Predigt vom 18.4.2019 (1. Kor. 11,23-32, Gründonnerstag)


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Create Date18. April 2019
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(Der Apostel Paulus schreibt:) Ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer nun unwürdig von dem Brot ißt oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch. Denn wer so ißt und trinkt, daß er den Leib des Herrn nicht achtet, der ißt und trinkt sich selber zum Gericht. Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen. Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber von dem Herrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht samt der Welt verdammt werden.

Lasst uns beten: Dein heiliger Leib, Herr Jesu Christe, speise mich. Dein teures Blut tränke mich. Dein bitteres Leiden und Sterben stärke mich. Deine siegreiche Auferstehung erfreue und tröste mich. Herr Jesus Christus, erhöre mich. Amen.

Liebe Gemeinde,

was denkt ihr: Was ist das für eine Stimmung bei den Jüngern in der Woche, die wir heute die Karwoche nennen? Es muss eine seltsame Mischung sein. Der Weg zurück von Galiläa nach Judäa, Richtung Jerusalem, mit dem Wort Jesu ständig im Ohr, dass sie ihn dort umbringen werden. Und wie eine Bestätigung dafür das Wispern um sie herum, dass die religiösen Behörden beschlossen haben, ihn aus dem Weg zu räumen. Das, was das Wort “kar” im Althochdeutschen bedeutet – “Trauer, Leid, Wehklage” – das liegt in der Luft. Wie wenn man ahnt, dass irgendwo eine furchtbare Katastrophe hereinbricht.

Aber zugleich ist da die wachsende Feststimmung, die sich seit Kindertagen bei ihnen einstellt vor dem Passahfest, wie bei uns in den Tagen vor Weihnachten. Die Feststimmung, die die Pilger um sie herum wie eine Welle trägt; die aus Galiläa, die dieses eine Mal im Jahr den Weg zum Tempel machen, und die, die aus der Zerstreuung im gesamten Mittelmeerraum für das Passahfest nach Jerusalem pilgern.

Und alles gesteigert durch den jubelnden Empfang am ersten Tag diese Woche, improvisiert zwar mit dem Last- und Reittier der armen Leute, improvisiert der Teppich, der vor Jesus ausgebreitet wird, aber doch für einen Moment so mitreißend, dass man denken kann: Jetzt bricht es an, das Reich Gottes.

Aber dann bricht das ab. Jesus lässt die Menschenmenge hinter sich, geht zum Tempelhof, peitscht die Händler raus. Und geht am Abend wie in der Vergangenheit auch wohl über den Ölberg und das Kidrontal zurück nach Bethanien, eine halbe Stunde zu Fuß, zum Haus seiner Freunde Maria, Martha und Lazarus.

Und noch etwas mischt sich darein, mindestens bei einem von ihnen, bei Judas Ischariot, der eigentlich so etwas wie ein Guerilla-Kämpfer war. Als die ganze Stimmung auf ihrem Höhepunkt so plötzlich abbricht, da ist er wohl maßlos enttäuscht. Er hat es wohl schon geahnt, dass das Ziel mit Jesus nicht zu erreichen ist. Der wird die Römer nicht mit Gewalt vertreiben. Und ohne Gewalt lassen sie sich nicht vertreiben. Israel wird nicht wieder zu einem mächtigen Gottesstaat werden und sich selbst bestimmen.

Und Enttäuschung, die baut sich auch um sie herum auf. Es ist fast mit den Händen zu greifen: Dieser Prophet predigt Buße. Das hatte man schon von Johannes dem Täufer gehört. Man hatte ja auch Buße getan, einige von ihnen zumindest. Aber man hatte ständig das Gefühl, dass man vor ihm wie ein Ange­ klagter war. Als ob das Problem bei einem selbst liegt. Aber dass er die anklagt, die man selber hasst, die Besatzungsmacht, das ist von ihm nicht zu hören. Revolution, eine wirkliche Veränderung im Land, das ist mit ihm nicht zu machen. Dazu braucht man Leute wie Barabbas.

So liegt wohl auch über der Vorbereitung für die Passahfeier bei ihnen eine gedrückte Stimmung. Sicher, ihr Meister scheint die Dinge in der Hand zu haben. Den Esel überlässt man ihnen bereitwillig, genau wie er gesagt hat. Jemand bereitet für sie in einem Privathaus alles vor für die Passahfeier, im ersten Stock, ohne, dass sie darum gebeten haben. Vielleicht ist das einer aus dem größeren Jüngerkreis; vielleicht hat er ebensowenig überlegt wie Maria, als sie die Flasche mit dem kostbaren Salböl aufbrach und Jesus damit salbte; vielleicht ist er einfach einer von denen, die Jesus liebhaben und gar nicht überlegen, wie viel sie für ihn tun würden.

Aber jetzt spricht Jesus ganz offen von seinem Tod. Bei der Passahfeier, wo es doch eigentlich um die Befreiung von der Unterdrückung in Ägypten geht und um die Rettungvom Tod. Und dann sagt er, einer von ihnen wird ihn an seine Gegner verraten. Und sie erschrecken alle. Jeder denkt: Ich könnte der Verräter sein. Ich habe das Zeug dazu in mir. Petrus lässt es keine Ruhe, er gibt Johannes ein Zeichen, der am dichtesten bei Jesus am Tisch liegt. Johannes fragt ihn: Wer ist's? Und Jesus sagt: Der, dem ich den Bissen reichen werde.

Wieder ist es Jesus, der die Initiative ergreift. Alles, was er tut, seit dem Einzug auf dem Esel, scheint eine tiefere Bedeutung zu haben. Er reisst ein Stück ab von dem weichen, ungesäuerten Brotfladen, formt es zurecht, wie man das macht, zu einer Art Löffel, den man dann in die Schüssel taucht, um ein Stück Fleisch damit rauszunehmen, und reicht es Judas (Joh. 13,24-28). Das tut ein Gastgeber für einen besonderen Gast. Es ist ein Zeichen der Ehre, der Liebe. So wie Judas den Pharisäern versprochen hat, dass er Jesus ein Zeichen der Liebe erweisen wird, einen Kuss. Nur ganz anders. Denn bei Judas ist diese Liebe längst tot. Aber hier ist es so, als ob Jesus ihm doch noch die Hand hinstreckt. Aber Judas nimmt sie nicht. Er nimmt nur das Brot. Von dem, der das Brot des Lebens ist, hat er sich schon getrennt. Steht auf und geht raus, um sich seine dreißig Silbermünzen zu verdienen.

Wir ahnen, liebe Brüder und Schwestern, die Stimmung dieser letzten Woche mit Jesus, wenn wir den Berichten der Evangelisten so nachgehen. Ja, vielleicht können wir es den Jüngern damit etwas nachfühlen, wie es ihnen ergangen ist. Aber das bringt uns nicht weiter als bis dahin. Es geht ja um das, was Jesus tut.Für sie. Und für uns. Denn wenn Jesus sagt “für euch”, dann redet er uns damit auch an. Deshalb geht es am Gründonnerstagabend jedes Jahr um uns.

Und damit geht es um das, was neu ist an diesem Abend. Was er tut, nachdem sie wie in den Jahren vorher mit ihm das Lamm zum Passah gegessen haben und die bitteren Kräuter, die an die bittere Zeit in Ägypten erinnern, wo sie Sklaven waren und ihren Tod ständig vor Augen hatten. Nachdem sie das getan haben, was Gott seinem Volk 1200 Jahre vorher aufgetragen hat: dass sie dies jedes Jahr tun, zum Gedächtnis.

Das haben sie gemeinsam getan, mit dem Meister als ihrem Gastgeber. Jetzt ist der Moment, wo sie eigentlich aufstehen und den Lobgesang zum Passah anstimmen, die Psalmen 113 bis 118, die sie auswendig können.

Aber ihr Herr steht noch nicht auf. Jetzt füllt er seinen Becher noch einmal mit dem Passahwein, nimmt noch einmal ein Stück von dem ungesäuerten Fladenbrot, obwohl sie die Sättigungsmahlzeit schon hinter sich haben. Und spricht von seinem Leib, der für sie gegeben wird. Wie ein Opfer, von Gott vorher bestimmt. Wie bei dem Lamm zum Passah, das Gott angeordnet hatte, als noch nichts zu sehen war davon, dass ihre Unterdrücker besiegt würden, dass sie frei würden und ausziehen würden hin zu der Heimat, die von ihnen noch keiner selbst gesehen hatte. Dem Lamm, dessen Blut jede israelitische Familie außen an ihren Türrahmen strich, dessen Blut sie vor dem Tod bewahrte.

Und er spricht von dem neuen Bund. Den alten kennen sie. Der beginnt damit, dass Gott sich zu ihrem Gott gemacht hat. Und dass er sie aus Ägypten geführt hat. Und von dem neuen haben sie bei den Propheten gelesen. Auf den warten die frommen Israeliten jedes Jahr. Wie Simeon und Hanna im Tempel. Wie die Samaritanerin, die geglaubt hat, dass er der Messias ist. Jetzt hören sie, dass dieser neue Bund durch ein Opfer eingesetzt wird wie der alte. Aber was ist dieses Opfer? Der Leib ihres Herrn? Sein Blut? Heißt das, erwird von Gott geopfert? Er opfert sich selbst?

Nein, sie können es nicht begreifen. Und ihre Gefühle bringen sie da auch nicht weiter. Das Erschrecken und das Geborgensein bei ihm, das sind nicht mehr zwei Dinge, das ist eins. Denn dass er zum Opfer wird, das geschehe ihm nur nicht. Aber was auch geschehen mag, er ist der Meister, der Herr. Und sie gehören zu ihm. Gott sein Dank.

Und er reicht ihnen das Brot und damit seinen Leib. Und den Kelch und damit sein Blut. Das können sie nicht begreifen, nicht einmal im Nachhinein, als Paulus diese Worte aufschreibt, die der Herr ihm auch gesagt hat, obwohl er an dem Abend nicht dabei war (wann und wo wissen wir nicht); als der Jünger Matthäus sein Evangelium verfasst. Denn hier fallen der Abend des Gründonnerstag und der Karfreitag zusammen. Der Leib, der am Kreuz stirbt, das Blut, das auf das Kreuzesholz und auf den Boden fällt, das wird ihnen hier ausgeteilt.

Und dieses Zusammenfallen, das geschieht bis heute. Denn Jesus sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ So, wie die heilige Schrift von “Gedächtnis” spricht, meint das nicht, “zur Erinnerung an etwas Vergangenes“ wie wenn man gemeinsam ein altes Fotoalbum anguckt. Es meint, dass die Tatsache, die in der Vergangenheit geschehen ist, für die, die später geboren sind, zur Tatsache wird, wenn sie dem Gebot folgen. Wenn sie das tun. “Gedächtnis”, das meint die Auszahlung heute für das, was einer gestern gearbeitet hat. Und “für euch” heißt: Du und ich bekommen das ausgezahlt, wofür unser Herr gearbeitet hat, am Karfreitag.

Deshalb schließt Paulus diese Warnung an an die Gemeinde in Korinth: “Der Mensch prüfe aber sich selbst.” Denn so, wie sie dort dieses heilige Mahl feierten, war es nicht mehr klar, ob sie einfach hauptsächlich miteinander Essen und Trinken teilten und satt wurden.

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder: Nicht wir schaffen im heiligen Abendmahl Gemeinschaft, unser Herr Christus tut es. Nicht wir sind die Gastgeber, er ist es. Deshalb ist es eineSache, wenn wir gemeinsam essen, Brötchen und Wurst herumreichen. Und eine andere, wenn wir kommen, um uns seinen Leib und sein Blut in den Mund geben zu lassen.

Und deshalb ist der nicht würdig, das heißt nicht geeignet, hier zum Altar zu kommen, der dieses Brot und diesen Wein nicht von dem unterscheidet, was bei uns zuhause auf den Tisch kommt. Denn wenn wir glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist, wahrer Gott wie der Vater, dann glauben wir auch, dass sein Wort tut, was es sagt. Und wenn wir Respekt haben für ein Testament, den letzten Willen eines Verstorbenen, dann ändern wir nichts an den Worten und nichts an ihrer Bedeutung. Und weil wir selber Jünger sind wie die 12 an dem Abend in dem Raum im ersten Stock irgendwo in Jerusalem, lasst uns so reagieren wie Petrus, als Jesus ihm die Füße wäscht: Petrus versteht nicht, wie und warum das geschehen soll. Aber er hört, dass Jesus ihm sagt: „Lass es mich für dich tun, damit du Anteil hast an mir. Damit du rein wirst.“ Und so hat er's dann ein Leben lang mit den Gemeinden gefeiert, hat sich selbst und ihnen das ein Leben lang gesagt: Damit habt ihr Anteil an dem, was am Karfreitag auf Golgatha geschehen ist. Damit habt ihr Vergebung der Sünden und ewiges Leben.

So lasst uns nicht  fragen, ob das denn sein musste. Lasst uns auch nicht weiter fragen, wie es sein kann, dass der Leib und das Blut unseres Herrn in einem Bissen Brot und einem Schluck Wein sind. Lasst uns glauben, auch wenn's unser Verstand hier noch nicht begreift. Lasst uns danken, egal, wie wie unsere Stimmung in diesen Tagen ist. Lasst uns kommen und dieses Geschenk mit Freude empfangen.

Und mit einstimmen in die Lobpsalmen zum Passahfest, die unser Herr dann mit den Jüngern auf dem Weg nach Gethsemane gesungen hat:

„Ich liebe den HERRN, denn er hört die Stimme meines Flehens. Er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen. Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not. Aber ich rief an den Namen des HERRN: Ach, HERR, errette mich! Der HERR ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig. [… ]Wenn ich schwach bin, so hilft er mir. Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.“ (Psalm 116,1-7)

Amen.

(Daniel Schmidt, P.)

(Hauptgottesdienst zur Einsetzung des Altarsakraments)