als Verlierer erscheint: Jesus Christus. Über den die Menschen vielleicht lachen – und deshalb auch über uns. Aber wer mit ihm zum Verlierer wird, erst der kann alles gewinnen. Wer sich eingesteht, dass ihm das Wichtigste fehlt, der kann es dazubekommen.

Deshalb war es für Paulus schlecht, ein Gewinner zu sein. Lieber wollte er mit, ja in Jesus gefunden werden. Denn dort kann er bleiben, auch wenn alles andere zu Ende geht. Wenn ihm all sein Gewinn nichts mehr bringt, wenn er nicht mehr kann, wenn er stirbt. Auch der Sportler bleibt ja nicht gesund und fit; schon eine Verletzung kann seine Karriere beenden. Allein Jesus Christus schenkt, was nötig ist, um zu bestehen, um weiterzuleben; unabhängig von dem, was wir noch leisten können. Er nimmt uns hinein in seinen Sieg am Kreuz. So macht er uns zu Mit-Gewinnern und Mitsiegern vor Gott. So werden wir vor ihm angesehen.

Und darum ist Paulus all das andere gar nicht mehr wichtig. Das, was uns Menschen sonst so wichtig ist; was als größter Sieg und höchste Leistung gefeiert wird. Es war sogar ein Schaden für Paulus. Denn es brachte ihn dazu, auf seinen eigenen Sieg zu vertrauen. Auf einen Sieg, mit dem man so abhängig ist von dem, was man leistet und wie es von anderen beurteilt wird. Ein Sieg auch, der am Ende nicht besteht.

Aber nun weiß er, was er mit Jesus Christus gewonnen hat. Und er vertraut ihm mehr, als er auf sich und seinen Sieg vertrauen konnte. Einmalig und persönlich nennt er ihn hier „meinen Herrn“. Er sagt sich: „Alles setzte ich auf ihn - und nicht mehr auf die andern Dinge, die Hingabe und Liebe erfordern. Mit Jesus will ich verbunden sein. Ihm will ich gleich werden in der Niederlage; ich will ein Verlierer sein in dieser Welt; ich will auch mit ihm sterben, um von ihm den Sieg zu bekommen.“

Schwäche zu zeigen, zu leiden und verlieren - das ist nun keine Schande mehr. Jesus war auch schwach, er hat gelitten und am Ende scheinbar sogar verloren. Das nimmt mir die Angst vor dem Urteil anderer. Ob die anderen mich als Gewinner oder Verlierer sehen, das kann mir egal sein. Die Leute reden viel - auch über ihn, den leidenden Jesus haben sie viel gelästert.

Wem stattdessen das wichtig ist, was bleibt, der hat ein anderes Ziel im Blick. Der fragt nicht, was wohl die Leute darüber denken und was sie dazu sagen. Der will um jeden Preis zu Christus gehören; mit ihm leben; ihm ähnlich werden. Das ist kein Vorgang, sondern das gesamte christliche Leben. Dann ist nicht mehr wichtig, ob es viel her macht, was ich tue; ob das für wichtig gehalten wird, wofür ich mich einsetze. Wer sich mit Jesus und seinem Leiden verbunden fühlt, der findet, wie er für andere da sein kann.

Paulus redet aber nicht nur von Leiden und Tod Jesu. Sondern zuallererst von der Kraft seiner Auferstehung. Damit meint er also nicht nur das, was in der Zukunft liegt. Sondern das geht allem schon voraus. Der Sieg der Auferstehung, das ist Kraft für das Diesseits. Das ist Kraft für das Leben. Das ist die Kraft, die dem Tod entgegenwirkt, wo er sich im Leben zeigt: In Hass, in Gewalt, in Krankheit, in zerstörten Beziehungen. Überall, wo der Tod das Leben unmöglich machen will, da stärkt einen die Kraft der Auferstehung. Dort können Menschen nach Wegen suchen, die zum Leben führen, statt den Tod auszubreiten.

Denn die Kraft der Auferstehung hilft, mit Misserfolgen zu leben. Durch sie können wir neu anfangen. Und wir bleiben in unseren Sünden und Fehlern nicht stecken. Wir müssen nicht resigniert zurücktreten, uns nicht aufgeben. Wir müssen nicht mehr aus Frust alles kaputt machen, was uns den Erfolg verwehrt. Denn den Sieg bekommen wir nicht wegen unserer Leistung. Deshalb brauchen wir nicht mehr um den Erfolg zu kämpfen, als ginge es dabei um unser Überleben.

Mit dem Evangelium von heute gesprochen: Wir haben keinen Grund den Schatz ängstlich zu vergraben, den Teil des Siegespreises, den Jesus uns anvertraut hat. Dieser Siegespreis geht nicht verloren, wenn wir ihn an andere abgeben, wenn ganz viele andere zu Mitsiegern werden. Wir gewinnen damit sogar noch mehr dazu.

Denn ob wir Erster oder Letzter sind, das macht keinen Unterschied, wenn wir diesen Schatz haben. Die Kraft der Auferstehung erfahren wir als Freude am Leben: auch mit einem schlechten Zeugnis, auch nach einem Fehlschlag. Ich muss nicht immerzu kämpfen, um zu beweisen, dass ich der Beste bin. Das ist nichts wert. Das ist Dreck, würde Paulus sagen, das ist vergänglicher Mist. Von Gott werde ich genauso angenommen, wenn es nicht so gut gelaufen ist. Ja, er schenkt seine Gerechtigkeit gerade dem, der als Verlierer zu ihm kommt. Denn der ist bereit, zu empfangen, was ihm fehlt. Dann kann und darf ich trotzdem fröhlich weiterleben. Indem ich mich verlasse auf das, was Christus für mich getan hat.

Deshalb ist Paulus so ergriffen von Christus. Was hinter ihm liegt, das zählt jetzt nicht mehr. Wie er als Gegner Jesu erfolgreich war. Das, was er für einen Sieg gehalten hatte, aber eine Niederlage war.

Christus stellt ihn auf eine neue Laufbahn. Auf der zu laufen ist auch anstrengend. Ja, es erfordert viel von ihm. Aber was jetzt entscheidet, ist nicht mehr sein Erfolg. Es ist auch nicht der Glaube die neue Leistung, die erbracht werden muss. Sondern der Glaube, das ist Gnade. Paulus hat ihn genauso wenig erreicht, wie er sich selbst so vollkommen ändern konnte: Von einem Verfolger der Christen zu einem, der sich ganz in den Dienst von Jesus stellt. Nun rennt Paulus auf das Ziel zu, das er ihm gesetzt hat.

Paulus übersieht nicht, dass er schon einiges erreicht hat. Ein großes Stück der Rennbahn hat er schon geschafft. Aber das ist nicht entscheidend. Sondern, dass man nicht selbstzufrieden zurückblickt, sondern weiter dem Ziel entgegenjagt.

Das bedeutet nicht hektische Anstrengung. Solche, mit der man es selbst zu schaffen meint. Es ist auch nicht Ausdruck von Angst, die zum Tun antreibt. Sondern wir rennen den Weg, den Jesus uns gezeigt hat; auf dem er auch schon gelaufen ist.

Wir sind auf der Rennbahn und haben das Ziel vor Augen. Dem nachjagen und darauf zurennen sollen wir. Das bringt Unruhe und Bewegung in das, was wir tun. Aber haben wir nichts mehr zu erwarten und sind wir schon am Ziel? Oder steht noch etwas aus und wir laufen noch auf das Ziel zu?

Wir sind nicht unsere eigenen Sieger. Dann hätten wir schon alles erreicht. Erst wenn wir als Verlierer zu Gott laufen, können wir etwas dazugewinnen. Dann werden wir von ihm den Sieg bekommen. Denn mit unserem Herrn Jesus Christus werden wir gleich in Leiden und Verlust, aber auch in seinem Sieg der Auferstehung.

Deshalb zählt nicht mehr, was wir im Leben unter Anstrengung gewinnen oder verlieren. Davon hängen wir nicht mehr ab. Lieber wollen wir als Verlierer gelten, wenn wir damit doch das Leben gewinnen. Und wer will nicht Gewinner sein? Amen.

(9. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)