Predigt vom 14.7.2019 (Matth. 9,9-13)


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Create Date14. Juli 2019
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Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Liebe Gemeinde,

am vierten Sonntag nach Trinitatis geht es um Barmherzigkeit. Um Gottes Barm­ herzigkeit. Und um unsere.

Aber was ist das eigentlich, Barmherzigkeit? Und wo kommt das Wort her? Eine mögliche Erklärung dafür sagt, das ist eine Übersetzung aus dem Lateinischen, von dem Wort “misericordia”, und heißt eigentlich, ein Herz haben für den, der “mies” dran ist, also „arm-herzig“ sein.

In jedem Fall bedeutet es: man ist in seinem eigenen Inneren davon betroffen, wie es dem anderen geht. Ich denke da an die junge Frau, die in Celle Abitur gemacht hat und vor kurzem ungeplant als Kapitänin auf ein Schiff im Mittelmeer geholt wurde und dann zwei Wochen unterwegs war mit Flüchtlingen. Ich weiß, der Fall wirft einen ganzen Haufen von Fragen auf. Aber wenn wir nur auf die Situation an Bord gucken, am 15. Tag, wird eins deutlich: Carola Rackete hat die Verantwortung für Menschen, denen es nicht gut geht, die am Verzweifeln sind, und es gibt keine Rechtshilfe für sie. Schließlich setzt sich die Kapitänin über das Gesetz weg, legt in Italien an. Und wird verhaftet. Für die einen ist sie eine Heldin – das kommt mir ziemlich schief vor, wenn man die Einzelheiten sieht. Für die anderen ist sie eine Verbrecherin.

Gottes Sohn hat sein Zuhause verlassen. Weil er ein Herz hat für unsere Situation. Weil es ihn im Innersten gepackt hat. Weil er gesehen hat, dass wir sonst in unserer Sünde untergehen. Er hat sein Leben dafür riskiert. Er hat sich über das Gesetz in seinem Volk hinweggesetzt, hat mit ihnen gegessen, hat ihr Leben geteilt – nein, er hat nicht gut geheißen, was die getan haben, die sprichwörtlich “Zöllner und Sünder” genannt wurden. Aber er ist zu ihnen ins Boot gestiegen, weil nur er sie retten konnte. Er ist zu uns ins Boot gestiegen, zu uns Sündern. Dafür hat man ihn in seinem Volk zum Verbrecher erklärt und verhaftet, ja umgebracht. Dafür wird er von uns gelobt in jedem Gottesdienst.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist Barmherzigkeit: Dass Gott ein Herz hat für uns arme Menschen, dass es ihn nicht loslässt. Wenn Gottes Gesetz den Tod als Strafe androht für jeden, der sein Gebot übertritt, und wenn Gott selbst kommt, um dieselben Menschen, die das tun, zu retten, ja, um uns sicher an das Ufer der Ewigkeit zu bringen.

Das ist der Grund, warum Jesus an dem Tag bei dem Zolleinnehmer Matthäus stehengeblieben ist. Warum er mit ihm nach Hause gegangen ist. Warum er ein Fest mit solchen Stehlern und Übertretern des 7. Gebots gefeiert hat. Das ist der Grund, warum er heute hier bei uns ist, warum er mit uns diesen Gottesdienst feiert, warum er uns hier vorne an seinen Tisch lädt: Weil er barmherzig ist. Verdient haben wir's nicht. Das meint ja gerade Barmherzigkeit. Aber wir haben's nötig. Lassen wir es uns darum einfach schenken: Dass wir Bürgerrecht von ihm bekommen in seinem Reich, dass wir freigesprochen werden von aller Schuld. Und danken wir's ihm damit, dass wir uns an seine Gesetze halten, mit seiner Hilfe jeden Tag von neuem. Und dass wir barmherzig sind miteinander, zuallererst in der Gemeinde.

So viel in aller Kürze heute. Nächste Woche geht's weiter mit Gottes Barmherzigkeit. Im Gottesdienst. Und in der Predigt. Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis (ohne Predigtreihe)

Daniel Schmidt, P.