Predigt vom 10.2.2019 (Mt 9,35-10,7)


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Predigt vom 10.2.2019 (Mt 9,35-10,7)

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Liebe Gemeinde,

zerstreute Schafe sind arm dran. Nicht weil das Durcheinander so unordentlich aussieht. Sondern weil sie gefährlich leben, so allein für sich. Sie sind schutzlos wilden Tieren und Dieben ausgeliefert, die ihnen an die Wolle und an das Fleisch wollen.

Das ist ja eine aktuelle Gefahr, dass Wölfe kommen können und ein Schaf reißen. Oder dass ein Mensch sich zur Herde schleicht, um ein Schaf zu schlachten. Und haben die Schafe einmal so einen Angriff erlebt, sind sie gelähmt vor Angst. Noch dazu leitet sie niemand auf Weiden und an Wasserstellen. Sie verschmachten, das heißt sie leiden daran, dass ihnen jede Fürsorge fehlt.

Bei den Schafen ist das deutlich. Aber Jesus redet hier ja von uns Menschen. Und er sieht an den Menschen, was andere nicht sehen. Er sieht, wie hilflos sie sind; wie sehr sie jemanden brauchen, der sich um sie kümmert; wie sehr sie Trost und Leitung nötig haben.

Niemand ist wohl gerne hilflos, und die Menschen versuchen es zu verbergen. Vor Jesus ist das aber ganz unnötig. Er sieht die Probleme und Schwächen – und das ist gut so. Er weiß, wie gebunden die Menschen sind, wie unfrei, wie getrieben. Sie zerstreuen sich einer vom anderen.

Und das ist kein Ausdruck von Stärke. So weiß man z.B., dass Menschen, die andere schlecht machen oder mobben, das nicht aus Stärke tun. Sondern sie haben selbst das Gefühl, nicht viel wert zu sein. Und sie versuchen das auf andere abzustreifen, indem sie sie schikanieren.

Und zu solcher Zerstreuung zwischen uns kommt noch der Dieb hinzu. Der will uns weiter wegbringen vom Hirten und von den anderen. Und dazu nutzt der Dieb die wilden Tiere, die verletzen und Angst machen. Die Krankheiten und unreinen Geister, von denen hier die Rede ist. Damit schikaniert er die Menschen.

Der Teufel ist der Größte im Mobben und Tyrannisieren. Er ist eigentlich schwach. Denn er kann nicht heilen, nichts schaffen. Aber er kann die Menschen auseinandertreiben, sie verletzen und durch Angst lähmen. Und das tut er mit Worten und Gedanken. Wenn er sagt, dass wir nicht viel wert wären; oder, dass uns keiner vermissen würde; oder dass wir es verdient hätten, so und so behandelt zu werden. Das sind seine Waffen, das sind die unreinen Geister, seine fiesen Gedanken, mit denen er die Menschen schikaniert.

Aber Jesus ist gekommen, dem ein Ende zu machen. Als guter Hirte sammelt Jesus die Schafe wieder. Und dazu sieht er die Menschen zuerst an. Er sieht die Menschen mit den barmherzigen Augen Gottes. Und er sieht sie nach dem, was Gott aus ihnen machen möchte.

Man kann Menschen sehr unterschiedlich sehen. So deckt Liebe die Fehler und Mängel des anderen zu. Streit dagegen macht aus kleinen Fehlern große Verfehlungen. Jesus ist barmherzig in Gottes Weise. Er ist nicht blind für die Verfehlungen der Menschen. Er ist nicht blind für Schuld und Verantwortung. Aber er ist doch gesandt zu retten, zu befreien, zu erneuern. Deshalb verkündet er das Evangelium und heilt die Menschen.

Denn mit dem Evangelium sagt er uns: „Auch wenn ihr euch von mir und den anderen zerstreut und entfernt habt, ich sammle euch wieder zu eurem Schutz. Ich bringe euch zusammen durch meine Vergebung. Ich gebe euch wieder die richtigen Gedanken und Worte“.

So sagt er: „Ihr seid wertvoll, weil ihr von Gott so sehr geliebt seid. So sehr, dass er mich zu euch gesandt hat, dass ich für euch sterbe und ewig mit euch lebe.“ Ja, so sehr hat es Gott gejammert, wie schutzlos wir umherirrten. Aber es jammert Jesus auch noch weiterhin. Nachdem er das Evangelium verkündet und Krankheiten geheilt hat. Er sieht das Volk und hat weiter Mitleid.

Er weiß ja welchen Weg er zu gehen hat. Vor ihm und vor uns steht die Passionszeit. Er kann nicht ewig umherziehen und alle Menschen heilen und ihnen das Evangelium verkündigen. Und er will auch nicht, dass nur ein paar glückliche Auserwählte in den Genuss seiner Botschaft und seiner praktischen Hilfe kommen.

Deshalb tut er etwas ganz Erstaunliches: Er nimmt Menschen mit herein in diese Aufgabe. Er beruft Menschen dazu, sein Werk fortzusetzen. Es fällt ja auf, dass die Jünger ganz genau dasselbe tun sollen wie Jesus selbst: Den Gott verkündigen, der zu den Menschen kommt, um sie zu erlösen und zu heilen.

Es sind die Worte, die schon Johannes der Täufer gesprochen hatte; an die Jesus angeknüpft hat, und nun seine Jünger: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“.

Jesus nimmt uns mit in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Hinauf auf den Berg, mitten zwischen Gott und den großen Mose und Elia. Dort wollen die Jünger auch am liebsten bleiben. Aber das geht nicht, sie werden auf der Erde gebraucht. Denn die Ernte ist groß, aber es gibt wenige Arbeiter.

Eben hatte Jesus noch die Hilflosigkeit der Menschen gesehen. Und nun will er, dass Menschen selbst für andere sorgen; dass sie Mitarbeiter werden. Oder Mithirten, um im Bild zu bleiben.

Er gibt ihnen Macht über die unreinen Geister. Und die zeigt sich in der Verkündigung in Wort und Tat. Mit dem Evangelium werden die falschen Gedanken besiegt. Und an ihre Stelle treten die Gedanken, die Gott von uns hat: Wie sehr er uns liebt; und dass er uns sammeln will, versorgen und in Frieden bei sich leben lassen.

Diese Gedanken hören wir von dem guten Hirten Jesus Christus. Und das heißt Kirche: „Die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören“. So drückt es Luther aus. Und er sagt dazu: „Das weiß gottlob ein Kind von sieben Jahr“. Aber damit sie es wissen, braucht es eben Menschen, die es ihnen weitersagen und zeigen: Eltern, Paten und viele weitere Menschen, die mitarbeiten in der Geschichte Gottes mit den Menschen; als Mithirten oder Erntehelfer.

Sie sollen nun nicht loslaufen und sich erneut verirren und zerstreuen. Sondern das Wichtigste ist, dass sie bei dem Herrn der Ernte bleiben, was sie auch tun. Und das geschieht im Gebet. So wie es hier heißt: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende“.

Nun könnten die Jünger sagen: „Wir haben um Mitarbeiter gebetet, das wird genügen. Wir selbst sind ja nicht dafür geeignet“. Aber da hören sie ihre Namen und wundern sich: Wie, ich? Ernsthaft?

Simon Petrus etwa, der an erster Stelle genannt wird – obwohl er seinen Meister verleugnet hat. Man denke an ihn und die beiden Brüder Jakobus und Johannes, die es nicht vermochten, auch nur eine Stunde mit Jesus im Garten Gethsemane zu wachen. Oder Matthäus, der mit der Besatzungsmacht kooperiert hatte. Und zugleich Simon Kananäus, der mit Gewalt gegen die Besatzer gekämpft hatte.

Man denke an sie alle, die sich vor lauter Furcht verzogen, als es darauf angekommen wäre, zu Jesus zu stehen. Und schließlich an Judas Iskariot, der seinen Herrn ausgeliefert hat und der sich als einziger aus dem Kreis der Apostel ausgeschlossen hat. Sie alle: schwache, fehlbare Menschen. Und doch kann Jesus sie brauchen, beauftragt sie, das Evangelium vom Gottesreich zu verkünden.

Das ist das Erstaunliche - wie Gott gerade solche Menschen in seine Nachfolge und Mitarbeit ruft. Er beauftragt sie, die Menschen zum guten Hirten zu bringen. Und das geschieht, indem sie ihm folgen. Das ist hier an einem Abschnitt zu sehen, der noch vor Passion und Ostern steht. Dadurch zeigt sich: Es ist eine Berufung, die ins Mitgehen führt.

Ein unbegreiflicher Vorgang, in dem Gott seine Geschichte mit den Menschen in die Hände von Menschen gibt. Aber er will, dass es durch diese schwachen und hilfsbedürftigen Menschen geschieht. Sie kann Jesus brauchen, beauftragt sie, das Evangelium vom Gottesreich zu verkünden. Zuerst denen aus dem Haus Israel, später den Heiden.

Genau an dieser Stelle stehen die zwölf Apostel. An der Stelle, wo sich die Grenze zwischen Israel und den Heiden öffnet. Wo die Tür sich öffnet für die Menschen aller Völker. Und wo das Erbarmen Gottes sich aufschließt für alle „verlorenen Schafe“ dieser Erde. Da stehen die Apostel, das heißt die „Gesandten“.

Sie sind zunächst von Jesus nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Das war ihr Umfeld. Jesus wollte sich ja an die Menschen wenden, mit denen er tatsächlich zu tun hatte. Ihnen redet er im Namen Gottes ins Gewissen, tröstet sie durch seine Predigt und hilft ihnen.

So ist es durchaus sinnvoll, bei den Menschen im eigenen Lebensumfeld anzufangen. Und für die Gesandten ist es auch eine Entlastung: Sie sollen nicht gleich irgendwo in die Ferne gehen, sondern zuerst zu den Menschen in der Nähe.

Aber grundsätzlich hat Jesus seine Botschaft für alle Menschen gedacht. Darum will er, dass nach seinem Tod und seiner Auferstehung der christliche Glaube sich über die ganze Welt ausbreitet.

Die zwölf Apostel stehen für die volle Zahl der zwölf Stämme Israels. Aber es wurde nicht nur erwartet, dass alle Stämme Israels wiederhergestellt werden. (Die Stämme des Nordreichs waren ja „verschwunden“). Sondern alle Völker sollen am Ende zum Zion, zur Gemeinde Gottes kommen. So werden die Apostel dann auch zu den tragenden Säulen der weltweiten Christenheit, der „einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche“. Apostolisch eben dadurch, dass wir bei der Lehre dieser Apostel bleiben.

Und es wird der Tag kommen, dass die Schafe aus den verschiedenen Herden zusammenkommen. Dann endlich werden die Schafe aus dem Hause Israel zusammen mit den Schafen aus allen Völkern der Erde zu einer Herde werden. Dann gibt es nicht mehr den Dieb und die wilden Tiere. Und auch untereinander hat die Zerstreuung ein Ende. Die eine Kirche, die wir bekennen, wird sichtbar. Wir sind gemeinsam sicher bei dem guten Hirten und ganz geheilt.

Und er will, dass alle verlorenen Schafe zu dieser Herde kommen. Damit sie die Fürsorge und Leitung bekommen, die sie brauchen. Deshalb macht er uns zu Mithirten, die mitarbeiten auf seinem Weg, in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Er sendet uns, um zu erzählen von dem Himmelreich, von seiner Herde, die er hier sammelt. Die er sammelt, um sie dann mit den Gläubigen aller Zeiten zusammenzuführen. Und bei allem sollen wir nicht vergessen, seine Stimme zu hören – so sind wir gut dran, bei dem guten Hirten. Amen.

(Letzter Sonntag nach Epiphanias, J. Achenbach)