Predigt vom 16.6.2019 (2. Kor. 13,11-13)


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Create Date16. Juni 2019
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Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes + sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

In einer Erzählung aus Schweden beschreibt der Autor ein Fest zum Mittsommer. Der Superintendent hat in seinem Kirchenkreis eingeladen. Es gibt Musik und Tanz. Die Pastoren des Kirchenkreises sind da, besonders auch, weil so eine Feier eine seltene Gelegenheit ist, mit den jungen Damen aus den besser gestellten Familien zusammenzukommen. Da kommt ein Bauer, der mit Pferd und Wagen mehr als 20 Kilometer durch die Nacht gefahren ist, um einen Pastor zu finden. Sein Schwager liegt in seinem Haus im Sterben und findet keinen Frieden.

Jeder der Pastoren ist jetzt am Überlegen. Wenn ich mitfahre, dann war's das mit der Musik und dem Tanzen und den jungen Damen. Keiner meldet sich. Da ent­ scheidet der Superintendent: Der jüngste von ihnen muss mit. Pastor Savonius. Der hat ganz viel Wissen. Und einen Doktortitel. Nur Gemeindeerfahrung, die fehlt ihm.

Unterwegs auf dem Wagen erzählt ihm der Bauer von den Gewissensbissen seines Schwagers. 30 Jahre lang ist er zur Kirche gekommen, hat immer wieder Buße getan für seine Sünden. Aber nun findet er keine Ruhe. Da sind sie an der Tür, die Frau des Bauern dankt von ganzem Herzen, dass ein Pastor gekommen ist, und dann sitzt er am Bett von Johannes. Und sagt ihm: “Gott hat keinen Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass er sich von seinem bösen Wege abwende und lebe.” Und Johannes sagt: “Deshalb gibt es für mich keine Hoffnung. Buße getan habe ich, aber es sieht immer noch genauso bei mir aus. Dunkel und dreckig innen drin, und falscher Schein nach außen.”

Noch einmal versucht es der Pastor: “Wenn einer im Frieden sterben wird, dann du, Johannes. Ich kenne keinen, der besser ist und aufrichtiger als du.” Da geht das Hoffnungslicht aus in den Augen des Sterbenden. “Gott wird uns nicht an den anderen messen”, sagt er. “Jeder von uns muss für jedes Wort, das er spricht, selbst Rechenschaft geben.”

Da weiß der Pastor mit all seiner Gelehrsamkeit nicht weiter. In der Ecke der Stube ist der Bauer tief im Gebet. Und er selbst hat noch kein Gebet gesprochen, seitdem er losgefahren ist. Gerade erst hat er von der Schönheit der Natur ge­ predigt und davon, dass ein Mensch für seine Seele sorgen soll wie für die Blumen im Garten. Und dass es eine Vorsehung gibt, eine höhere Macht, die es gut mit uns meint. Schöne Worte. Und kein Trost für diesen Mann am Ende seines Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Kampf im Gewissen, den der verstorbene schwedische Bischof Bo Giertz beschreibt, mag vielen heute fremd sein. Die andere Seite, dass irgendein höheres Wesen es gut mit uns meint, dass wir alle uns freuen dürfen, ob christlich oder sonstwie religiös, weil wir irgendwie in einer großen Liebe aufgehoben sind, das mag ihnen eher eingehen.

Aber die Geschichte geht weiter. Am frühen Morgen kommt eine ehemalige Nachbarin von Johannes, Katrina. “Ich bin ein großer Sünder”, sagt er auch zu ihr. “Ja”, sagt sie. “Ja. Aber Jesus ist ein noch größerer Retter.” “Für den, der sich retten lässt”, sagt Johannes. “Aber mein Herz ist nicht rein, ich habe den neuen Geist nicht, den ich haben sollte.” “Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht”, sagt sie, “sondern die Kranken. Er ist gekommen, nicht die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.”

“Zur Umkehrzu rufen”, sagt Johannes, “so steht es da.” Aber Katrina sagt: “An Umkehr fehlt es dir nicht. Du kehrst seit 30 Jahren um. Aber du treibst vom Glauben ab.”

“Was meinst du?”, sagt Johannes. “Hast du Sünde in deinem Herzen?” fragt ihn Katrina. “Ja”, sagt er, “viel zu viel.” “So, sagt sie, da siehst du, dass Gott dich nicht verlassen hat. Nur wer den heiligen Geist hat, kann seine Sünde sehen. Und Gott lässt dich das sehen, damit du lernst, Jesus liebzuhaben. Denn wenn du kein Sünder wärst, bräuchtest du keinen Retter.”

“Aber dann bleibt die Sünde doch in meinem Herzen?” fragt Johannes. “Ja,” sagt sie, “so wie bei Petrus und den anderen, so wie Paulus sagt: 'Ich weiß, dass in mir, in meiner alten Natur, nichts Gutes wohnt.' Aber deshalb brauchen wir Gottes Sohn nicht nur am Anfang, sondern jeden Tag. Denn sein Blut ist die Versöhnung für alle unsere Sünden.” Und Johannes glaubt, was sie ihm predigt.

Der Pastor aber kommt sich ganz überflüssig vor. Mit seinem ganzen Studium hat er für diesen Mann keine Antwort gehabt. Und diese einfache Frau hat ihm solche Seelsorge getan. Aber er ist für diese Leute nicht überflüssig. ”Johan­ nes”, sagt Katrina, “jetzt musst du den Pastor um das heilige Abendmahl bitten.”

Und Johannes tut es. Pastor Savonius holt seinen Abendmahlskoffer, sie feiern die Beichte, und die Fragen, die er Johannes stellt, sind mit einem Mal nicht nur abgelesen aus der Ordnung in einem Buch, es sind Fragen vor dem heiligen Gott. Und er darf Johannes und seinem Bruder und seiner Schwägerin und seiner Nachbarin die Vergebung zusprechen, und ihnen Anteil geben an dem Opfer, das Gottes Sohn gebracht hat mit seinem Leib und Blut. –

Heute, liebe Gemeinde, kommt der Teil des Kirchenjahres mit den großen Festen zum Abschluss: Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Und heute feiern wir das, was wohl oft am wenigsten überhaupt als Fest wahrgenommen wird: Das Fest der heiligen Dreieinigkeit. Ist diese Dreieinigkeit nur so eine komplizierte Sache, die die Pastoren im Studium lernen, aber die nicht viel zu tun hat mit einem Glauben, der uns durch diese Welt bringt? Gehört das zu den Ausschmückungen, auf die man auch verzichten kann, wie die goldenen Engel in einer Barockkirche, die für ihre Erbauer sicherlich etwas sichtbar machen sollten von der himmlischen Herrlichkeit, aber manchen, der heute zufällig mal in eine Kirche reingeht, eher ablenkt von dem Mann am Kreuz da mittendrin, oder überhaupt von dem Gedanken an Gott?

Wenn es so wäre, liebe Gemeinde, dann könnten wir die Predigt heute ausfallen lassen. Und das Trinitatisfest auch. Dann könnten wir den Muslimen sagen: Wir verstehen das, wenn ihr euch immer geärgert habt an dem Bekenntnis zu Gott als Vater und als Sohn und als heiliger Geist, weil Gott doch nur einer ist. Das verstehen wir. Und wir verstehen ja die Trinitätslehre, die Dreieinigkeitslehre selbst nicht mehr. Lassen wir das also hinter uns. Gott ist doch die Liebe.

 Aber genau das hat der Apostel Paulus nicht getan in seinem zweiten Brief an die christliche Gemeinde in Korinth. Nachdem er ihnen gesagt hat, dass er als Apostel den Auftrag hat, ihnen Gottes Wort zu sagen: Dass sie alles halten sollen, was Gottes Sohn befohlen hat. Dass sie getauft werden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dass sie als Christen leben sollen, ja, dass sie täglich in einem geistlichen Kampf stehen. Da sagt er nicht am Schluss: “Ich wünsche euch, dass Gott euch dabei hilft, und wenn ihr euch Mühe gebt, wird er's auch tun.”

“Ich” sagt er gar nicht mehr. Ja, er würde sich selbst kaum anders sehen als der Pastor Savonius auf dem Holzstuhl da in der Nacht. Was die Leute da in der Stube ihm nicht gesagt haben, weil sie in der Schwachheit dieses jungen Pastors eben den Pastor sehen, den Gott ihnen geschickt hat, das haben die Korinther dem Paulus sehr deutlich gesagt. Oder vielleicht noch deutlicher über ihn gesagt, wenn er's nur indirekt mitbekommen hat. Dass sein Auftreten nicht beeindruckend ist. Dass er kräftig schreibtin seinen Briefen, aber sein Redenziemlich schwach ist. Und seine Gesundheit ist auch nicht so gut. Und sie gucken sich um und sehen andere, die doch viel bessere Hirten sind als er.

Das alles gibt Paulus zu. Und lässt sich für einen Moment auch auf solches Abwägen ein, und packt nun seinerseits in die Waagschale, was man für seine Person alles sagen könnte. Und wir merken: Es könnte sein, dass die auf seiner Seite doch deutlich nach unten geht. Aber dann sagt er, das ist alles dummes Zeug. Diese Waagschale kippt und wackelt. Die ist seit Karfreitag ausgemustert. Nur auf einen kommt es an in der Gemeinde, und nur einer ist groß: Das ist der Herr Christus. Und es ist ein Geschenk, ein Vorrecht, ein Segen, zu ihm zu gehören.

Und er erinnert sie daran, dass es nicht darum geht, wer größer oder erfolgreicher ist in der Gemeinde, sondern um das Dienen. Nicht, dass wir uns recken und groß machen, sondern dass wir uns für den anderen bücken, um ihm zu dienen; das für ihn zu tun, was er braucht.

Paulus dient der Gemeinde mit seiner Predigt. Andere tun das mit dem Dienst der Liebe indem sie zu denen hingehen, die jemanden brauchen. Ihnen zu essen bringen, ihnen Arbeit vermitteln, oder für sie beten. Und manchmal auch beides zusammen, wenn Gott ihnen das rechte Wort zur rechten Zeit gibt, wie der Katrina in der Sommernacht in Schweden.

Die Aufgabe des Hirten aber in der Gemeinde ist, dass er den dreieinen Gott predigt. So wie Paulus es tut: “Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen.” Wer die Rede von dem “lieben Gott” so gerne hört, weil das gut dazu passt, dass wir ja auch eigentlich ganz lieb sind und uns Mühe geben, gute Menschen zu sein, der ist in Gefahr. Denn wer daraufschaut, für den gibt es am Ende keine Antwort auf die Frage, warum Gott uns aufnehmen sollte dort, wo einmal alles gut sein wird. Wenn er sich nicht selbst diese Frage stellt wie Johannes in seinem Bett, dann wird Gott ihm diese Frage stellen.

Deshalb: “Lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen.” Lassen wir es uns sagen, wo bei uns etwas nicht in Ordnung ist. Ja, lassen wir es uns ganz grund­ sätzlich sagen, dass in uns etwas steckt, was von dieser Welt ist, was Gott los sein will. Wenn ein Mensch schwerkrank ist, aber es selbst nicht erkennt, dann macht ihn das nicht gesund. Dann wird ihn der Arzt darauf ansprechen. Aber wenn der die Behandlung verweigert, dann gibt's für ihn keine Hoffnung, selbst wenn er bis zuletzt fröhlich pfeifend in den Tag gegangen ist und ganz ruhig eingeschlafen ist.

Dass wir unsere Situation vor Gott erkennen, das macht der Heilige Geist. Dass wir einen Retter haben, das hat der Vater gemacht, der uns den Sohn geschickt hat. Dass wir Vergebung für unsere Sünden haben, das hat der Sohn getan, der unsere Krankheit auf sich genommen hat, der dafür gefoltert worden ist.

Deshalb ist das alles ein“Kuchen”, was Paulus hier aufzählt, nur zusammen zu essen und aufzunehmen: Sich freuen, sich zurechtbringen lassen, sich ermahnen lassen und einerlei Sinn haben. Auch wenn keiner von uns sich gern sagen lässt, was mit ihm nicht in Ordnung ist: Wer Gottes Geist hat, der kann sich auch darüberfreuen, weil die Umkehr zum Leben führt. Und wer sich so ermahnen lässt, bei dem ist kein Platz mehr für Selbstgerechtigkeit, für das Urteilen über andere, das ja nur das Ziel hat, dass man selbst besser dabei wegkommt. Da zieht dann “einerlei Sinn” ein, weil es so jeder ins Herz und in den Sinn bekommt: Wir brauchen alle un­ seren Herrn Christus. Ohne ihn sind wir verloren, mit ihm aber ist alles gewonnen.

Liebe Gemeinde, den Segen, mit dem unser Gottesdienst schließt, hat Gott schon im Alten Bund seinem Volk gegeben. Dreimal wird da sein Segen auf uns gelegt, so wie er drei in eins ist. Und so legt Paulus hier die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes auf uns alle. Warum? Weil wir ohne die Gnade unseren Herrn Jesu Christus gar nicht so leben können, wie wir es als Christen sollen und wollen. Weil wir ohne sie gar nicht Gemeinde sind, und ohne die Liebe Gottes und ohne die Gemeinschaft des heiligen Geistes. Weil es nichts Gutes gibt in der Gemeinde, außer der dreieine Gott tut es.

Ja, liebe Gemeinde, darum geht es. Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ist keine Ausschmückung, die wir auch weglassen könnten. Ja, sie geht über unseren Verstand, und auch ein Pastor nach vielen Jahren Theologiestudium (mit oder ohne Doktor) wird sie in diesem Leben nicht auslernen. Ich denke, Gott legt für unseren Grips da extra einen Stolperstein auf den Weg, damit wir nie meinen, wir hätten ausgelernt. Und damit wir nie meinen, unsere Religion oder der Glaube an Gott wäre austauschbar. Damit wir aufpassen, dass wir uns nicht unser eigenes Gottesbild zurechtmachen. Dass wir nicht von dem, was wir gerne hätten oder von unserer Erfahrung in der Welt oder von dem, was Menschen meinen, ableiten, wie Gott sein sollte. Denn damit bekommen wir nur ein ganz verwischtes Bild von ihm. Und eins, das von unserer Meinung über ihn abhängt. Aber wenn es von uns abhängt, dann steht es um uns so wie um den Johannes dort in der Nacht.

Nein, wie Gott ist, das können wir nur von ihm selber erfahren. Vater, Sohn und Geist; drei Personen und doch ein Gott. In diesem drei-einen Namen bist du getauft. Wer an den glaubt, der wird selig.

Kanzelgruß: “Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes + sei mit euch allen. Amen.”

Fest der heiligen Dreieinigkeit (Trinitatis; Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.