Predigt vom 11.11.2018 (Hiob 14,1-6)


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Create Date11. November 2018
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Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Liebe Schwestern und Brüder,

Novemberwetter haben wir diesen Monat noch gar nicht so viel gehabt – das typische trübe Wetter, mit Regen und Wind, das für manche einfach zu dieser Jahreszeit dazugehört, das manchem aber auch auf die Stimmung schlägt; außer, dass es doch jetzt nachmittags ziemlich früh dunkel wird, seitdem wir die Uhren wieder zurückgestellt haben. Vielleicht empfindet man das auch noch mehr, weil die Winterbeleuchtung um unsere Häuser herum noch nicht in Gang ist.

Nun fällt hier auf der Nordhalbkugel genau in diese Jahreszeit das Ende des Kirchenjahres mit der Erinnerung an das Ende der Welt, an Gottes Gericht, und der Warnung vor der ewigen Finsternis. Das ist der Grund, warum dieser Abschnitt aus dem Hiob-Buch für die alttestamentliche Lesung am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr ausgesucht wurde. Und es kommt mir so vor, als ob Hiob in diesem Abschnitt in einer Novemberstimmung ist – einer “immer nur November”-Stimmung.

Und das ist fast so, wie in den Narnia-Erzählungen des irischen Schriftstellers C. S. Lewis. Mancher von uns kennt sie vielleicht, mit den vier Kindern Peter, Susan, Edmund und Lucy, die durch einen Wandschrank in die Phantasiewelt von Narnia geraten. Nur dass es dort nicht immer Novemberist, sondern immer Winter, wie einer der Bewohner den Kindern erzählt, “immer nur Winter und nie Weihnachten”. C. S. Lewis hat als Erwachsener zum christlichen Glauben gefunden, und er will damit sagen: Es fehlt etwas, das die kalte, unfreundliche, dunkle Zeit im Jahr hell machen sollte. In Narnia liegt das an der böse Winterkönigin, deren ganzes Wesen Kälte ist und die deshalb will, dass das auch für alle anderen nie mehr aufhört.

Und es ist mehrals eine Gefühlssache, wenn uns die Dinge einholen, die bei Hiob hier anklingen: Dass dem Menschen die Zahl seiner Tage bestimmt ist, das erleben wir, wenn wir Abschied nehmen müssen von lieben Menschen und von Brüdern und Schwestern in der Gemeinde. Dass der Mensch wie eine Blume ist, die aufblüht und dann abfällt (bei manchen besonders schönen Arten am selben Tag), das wird uns deutlich, wenn wir alte Fotos ansehen und ein Kind mit draufguckt und nicht glauben kann, dass das kleine Mädchen da, der kleine Junge die Person neben ihm mit dem grauen Haar ist. Und wen Hiob sagt, der Mensch ist wie ein flüchtender Schatten, der nicht bleibt, dann gehört es vielleicht auch dazu, wenn wir hören, dass in unserem Umkreis eine Ehe auseinandergegangen ist, obwohl beide eigentlich wollten, dass sie lebenslang besteht.

Aber es ist mehr als eine Stimmung, wenn Hiob so darüber redet; mehr als eine trübe Zeit, in der einem die schlechten Nachrichten besonders auf's Herz schlagen; die persönlichen und die weltweiten. Gerade haben Hiobs Freunde der Reihe nach mit ihm geredet, haben versucht zu begreifen, warum ihm so viel Schreckliches passiert, dass davon schlechte Nachrichten sprichwörtlich zu “Hiobs-Botschaften” geworden sind. Seinen ganzen Viehbestand hat er verloren, seine Kinder sind mitten auf einer fröhlichen Feier von einem einstürzenden Haus erschlagen worden, er selbst ist unheilbar krank und leidet unter Dauer-Schmerzen. Seine Frau kommt damit nicht mehr zurecht. Und seine Freunde erklären ihm, dass der Grund für all das bei ihm liegen muss: “Wenn es dir so schlecht geht, dann hast du das verdient. Denn Gott ist gerecht. Er gibt jedem nur das, was er verdient.” Und sie berufen sich auf die Weisheit der Generationen vor ihnen: Wir sind nur ein Schatten, wie erleben nur einen kleinen Abschnitt der Weltgeschichte mit, aber wenn sie so Gottes Gerechtigkeit erkannt haben, dann muss das so sein.

Man möchte ihnen beinahe zurufen: Macht eine Besuchsdienstschulung mit. Denn das klingt ja noch härter als der Satz: Freu dich über dein Leiden, da steckt ein Segen drin, und auch noch härter als der nächste: Wenn du genug Glauben hättest, würde dir das nicht passieren. Denn sie sind überzeugt, ihr Freund Hiob hat ein dunkles Geheimnis. Er, der ein Vorbild für andere war, und bei dem sich andere ganz wichtigen Rat geholt haben. So wie die dunklen Seiten von immer mehr Amtsträgern und Erziehern in der Kirche, die in den letzten Jahren immer wieder Schlagzeilen machen.

Und darauf reagiert Hiob jetzt mit diesen Worten. Nein, er sucht nicht nach logischen Argumenten, mit denen er seine Freunde zum Schweigen bringen kann, er klagt es Gott:

“Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.”

Das gilt für alleMenschen, sagt er, auch wenn's bei mir jetzt nicht zu übersehen ist mit den frischen Gräbern meiner Kinder vor der Tür, und mit meiner Krankheit. Immer nur November – nun, im jüdischen Kalender werden die Monate anders gezählt, aber um Vergänglichkeit geht's hier ganz allgemein, und um das Thema Gericht; das Thema, das wir nicht gern hören, das uns auch an anderen Sonntagen zusetzt, wenn wir's ernstnehmen, und das wir gerne abschaffen würden. Aber wir können's nicht abschaffen, weil das Gericht eben nichts ist, was Menschen sich halt so vorstellen (mancheMenschen), weil es auch nicht um eine Art ausgleichende Gerechtigkeit geht für die, die hier im Leben die schlechteren Karten hatten. Nein, das Gericht ist etwas, das Gott uns ankündigt, damit wir eben am Ende nicht eine furchtbare Überraschung erleben. Es gehört deshalb auch zu dem, was wir jeden Sonntag miteinander bekennen.

Aber wenn der Mensch so vergänglich ist, könnte man meinen, dann müsste Gott doch auch nicht so ein Interesse an ihm haben. Aber genau das ist das nächste, was Hiob seinem Gott klagt:

“Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst.”

Das heißt zwar, dass der Mensch Gott wichtig ist, jeder einzelne. Aber warum muss Gott ihn so genau in den Blick nehmen? Ja, genau an dieser Stelle wird's bei Hiob persönlich. Mit einem Mal geht es, weiles um den Menschen allgemein geht, um ihn ganz persönlich:“Du ziehst michins Gericht”, sagt Hiob. “Aber warum?” “Kann denn eine Reiner von Unreinen kommen?” Sagt Gottes Wort nicht selbst, dass keiner von uns so gerecht ist, wie wir vor Gott sein sollen? Wer als Mensch geboren wird, der ist Mensch. Der ist nicht heilig, in dem steckt das, was die heilige Schrift “Sünde” nennt; diese Verseuchung des Bodens in unserem Herzen, die dann auch das, was darin wächst und rauskommt, mit vergiftet; die aber auch  dann unter Gottes Gericht fällt, wenn von außen nichts davon zu sehen ist. So wie ein Gutachter eine Bodenverseuchung nicht erst erkennt, wenn in den Karotten Schadstoffe angereichert sind, sondern auch ohne das feststellen kann, dass der Boden ausgetauscht werden muss.

Dass er so unter Gottes Gericht fällt, das ist für Hiob keine Frage. Auch wenn er sich gegen die furchtbare Mathematik seiner Freunde wehrt, bei denen als Summe immer wieder rauskommt, dass er das offenbar mehr verdient hat als sie. Denn das gilt eben für alle Menschen. Das ist der Grund, warum der Mensch vergehen muss, warum seine Tage gezählt sind, warum er sterben muss.

Nur, wenn das alles so ist, wenn Gott sowieso festsetzt, wie viele Jahre und Monate und Tage das bei dem einzelnen sind – warum lässt er ihn dann nicht bis dahin in Ruhe? Der Dichter Eugen Roth hat mehrere Gedichte über den Menschen geschrieben, und hat in einem genau das hier aufgenommen:

Ein Mensch, der recht sich überlegt, / dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mit der Zeit in Herz und Magen / ein ausgesprochnes Unbehagen.
Und bittet schließlich Gott voll Grauen, / nur fünf Minuten wegzuschauen.

Das ist das, was Petrus zu Jesus sagt, als der vom Boot aus zu den Menschen am See Genezareth gesprochen hat, als er dann Petrus und seine drei Arbeitskollegen am helllichten Tag noch mal rausgeschickt hat mit den Booten, als ihre Netze übervoll wurden, und sie geahnt haben: Der hat Macht über die Schöpfung, der ist eins mit dem, der alles gemacht hat und erhält. Und Petrus fällt auf die Knie und sagt: “Geh weg von mir. Ich bin ein unreiner Mensch”: Ich bin unheilig, und es würde mir in deiner Gegenwart gehen wie einer Wachskerze im Feuer.

Aber Jesus, der da vor ihm steht, ist derselbe, der die Schwiegermutter des Petrus gesundgemacht hat; an dem Sabbath, als sie zusammen aus dem Gottesdienst kamen und Petrus Jesus zu sich nach Hause eingeladen hat. Jesus ist der, von dem Petrus später erfährt, dass er von einer Jungfrau geboren ist. In allem wie wir, aber ohne Sünde. Jesus ist der eine Reine, der von den Unreinen, von uns Menschen, gekommen ist. Wahrer Mensch. Und zugleich wahrer Gott. Heilig und gerecht.

Und der überlässt Petrus nicht sich selbst. Er hat ihn im Blick, nicht, weil er ihn ständig an seine Schuld erinnern will wie die Freunde des Hiob. Sondern weil er diese Schuld auf sich nehmen will. Weil er gekommen ist, um den Tod auf sich zu nehmen, den Petrus verdient hat und Hiob und seine drei Freunde und du und ich.

Dass Gottes Macht im Tod nicht zu Ende ist, das glaubt und erkennt auch Hiob. Wir haben im 19. Kapitel diesen wunderbaren Höhepunkt, wo der kranke und schwache Hiob bekennt:

“Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.”

Ja, dass Gott sich über dem Staub erheben wird: Hiob hat's wohl selbst noch gar nicht begreifen können, was er da sagt. Aber der heilige Geist hat Menschen getrieben, das genau so aufzuschreiben, damit wir als Christen darin den Finger­ zeig sehen können, der schon damals auf die Grabhöhle am Ostermorgen zeigt; als der Sohn Gottes sich da über den Todesstaub erhoben hat, als der Stein abgewälzt wurde, als der Engel den Frauen sagte: “Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier.”

Aber Hiob bekommt diese Auferstehungshoffnung wohl noch nicht überein mit seiner Klage, auch wenn beides im selben Buch steht. Aber so geht's uns ja auch,  wenn wir die Auferstehung glauben und bekennen, aber trotzdem das Gefühl haben, es ist manchmal alles düster. Nur das eine, das kommt bei Hiob nicht vor, auch wenn er heute ein typischer Fall wäre für die, die sich für die sogenannte “aktive Sterbehilfe” oder die Unterstützung beim Selbstmord einsetzen: Der Gedanke, der Mensch könnte ja sein Leben selbst beenden, wenn es 'keinen Zweck' mehr hat, wenn es 'nicht mehr lebenswert' ist. Nein, die Tage des Menschen sind von Gott bestimmt. Der Mensch kann dieses Maß nicht überschreiten, er kann da nichts hinzufügen. Er hat aber eben auch kein Recht, das, was Gott ihm persön­ lich als Zeit vorgegeben hat, selbst zu beenden. Auch das wäre ein Überschreiten. Was aber Menschen dazu treibt – dieser Gedanke, es wäre eine Erlösung –, das hören wir auch hier von Hiob, wenn er den Todestag beschreibt wie den Moment, an dem die Arbeit für einen Tagelöhner, einen Leiharbeiter beendet ist. Wir müssen da nicht an Arbeit denken wie bei uns heute mit einer Höchstzahl an Arbeitsstunden pro Tag, mit Krankheits- oder Arbeitslosengeld, wenn einer ausfällt, mit Arbeits­ gerichten, an die sich ein Arbeiter wenden kann, wenn er schlecht behandelt wird. Lange Zeit in der Geschichte hieß es für solche Tagelöhner, dass sie keinen Schutz hatten, und weitermachen mussten, so lange es ging. Wenn diese Quälerei dann zu Ende war, dann war das wie eine Erlösung. So wie ein Angehöriger manchmal auch nach dem Tod eines lieben Menschen sagen kann, es ist wie eine Erlösung.

Nur weiß Hiob eben auch, dass Gott uns vor sich stellen und unser Leben aufdecken wird. Und wir wissen als Bibelleser von dem, der aus der Finsternis kommt, dessen Wesen Finsternis ist, und der deshalb will, dass für uns Menschen immer Finsternis ist und bleibt. Wer meint, dass es automatisch einmal besser wird mit dem Tod, der täuscht sich. Das wäre wie immer nur Volkstrauertag und nie Ewigkeitssonntag. Wie immer nur der Satz “lasst uns vor Gott bekennen, dass wir gesündigt haben” und keine Vergebung, keinen Freispruch. Erlösung ohne Christus ist keine Erlösung. Nicht aus dem Gericht und nicht vom ewigen Tod. Und Ruhe gibt es nicht ohneGott, sondern nur bei ihm. Bei ihm aber haben wir sie, egal, wie düster oder fröhlich es in uns und um uns herum aussieht. Darum lasst uns am Schluss dieser Predigt gemeinsam noch einmal sprechen, was wir vor ihr bekannt haben: “Ich glaube an die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben”. Amen.

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr (Predigtreihe IV)

Daniel Schmidt, P.