Predigt vom 17.11.2019 (Röm. 14,7-11)


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Create Date17. November 2019
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Liebe Schwestern und Brüder,

irgendwie fand ich es dieses Jahr recht angenehm – ich bin auf ziemlich wenig Halloween-Zeugs gestoßen. Ja, ein paar Vorgärten habe ich gesehen mit über­großen Spinnweben (was ich eigentlich gar nicht gruselig finde und nur überlege, wo das ganze Plastik nachher himkommt,) und irgendwo ein Skelett, ebenfalls aus Plastik. Vielleicht war ich nicht da unterwegs, wo ganze Läden mit solchen Sachen voll sind. Ich erinnere mich aber mehr an Vorgärten mit orangefarbenen Kürbissen als Herbstdeko­ration. Und ich freue mich, dass man den Kindern hier in der Umgebung am 31. Oktober sagen kann, was wir eigentlich feiern, nämlich die Reformation der Kirche, und dass sie zu Matten Herrn wiederkommen können.

Ich habe nichts gegen Verkleiden. Und wer seinem Hund ein Spinnenkostüm über­ziehen will, soll das selber mit ihm ausmachen. Aber was für ein Umgang ist das mit dem Tod, wenn man seinen Garten und sein Haus mit solchen Dingen dekoriert, und andere damit erschrecken will? Wie würden wir reagieren, wenn das statt am 31. Oktober am heutigen Sonntag geschehen würde, der in der Gesell­schaft als Volkstrauertag begangen wird? Wäre das nicht sehr unpassend?

Ja, der Tod ist heute auch in der Öffentlichkeit Thema. Vor 80 Jahren, am 1. September 1939 hat die nationalsozialistische Regierung unter Hitler Polen angegriffen und den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. 60 Millionen Menschen haben bis 1945 ihr Leben verloren. Und vor 30 Jahren ist die Mauer in Berlin gefallen, und der Zaun an der Zonengrenze, der Familien und Dörfer auseinandergerissen und 140 Menschen das Leben gekostet hat, ohne die ungezählten Opfer der Stasi. Heute wird der Volkstrauertag begangen, an dem es um die Opfer von Gewaltherrschaft und von Krieg geht. Irgend­etwas, was damit zu tun hat, als Deko zu verwenden, wäre nicht nur geschmacklos. Es wäre eine Verhöhnung von allen, die so Furchtbares erlebt haben.

Halloween, das heißt eigentlich “All Hallows Even”, der Abend vor “Allerheiligen”, vor dem Fest, das in der Kirche am 1. November begangen wird. Es scheint, dass aus Irland die Tradition kommt, sich am Vorabend möglichst gruselig zu verkleiden, um die bösen Geister zu erschrecken, wenn dann am nächsten Tag an die Verstor­benen gedacht wird. Dass jemand in Wittenberg auf so eine Idee kommen würde, als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen schrieb und verschickte, kann ich mir kaum vorstellen. Allerdings ging es da auch um das Fest aller Heiligen. Und auch da ging es darum, wie wir mit dem Tod umgehen. Die Wittenberger waren nämlich daran gewöhnt, dass der Kurfürst am 1. November in der Stadtkirche seine große Sammlung von Reliquien ausstellte, also von Knochen von Heiligen und Haar­strähnen und einem Splitter vom Kreuz Jesu und einem Tropfen der Muttermilch Marias. Viele haben jedes Jahr dafür Eintritt gezahlt, denn damit sollten einem nach dem Tod viele Tausend Jahre im Fegefeuer erlassen werden, das heißt sie sollten nicht so lange büßen müssen für ihre Sünden, sondern schneller zu Gott kommen.

Luther hatte in der Heiligen Schrift etwas radikal anderes gefunden: Wenn Christus für uns gestorben ist, wenn er uns seine Gerechtigkeit und seinen Sieg über den Tod aus Gnade schenkt, dann haben wir nichts mehr zu befürchten. Dann sind wir heilig, also Heilige, alle miteinander, die wir von seiner Vergebung leben. Und dann ist der Tod nichts mehr, mit dem wir irgendwie selbst fertig werden müssen. Denn das kann kein Mensch, da helfen auch keine gruseligen Veranstaltungen, kein Verdrängen und kein Schönreden. Das war der Grund, warum er am Tag vor dem Allerheiligenfest seine Thesen an die Kirchtür der Wittenberger Schlosskirche geheftet hat. Die war so etwas wie das Schwarze Brett für die Universität, und es war klar, dass alle Professoren und Studenten sie da am nächsten Tag lesen würden.

So aber wird heute in vielen lutherischen Gemeinden der Tag “aller Heiligen” gefeiert: Nicht als Tag von denen, die eine menschliche Kommission für besonders heilig erklärt hat, sondern im Staunen und in der Freude darüber, dass jemand wie Petrus, der so jämmerlich versagt hat, wie Paulus, der an der Ermordung von Stephanus Gefallen hatte, und jemand wie du und ich, die immer wieder schwach werden, wenn die Versuchung kommt – dass so jemand heilig sein kann, schon jetzt und heute; von Gott für heilig erklärt.

Und damit sind wir bei dem Predigtwort für den Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr aus dem Brief, den Paulus an die Christen in Rom geschrieben hat:

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jes. 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum laßt uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Keiner von uns lebt für sich selber und keiner stirbt für sich selber” – das gilt nicht einfach allgemein für uns Menschen, sondern es gilt für uns Christen. Und es ist ein großer Trost: Wir sind im Leben nicht allein. Nicht, wenn wir liebe Angehörige verloren haben, nicht wenn ein Soldat in Mali oder Afghanistan in eine lebensgefährliche Situation kommt, oder ein Polizist, ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau bei einem Einsatz. Und wir sind im Sterben nicht allein. Christus ist bei uns, in allen solchen Situationen. “Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.” Ja, Christus hat das für alle Menschen getan, wozu Menschen in solchen Berufen grundsätzlich bereit sind: Er hat seine Gesundheit und sein Leben gegeben, um unser Leben zu retten.

Gewiss, der Tod hat etwas Erschreckendes. Denn damit treten wir vor unseren Richter. Da wird er über unser Leben urteilen. Über das, was wir gedacht und gesagt und getan haben. Und das, was wir nicht getan haben. Auch deshalb werden wir Christen anders damit umgehen als die, für die ein bisschen Gruseln zur Unterhaltung geworden ist. Vor allem aber gehen wir anders damit um als die, die eben nicht “dem Herrn leben”, wie Paulus schreibt.

Denn das ist ja weit verbreitet, dass man meint, der Mensch lebt eigentlich für sich selbst. Gut, man kann seine Zeit und seine Kraft für andere einsetzen, aber es nimmt offenbar zu um uns herum, dass Menschen selbst entscheiden wollen, nach welchen Maßstäben sie ihr Leben leben. Ja, sogar wer sie sind, wollen sie neu definieren, selbst entscheiden, ob sie Mann oder Frau oder irgendetwas anderes sind. Auch da gilt: Wir haben einen Schöpfer, der uns mit unserer Identität geschaffen hat, jeden von uns besonders, wie wir letzten Sonntag im Gottesdienst gehört und gesehen haben. Der lässt uns viele alltägliche Entscheidungen. Aber wenn wir uns entscheiden, für uns selbst zu leben statt für ihn, dann verlieren wir ihn. Dann verlieren wir das Leben. Dann haben wir keinen, der für uns spricht im letzten Gericht. Dann können wir damit nicht fertigwerden. Und wenn wir Not haben mit unserer Identität oder mit unserem Platz im Leben, dann haben wir ihn auch nicht, um damit fertigzuwerden.

Wenn wir aber für ihn und mit ihm leben, dann hat das ganz direkte Auswir­kungen.

Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei”, schreibt Paulus. ”Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.”

Ja, dass der, der Christus hat, nicht mehr ins Gericht kommt, weil er schon hier freigesprochen wird jedesmal, wenn er die Vergebung empfängt, das hat etwas Befreiendes auch für unseren Umgang untereinander. Damit sind wir auch am Ende des Kirchenjahres mit diesem Wort unseres Gottes mitten im Leben. Liebe Brüder und Schwestern, ich höre es ab und zu aus der Gemeinde, dass es ein Reden überein­ander gibt, das nicht gut tut. Und ich merke es in meinem eigenen Herzen, dass man in so einen Trott hineinkommt, wo man über andere urteilt, über ihre Meinungen, ihr Verhalten, und dicht dran ist am Verurteilen. Da hält uns das achte Gebot den Spiegel vor: Erzählen wir Dinge weiter, die wir selbst nur vom Hörensagen kennen, die aber ein schlechtes Licht auf jemanden werfen? Reden wir so über andere, wie wir's selbst nicht über uns wollen? Wir sollen gewiss Gottes Wort kennen, und sein Urteil über das, was die 10 Gebote klar benennen. Aber vergessen wir nicht, dass wir nie selbst als Richter davon reden können, sondern immer nur als Mitangeklagte und Mitschuldige.

Du aber, was richtest du deinen Bruder oder deine Schwester? Oder du, was verachtest du ihn? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.”

Wir erfahren's ja in den Evangelien, wie hart Jesus mit den Pharisäern ins Gericht geht. Die haben sich die Dinge aus dem Gesetz rausgesucht, die sie selbst einiger­maßen halten können – gewiss, oft mit großer Anstrengung –, und urteilen über die anderen, die das nicht können. Das ist nicht nur lieblos. Sondern wer sich selbst zum Richter macht, der setzt sich an die Stelle Gottes. Der bricht das erste Gebot.

'So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.' So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.”

Vor ihm können wir nur in die Knie gehen, wie wir's zu Beginn des Gottesdienstes mit dem Sündenbekenntnis tun, und ihm recht geben in seinem Urteil über uns. Das ist das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit. Da sprechen wir aus, dass wir selbst keine Gerechtigkeit haben. Und bitten Gott, dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt. Und dem Bruder und der Schwester auch.

Wie befreiend, wenn wir dann erfahren: Unser Wert hängt für Gott nicht davon ab, wie gut wir es schaffen, nach seinem Gebot zu leben. Und wie schön, sich klarzumachen, dass alles Miteinander in der Gemeinde ein Einüben in die Liebe ist; darin, den anderen auch nicht danach zu bewerten, sondern ihn bei aller seiner Schwachheit mit Gottes Augen zu sehen. “13Darum laßt uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.” Das ist ein Arbeitsauftrag, liebe Brüder und Schwestern, und wer ihn hört, dem wird wohl einiges einfallen, was da in unserem Umgang miteinander zu tun oder zu lassen ist.

Und noch etwas ganz Befreiendes erfahren wir hier vom Apostel Paulus. Wenn Christus sagt, alle Knie sollen sich ihm beugen und alle Zungen sollen Gott bekennen, dann heißt das, er ist der Herr. An ihm kommt keiner vorbei. Gottes Recht gilt. Ob das nun die Sexualität und die Änderung der Ehe-Ordnung ist, die in unserer Gesellschaft so ein großes öffentliches Thema geworden ist, oder das fünfte Gebot, das die mit Füßen getreten haben, die 1939 einen zweiten welt­weiten Krieg angezettelt haben, und die in der DDR den Menschen das Leben genommen haben. Wir sollen an Gottes Recht erinnern, wir sollen mahnen, wir sollen an unserer Stelle mutig dazu tun, was wir können – aber an uns hängt's nicht. Die Gewaltherrscher dieser Welt, ja, auch die Mehrheit in einer Gesellschaft mag sich darüber hinwegsetzen, wie sie es immer wieder getan haben. Aber abschaffen werden sie sein Recht damit nicht. Sie werden's späte­stens dann erleben, wenn Gott sie selbst nach genau diesem Maßstab richtet.

Auch deshalb, liebe Gemeinde, ist es wunderschön zu hören, wie Paulus das sagt: Wir leben nicht uns selbst, wir leben für und mit unserem Herrn. So können wir mit Paulus sagen: Es bedeutet nichts, wenn andere mich richten. Das ent­scheidende Wort hat mein Herr Christus. Und der hat mich gerade freigesprochen.

Und wer erlebt, wie Gottes Sohn so gnädig mit ihm ist, wird der nicht mit seinem Mitmenschen auch so umgehen, in seinen Worten und seinen Gedanken? Wird der nicht auch bereit sein, in seinen Entscheidungen den Spaß in der Freizeit, das Einkommen und die eigene Sicherheit auf den zweiten Platz zu stellen, wo's drauf ankommt? Die Welt hat's nötig. Daran erinnert uns in einem allgemeinen Sinn der Volkstrauertag. Als Christen wissen wir's noch besser.

Und nun zum Schluss, und das ist das Schönste. Wer so mit Christus lebt, für den gilt's dann umgekehrt noch mehr: Für den lebt Christus. Das schreiende Unrecht des Gerichtsprozesses, den man ihm gemacht hat, die Bosheit dieser Welt und unsere eigene Ungerechtigkeit haben ihn nicht besiegen können. Ja, es hat ihn das Leben gekostet. Aber er hat es sich wiedergenommen. Er ist auferstanden. Das heißt: Er ist der Herr. Über Lebende und Tote. Kein Urteil von Menschen kann dir den nehmen. Auch kein Urteil aus deinem eigenen Gewissen. Und deinem Mitchristen auch nicht. Das ist Gottes Umgang mit dem Tod. Der einzige, der uns hilft. Deshalb will ich ihn haben, jetzt, am Ende des Kirchenjahres, jeden Tag, und am Ende meines Lebens. Amen.

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (und Volkstrauertag), Predigtreihe VI

(Daniel Schmidt, P.)