Predigt vom 12.8.2018 (Gal 2,16-21)


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Predigt vom 12.8.2018 (Galater 2,16-21)

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Liebe Gemeinde,

letzte Woche haben wir gehört, wie Paulus darum ringt, dass Israel Gottes erwähltes Volk ist und gerade von ihnen doch so viele Christus nicht erkennen. Im heutigen Predigttext ist die Frage nun umgekehrt: Warum sind Petrus, Paulus und die anderen denn überhaupt Christen geworden? Wo sie doch schon zum Gottesvolk, also zu Gott gehört haben? Diese Frage wirft Paulus gegenüber den Galatern auf. Denn einige von ihnen haben wieder verlangt, verschiedene jüdische Vorschriften einzuhalten.

Warum also Christ?

Ein Punkt ist für Paulus, dass kein Mensch aus Werken gerecht werden kann. Dass er sich die Zuwendung Gottes nicht erarbeiten kann.

Nun ist es keine neue Erkenntnis, dass der Mensch auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Dass er Gottes Vergebung braucht, weil er schuldig wird. Und es selbst auch nicht wieder gut machen kann.

Das war ihm und seinen jüdischen Zeitgenossen wohl bewusst. Sie merkten durchaus, dass sie auch sündigten. Nicht jeder hat wie der Pharisäer im heutigen Evangelium bloß auf seine eigene Gerechtigkeit gepocht. Die Gerechtigkeit kam schon von Gott. Aber wie kam sie zum Menschen?

Eben indem man sich nach dem Gesetz ausgerichtet hat. Das Gesetz also blieb die entscheidende Verbindung zu Gott. Und wie sollte es auch anders sein? Noch schlimmer wäre es ja, überhaupt keine Verbindung zu Gott zu haben. Es ist wohl noch besser zu versuchen, zu Gott Kontakt aufzubauen durch das Tun seiner Gebote, als sich gar nicht für ihn zu interessieren.

Aber es ist eine ferne Verbindung. Die Strecke ist zu weit, als dass es gelingen könnte, sie aufzubauen. Aber woran merkt man diese lange Leitung? Wohl erst durch den Unterschied, wenn man sie vergleicht. Bei der alten Telegrafenleitung konnte man auch Nachrichten, Anweisungen, Gesetz empfangen. Die Buchstaben wurden dabei durch eine Folge von Signalen übertragen. Tack, tack, tack, tack. Schöner ist es am Telefon, auch die Stimme des anderen zu hören. Und heute beim Anruf über das Internet, etwa mit Skype, auch das Gegenüber zu sehen. Doch die Person selbst können wir so nicht zu uns holen.

Was für ein gewaltiger Unterschied ist es dann, wenn jemand selbst zu Besuch kommt. Wenn man ein persönliches Gegenüber hat. So ist sozusagen der Unterschied zwischen der alten Verbindung und Christus. Denn er hat uns besucht. Und tut es noch. Er ist mitten unter uns. Ist uns hier im Gottesdienst im Abendmahl besonders nah. Aber er verlässt uns auch sonst nicht. Sodass uns Gott im ganzen Leben nah ist.

Die Schwierigkeit der Verbindung über Werke kann ja erst deutlich werden, wenn etwas anderes an die Stelle des Gesetzes getreten ist. Ohne Christus kann der Mensch auch keinen anderen Weg sehen, als den sich zu bemühen, das Gesetz zu erfüllen, anständig zu leben. Gemäß der Frage: Was muss ich tun, um mit Gott und den Mitmenschen nicht in Konflikt zu kommen? Wenn man sich an alle Ordnungen und Erwartungen hält, wird man schon von Gott und Menschen unbehelligt bleiben. Aber so hält man sich Gott ja gerade vom Leibe. Und das unter dem Anschein, ihm gehorsam zu sein.

Eine andere Art von Werkgerechtigkeit zeigt sich im Zwang zur Selbstrechtfertigung. Der Pharisäer im Gleichnis vom heutigen Evangelium hat das gezeigt: Er führt das auf, was er richtig gemacht hat. Statt zu bekennen, was er versäumt hat. So will er seinen eigenen, höheren Wert beweisen.

Heute geschieht das meist nicht mehr vor Gott. Im Blick auf das zu erwartende Gericht Gottes. Sondern vor der Vernunft muss sich alles rechtfertigen. Warum gibt es den, die und das überhaupt?

Diese Frage führt zu der Forderung, alles und jeder müsse beweisen, warum er sein darf. Gegenstände wie Personen müssten gleichermaßen ihre Nützlichkeit nachweisen. Besonders hilfsbedürftige Menschen haben es da schwer zu bestehen.

Aber letztlich trifft diese Forderung ja jeden: Du musst nützlich sein! Von Gnade ist da keine Spur. Das ist wie ein wieder aufgerichtetes Gesetz. So wird die alte Leitung wieder aufgebaut. Nicht mehr zu Gott, der aus dem Blick geraten ist. Aber zu einem Sinn des Daseins. Die Verbindung zum Ziel und Sinn der Welt wird versucht über die Nützlichkeit herzustellen. Aber das ist Gesetz, das ist Forderung. Und noch dazu eine Forderung, die so gar nicht von Gott stammt.

Ist Christus aber an die Stelle des Gesetzes getreten, kann man das Problem erst vollständig erkennen: Die Mangelhaftigkeit der alten Leitung. Wie trostlos es wäre, wenn der Mensch bloß auf sich selbst geworfen wäre. Wenn er die Verbindung selbst herstellen müsste durch Gottes Gesetz oder ein neues Gesetz der Nützlichkeit.

Jetzt kann man kann einsehen, dass es eigentlich nie richtig funktioniert hat. Die Sünde hat die Kommunikation mit Gott gestört. So wie ein Gewitter die Telefonverbindungen über Masten.

Wir können zugeben, dass wir es nie geschafft haben, diese Distanz zu überwinden. Mit unseren Werken eine Verbindung zu Gott aufzubauen. Dann können wir voll bekennen: Es ist allem Fleisch, allen Geschöpfen gar nicht möglich aus Werken gerecht zu werden. Es ist nicht möglich sich und sein Dasein durch eigene Taten zu rechtfertigen. Besonders spüren das auch Menschen, die selbst etwas überlebt haben, bei dem andere umgekommen sind: Sie selbst haben nichts anders gemacht, nichts, womit sie ihr Überleben rechtfertigen könnten.

Also, dann wenden wir uns dem anderen zu. Es gibt ja jetzt endlich eine Alternative – den Glauben. Aber Alternative ist da der falsche Ausdruck. Denn das, was nicht funktioniert hat, kann man ja nicht dazu zählen. Es ist also keine Alternative: Glaube oder Werke. Sondern das mit den Werken hat nicht geklappt. Daher ist der Glaube die einzige Möglichkeit. Das gilt für immer und hat schon immer gegolten. Das muss Paulus wie Schuppen von den Augen gefallen sein, als ihm Christus erschienen ist.

Aber wie sind denn die Menschen vor Christus zu Gott gekommen, wenn der Glaube die einzige Möglichkeit ist? Eben auch durch den Glauben. Das zeigt Paulus dann auch an der Schrift, unserem Alten Testament: Schon von Abraham heißt es, dass er Gott geglaubt hat und es ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden ist.

Auch wenn davon nicht zu trennen ist, dass er in diesem Glauben dann Gottes Ruf gehört hat und ihm gefolgt ist. Aber gerecht geworden ist er nicht dadurch, dass er selbst etwas Besonderes getan hätte. Sondern dadurch, dass er Gott geglaubt hat. Rechtfertigung allein aus Glauben lebt zuerst von dem Staunen über die Gnade. Zu leben, gerufen zu werden, ohne dass man dazu etwas hätte beitragen können.

Nun geht es Paulus nicht um einen abstrakten Glauben. Er redet hier jeweils vom Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Dazu gehört Vertrauen, aber noch mehr – es ist jetzt eine enge Verbindung. Der Glaube ist zugleich Vertrauen, Glauben an und Wissen um den Grund des Glaubens. Er gründet nicht in einer Privatmeinung, sondern dem Ereignis, dass in Christus von Gott ein ganz neuer Heilsweg aufgetan ist. Das haben wir nicht durch eigene Denkbemühung erfahren. Sondern durch die Offenbarung Jesu Christi sind wir mit Paulus zu der Glaubensüberzeugung gelangt, dass unsere Rechtfertigung aus dem Glauben kommt.

Und Abraham? Auch wenn er noch nicht wissen konnte, wie Gott Mensch geworden ist. Nicht darauf zurückblicken konnte. So hat er doch von dem Glaubensretter gewusst, ohne seinen Lebensweg zu kennen. Er wurde ihm verheißen. Und es gab ihn ja schon. Er hat auf die Ankunft dieses Nachkommen vorausgeblickt. So war er durch den Glauben doch schon mit ihm verbunden. Und so auch mit uns. Deshalb hat Gott zu Abraham gesagt: In dir sollen alle Heiden gesegnet werden. Denn durch den Glauben sind wir Abrahams Kinder und durch ihn gesegnet.

Wer will aber jetzt noch mit seinen Leistungen ankommen?

Fangen wir jetzt wieder an, an der alten Leitung zu bauen, was wird dann der Eindruck sein? Es muss doch so scheinen, als funktioniere die neue Leitung nicht. Niemand wird doch wieder anfangen zu telegrafieren oder Rauchzeichen zu geben, wenn er den anderen auch mit dem Handy erreichen kann. Es sei denn, er tut es vielleicht aus Nostalgie.

Übertragen heißt das: Ich gebe zu, dass ich mit der neuen Verbindung falsch lag. Dass ich eigentlich weiter hätte das Gesetz erfüllen müssen, um zu Gott zu kommen. Ich stelle mich als Übertreter hin. Ich habe mich nicht an den Vertrag mit dem Betreiber der alten Leitung gehalten. Paulus treibt das auf die Spitze: Kommt jetzt jemand auf die alte Leitung zurück, könnte ihn der Betreiber ja fragen: Warum bist du nicht bei der alten Verbindung, dem Gesetz geblieben? Wer hat dich dazu verleitet, auf etwas anderes zu setzen (weg zu wechseln)? Und dieser Mensch müsste antworten: Christus hat mich dazu gebracht, auf ihn zu vertrauen und nicht mehr auf das Gesetz. Dann wäre Christus ja ein Diener der Sünde, sagt Paulus. Wenn ich seinetwegen zu Unrecht mich nicht mehr auf die Erfüllung aller Vorschriften konzentriere.

Auf keinen Fall aber ist Christus ein Diener der Sünde! Deshalb fangt erst gar nicht an, wieder die alte Leitung auszugraben. Es noch einmal oder wieder mit dem Gesetz zu probieren. Vielleicht schaffe ich es ja doch! Nein! Erstens schaffst du es nicht und zweitens wirkt es dann so als wäre Christus, die neue Verbindung, ganz unnütz. Wo doch das die einzige ist, die funktioniert!

Und Paulus geht noch weiter: Wir können gar nicht mehr zurück. Die alte, unnütze Leitung ist für uns sicherheitshalber gesperrt. Christus schneidet uns diesen Weg ab. Damit wir nicht Zeit und Kraft damit vergeuden, zu versuchen doch noch irgendwie durchzukommen. Mit unserem Tun des Gesetzes. Mit der Erfüllung von Forderungen jeglicher Art.

Nein, keine Möglichkeit: Wir sind durchs Gesetz dem Gesetz gestorben. Im Hinblick auf das Gesetz sind wir wie Menschen, die gestorben sind. Von denen man nichts mehr fordern kann. Das Gesetz hat keine Ansprüche mehr an uns; bei uns kann es sich nichts mehr holen. Kein Anspruch der Nützlichkeit, keine Forderung mein Dasein zu rechtfertigen. Keine Anklage, nicht auszureichen. Aber auch kein Angeben mit Leistungen. Die Beziehungen zum Gesetz, zu seiner Kategorie der Leistung sind gekappt.

Warum aber sind wir durch das Gesetz gestorben? An das Gesetz ist von Gott die Lebensver-heißung geknüpft. Aber nur für den, der es erfüllt. Das heißt, wer es nicht erfüllt, wird sterben. Und weil es niemand erfüllen kann, sind alle durch das Gesetz dem Tod verfallen, also gleichsam schon gestorben.

Aber wie und wann ist das passiert? Wir leben doch noch. Wir sind mit Christus gekreuzigt, sagt Paulus. Die Betonung liegt auf mit Christus. Der aber ist nicht irgendeiner, sondern der zum Leben auferstandene Messias und Sohn Gottes.Und geschehen ist das in der Taufe. Die nennt Paulus ein Mitsterben mit Christus. In Christus haben wir da einen neuen Herrn bekommen, der an die Stelle des Gesetzes getreten ist.

Und das alles, damit wir leben. Damit wir für Gott leben. Wer in Bezug auf das Gesetz gestorben ist, lebt nicht von da an wie ein Gesetzloser. So dass er nun noch ungerechter würde als zuvor. Sondern er lebt in Christus noch mehr für Gott, als er es im Gesetz könnte.

Aber damit ist keine Rückkehr des Gesetzes gemeint. An diese Stelle ist Christus getreten. Gerechtfertigt sind wir allein durch den Glauben an ihn. Eben nicht mehr dadurch, wie viel wir erbringen oder wie nützlich wir sind. Und dadurch ist die Verbindung zu Gott enger geworden. Christus ist uns so nah gekommen, dass wir keine Distanz mehr überwinden müssen.

Denn Christus hat sich für uns dahingegeben. Mein gelebtes Leben mit seinen guten und schlechten Seiten, mit seinen dunklen und klaren Stunden hat Christus mir entrissen. Und er hat es sich selbst in seinem Sterben angeeignet. Dafür hat er sein Leben mir gegeben, so dass nun er in mir lebt.

Diese neue, engere Verbindung zu Gott kann und braucht nicht mehr ersetzt zu werden. Mit ihr ist uns ja schon alles geschenkt. Auch wenn wir jetzt noch fern von Gott leben. Er ist uns durch Christus ganz nah. Im Glauben an ihn haben wir Gewissheit: Wir sind mit Gott verbunden. Amen.

(11. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)