Predigt vom 12.5.2019 (Sprüche 8,22-36)


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Hört zum Jubelsonntag von der Freude, die Gott selbst an dem hat, was er für uns tut, aus dem Mund der Weisheit, in der wir schon im Alten Testament den Sohn Gottes erkennen. Hier spricht sie in drei Absätzen über die Zeit vor der Schöpfung, über die Zeit der Schöpfung und über unsere Zeit:

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.

Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, daß sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, daß er wache an meiner Tür täglich, daß er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohl­ gefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Auf der Automobil-Messe International (AMI) in Leipzig war vor ein paar Jahren ein Mann unterwegs mit einem Nylonstrumpf in der Hand. Es war ein Reporter von Spiegel TV, der an die Stände verschiedener Automobilhersteller ging und fragte, ob man damit den Keilriemen ersetzen könnte, wenn der mal reißen würde. Die Antwort war natürlich überall Nein. Aber beim alten VW-Käfer war das im Notfall möglich, auch wenn es wohl kaum im Käferhandbuch stand. Und es setzte zwei Dinge voraus: Zum einen, dass möglichst eine weibliche Person dabei war, die man überzeugen konnte, einen Nylonstrumpf zu opfern, und zum anderen, dass man wusste, es funktioniert. Aber noch etwas Drittes war wichtig: Man musste wissen, dass das nur eine Notlösung war bis zur nächsten Werkstatt.

So eine Lösung ist ein ganz praktisches Stück von Weisheit. Die hat nicht immer mit der Anzahl von Schuljahren zu tun, die man hinter sich hat. Sie hat mit dem Verstand zu tun, aber auch mit einem Sinn für die Sache, um die es geht, und mit Erfahrung. Ich denke, viele von uns haben ihre Großeltern Dinge tun sehen oder sagen hören, die so ein Stück Weisheit waren. Das waren Wetterbeobachtungen, der Umgang mit Vieh, oder Hausmittel gegen Krankheit. Oder man hat's im Alltag erlebt, wenn ein Postbote einen Umschlag mit der Hand wiegen und sagen konnte, ob das mehr als 20 Gramm waren.

Es scheint allerdings, dass wir solche Weisheit heute immer weniger brauchen. Gerade weil wir immer mehr Wissen haben, und uns das Wissen immer mehr zur Verfügung steht: die Wettervorhersage auf dem Smartphone, der Internetdoktor oder die Online-Rezeptsammlung, das Navigationsgerät im Auto. Und während lange Zeit die Älteren wegen ihrer Lebensweisheit oft auch mehr Respekt beka­ men, scheint Wissen und Können heute sehr schnell überholt zu sein. Vielleicht  wird ein älterer Mensch dann noch mal in Notfällen gefragt: wenn's in einer Familie kriselt, wenn ein kleines Kind mal vorübergehend zu den Großeltern muss, wenn ein junger Mensch seinen Weg im Leben nicht recht findet und bei den eigenen Eltern im Moment etwas schwerhörig ist.

Aber Weisheit in dem Sinne, dass wir unseren Verstand einsetzen und die eigene und gemeinsame Erfahrung: das ist eine wunderschöne Seite der Schöpfung. Denn warum hat Gott solche Gesetzmäßigkeiten in ihr angelegt? Er hat das ja nicht nötig, und kann auch ohne sie handeln. Aber er hat das getan, weil wir uns als Menschen so die Welt erarbeiten können; mit dem Verstand, den die Tiere nicht haben, und der viel mit Sprechen und Hören zu tun hat. Und je weiter wir damit kommen, wird es ja heute immer spannender.

Zur Schöpfung zurück nimmt uns der Abschnitt aus dem Buch der Sprüche oder Spruchweisheiten, der für den Jubelsonntag heute ausgesucht ist. Das heißt, zuerst noch vordie Schöpfung. Bevor es etwas anderes gab als den ewigen Gott. Da redet die Weisheit als Person. Und wenn wir genau hinhören, wird klar, dass in dieser Weisheit der Sohn Gottes spricht, von dem der Evangelist Johannes später sagt, “das Wort ward Fleisch”; nämlich das Wort, durch das alles gemacht ist. Denn was die Weisheit hier sagt – dass sie da war, ehe die Erde wurde, ehe die Berge ihren festen Platz in ihr bekamen, ehe die Wasserquellen sprudelten, das kann nur Gott selber von sich sagen. So nahe ist diese Weisheit Gott; ja, sie ist Gott selbst.

Und das wird auch deutlich an der Fröhlichkeit, mit der sie hier spricht. Es heißt ja im Bericht von der Schöpfung am Ende jedes Tages: “Und Gott sah an, was er gemacht hatte, und sah, dass es gut war.” Gott ist Leben, und es ist eine Freude für ihn, Leben zu schaffen. Wenn wir hier die Weisheit so reden hören, da erleben wir so eine unmittelbare Freude mit, die manchmal bei uns darunter leidet, dass für uns das Leben mit der Natur Arbeit ist, dass der Rücken weh tut, die Hände Schwielen bekommen, dass die Abhängigkeit vom Wetter Stress ist; und auch darunter, dass auch die Weisheit, dass sich das über mehrere Jahre wieder ausgleicht, an ihre Grenzen kommt. Sie leidet auch darunter, dass wir den Schaden, den Menschen der Natur zugefügt haben, nicht mehr ignorieren können.

Hier aber entdecken wir ganz unmittelbar wieder etwas von der Freude über solche Weisheit Gottes, der alles wunderbar gemacht hat. Warum singen Vögel so schön? Warum gibt es so viel Schönheit in einer Blüte? Wenn die Welt ein Zufalls­ produkt wäre, wäre das nicht nötig. Wenn es keinen Gott gäbe und keinen Menschen, der sich daran freut, wäre es umsonst. Aber es ist ein Grund zur Freude, ein Grund, schöne Blumen zum Muttertag zu schenken, und auf unseren Altar zu stellen.

Weiter sagt die Weisheit, sie war als Gottes Liebling dabei, als er alles gemacht hat, und spielte bei ihm jeden Tag. Auch da klingt eine solche Leichtigkeit und Freude an; wie bei dem, was mir jemand hier letzte Woche erzählt hat von einem jungen Mädchen, die sich ans Klavier setzt und eine Stunde lang einfach spielt, was ihr in den Sinn kommt; zu ihrer Freude und der von denen, die zuhören.

Und die Weisheit hatte ihre Freude an den Menschenkindern. Nachdem Gott die Pflanzen und die Tiere gemacht hat, hat er ein Wesen zu seinem Bild geschaffen. Das ist der Mensch, der hören kann, wenn Gott redet, und der antworten kann. Ja, der ihm damit auch als einziger verantwortlich ist. Der Gott erkennen kann in seiner Heiligkeit, und der ihn nicht nur unbewusst loben kann wie die gesamte Schöpfung, sondern mit dem Herzen und dem Verstand, mit Musik und mit Worten und mit seinem Tun. Daran hat die Weisheit ihre Freude am sechsten Schöpfungstag. Vielleicht kann man's nicht erklären, aber doch begreifen, wenn man sagt: Gott ist Liebe, und Liebe sucht ein Gegenüber. Ja, deshalb ist das Suchen nach Gott in uns angelegt. Wir fragen nach einem Sinn in unserem Leben, fragen, wo die Welt herkommt, wo wir herkommen, und wo alles hinführt. Wir kommen ins Staunen über die wunderbare Ordnung in den kleinsten Teilen des Atoms und und den entferntesten Sonnensystemen und stellen fest, dass es eine größere Intelligenz geben muss als unsere. So nahe ist die Weisheit uns Menschen.

Aber nun ist etwas passiert. Nicht mit der Weisheit, sondern mit uns. Das hat Gottes Ebenbild in uns entstellt. Die Menschen haben gedacht, sie sind selber schlau. Sie lassen sich nicht sagen, was sie tun oder nicht tun sollen. Stattdessen aber haben sie sich von jemand anderem als von Gott sagen lassen, was für sie gut ist. Haben ihmgeglaubt und nach dem gegriffen, was Gott als einziges mit einem Verbot umgeben hat. Die Folge davon ist, dass wir eine Dimension unseres Erkennens praktisch verloren haben. Wir sehen die geistliche Dimension der Welt und unseres Lebens nur noch wie durch ein stark beschlagenes, verdrecktes Fenster.

Dass die Weisheit Lust an den Menschenkindern hatte, heißt dann wohl auch: Sie wollte die Menschen zurückgewinnen. Sie wollte selbst als Weisheit in die Welt kommen, unser Fleisch und Blut annehmen, damit wir in ihr diese Weisheit neu gewinnen. Und wieder staunen wir, mit welcher Leichtigkeit Gottes Sohn hier von seiner eigenen Sendung in die Welt spricht. In der Zeit vor Ostern haben wir gehört, wie viel es ihn gekostet hat. Wir haben von seinem Kampf gehört, von seinem Leiden, von seinem Tod. Jetzt, in der Zeit der Auferstehung, hören wir von der Freude im Himmel und auf der Erde darüber, dass er seine Mission vollendet hat. Wer ihn hat, der hat die Weisheit Gottes. Wer ihn hat, der hat das Leben.

Das wollen wir kurz noch einmal durchgehen. Denn das geht leicht an uns vorbei. Denn Gottes Weisheit erscheint uns in unserem Zustand ohne Gott gar nicht weise, gar nicht auf das Leben bezogen; kaum geeignet dazu, dass wir mit ihr mit dem Leben zurechtkommen. Was bei Gott Weisheit war, schreibt Paulus an die Christen in Korinth, kam bei den Menschen an wie Torheit. Was für eine dumme Predigt, dass der, dem wir alles verdanken, von Menschen angeklagt worden ist. Dass der, vor dem wir uns als unserem Richter verantworten müssen, von Menschen gerichtet worden ist. Dass Gottes Sohn, der solche Freude an der Erschaffung des Menschen gehabt hat, durch Menschen getötet worden ist. Das aber ist die dumme, ärgerliche Predigt vom Kreuz, das wir bis heute auf unseren Kirchtürmen und über unseren Altären haben.

Denn das ist Gottes Weisheit: Dass seine Gesetze gelten, auch wenn wir sie alle täglich übertreten. Dass er nicht sagt, das macht letztlich nichts. Ja, das ist Gottes Weisheit, dass seine Gerechtigkeit die Liebe nicht aufhebt und seine Liebe nicht die Gerechtigkeit. Deshalb musste Gottes Sohn leiden und sterben. Der hat für unsere Übertretung den Kopf und die Hände und Füße hingehalten. Damit aber hat uns der nichts mehr zu sagen, der den Menschen einredet, es wäre schlauer, ohne Gott zu leben. Ja, das ist Gottes Weisheit, dass er uns in seiner Liebe die Gerechtigkeit schenkt, die wir nicht haben.

Und aus diesem Geschenk kommt der Glaube, dass wir dazu mit Freude Ja sagen. Deshalb ermahnt uns die Weisheit im dritten Teil dieses Abschnitts aus dem Buch der Sprüche: Haltet euch an Gottes Weisheit. Haltet euch an Gottes Sohn. Denn “wer mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen – das heißt, die mich ignorieren, die meinen, sie brauchen mich nicht –, lieben den Tod”, die leben so, als ob sie zielgerichtet in den Abgrund ohne Gott laufen. Mit der Auferstehung Jesu, die wir Ostern feiern, hat die neue Schöpfung begonnen. Seitdem kann man den Sonntag auch als achten Tag zählen, als Beginn der neuen Schöpfung. Aber obwohl wir in dieser Zeit nach Ostern leben, ist nicht jeder einfach Teil der neuen Schöpfung. Neu werden wir nur in unserm Herrn Christus. Deshalb ruft die Weisheit uns zu:

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, daß er wache an meiner Tür täglich, daß er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohl­ gefallen vom HERRN.

Diese Tür – ich bin noch nicht ganz schlau geworden, was damit genau gemeint ist. Ist das die Tür zum Tempel, also für uns zur Kirche, durch die wir immer wieder zu unserem Gott kommen, uns solche Gerechtigkeit schenken lassen, und durch die wir dann wieder rausgehen mit geistlicher Weisheit, mit dem geistlichen Blick für unsere Arbeit, unsere Mitmenschen, unseren Alltag? Ist es Christus, die Tür zum Leben? Oder ist es die enge Pforte, durch die wir einmal eingehen wollen zum ewigen Leben, und die wir deshalb ein Leben lang im Blick behalten wollen?

Vielleicht ist es alles zusammen. Genau werden wir's dann wissen, wenn wir dahin kommen, wenn wir nicht mehr nur ein bisschen weise sein werden. Bis dahin ist unsere geistliche Weisheit hier ein bisschen so wie der Nylonstrumpf für den VW-Käfer: Gott wird dafür sorgen, dass wir damit nach Hause kommen, auch wenn's nicht das ist, was er ursprünglich in uns eingebaut hatte. Aber eine Not-Lösung ist diese Weisheit hier in einem viel größeren Sinne als damals bei den Automotoren vor der Elektronisierung. Diese Weisheit löst schon hier unsere Not. Denn darin haben wir Vergebung und Gewissheit: Gott meint es gut mit uns, und er hat alles getan, dass es gut wird mit denen, die sich an ihn halten. Wer so lebt, dass er sich das immer wieder aus Gottes Wort holt, an dem hat Gott Wohlgefallen, und über den jubeln die Engel und singen mit uns: Jubilate Deo – lobet den Herrn! Amen.

Daniel Schmidt, P.,

Sonntag Jubilate (Predigtreihe I neu)