Predigt vom 11.8.2019 (Jesaja 2,1-5)


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Create Date11. August 2019
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Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: “Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!” Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln  machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. “Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!”

Liebe Schwestern und Brüder und Christus,

Ich muss sie wohl mal gesehen haben – die Stahlplatte, die seit 2017 im Innenhof des Lutherhauses in Wittenberg steht. Rechteckig, mehr als drei Meter hoch, zwei Meter breit und zwei Zentimeter dick. Daraus sind Stücke ausgeschnitten wie bei einer Pappschablone für Kinder, aus der man kleine Pappwerkzeuge raus­drücken kann. Ja, wenn man durch die leeren Formen in dieser Platte guckt, sieht das Auge die Umrisse von einem Hammer, einem Amboss, einer Zange. Es denkt sie sich.

Was sich der Wittenberger Künstler dabei gedacht hat, Michael Krenz? Er will da­mit an eine Aktion erinnern, die 1983 dort im Lutherhof stattgefunden hat. Die hat mit unserem Gotteswort zur Predigt heute zu tun; mit dem Satz, “sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen”. Manch einer von uns wird sich daran erinnern: Das war ein Schlag­wort der Friedensbewegung gegen die wahnsinnige Aufrüstung in Ost und West, als es hieß, es gebe genug Waffen, um diese Welt 10 mal in die Luft zu jagen. Das Datum war der 24. September 1983, Kirchentag der evangelischen Landeskirchen in der DDR. An drei Namen hat man sich später besonders erinnert: Friedrich Schorlemmer, Pastor an der Schlosskirche in Wittenberg und Gründer eines Friedenskreises; Stefan Nau, Kunstschmied in Wittenberg; und Richard von Weizsäcker, Bürgermeister von West-Berlin und gerade gewählter Bundes­präsident. Es war Abend und dunkel, die Aktion dauerte anderthalb Stunden, es wurden christliche Lieder gesungen, und Stefan Nau erhitzte ein Schwert im Feuer und schwang den Hammer, bis daraus eine Pflugschar wurde.

Das Risiko war groß. Denn der Slogan “Schwerter zu Pflugscharen”, den sich viele auf die Jacken genäht hatten, war seit einem Jahr verboten. Geschützt hat sie wohl der Kirchentag, auf den auch von außerhalb der DDR geguckt wurde, und die Anwesenheit von Weizsäckers. Bekannt wurde die Aktion allerdings erst Wochen später, als die ARD die Aufnahmen eines kleinen Kamerateams ausstrahlte.

Daran erinnert also diese Stahlplatte gegenüber vom Lutherhaus. Wer die Formen der Schmiedewerkzeuge sieht, entdeckt dazwischen ein Schwert und kann das in Gedanken sozusagen selbst zu einer Pflugschar schmieden. Ich muss allerdings gestehen, ich habe das Kunstwerk, das da etwas am Rand steht, bisher überhaupt nicht wahrge­ nommen. Vielleicht passe ich beim nächsten Mal besser auf.

Nun zieht sich eine Linie von dieser Umschmiede-Aktion 1983 bis zu den fried­lichen Demonstrationen 1989. All das hat dazu beigetragen, dass ein Staats­system, das auf totale Gewalt aufbaut, ohne Gewalt zerfallen ist, hat letztlich auch zu der weltweiten Abrüstung beigetragen. Ein biblisches Wort hat so eine große Symbol­kraft entfaltet. Und einige mutige Menschen haben viel Respekt dafür verdient.

Aber wie ist dieses Wort gemeint? Beim Hamburger Kirchentag vor 6 Jahren standen vor dem Ausgang einer Halle Aktivisten einer Friedensbewegung und protestierten gegen die Bundeswehr. Hatten sie recht mit dieser Verbindung: Wer Christ ist, muss gegen Waffen sein? Oder: haben diejenigen von uns, die ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr gemacht haben, unchristlich gehandelt? Nehmen wir uns diesen Abschnitt aus dem Jesajabuch mal der Reihe nach vor:

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.

Da denken die Hörer des Jesaja an den Tempelhügel in Jerusalem. 740 m ist der hoch; in der Schweiz hätte der nicht mal einen Namen. Nein, liebe Gemeinde, hier ist nicht gemeint, dass die Erdoberfläche sich demnächst gewaltig umschichtet, so dass nicht mehr der Mount Everest mit seinen 8848 m der höchste Gipfel ist, sondern der Berg Zion. Hier schaut der Prophet zwei Bilder zu­sammen, wie wenn man ein Foto der Stadt Jerusalem auf Glas gedruckt hat und man guckt durch dieses Glasbild nach draußen, sieht in der Entfernung etwas, das irgendwie damit zu tun hat, und da, wo auf dem Foto der Tempelberg ist, dahinter ist am Horizont ein Berg zu sehen, der viel höher sein muss. Und während auf dem Glasfoto Menschen an der Klage­mauer in Jerusalem zu sehen sind, Juden und christliche Besucher und ganz un­religiöse Touristen, sind man dahinter Menschenmengen von allen Seiten unterwegs zu diesem Berg.

Und fest stehen wird dieser Berg und damit auch das Haus Gottes, das darauf gebaut ist. Nein, das ist nicht der Tempel Salomos, der 587 vor Christi Geburt zerstört wurde, auch nicht der des Herodes, der im Jahr 70 durch die Römer abgerissen wurde. Das weist hin auf den, der von seinem Leib als dem Tempel des lebendigen Gottes redet, auf unseren Herrn Christus. Es weist hin auf die Kirche, die felsenfest gegründet ist auf das Bekenntnis zu ihm als dem Heiligen Gottes. Und auf das, was in ihr gepredigt wird: Dass dieser Christus auf dem Hügel Golgatha für uns ans Kreuz geschlagen worden ist, für unsere Gottlosigkeit; dafür, dass wir von Natur uns nicht von Gott sagen lassen wollen, wie wir leben sollen, dass seine Wege nicht unsere Wege sind, weil wir im Leben unseren eigenen Weg suchen; angefangen bei Adam und Eva und hin zu dir und mir.

Die Kirche also soll fest stehen in allen Umbrüchen. Auch dann, wenn keiner mehr Gottesdienst feiert in einem Kirchgebäude, wenn Kinos oder Restaurants da einzie­ hen, oder wenn ganz alte Kirchen in Syrien zerstört werden. Jesaja und seine Hörer denken hier zuerst natürlich an sich selbst und an den jüdischen Gottes­ dienst, und zu Recht. Sie sind ja das Volk, das Gott zuerst erwählt hat. Und sie denken an die Umbrüche ihrer Zeit, als Assyrien zur Weltmacht wird im Vorderen Osten, als in Ägypten voller Sorge neue Waffen geschmiedet werden und das kleine Reich Juda wieder einmal zwischen die Räder der Weltpolitik gerät.

Aber was für eine Verheißung ist das auch für uns, liebe Brüder und Schwestern! Nein, die Kirche wird nicht untergehen. Was wir hier im Gottesdienst tun, was wir in unseren Gemeindekreisen tun, wenn es denn aus dieser Quelle kommt, das ist kein Fest­halten an einem Modell, das dem Untergang geweiht ist. Und nein, wir sind nicht abhängig von dem, was Menschen von sich aus in der Kirche suchen, wir müssen nicht einen Markt bedienen, um in diesem Markt weiter bestehen zu können. Sondern wir singen von Schuld und von Vergebung, wir predigen von Menschen und von Christus, wir reden von dieser Welt, die vergeht, und von der Ewigkeit. Ja, wir predigen vom Tod und von seiner Ursache, dass er der Lohn ist für unsere Ungerechtigkeit. Und wir predigen die Auferstehung.

Und das alles mit der Predigt von Christus. Damit, dass Gott von Anfang an einen Plan hatte, das wiederherzustellen, was doch am Anfang sein Wille war: Dass der Mensch mit dem Menschen im Frieden leben und mit Gott. Und ja, wir erleben heute auch, dass das Menschen anzieht. Außerhalb unserer westlichen Welt nimmt die Zahl der Christen zu, aber auch bei uns kommen Menschen, die mit einer anderen Religion oder un-christlich aufgewachsen sind, zum christlichen Glauben. Im Juli habe ich es in Göteborg erlebt, mit 220 meist jungen Erwachsenen aus 17 Ländern, wie sie auf der Suche sind, wie sie dreimal am Tag Andachten feiern, Psalmen singen und die Lobgesänge aus dem Neuen Testament, wie sie (in den Worten von Jesaja hier) nach “Weisung” suchen und nach dem Weg des Herrn in ihrem Leben: Da ist eine schwedische Ärztin, die um die Gewissensfreiheit von Ärzten kämpft, die als Christen gegen Abtreibungen sind. Da ist ein Dolmetscher aus Russland, der vor Jahren für eine französische Reisegruppe übersetzt hat, das waren evange­likale Christen, und seitdem liest er die Bibel; aus der Begegnung mit ihnen ist die Begegnung mit Christus geworden.

Das ist es, was Jesaja hier ankündigt: Dass Nicht-Juden dorthin kommen, wo der lebendige Gott angebetet wird, dass sie nach Weisung fragen, nach seinem Gebot für alle Menschen und nach seinem Weg mit ihnen. Und indem sie danach fragen, bekennen sie: Sie kennen diesen Weg von sich aus nicht, sie sind nicht auf ihm unterwegs, sie finden diese Orientierung nicht in den vielen Meinungen und Angeboten um sie herum und im Internet, sie finden sie auch nicht ganz tief in sich drin. Denn wenn wir auf die Stimmen um uns herum hören, finden wir nur Mehrheiten, die sich drehen wie der Windsack vor einer Autobahnbrücke. Und wenn wir in uns reinhorchen, hören wir nur das Echo von den vielen Botschaften, die wir bewusst oder unbewusst sowieso in uns haben.

Deshalb sagt Jesaja: Die Völker werden nach Weisung von Gott fragen. Von Zion wird sie ausgehen, und des Herrn Wort von Jerusalem. Das ist die Sendung der Apostel, die Jesus ausgeschickt hat, von dem Berg bei Jerusalem, nicht dem Tempelberg, sondern dem Berg seiner Kreuzigung, dass sie von dieser Kreuzigung allen Menschen sagen: Dass der Tod die Folge der Gottlosigkeit ist, und dass gottlos nicht nur moralisch “verkommene” Menschen sind, vielleicht Triebtäter und Drogenbosse, sondern wir sind von Natur gott-los, ja, wir wollen Gott eigentlich gerne los sein. Und wollen es doch auch nicht, wenn der Funke der Liebe Gottes uns erreicht hat, wenn wir ahnen, dass das, was diese Welt Frieden nennt, ja ein ganz bescheidenes Schattenbild ist von, was Gott einst geschaffen hat; denn “Frieden” heißt in der Schrift Heilsein, Miteinanderleben, darauf verzichten, sein Recht gegen den anderen durchzusetzen. Es heißt, die Waffen der Selbstgerech­tig­keit, der Rache, der Verachtung niederzulegen. Ja, sie als Waffen unbrauchbar zu machen, indem wir das, woraus sie gemacht sind – unsere Gedanken und Gefühle und Worte – zu etwas einzusetzen, das uns miteinander leben lässt; so wie ein Schwert umgeschmiedet wird zu einer Pflugschar (das hat man sicher nach einem Krieg früher gemacht, denn Metall war wertvoll,) und dann dazu dient, den Acker zu bearbeiten, Lebensmittel zu produzieren. Und wie ein Spieß zu einer Sichel wird, mit der das Getreide geerntet wurde, oder einem gebogenen Winzermesser, mit der die Reben beschnitten werden, damit sie gute Trauben tragen.

Diese Waffen niederlegen aber kann nur, wer damit zu Gott kommt und sich unter sein Wort stellt. “Gott wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker” heißt es hier. Auch da redet Jesaja nicht von einer allmählichen Entwicklung in dieser Welt, dass immer mehr Menschen anfangen werden, den wahren Gott anzubeten und zu loben, bis alle Straßen und Gassen davon voll sind und diese Welt dadurch so verwandelt wird, dass schließlich alles gut wird. Er redet nicht von einer Wunschvorstellung, einer Utopie, die sich hoffentlich verwirklicht, wenn genug Menschen daran glauben. Mag sein, dass für manche in der DDR und in der Bun­des republik die Friedensbewegung so etwas war, das sie enorm angetrieben hat, das damit viel bewirkt hat. Aber das Paradies wird damit nicht wieder hergestellt. Uns ins Paradies wieder hereinholen, das tut Christus. Und es geht nicht ohne Kampf. Ohne seinen Kampf, in dem er sich ganz und gar wehrlos gemacht hat, als schwacher Mensch, obwohl doch wahrer Gott, als Oberbefehlshaber der himmlischen Heerscharen, der doch keinen seiner einfachsten Engel zur Vertei­ digung herbeigerufen hat. Mit dem Wort Gottes als seiner einzigen Waffe, mit der er den Teufel in seiner Versuchung besiegt hat. Und mit dem er mit einem einzigen Wort den Sieg des Teufels zur Niederlage gemacht hat, als er am Kreuz gerufen hat: Es ist vollbracht.

Ja, er allein macht Frieden mit Gott, macht Frieden unter uns. Das aber ist keine ferne Zukunft. Das hat er angefangen mit seinem Kommen in die Welt vor 2000 Jahren, das geschieht in jedem Gottesdienst, wenn wir zu Beginn bekennen, dass wir als Sünder vor Gott kommen; als solche, die nicht auf seinem Weg gegangen sind, die seine Weisung missachtet, ja verdrängt haben. Da antwortet er auf unser Schuldbekenntnis, in dem er uns von neuem hineinnimmt in den Frieden, für den er mit seinem Leiden und Sterben auf Golgatha den höchsten Preis bezahlt hat. Da sind wir in seinem Reich, das am Ende höher sein wird als alle anderen, weil alle anderen endgültig am Boden liegen werden. Die Abschaffung aller Waffen in dieser Welt und ihr staatlicher Einsatz ist damit weder von Gott verheißen, noch können wir das mit biblischen Argumenten fordern, so sinnvoll eine Abrüstung auch ist. Wir aber sollen als Christen nicht gegeneinander kämpfen. Ja, wir sollen mit allen Men­ schen, soviel es an uns ist, zu Friedensschaffern werden.

Wir sollen also mit diesem Wort Gottes hier nicht so umgehen wie ich mit dem, was Michael Krenz mit seinem Kunstwerk in Wittenberg sagen will, das ich einfach am Rand stehenlassen und übersehen habe. Und wir könnenFrieden machen, denn wir haben nicht nur leere Formen in der Kirche, wir müssen uns diesen Frieden nicht herbeidenken, sondern wir haben Gottes Wort, mit dem er Recht spricht und Frieden macht in dieser unfriedlichen Welt, Frieden mit uns, und Frieden durch uns. Das braucht diese Welt. Und das ist eine Friedensbewegung für die Ewigkeit. Amen.

8. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.