Predigt vom 11.8.2019 (2. Mose 16,2-3+11-18)


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Predigt vom 4.8.2019 (2. Mose 16,2-3+11-18)

Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Und der Herr sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin.

Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat. Das ist’s aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Liebe Gemeinde,

Murren tut gut. Das entlastet von der eigenen Verantwortung. So meckern die Israeliten in unserem Abschnitt auch nicht das erste Mal. Aber beschweren sie sich nicht zu Recht? Die Israeliten sind einen Monat in der Wüste unterwegs, da gehen wohl auch die letzten Vorräte aus. Wenn das so ist, würden sie sich ja zu Recht entrüsten. Wer nähme es schon einfach so hin, mitten in der Wüste zu hungern, ohne Aussicht auf etwas Essbares? Aber die Israeliten bitten nicht einfach um Brot, sondern sie greifen Mose und Aaron an. Sie machen sich dabei auf mindestens zwei Weisen schuldig.

Zum einen: Mit ihrer Verklärung der Vergangenheit. Wir kennen das. Der Ruf nach den Fleischtöpfen Ägyptens ist nicht umsonst sprichwörtlich geworden. Dass die Israeliten als rechtlose Zwangsarbeiter regelmäßig vor Fleischtöpfen gesessen haben, ist sehr unwahrscheinlich. Gern erinnern auch wir uns an eine glorreiche Vergangenheit, gerade in Zeiten des Wandels: Wenn wir nicht wissen wie es am nächsten Tag wird; geschweige denn in fernerer Zukunft. Und zwar persönlich; dann in Bezug auf die kirchlichen Verhältnisse, also als geistliches Wandervolk; und schließlich auch gesellschaftlich: Wie wird es weitergehen mit den Flüchtlingen, die die Gefahren einer Flucht am eigenen Leib zu spüren bekommen? Oder: Werden die Rententöpfe noch für alle reichen? Leicht klagen auch wir „die da oben“ an – sei es in der Kirche oder Politik. Die Israeliten tun das in unserem Abschnitt besonders drastisch: Sie werfen Mose und Aaron vor, sie absichtlich in die Wüste geführt zu haben, um sie dort durch Hunger umzubringen.

An diesem Punkt wird die zweite Sünde der Israeliten deutlich: Mangelndes Vertrauen. Sie stellen nicht nur die frühere Situation besser dar als sie war, sondern auch die jetzige schlechter als sie ist. Auch das kennen wir: Die positiven Seiten werden von den Bedrohungen und Ängsten vor Neuem und Fremdem in den Schatten gestellt. Mose und Aaron haben die Israeliten in die Freiheit geführt. Gott hat sie mit vielen Wundertaten nicht nur aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Er hat sie sogar schon auf ihrem Weg durch die Wüste mit einem Wunder vor dem Verdursten gerettet. Dafür loben die Israeliten Gott später im Psalm 78: Sie singen:

Vor ihren Vätern tat er Wunder

in Ägyptenland, im Gefilde von Zoan.

Er zerteilte das Meer und ließ sie hindurchziehen

und stellte das Wasser fest wie eine Mauer.

Er leitete sie am Tage mit einer Wolke

und die ganze Nacht mit einem hellen Feuer.

Er spaltete die Felsen in der Wüste

und tränkte sie mit Wasser in Fülle;

er ließ Bäche aus den Felsen kommen,

dass sie hinabflossen wie Wasserströme.

Aber dennoch fragen die Israeliten hier: „Kann Gott wohl einen Tisch bereiten in der Wüste?“. Sich gar nicht an Gott zu wenden, ist wohl für die Israeliten selbst am Ungünstigsten - vorsichtig ausgedrückt. Wer sollte ihnen dort in der Wüste sonst noch helfen? Aber sie bitten Gott nicht einmal um Essen. Warum? Vielleicht wie auch wir manchmal vergessen uns an Gott zu wenden, weil wir in unsere Not vertieft sind. Oder so wie es uns schwer fällt, zu vertrauen. Nämlich, dass Gott auch für uns das tun wird, was er schon einmal getan hat; dass er uns auch in der jetzigen konkreten Not und in Zukunft bewahren wird. Genauso wie er uns früher bewahrt hat. Vielleicht erwarten wir auch gar nicht so ein richtiges Wunder wie es die Israeliten erlebt haben. Was ist das überhaupt für ein Wunder?

Obwohl die Israeliten Gott gar nicht gebeten haben, hört er ihr Bitten. Ohne Widerrede oder Korrektur ihrer falschen Vorwürfe reagiert er. Gott handelt sofort. Und er handelt viel weitreichender, als es sich die Israeliten hätten vorstellen können. Nicht nur die konkrete Not des Hungers wird beseitigt, sondern täglich sollen sie Fleisch und Manna zu essen bekommen. Zur Genüge. Sogar so, dass sie genau passend etwas für den Sabbat übrig haben. Und an diesem Festtag gar nicht sammeln müssen. Sie können sich ausruhen in der Gewissheit, dass Gott ausreichend für sie sorgt.

Ist das nun ein Wunder? Es gibt ja solche Wunder, die man schlicht nicht erklären kann. Denn Gott ist nicht an die Zusammenhänge gebunden, die wir durchschauen. Sowohl die Gabe der Wachteln als auch des Mannas ließe sich aber grundsätzlich erklären: Die Wachteln ziehen im Frühjahr in Schwärmen nordwärts. Und sie gehen in der Wüste auf einen möglichen Lagerplatz nieder. Dort können sie einfach eingesammelt werden. Denn sie sind vom langen Flug geschwächt. Die Entstehung des Mannas ist dagegen etwas komplizierter. Es ist eine Form von Honigtau, den Insekten ausscheiden, die an bestimmten Wüstensträuchern leben. Dieser Honigtau wird in der trockenen Wüstenluft schnell zu klebrigen Festkörpern. Die müssen vor Sonnenaufgang gesammelt werden, damit sie nicht wieder schmelzen. Noch heute sammeln Beduinen in der Gegend dieses Manna.

Ist es also gar kein Wunder? Man könnte einwenden: Das Manna ist ziemlich selten und es kann nicht zu einer Nahrungsgrundlage für so viele Menschen werden. Entscheidend ist aber etwas Anderes: Eine natürliche Erklärung trifft nicht das, was wir als Wunder erleben. Viele für uns wundervolle Bewahrungen oder Gebetserhörungen könnten wir auch schlicht erklären. Wir könnten sie vielleicht als Zufälle oder eigenartige Wendungen beschreiben. Das Wunder muss also kein Geschehen sein, das wir mit der Vernunft nicht beschreiben können. Aber es wird von der Vernunft nicht ganz erfasst. Denn im Wunder werden wir ganz von Gottes Fürsorge gepackt und sind ergriffen.

Die Israeliten erleben in der Wüste ein alltägliches Wunder. Und man kann es außerdem noch erklären - zumindest teilweise. Dennoch ist es ein großes Wunder, wie Gott auch in der Wüste für sein Volk sorgt - 40 Jahre lang! „Man hu“ fragen die Israeliten verwundert – was ist das also, mit dem Gott für sie sorgt?

Auch wir gehören durch die Taufe zu dem Gottesvolk desselben Gottes. Jesus Christus hat mit seinem Leben dafür bezahlt, dass wir Bürger in Gottes Reich geworden sind. Im Wochenspruch hören wir das: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“. Wir brauchen nicht einen Mose oder Aaron, der für uns mit Gott redet, sondern können uns selbst direkt an ihn wenden.

Jesus Christus hat uns auch gelehrt, Gott um unser tägliches Brot zu bitten. In Bezug auf diese Bitte fragt Martin Luther - ähnlich den Israeliten:„was ist das?“ So wie bei den anderen Auslegungen im Kleinen Katechismus. Es ist das, was für unser Leben in dieser Welt nötig und wichtig ist: Nahrung, Kleidung, das Zuhause, der Ehemann bzw. die Ehefrau, Freunde, eine gute Regierung, Frieden, Gesundheit und gute Nachbarn, um nur einige Beispiele zu nennen. Das tägliche Brotwunder lässt sich also in noch viel mehr Dingen entdecken. Wir können zwar erklären, woraus unser Brot besteht und woher unsere Freunde kommen. Aber das macht es nicht weniger wunderbar. Gott gibt das tägliche Brot den Menschen auch ohne ihr Bitten. Wenn wir aber Gott darum bitten, begreifen wir etwas: Nämlich, dass er mit seinem Segen dahintersteht.

In unserem Abschnitt befiehlt Mose: „Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte“.

Wir wohnen nicht in Zelten. Aber auch wir sind unterwegs - als Einzelne, als Gesellschaft, als Gemeinde. Ebenso haben auch wir den Auftrag die von Gott gegebenen Gaben an andere zu verteilen. An den Plätzen, an die uns Gott gestellt hat. Durch unsere berufliche Tätigkeit, für unsere Familie, für die geistlichen Brüder und Schwestern, für Bedürftige.

Bisher habe ich vor allem von leiblichen Gaben gesprochen. Das gleiche gilt natürlich auch für die geistlichen Gaben. Ja, sie sind sogar noch wertvoller. Gott weiß, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Manchmal merken auch wir es, wenn wir hungern; wenn wir uns auf einer Durststrecke befinden, obwohl wir genug zu essen und zu trinken haben.

Im heutigen Evangelium haben wir es gehört: Jesus Christus hat das Volk satt gemacht, das sich um ihn versammelt hatte. Dadurch hat er sich als derselbe Gott gezeigt, der schon das Volk in der Wüste ernährt hat. Kurz danach kommt er noch einmal in anderer Weise auf das Brot zu sprechen: Er sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“.

Er selbst gibt uns seinen Leib und sein Blut unter dem leiblichen Brot und Wein im Abendmahl. Immer wieder. Als Speise für uns, die wir unterwegs sind. Auch in der Wüste. Er selbst spricht auch zu uns das Wort, das uns unser Murren vergibt. Wenn wir die scheinbar glorreiche Vergangenheit verlangen, statt zu helfen seine Gaben auszuteilen. Er befreit uns davon, die Verantwortung auf andere zu schieben. Dagegen leitet er uns an, um die Gaben zu bitten, die wir täglich von ihm empfangen. Dadurch erkennen wir die Vielfalt unseres täglichen Brotes, das er den Menschen auch ohne ihr Bitten schenkt.

Wiederum sagt er: „Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit“. Hier wird das Manna der Wüste übertroffen. Das Brot, das sein Leib ist, ernährt nicht nur für die begrenzte Zeit unseres Lebens hier. Sondern es wird zu einem echten Himmelsbrot, zu einer Speise, die bis in das himmlische ewige Leben reicht. Dort gibt es genug für alle, nicht nur für einen Tag, sondern für die Ewigkeit! Das ist nun tatsächlich ein Wunder, das über unser Vorstellungsvermögen hinausreicht. Darin zeigt sich Gottes Fürsorge: Sowohl in den greifbaren, alltäglichen Dingen als auch in den unbegreiflichen, himmlischen Gütern. So wunderbar kümmert er sich um uns – um unseren Leib und unsere Seele!

Lasst uns beten:

Himmlischer Herr und Vater, wir danken dir für die leiblichen und geistlichen Gaben, mit denen du uns täglich so wunderbar ernährst. Bewirke in uns durch deinen Geist, dass wir deine Gaben erkennen und nach deinem Willen gebrauchen und verteilen. Wir loben dich, dass du uns in deinem Sohn das Lebensbrot geschenkt hast. Wir bitten dich, stärke uns immer wieder mit ihm bis wir ganz satt werden an deinem Tisch in der himmlischen Herrlichkeit. Amen.

(7. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)