Predigt vom 17.3.2019 (Joh 3,14-21)


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Create Date17. März 2019
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(Jesus sprach zu Nikodemus:) Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, daß seine Werke in Gott getan sind.

Liebe Gemeinde,

Das Evangelium in einer Nussschale – so nennt man in Amerika den zentralen Satz aus dem Abschnitt, den wir gerade gehört haben, Johannes 3, Vers 16:

“Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.”

Da ist es, klein zusammengefasst, und doch ganz vollständig: Gottes Geschenk an uns.

Nun ist das mit Geschenken so eine Sache. Es gibt ja ganz verschiedene davon. Da gibt es zum einen solche, die man ein bisschen aus Pflichtgefühl macht. Ein runder Geburtstag, ein Jubiläum, eine Einladung dazu. Man will nicht mit leeren Händen kommen, auch wenn's dem anderen vielleicht nichts ausmachen würde, und überlegt, was für ihn passen könnte.

Bei solchen Pflichtgeschenken kann's dann auch mal passieren, dass man selbst etwas bekommt, was man nun wirklich nicht brauchen kann. Aber dann steht die Person vor einem, hat das in der Hand, strahlt, und – ja, man bemüht sich, Dank­ barkeit zu zeigen. Und denkt mit einem Mal: Der (oder die) war gar nicht auf meiner Liste bei seinem letzten Geburtstag, hoffentlich habe ich doch wenigstens gratuliert, das wäre ja sonst peinlich.

Zum andern gibt's Geschenke, die man sich gewünscht hat. Da sind Kinder manchmal besser drin als Erwachsene. Die sagen einem schon, was sie haben wollen.

Und dann gibt's Geschenke, die man nicht erwartet hat. Wo man gar nicht gedacht hat, dass man so etwas braucht. Man merkt erst, wenn man es hat, wie nötig das war. Und fragt sich, wie es sein kann, dass der andere einen da offenbar besser kannte als man selber. Das kann eigentlich nur bei jemandem passieren, der einem sehr nahe ist. Oder innerlich sehr verwandt, ohne dass man es bisher gewusst hat. Wie bei einem, der als Kind von einem bis dahin unbekannten Onkel eine Trompete geschenkt bekommen hat, ohne dass in seiner Familie irgendjemand etwas mit Blechblasen am Hut hatte, ohne dass er selbst bis dahin irgendein Interesse daran hatte, und heute ist er Profi-Trompeter im Staatsorchester.

Aber dieses Geschenk Gottes für uns, was ist das nun für eins? Ist es eins, das zu erwarten war, wie die Packung Pralinen bei der Einladung? Es könnte sein, dass wir diesen Satz so hören: “Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gegeben hat” – na ja, wir sind hier in der Kirche, der Pastor redet halt von Jesus Christus. Das kenn' ich schon, ist ja auch ganz schön, aber mich beschäftigen eigentlich im Moment andere Themen. Und vielleicht könnte ich mit einem Paar Socken mehr anfangen – oder mit einem neuen Handy!

Aber bevor unsere Gedanken zu den Socken oder zum Handy laufen, will ich gleich noch einmal weiterfragen. Ist es vielleicht doch ein überraschendes Geschenk, selbst wenn wir das schon viele Male gehört haben? Eins zum Überlegen, was das heißt, dass Gott seinen Sohn für mich gegeben hat? Brauche ich das? Soll ich da etwas auspacken?

Ich hoffe, dass diese zweite Reaktion unsere ist. Dass wir diesen Satz nicht zur Seite legen wie etwas, das mal wieder gesagt werden musste, aber nicht viel bedeutet. Sondern dass wir nachfragen, vielleicht auch kritisch nachfragen. Du magst im Leben Vieles haben, das du brauchst. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung zum Anziehen, genug zu essen und eine Krankenversicherung. Und manches, was du dir kaum noch wegdenken kannst, obwohl du mit dem Kopf weißt, dass du auch ohne das überleben könntest. Warum sollte dann dieses Geschenk, das Gott dir macht, wichtiger für dein Leben sein als das alles? Oder umgekehrt gefragt: Gehen nicht viele um dich herum durch's Leben, die mit diesem Satz von dem Sohn Gottes und der Liebe Gottes nichts anfangen können, aber denen es deshalb nicht schlecht geht? Und erfahren wir nicht anderswo wirklich genug über das, was wir brauchen; aus der Computerzeitschrift, aus Artikeln zur besseren Ernährung, und – ja, jeder aus der Werbung, die er sich so ansieht?

Warum sollte also dieses Geschenk, das Gott uns macht, so wichtig für uns sein? Lasst uns dieser Frage nachgehen. Denn die zeigt uns, dass wir Menschen zwar ziemlich genau zu wissen meinen, was gut für uns ist, allgemein und auch ganz individuell, mit unseren Vorlieben. Aber das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, was entscheidend ist, das erkennen wir von uns aus nicht.

Unser Abschnitt hier ist aus einem Gespräch genommen, das Jesus in der Nacht mit einem Pharisäer geführt hat, mit Nikodemus. Der war zu ihm gekommen, von sich aus, zu einer Uhrzeit, wo sie hoffentlich keiner stören würde. Die Nacht war die Zeit, die die Pharisäer auch für sich zum Studieren genommen haben, um sich ganz auf Gottes Wort zu konzentrieren.

Nikodemus kommt also zu Jesus. Der Evangelist Johannes erzählt gar nichts von einer Frage oder Bitte, die er gehabt hat. Dieser Mann, der Gottes Wort gut kennt, kommt einfach mit einer Feststellung: “Du heilst Menschen. Du hast Macht über die Natur. Das sind Zeichen, dass du von Gott kommen musst.” Vielleicht macht uns Johannes damit klar, dass wir von uns aus gar nicht wissen, was wir von Jesus brauchen, bis wir ihn vor uns haben. Wir erfahren es von ihm. Und es geht nicht darum, dass er alle unsere Fragen beantwortet. Sondern er stellt uns die ent­ scheidende Frage: Wo bist du? Im Licht oder in der Finsternis?

Ach nein, liebe Schwestern und Brüder, hier geht's ja noch viel weiter. Hier stellt uns Jesus nicht nur eine Frage. Hier sagt er uns selber schon, wo wir sind, wenn wir genau hinhören. Er unterscheidet zwar zwei Gruppen von Menschen: Die, die Böses tun, und die die Wahrheit tun. Und sagt, die einen kommen nicht zum Licht und die anderen kommen zum Licht. Aber – genau, da merken wir's ja: Beide sind ja im Dunkeln unterwegs. Und zwischen beiden ist äußerlich kaum ein Unterschied zu sehen. Bis das Licht angeht. Dann zeigt es sich: Die einen scheuen das Licht. Drücken sich in den Schatten. Die anderen kommen zum Licht. Es ist ihnen recht, wenn sie gesehen werden. Sie haben nichts zu verbergen.

Ganz praktisch reagieren Menschen ja überall so. Viele von uns haben inzwischen Außenlampen an den Häusern mit Bewegungsmeldern. Wenn da nachts um Zwei vor dem Fenster das Licht angeht und sich eine dunkle Gestalt plötzlich in die Ecke drückt, hat sie kein gutes Gewissen. Wenn aber jemand einfach vorbeigeht, ist er dankbar, dass er für einen Moment selbst besser sehen kann. Und er hat nichts dagegen, wenn er gesehen wird; auch nicht, wenn er am nächsten Tag darauf angesprochen wird. Und auch an öffentlichen Stellen macht Licht das Leben sicherer. In einigen Bundesländern gibt es eine Verordnung für die Einrichtung von extra Parkplätzen für Frauen. Dazu gehört, dass diese Parkplätze gut ausgeleuchtet sind. Das ist der gleiche Grundsatz: Wer nichts Gutes im Schilde führt, kommt nicht zum Licht. Von so einem Menschen heißt es hier in Johannes 3: Der ist schon gerichtet. Ob er von Menschen erwischt wird, ist nicht sicher. Aber er verfällt dem Gericht Gottes.

Nun meint Johannes mit “Finsternis” die Welt an sich. Nicht die schöne Schöpfung, nicht die Tiere und Pflanzen, sondern die menschliche Welt. Unsere ersten Eltern haben sich gegen Gott entschieden. Als er sie darauf angesprochen hat, haben sie sich versteckt, im Halbdunkel der Bäume. Weil sie sich so entschieden hatten, hatten sie Angst vor dem Licht.

Seitdem kommt es bei uns Menschen immer wieder zu dieser Entscheidung gegen Gott. Mit dem Unterschied, dass wir nicht anders können. Und wir merken es oft auch nicht. Weil es für uns normal ist (und für andere ja offenbar auch), dass wir um uns selber kreisen. Dass jeder sich selbst der Nächste ist. Dass wir voreingenommen sind für uns selbst. “Ach, wie ist die Welt so schlecht: Ein jeder denkt an sich. Nur ich, ich denk an mich.” Wenn es nicht so wäre, würden uns gute Regeln für unser Zusammenleben nie ein schlechtes Gewissen machen. Und ein Polizeiwagen im Straßenverkehr auch nicht.

Und wenn es nicht so wäre, dann hätte Gott seinen einzigen Sohn nicht für uns hergeben müssen. Dann wäre es nicht zu so einem Dialog zwischen Vater und Sohn gekommen, wie ihn der Liederdichter Paul Gerhardt so dramatisch in seinem Passionslied besingt, wo der Vater zum Sohn sagt: “Geh hin, mein Kind, und nimm dich an, der Kinder, die ich ausgetan zur Straf und Zornesruten”, das heißt derer, die Gott den Rücken zugekehrt haben, die damit seinen Zorn auf sich gezogen haben. Und der Sohn antwortet: “Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will dir's tragen.” Es ist ihm schwergefallen, den Weg in diese Welt zu gehen, Mensch zu werden, sterblich zu werden, gefoltert und umgebracht zu werden. Er wusste, dass es so kommen würde. Aber er hat Ja dazu gesagt. Für uns. Für dich. Und mich.

Das ist das, was Johannes hier zusammenfasst: Gott hat seinen einzigen Sohn für uns gegeben, “auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.” Das ist das größte Geschenk, das die Welt je gesehen hat. Gott schenkt sich selber. Er schenkt sein Leben weg. Er schenkt es uns.

Nein, das ist kein Pflichtgeschenk. Gott musste das nicht tun. Wir hatten ja nichts für ihn getan. Im Gegenteil. Es ist auch kein Geschenk, das irgendwie zu erwarten war. Denn das hat es vorher nicht gegeben und seitdem auch nicht. Und wohl auch keins, das wir uns so wünschen konnten. Außer in dem ganz allgemeinen Sinn: Ich wünschte, ich wäre im Reinen mit Gott. Ich wünschte, ich wüsste, dass es gut ist zwischen ihm und mir. Ich wünschte, dass diese paar Jahrzehnte hier in der Welt nicht alles sind.

Genau das aber hat Gott wahrgemacht. Indem er seinen Sohn gegeben hat. So hört es Nikodemus von Jesus. In der Nacht, als es draußen dunkel ist. Von dem, der von sich sagt: “Ich bin das Licht der Welt.” An diesem 'Evangelium in einer Nussschale' hat Nikodemus wohl ziemlich zu knacken gehabt. Mehrmals fragt er nach im Gespräch, begreift es nicht. Aber dieses Geschenk, das ist eins, das sich selber entfaltet, wenn wir es uns denn in die Hand und ins Herz geben lassen. Vier Kapitel weiter berichtet Johannes in seinem Evangelium, dass die Pharisäer und Hohenpriester Jesus festnehmen wollen. Ein Argument von ihnen lautet:

“Glaubt denn einer von den Oberen oder Pharisäern an ihn? Nur das Volk tut's, das nichts vom Gesetz weiß ...”

Da sagt Nikodemus, der selbst ein Pharisäer ist: “Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?” (Jh 7,48-51)

Und wir merken, wenn wir das Johannesevangelium bis zum Schluss lesen, dass Nikodemus tatsächlich an den Sohn Gottes glaubt. Er ist zu ihm gekommen, er hat das Licht gesehen, er will nicht mehr mitmachen bei den Werken der Finsternis; bei dem Machtmissbrauch, wo der Hohe Rat ein falsches Gerichtsverfahren plant und durchführt, um Jesus dann tatsächlich als Verbrecher hinrichten zu lassen. Und so ist es Nikodemus, der dann am Karfreitagabend kommt, um ihn zu begraben, zusammen mit Josef von Arimathäa.

Damit wird auch klar, wer die zweite Gruppe von Menschen sind. Die, die selbst auch keine “Leuchten” sind, aber “aus der Wahrheit” sind. Das sind die, die an den Sohn Gottes glauben. Die durch die Taufe neu geboren sind, und in einem neuen Leben leben. Nicht so, dass bei ihnen alles gut ist, was sie tun und sagen. Aber so, dass sie zum Licht kommen. Weil es nur so gut werden kann mit ihnen. Weil der Sohn Gottes gekommen ist, die Finsternis in uns zu überwinden. Wenn wir zu ihm kommen, dann tauscht er mit uns. Er nimmt das, was bei uns finster ist, auf sich. Deshalb hat er drei Stunden am Kreuz im Dunkeln gehangen. Damit wir nicht mehr im Dunkeln sind und bleiben. Er macht den Weg vor uns hell. Er macht unser Herz hell.

Und so malt uns Jesus hier einen Christenmenschen vor Augen, der nach Gottes Geboten leben will. Der deshalb das Licht des Wortes Gottes nicht scheut. Der regelmäßig hier sitzt, auch wenn er weiß, dass hier seine Sünde zur Sprache kommt. Der keine Angst hat, wenn andere ihn auf etwas ansprechen, das er gesagt oder getan hat. Denn er lebt davon, dass Gott seinen Sohn für ihn gegeben hat. Und kann deshalb auch zugeben, wenn er versagt hat. Aber er wird auf der Hut sein, dass das nicht zur Gewohnheit wird. Denn er weiß auch, dass es dafür keine Entschuldigung gibt. Und dass Jesus Christus der einzige ist, der seine Schuld täglich umladen kann auf seineSchultern. Wer den hat, der wird nicht mehr gerichtet. “Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gegeben hat, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.”

Sonntag Reminiszere (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt,P.