Predigt vom 10.3.2019 (Hebr 4,14-16)


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Predigt vom 10.3.2019 (Hebr 4,14-16)

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde,

die Versuchung ist allgegenwärtig. Nicht nur in den Lesungen an diesem Sonntag. Von ihr wird auch sonst gesprochen, aber oft auf andere Weise - nämlich positiv. Sie erscheint als Verlockung, der man nachgeben soll – wenn man denn mal etwas Neues erleben möchte. In letzter Zeit scheint dieser Gebrauch von Versuchung auch wieder abzunehmen. Vielleicht hat er sich abgenutzt, ist selbst nicht mehr neu und reizvoll. Was ist schon eine Versuchung, wenn alles erlaubt ist?

Denn die Versuchung lockt ja mit etwas, das man sonst nicht hat oder macht. Es wäre für uns also uninteressant, statt Steinen Brot zu haben. So wie es Jesus im heutigen Evangelium angeboten wurde. Brot haben wir im Allgemeinen genug. Und es wäre eher unpraktisch, wenn unsere Häuser plötzlich aus Brot bestehen würden, statt aus Stein. Nein, Stein soll besser Stein bleiben.

Eine Versuchung im positiven Sinne, also einen Versuch wert, ist es, vom Wort Gottes zu leben. So wie es Jesus dem Versucher entgegnet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“.

Täglich Gottes Wort zu lesen und daraus zu leben, das wäre für viele Menschen doch auch etwas Neues. Aber warum ist das nicht so reizvoll? Warum gelingt auch uns das oft nicht?

Da kommen wir zu dem ursprünglichen Gebrauch des Wortes „Versuchung“: Es gibt Versuchungen, die uns davon ablenken oder abbringen. Dazu kann man drei Versucher zählen: Den Teufel, die Welt und unser Fleisch. Einige werden es vom kleinen Katechismus im Ohr haben. Diese Dinge hängen miteinander zusammen und lassen sich selten klar unterscheiden oder trennen. Aber es sind drei Aspekte, die uns helfen die Gefahren im Blick zu behalten.

Der erste Störfaktor: Das Fleisch. Das liegt uns am nächsten. Damit fängt es im Leben an, noch bevor wir uns für scheinbar höhere Dinge interessieren - wie Ansehen und Erfolg. Und damit fängt es morgens an, wenn es ans Aufstehen geht; und es hört abends auf, wenn wir vielleicht beim Abendgebet einschlafen. Mit dem Fleisch ist das in uns gemeint, was (seit dem Sündenfall) von Natur aus mit uns verbunden ist.

Das können Schwächen und Gewohnheiten sein, mit denen wir uns selbst abplagen: Z.B. Faulheit o. Maßlosigkeit im Essen und Trinken. Dann können es aber auch Dinge sein, die uns selbst gut zu tun scheinen: Z.B. Betrug o. Bestechung. Solche Verstrickungen kommen nicht nur im Film vor: Die Tochter will ein Smartphone. Außerdem ist das Auto kaputt. Der Mutter wird es auf der Arbeit scheinbar kostenlos angeboten. Sie wird nur anschließend um einen kleinen Gefallen gebeten, der nicht der Vorschrift entspricht. Sie meint, sie habe es im Griff, doch bald gerät es außer Kontrolle. Sie muss immer größere Gefallen tun, sonst wird sie verraten.

Jesus zeigt uns, solchen Versuchungen mit dem Wort Gottes zu widerstehen. So wie er dem Versucher entgegnet: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“.

Der zweite Störfaktor: Die Welt. Das betrifft alles, was uns täglich umgibt. Also etwa die Versuchungen, zu denen uns andere Menschen reizen: Neid, Feindschaft, Gewalt, Untreue, Rache. Aber auch vieles Schöne und Interessante, das uns davon ablenkt, auf Gottes Wort zu hören.

Zur Welt zählen auch Dinge, die uns mit der Zeit vermittelt und von falschen Vorbildern eingeredet werden: Z.B. nach großem Ansehen oder Macht zu streben, oder alles selbst entscheiden zu müssen. Es ist attraktiv, höher geachtet zu sein, ob nun wegen Bildung, Karriere, oder besonderer Fähigkeiten.

Dagegen heißt es, den gekreuzigten Christus in sich zu tragen. Das bedeutet eben ein Leben voller Versuchungen und Leiden führen. Das aber ist etwas, das Widerspruch provoziert – von denen, die nach den Zielen dieser Welt leben. Aber Christus kommt immer in der Gestalt zu uns, die er angenommen hat: Als schwacher und versuchbarer Mensch.

Der dritte Störfaktor: Der Teufel. Es steckt eben mehr dahinter, als wir selbst und unser Umfeld. Wie ist die ungeheure Bosheit mancher zu erklären, die weit über eigene Vorteile hinausgeht? Warum etwa trifft uns manche Versuchung gerade an der schwächsten Stelle?

Der Versucher wirkt auch durch die genannten Mittel. Aber zusätzlich greift er gerade auch die Gläubigen direkt an. Entweder macht er Gott und sein Wort schlecht. Das heißt, er redet uns ein, welche Nachteile wir hätten vom Glauben an Gott und dem Befolgen seiner Gebote. Oder er will uns erschrecken, wenn er sagt: Eure Schuld ist ja doch zu groß; es hat keinen Zweck, weiter an Gott zu glauben. Und so treibt er uns je nachdem entweder in Hochmut oder in Verzweiflung. Dazu hetzt und lügt er wie er nur kann; greift Körper und Verstand an, und bringt Menschen zu den schrecklichsten Taten.

Und das alles ist für uns zugleich eine Anfechtung. Denn offenbar hat Gott diese Versuchungen zugelassen. Gott selbst versucht niemanden. Aber er hat den Verführer offenbar handeln lassen. Warum, wird uns nur manchmal und erst im Nachhinein klar. Bei Hiob etwa, der sehr hart geprüft wird, aber sich dadurch umso mehr an Gott hängt. Der ist der Einzige, der versteht, was da mit ihm passiert. Deshalb hängt sich Hiob an den Erlöser, der ihn aus diesen Angriffen auf Körper und Seele für immer befreit.

Haben wir also diese drei Aspekte der Versuchung im Blick, erkennen wir die Gefahren. Und wir können das einordnen, was uns als Versuchung und Anfechtung im Leben begegnet.

Ein Spruch heißt: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Ganz so einfach ist es besonders bei den geistlichen Gefahren natürlich nicht. So lange wir leben, stolpern wir doch auch über einige Versuchungen und Anfechtungen. Das allein soll uns nicht schaden, solange wir uns dagegen wehren und dagegen anbeten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder im Vaterunser bitten: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Denn alleine schaffen wir es nicht, den Versuchungen zu widerstehen. Wir brauchen Gottes Kraft und Stärke, dass wir beim Stolpern nicht hinfallen. Denn die Versuchung kommt; damit sollen wir rechnen. Sie ist allgegenwärtig.

Und deshalb war auch Jesus Christus nicht davon ausgenommen. Wir haben heute im Evangelium davon gehört. Er hat es alles durchlebt: Die Versuchung, die Schwäche, die Anfechtung. In Gleichheit mit uns, heißt es im Predigttext. Er hat sozusagen keine Extrawurst bekommen, keinen Platz in der ersten Klasse. Sondern alles wie wir: Mit dem gleichen Fleisch, in der gleichen Welt vom gleichen Verführer versucht.

Wir werden jetzt in der Passionszeit wieder davon hören: Wie andere Menschen ihn angefeindet haben und Mordpläne gegen ihn aufgestellt. Wie über ihn gelästert wurde und wie er zu Tode kam. Wie er versucht wurde, nicht Gottes Willen zu tun, sondern seinen eigenen. Wie er geweint hat und die Verzweiflung gespürt. Wie er angefochten war von dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Diese Gleichheit mit uns hat ihn fähig gemacht, mit uns mitzuleiden. Denn Mitleid haben kann man auch vom Sehen, wenn man die Dinge nicht selbst erlebt hat. Dann sieht man den anderen mitleidig an. Aber mitleiden kann man nur bei dem, was einen auch selbst betrifft. So ist Jesus mit uns verbunden in der gleichen Erfahrung. Weil er das alles durchlebt hat, kann er also auch jetzt mitleiden. Und durch solches Mitleiden macht er sich auf, dem Leidenden und Versuchten zu helfen.

Nun haben andere auch Versuchung und Schwachheit erlebt. Warum ist das so wichtig, dass er das durchlebt hat? Er tut es in der Rolle des Hohepriesters. Das ist der, der die Sünden des Volkes beseitigt und die Verbindung zu Gott hält. Hohepriester sind für Menschen in das Heiligtum gegangen, haben für sie gebetet und geopfert.

Und in dieser Rolle war und ist Jesus Christus unvergleichlich und außergewöhnlich. „Ein großer Hohepriester“, wie es im Predigtabschnitt heißt. Und zugleich der letzte. Denn er hat Versuchung und Schwachheit für uns ertragen. Und das ohne zu sündigen. Damit ist nicht eine abstrakte Theorie von Sündlosigkeit gemeint. Sondern das heißt: Er hat sich von der Sünde nicht betrügen lassen.

Vielmehr ist er gerade im Leiden Gott, dem Vater treu geblieben. Er ist ganz dem Willen des Vaters gefolgt und hat sein Leben für uns geopfert. Er hat nicht nur für kurze Zeit die Sünden beseitigt. Sondern er hat für alle Zeit den Weg in den Himmel freigemacht. „Er hat die Himmel durchschritten“, wie es im Predigttext heißt. Er ist ganz in Gottes ewiges Heiligtum eingegangen. Dort sitzt er am Thron Gottes, des Herrschers und Richters. Zur Rechten Gottes, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen.

Das ist entscheidend für uns. Denn dadurch ist der Thron des Herrschers und Richters zu einem Thron der Gnade geworden. Zu einem Ort, von dem wir Erbarmen und Hilfe erhalten. Deshalb können wir uns zuversichtlich an Gott wenden und vor seinen Thron kommen. Im Gebet treten wir durch den Hohepriester Jesus vor Gott. Wer so zu ihm kommt, kann Hilfe zur rechten Zeit erwarten. Hilfe in Schwachheit, Versuchung und Anfechtung. Der Hohepriester Jesus tritt dort für uns ein. Der, der selbst versucht und angefochten war.

Deshalb lasst uns festhalten am Bekenntnis zu ihm, auch in Schwachheit und Versuchung. Denn es gibt sonst keinen Herrn, der darin so mit uns mitleidet. Lasst uns in dieser Zeit seine Treue und seine Geduld im Leiden vor Augen halten. Damit wir uns daran ausrichten. Und damit wir im Blick auf ihn Zuversicht im Glauben gewinnen.

Jesus ist allgegenwärtig in Versuchung und Schwachheit. Er ist nicht nur das Beispiel, wie wir in Leiden und Anfechtung bestehen. Sondern er hat uns den stolprigen Weg geebnet. Fleisch, Welt und Teufel hat er besiegt. Er ist freiwillig vor allen darüber gegangen und hat so unser Vertrauen gestärkt. Er ist einer, der unseren Weg, das Leben, kennt und versteht.

Er reicht uns die Hand und geht mit dir und mir; leidet mit uns in unserer Schwachheit. Als Hohepriester tritt er für uns ein; bringt Vergebung und Hilfe im Kampf gegen die Versuchung. Alle andern können uns nämlich diesen Weg zeigen und dazu auffordern, ihn zu gehen. Christus aber ist der einzige, der dich und mich nicht nur begleitet, sondern auch auf diesem Weg führt. Ja er stützt und trägt dich sogar – bis auch du und ich in den Himmel hindurch geschritten sind. Amen.

(Sonntag Invokavit, J. Achenbach)