Predigt vom 18.5.2019 (Apostelgesch. 16,23-34)


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Create Date18. Mai 2019
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Nachdem man (Paulus und Silas in Philippi) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Auf­ seher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Schwestern und Brüder,

eine lässige, legere Jacke ist etwas, das man fast überall tragen kann. Zur Schule, zum Kino, zum Einkaufen oder zu einer Reise. Dabei kommt es auf das genaue Aussehen und den Hersteller meist nicht so an. Es könnte auch eine andere Jacke sein, je nach der Laune, der Mode, oder dem, was Kollegen oder Freunde tragen.

Ich habe den Eindruck, dass religiöse Überzeugungen in unserer Gesellschaft heute oft wie eine solche Jacke gesehen werden. Man fragt kaum, wie diese Über­ zeugungen genau aussehen. Und man geht davon aus, dass man sie wie etwas Äußeres tragen kann, was man hier und da anzieht, aber manchmal eben auch nicht; etwas, das heute so ist, aber morgen auch anders sein könnte. Die meisten von uns haben ja heute mehrere Jacken und sind es gewohnt, eine zum Arbeiten anzuziehen, eine andere, wenn sie Freunde treffen, und zum Feiern noch eine an­ dere. Die Wahl der Jacke hat etwas mit dem Lebensstil zu tun. Aber sie ist nicht le­ bensentscheidend. Und so sieht es unsere Gesellschaft auch gern mit der Religion.

Da passt es dann aber nicht, wenn jemand sagt, für mich ist die religiöse Über­ zeugung nicht etwas Äußeres; nicht etwas, das ich meiner Umgebung anpasse, ja nicht einmal etwas, das ich mir selbst aussuche. Es ist keine Lifestyle-Frage. Selbst wenn man die anderen ihre Jacken bunt kombinieren lässt oder nach Lust und Laune wechseln – so eine Überzeugung kommt nicht gut an. Denn diesen einenGlauben will sich unsere Gesellschaft nicht nehmen lassen: Dass es letztlich nichtdarauf ankommt, was jemand glaubt. (Das wird übrigens oft mit der Toleranz begründet, obwohl die ja etwas ganz anderes ist, nämlich gerade das Ertragen von unterschiedlichen, festen Überzeugungen nebeneinander.)

Ganz ähnlich aber war's in der Entstehungszeit der Kirche in ihrem gesamten Umfeld; also in Nordafrika, im Vorderen Orient und in Europa. Man konnte sich seine Götter selbst zusammenstellen. Bei den Römern in Italien etwa waren das kleine Familiengötter, Figuren, die man in eine besondere Nische in der Wand stellte. Die sollten die Familie und den Haushalt beschützen. (Die hießen übrigens “Penaten” – danach ist die Creme benannt, die viele kennen; der Schutz vor einem wunden Babypopo ist eben auch ein Stück Familienglück.) In der Weltstadt Athen waren die Leute andererseits immer hinter etwas Neuem her. Und beides war eigentlich alles ziemlich lässig, denn man konnte sich seinen religiösen Lebensstil selbst kombinieren, ihn der Situation anpassen und ihn ändern.

Es gab nur eins, das alle glauben mussten: Dass der Kaiser die höchste Autorität war. Deshalb war es ein Problem, als die ersten Christen seit der Himmelfahrt sagten: Jesus ist der Herr aller Herren, über der ganzen Gesellschaft und über jedem Menschen; ob der das nun glaubt oder nicht. Dabei wussten die Christen, dass sie mit damit eine kleine Minderheit waren, und dass sie zwar wünschen mochten, dass alle zu dieser Überzeugung kommen, aber dass sie nichts anderes tun konnten als davon zu reden und diesen Herrn zu bitten: “Dein Reich komme!”

Ja, dieses Bekenntnis der Christen war ein Problem. Das sehen wir hier in Philippi, auf der zweiten Missionsreise des Paulus. Da sind vorher zwei Dinge geschehen. Eine Migrantin aus Kleinasien, Lydia, ist zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Sie hat sich taufen lassen zusammen mit allen, die zu ihrem Haushalt gehören. Und ein Dienstmädchen, die fremdbestimmt gewesen war, ist davon losgekommen. Sie konnte Leuten etwas voraussagen, das dann eintraf, und sie wurde gezwungen, das für Geld zu tun. Eine tolerante Gesellschaft konnte sagen: Klar kann Lydia Christ werden. Wir haben Religionsfreiheit. Und gut, dass diese junge Frau endlich frei und selbstbestimmt ist. Das ist ein Menschen-Recht.

Nun, der Fall der Lydia hat anscheinend erstmal keinen weiter gestört. Aber der zweite Fall ist ein großer Verlust für die, die diese Frau ausgebeutet hatten. Für sie geht es um viel Geld. Die beiden Prediger, Paulus und Silas, werden vor die Stadtrichter geschleppt. Und mit einem Mal gilt nur noch als Recht, was die Mehrheit anscheinend will. Im Nachhinein könnten diese Richter das sogar begründen, wenn sie das Glaubensbekenntnis der christlichen Gemeinde dort hören würden, so wie Paulus es später in seinem Brief an sie schreibt (Phil 2,8-11):

“[Gott hat Jesus Christus] den Namen gegeben, der über alle Namen ist [nämlich mit seiner Himmelfahrt], daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.”

Da ist das Problem: Die Christen behaupten, dass diese eine Stimme in Rom, die des Gott-Kaisers, nicht die entscheidende ist. Dass sie sich vor einem verantworten müssen, der über ihm ist; und er auch, und alle Menschen. Und wer's hier nicht mit bekennt, der wird am Ende vor ihm mit furchtbarem Schrecken in die Knie gehen.

Darauf aber reagiert so eine Gesellschaft allergisch. Die Gesetze, die Paulus und Silas schützen sollen, werden in ihrem Fall einfach nicht angewandt. Sie werden gefoltert, blutig geschlagen. Sie kommen ins Gefängnis. Kein Kontakt nach draus-sen. Kein Anwalt. Hilflos der staatlichen Willkür ausgeliefert.

Da liegen sie auf dem Boden, die offenen Wunden am Rücken, und können sich nicht einmal drehen, weil die Füße im Holzblock stecken. Auf einmal sieht ihr tolles Erlebnis kurz vorher ganz anders aus. Lydia, die gerade erst Christ geworden ist, ist auf sich gestellt. An dem Dienstmädchen wird man sich jetzt vielleicht rächen. Und das, was Paulus und Silas da öffentlich gepredigt haben, war wohl nichts, wenn der Herr aller Herren nichts gegen die Stadträte tun kann. Ausdie Hoffnung, dass die Zeit kommt, wo alle Knie sich vor Christus beugen und alle Zungen beken­ nen sollen, dass er der Herr ist. Oder nicht? Ja, sollten sie dann nicht jetzt diese Jacke ausziehen, die nicht mehr in die Situation und in die Gesellschaft passt?

Nein. Denn wir haben da gerade die Rechnung so gemacht, als wäre der Glaube etwas, das sich Paulus und Silas ausgesucht haben. Gottes Sohn hat dem Paulus bei seiner Bekehrung gesagt, dass er für ihn leiden muss. Und dass er seinen Namen vor Könige und Kaiser bringen wird. Bis nach Rom muss er also noch kommen, und wenn's als Gefangener wäre. Und singen die Engel nicht seit dem Karfreitagabend ein Loblied, seitdem Gottes Sohn am Kreuz das letzte Wort gehabt hat, das “Es ist vollbracht!”? Haben sie's nicht auch gesungen, als er im dunklen Grab lag, als der Teufel noch seine Karfreitagsparty hielt?

Und das Gebet “Dein Reich komme”, gilt das nicht gerade da, wo wir's nicht sehen? Martin Luther erklärt ja dazu, “Gottes Reich kommt wohl von sich selbst ohne unser Gebet”. Das heißt auch, ohne dass wir's sehen, zumindest um uns herum oder im Augenblick. “Aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.” Das fängt damit an, dass Christus da ist, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. Paulus und Silas sind da, in ihrer Zelle. Und sie singen geistliche Lieder. Sie sind in seinem Namen zusammen. Christus ist da.

Das aber heißt, er ist genauso auch bei der Dienstmagd, bei Lydia und bei ihren Angehörigen. Und bei uns, wenn wir nachts nicht schlafen können, wenn wir uns Sorgen machen. Und bei unseren Brüdern und Schwestern aus dem Iran und aus Afghanistan, wenn sie in Asylbewerberheimen von anderen geschlagen werden, weil sie ein Kreuz um den Hals tragen, oder weil sie den islamischen Fastenmonat nicht mit begehen. Und er ist bei ihnen, wenn sie in Abschiebeeinrichtungen gebracht werden, wenn sie ins Flugzeug müssen und wenn sie in ihrer Heimat durch das Flug-Gate kommen und die Behörden alles über sie wissen.

“Gelobt sei Gott”, das ist auf Arabisch oft zu hören, wenn etwas gut gegangen ist, etwa wie im Deutschen “Gott sei Dank”. Paulus und Silas aber loben Gott, als es gar nicht danach aussieht, als ihre Erfahrung dagegen spricht und alles, was sie fühlen. Vielleicht haben sie Teile aus dem Gottesdienst gesungen wie bei uns das “Herr, erbarme dich” und dann “Ehre sei Gott in der Höhe!”; dem, der diese Bitte erhört. Oder das Lied aus dem Philipperbrief, das vorhin angeklungen ist, und das man überschreiben könnte “Von der Not zum Lob”. Denn am Anfang heißt es da,

“[Christus Jesus] erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist.”

Paulus und Silas haben sich diesen Herrn nicht ausgesucht. Erhat sich für sieentschieden, ist für sie gestorben, hat sie berufen. Es hängt deshalb auch nicht daran, ob sie bei ihrer Entscheidung bleiben, sondern ob er bei seiner Entschei­ dung für sie bleibt. Und das ist ganz gewiss. Für sie und für uns. Gelobt sei Gott!

Dennoch können sie das verlieren, und wir auch. Nämlich dann, wenn der Glaube an diesen Gott so wird wie eine Jacke, die wir ausziehen, wenn sie uns lästig wird oder wenn sie nicht in unsere Umgebung zu passen scheint. Paulus und Silas aber tun's nicht. Und sie finden selbst Kraft in dem Lob, das sie singen, durch das sie mit allen Mitchristen verbunden sind, die für sie die Hände falten, die mit ihnen diesen Glauben bekennen und diesen Herrn bitten: Dein Reich komme.

Und der hört diese Bitte. In ihrem Fall hörbar und sichtbar. Die massiven Gefäng­ niswände fangen an zu zittern, die eisernen Riegel an den Zellentüren biegen sich, die Türen brechen auf. Normalerweise hätte jeder Gefangene jetzt nur einen Gedanken: Bloß weg hier. Endlich frei sein!

Aber hier ist Christus. Und mit einem Mal ahnen sie etwas von einer größeren Freiheit. Einer Freiheit von Schuld für die, die unschuldig im Gefängnis sind. Und für die, die behaupten, dass sie unschuldig sind. Durch unschuldig Gefangene macht Gott Schuldige frei. Das gilt von Christus, wenn wir an Barrabas denken, der an seiner Stelle freikommt, und an den einen Verbrecher neben ihm am Kreuz. Und es gilt jetzt genauso von Paulus und Silas.

Und durch einen zu Unrecht Beschuldigten, der Gott gehorsam ist, finden die, die vor Gott schuldig sind, Gnade. Auch das gilt von Christus und von seinen Aposteln. Und für die Mitgefangenen wird die Begnadigung durch Gottes Sohn wichtiger als die durch den Kaiser in Rom, der sich sowieso nicht für sie interessiert.

Und so erlebt's dann auch der Gefängniswärter, der sich in seiner Panik selbst das Leben nehmen will, dem Paulus laut zuruft, “Tu dir nicht's Schlimmes an”, der die beiden in sein Haus nimmt, ihnen die Wunden verbindet, sie als Gäste an seinen Tisch setzt, und der mit seiner Familie getauft wird.

Liebe Gemeinde, so kommt Gottes Reich. Ja, der Gott, den Paulus und Silas anrufen, macht nun, dass ihr Recht auch in der Gesellschaft gilt. Die Oberen müssen öffentlich zugeben, dass sie dieses Recht gebrochen haben. Das heißt: Lydia und die Gemeinde, die bei ihr zusammenkommt, stehen nun auch unter dem Schutz dieses Rechts. Und alle haben es mitbekommen: Der Glaube an Jesus Christus ist nicht wie eine lässige Jacke, die man an- und auszieht, wie es gerade passt. Wer zu ihm gehört, der gehört in allen Situationen zu ihm. Unsere Gesell­ schaft heute will glauben, dass letztlich nur eine Stimme zählt, wenn es darum geht, was für Menschen gut ist: Die Stimme der sogenannten öffentlichen Meinung. Aber sie ist intolerant gegen den Glaubensartikel, dass es einen Herrn über uns allen gibt, dem jeder von uns verantwortlich ist, ob er es glaubt oder nicht.

Aber dass sie so allergisch reagiert, ist ein gutes Zeichen. Das zeigt, dass das Salz seine Kraft in dieser Welt nicht verloren hat. Nur so kann die Welt Jesus Christus sehen und entdecken, dass es lebensentscheidend ist, ihn zu haben.

Wir aber bekennen es so, in jedem Gottesdienst. Dieser Glaube ist nicht wie eine Jacke, die man tragen kann oder ausziehen, wenn sie lästig scheint, je nach dem Wochentag oder der Umgebung. Er ist unser Schmuck und Ehrenkleid, mit dem wir vor Gott bestehen. Tragen wir ihn so? Dann werden's auch andere mitbekommen. Und am letzten Tag sagen: Gott sei Lob und Dank! Wir aber wollen schon jetzt davon singen und blasen, zu jeder Zeit und überall. Amen.

Vorabend zum Sonntag Kantate (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.