Predigt vom 10.9.2017 (Matth. 25,31-46)


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  1. Hinführung: Gedanken zu Besuchen in den Evangelien und in der Apostel­geschichte

Jesus bei Zachäus

Ich bin Zachäus. Von Beruf Steuereintreiber. Ein guter Beruf. Mit dem, was uns an Gebühren zusteht, gehen wir öfter etwas frei um. Aber damit kann ich ganz gut leben. Mir fehlt nichts. Das hätte ich zumindest gesagt. Bis dieser Jesus in die Stadt kam. Sehen wollte ich ihn schon. Aber dann kam er plötzlich zu Besuch. Und ich weiß jetzt: Das hat mir bisher gefehlt. Bei mir ändert sich jetzt einiges. Weil er mir gesagt hat: Auch ich bin Abrahams Sohn.      Er hat mich gesucht, um mich zu retten. Und hier hat er mich gefunden.  (Lk 19,1-10)

Jesus bei Maria und Martha

Ich bin Maria. Die Schwester von Lazarus. Und von Martha. Wir sind mit Jesus befreundet. Oder vielmehr: Er ist unser Freund. Gerade war er wieder bei uns zu Besuch. Ich war die ganze Zeit in der Küche. Aber Martha hat sich zu ihm gesetzt. Sein Wort zu hören, das ist das Wichtigste. Denn darin ist Leben. Das habe ich gelernt. Weil er uns besucht hat. (Lk 10,38-42)

Paulus bei Lydia in Philippi

Ich bin Lydia. Selbständige Unternehmerin in Philippi. Letzte Woche sind Paulus und Silas in die Stadt gekommen. Sie haben von Gottes Sohn gesprochen. Davon, dass er unsere Schwachheit und Schuld auf sich genommen hat. Damit wir frei werden davon. Meine Familie und ich haben uns taufen lassen. Jetzt sind sie meine Gäste. Das ist etwas Neues für mich: christliche Gemeinschaft. Ich brauche das. (Ac 16,14f)

Paulus und Silas beim Gefängniswärter von Philippi

Ich bin Gefängnisdirektor. In Philippi. Besuch haben wir selten. Mal ein Nachbar, mal jemand aus der Verwandtschaft. Aber letzte Nacht hatten wir plötzlich zwei Gäste. Zwei von den Gefangenen. Die hatten von Gottes Sohn erzählt und gesungen. Dass er das auf sich genommen hat, wofür jeder Mensch eine ewige Haftstrafe verdient. Dass er sich dafür hat gefangennehmen und hinrichten lassen. Dann kam das Erdbeben. Sie hätten alle abhauen können. Aber sie haben nicht an sich selbst gedacht. Nicht an ihre eigene Sicherheit. So sind sie als Gäste in unser Haus gekommen. Und jetzt sind meine Kinder, meine Frau und ich getauft. Freiheit – jetzt entdecken wir, was das heißt. (Ac 16,23-40)

Der Engel bei Maria

Ich bin Maria. Ein junges Mädchen in Nazareth. Ich habe Besuch bekommen. Gott hat nicht überlegt, wie jung ich bin. Wie wenig es auf mich ankommt im Ort. Oder was ich für die Gemeinde tun kann. Gott hat mich besucht. Ich werde die Mutter seines Sohnes. Und er wird der Bruder aller Menschen. Weil wir es brauchen, dass er unser Leben mit uns teilt. Und uns in seiner Gnade annimmt. Ich hab's erfahren. Gott gebe, dass ich's auch glaube. Immer neu. (Lk 1,26-38)

 

  1. Predigt

Liebe Schwestern und Brüder in Christus -

so reden wir einander an: als Brüder und Schwestern. Das heißt, wir sind nicht nur durch Sympathie miteinander verbunden. Die ist ja auch mal mehr vorhanden, mal weniger. Wir haben einen gemeinsamen Vater. Und das heißt auch, wie in jeder Familie sonst: Wenn's einem schlecht geht, betrifft das die anderen auch. Und umgekehrt.

Die erste christlichen Gemeinden kamen in Privathäusern zusammen. Weil es noch keine Kirchengebäude gab. Aber auch, weil man zusam­ mengehörte über die Abstammung und die Herkunft hinaus. Und so hatte mancher, der ein größeres Haus hatte, mit einem Mal in seinen vier Wänden Leute, die deutlich weniger hatten als er selbst. Oder deutlich mehr. Die deutlich ungebildeter waren. Oder deutlich gebildeter. Die aus einem ganz anderen “Stall” kamen als er selbst.

Einfach war das nicht. Da mussten sich beide Seiten drauf einstellen. Immer wieder. Aber es entsprach dem, was Kirche ist: die Gemeinschaft derer, die eins verbindet: Dass sie Gottes Kinder sind.

Im Jahr 198 nach Christi Geburt hat der Kirchenvater Tertullian eine Verteidung des christlichen Glaubens geschrieben. Darin berichtet er, was man von außen über die Christen sagt: “Siehe", sagen sie, „wie sie sich untereinander lieben" und sogar, „wie einer für den andern zu sterben bereit ist"!

Die Christen wussten und glaubten, dass Gottes Sohn solche Liebe für uns hat. Er hat seine herrliche Wohnung im Himmel hinter sich gelassen, hat in einem Stall gewohnt, und ist in einem einfachen Handwerkerhaushalt aufgewachsen. Weil er bei uns Menschen sein wollte. Er hat Kranke berührt, hat mit Prostituierten geredet und mit Wirtschaftskriminellen am Tisch gesessen. Hat für unsere Sünde – und das heißt, für unseren Mangel an Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen – selbst das aufgegeben, was er in dieser Welt besaß, auch das letzte Hemd, und hat sein Leben gegeben. Damit wir armen, nackten Menschen in seine Gerechtigkeit gekleidet werden. Damit wir aus der Schuld-Haft freikommen. Damit wir, die wir wie Fremde waren, seine Brüder und Schwestern werden, Gottes Mitbewohner in seinem Haus. Und holt Leute wie uns bis heute immer wieder an seinen Tisch. Kommt, um in uns zu wohnen. Wo's bei uns im Herzen keinen Deut besser aussieht als in dem Stall, in dem er zur Welt gekommen ist.

Menschen, die zum selben Verein gehören, sind ja oft bereit, füreinander fast alles zu tun. Man hat ja auch was davon. Christen aber sind nicht darauf angewiesen, dass sie von Menschen etwas zurückbekommen. Weil sie ganz viel davon haben, dass sie zu Gott gehören: Diese täglich neue Liebe; bedingungslose, unbegrenzte und überfließende Liebe. So fingen Christen an, für Arme und Kranke zu sorgen. In den christlichen Klöstern entstanden die ersten Pflegeeinrichtungen für Kranke. Heute haben wir in der römischen Kirche die Caritas, das heißt “Nächstenliebe”, und auf evangelischer Seite die Diakonie, d.h. “Dienst”.

Doch weder die Nächstenliebe noch der Dienst für den Nächsten lässt sich an eine Institution abgeben, als ob es dann nicht mehr die eigene, persönliche Aufgabe ist. Es ist zuerst und immer wieder die natürliche Lebensäußerung der christlichen Gemeinde: Dass wir wahrnehmen, wie es dem anderen geht. Was er an Sorgen hat, an Not, an Stress, an Unge­ wissheit. Und an Freuden und Erfolgen und Hoffnungen.

Ja, Diakonie ist neben der Mission eine natürliche Lebensäußerung der Gemeinde. Wie ein normaler Mensch isst und trinkt und redet und sich bewegt, so ist eine lebendige Gemeinde eine, wo Menschen hingehen zum anderen; Zeit haben, zuhören, nachfragen, aufmuntern, Anerken­ nung geben. Und auch mal nötige Arbeiten abnehmen, wenn einer sie nicht schafft. Oder jemandem mit ganz alltäglichen Dingen versorgen. Und wo sich's ergibt, auch zur Orientierung im Leben helfen.

Eigentlich braucht es keine weitere Begründung als diese: Diakonie, die gegenseitige Wahrnehmung mit der Bereitschaft, für den anderen dazusein, ist eine Lebensäußerung der Gemeinde.

Wenn wir aber noch eins hinzunehmen wollen, dann vielleicht dies: Wir gehören zu einer Kirche, in der die meisten Gemeinden überschaubar sind. Wo man sich gegenseitig kennen kann und meistens auch kennt. Aber ist das ein Grund, darauf stolz zu sein, wenn wir uns nicht zugleich gegenseitig wahrnehmen, wo wir nicht füreinander da sind? Oder wenn wir besser nicht von Stolz reden, ist das ein Grund sich zu freuen, außer wenn sich alle darüber mitfreuen können?

Das erste Ziel bei diesem Füreinander-Dasein ist dabei nicht, dass die Gemeinde mehr aktive Mitarbeiter bekommt. Auch nicht, dass die Gemeinde­ aktivitätenstatistik verbessert wird. Sondern dass wir miteinander aus Gottes Liebe leben. Und dass die Verbindung mit ihm und unter uns lebendig bleibt. Dann werden wir einander auch im Gottesdienst finden. Und werden uns auch, wenn wir aus dem Gottesdienst kommen, da finden, wo wir wohnen, wo wir unsere Hauptzeit verbringen.

Wo das der Fall ist, ist es nicht überraschend, was Jesus zu denen sagt, die im Endgericht von ihm hineingeholt werden in sein und unser ewiges Vater­ haus. Denn als er sie anspricht auf ihr Leben – nicht auf ihre beruflichen und privaten Erfolge, nicht darauf, ob es nach menschlichem Maßstab ein gelun­ genes Leben war oder nicht, sondern auf die Nächstenliebe –, da sagen sie:

“Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?”

Und er selbst antwortet und sagt ihnen:

“Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

 

Wir beten:

Herr, lass das auch in unserer Gemeinde und um sie herum geschehen. Ja, tu du's durch uns und für uns alle. Amen.

Daniel Schmidt, P.