Predigt vom 10.12.2017 (Jes. 63,15-16+18-19)


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15So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.  Du,  HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

18Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Es ist wieder die Zeit, wo in den Geschäften Musik läuft, meistens auf Englisch, die irgendetwas mit Schnee und Schlitten und Glocken zu tun hat. Die Zeit, wo in Poll­ höfen die Sterne an den Laternenmasten leuchten, in Oerrel am Adventskranz die großen elektrischen Kerzen, und wo in Groß Oesingen die LED-Rentiere stehen.

Und es ist die Zeit, wo man sich's auch gern zuhause etwas schön macht. Mit dem Kranz vom Adventsbasar an der Tür oder auf dem Tisch, und vielleicht einem Schwibbogen im Fenster. Gemütlich wollen wir's haben, und je nach Geschmack vielleicht auch etwas romantisch.

Aber gemütlich ist die Welt um uns herum nicht gerade. In den Lokalzeitungen wird diskutiert, ob man einen Weihnachtsmarkt mit Wassertanks gegen Terror­ angriffe schützen kann. Und in Bethlehem wurde es Mittwochabend vor der Geburtskirche dunkel – nachdem Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, wurde die Weihnachtsbaumbeleuchtung dort abgeschaltet. Das war ein Zeichen der Sorge, dass es jetzt zu neuer Gewalt kommt. Liest man dann noch in der Tageszeitung von schweren Verkehrsunfällen, dann weiß man, dass die Welt nicht gemütlich ist. Und auch in der Vorweihnachtszeit nicht gemütlicher wird.

Vielleicht ist das ein Grund, warum wir unsere Häuser ganz gerne so dekorieren, wenigstens einmal im Jahr. Wie eine kleine Burg, in die wir uns zurückziehen. Das ändert allerdings nichts an der Welt da draußen. Und die wird auch ungemütlich sein, wenn wir Weihnachten feiern, und im neuen Jahr auch.

Oder war's vielleicht früher besser? Irgendwie klingen vor allem die nicht-christli­ chen Weihnachtslieder ja auch nach einer heilen Welt irgendwo in der Vergangen­ heit. Wenn man dann erlebt, was in der Welt los ist, kommt man schnell auf eine zweite Strophe mit dem Text “Alles wird schlechter”. Und wenn man's ein bisschen christlich machen will, hängt man eine dritte Strophe dran mit dem Text, “Um Gottes willen, ist es nicht Zeit, dass er endlich mal eingreift?”

Man findet sicher manches, was früher besser war. Aber wer früher mit einem kalten Schlitten unterwegs war (mit Glocken oder ohne), der hätte dafür sicher gern einen Platz in einem warmen Auto eingetauscht. Manches ist eben auch angenehmer geworden. Aber selbst wenn die Schlechtigkeit zunimmt – gut ist die Welt nicht mehr seitdem der Mensch von Gott abgefallen ist. Und wir kriegen's beim besten Willen nicht hin, sie gut zu machen. Wenn Gott eingreifen müsste, dann ist das der Grund – früher genauso wie heute.

Und genau das hat die Israeliten getrieben, so zu beten, wie wir es im 63. Kapitel bei Jesaja hören: ”So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? … Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!” Nein, das ist kein Jammern über vergangene Zeiten, kein Finger­ zeigen auf die böse Welt. Das ist eigentlich ein ganz christliches Lied, obwohl es 500 Jahre vor der Geburt Jesu in Bethlehem aufgeschrieben wurde.

Das merken wir, wenn wir da mal genauer hinhören. Diese Menschen kommen sofort zur Sache. Sie brauchen Gott nicht zu erzählen, was los ist in der Welt und bei ihnen. Er weiß es. “Schau doch vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung” – das heißt deshalb nicht, „Guck dir's doch mal genauer an, setz die Brille auf, geh mal etwas näher ran.“ Nein, das heißt, “Tu etwas!” Lass deine Macht sehen, zeig deinen Eifer, dass dir an dieser Welt liegt und an uns. Du hast uns doch aus Ägypten rausgeholt, durch das Rote Meer gebracht, zum Berg Sinai und in das Land Kanaan. Du hast für uns gekämpft wie ein Champion. Wie einer, der die in Sicherheit bringt, die er liebt. Ja, Liebe und Macht, darum geht es ihnen hier. Du hast gesagt, Gott, dass du wie ein Mann warst, der seine Frau mit ganzem Eifer, ja wie mit Eifersucht vor jedem schützt, der ihr zu nahe kommen könnte.

Aber jetzt, so klagen sie, hältst du deine große, herzliche Barmherzigkeit zurück gegen uns. Die Worte hier sind die gleichen wie bei Josef, als seine Brüder nach Ägypten kommen, um Getreide zu kaufen, und seine Gefühle hochwirbeln innen drin, aber er hält sie unter Kontrolle. Und sie sehen's nicht, dass er ihr Bruder ist, dass er viel Grund hat zum Zorn gegen sie – und dass bei ihm noch viel mehr Liebe für sie ist.

Wenn wir für einen Augenblick zu Vers 18 gehen, sehen wir den Grund, warum Gottes Volk so betet: Du weißt doch, sagen sie, was unsere Feinde mit uns machen, und mit deinem Tempel, deinem Haus: “Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.”

„Sie haben uns weggenommen, was uns gehören sollte für immer“: Das klingt wie ein Stück Land oder ein Erbstück, das immer weiter gegeben wird in der Familie. Aber es ist noch mehr: Sie haben uns den Ort weggenommen, wo du dich von uns finden lassen willst. Das Haus, in dem deine Ehre wohnt, wo die mächtigen Mauern und das Gold und Silber deine Herrlichkeit widerspiegeln. Ihre Soldaten sind rein getrampelt und haben alles niedergemacht mit ihren Äxten und Kampfmessern. Sie haben das Haus entweiht, das du selbst uns zu bauen befohlen hast, wo jedes Detail von dir kam und eine Predigt deiner Gerechtigkeit und Gnade war. Sie haben sich dort volllaufen lassen, haben es als Pferdestall und Toiletten missbraucht und im Heiligsten alles mögliche gemacht – außer dem Gottesdienst für den einen, wahren, heiligen Gott. – Und du, Gott, hältst dich immer noch zurück!? Wir glauben doch, dass du die Macht hast dreinzuschlagen. Wir glauben doch, dass du heilig bist. Wenn niemand ungestraft deinen Namen missbrauchen darf, dann doch auch nicht dein Haus und deinen Gottesdienst!

Das ist die Erfahrung des Volkes Gottes zu der Zeit: Die, die nicht an den wahren Gott glauben, tun alles, um diesen Glauben zu verdrängen. Und dabei können wir auch an Schlagzeilen aus unserer Zeit denken: Wenn Kreuze aus der Öffentlichkeit verschwinden sollen, wenn ein selbsternannter Künstler in einem der neuen Bundesländer auf einen Altar steigt und buchstäblich darauf „rumtanzt“, wenn Menschen im Gottesdienst erschossen werden in einer baptistischen Gemeinde. Das ist böse und kommt vom Bösen. Und dieses Böse erfährt Israel damals von solchen, über die Gottes Name nie genannt worden ist. Das heißt, die nie zu dem einen, wahren Gott gehört haben. Heute würden wir sagen: Die nie getauft wurden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die also auch dem Namen nach nie Christen waren.

Aber ein wichtiger Grund, warum dieses Gebet hier eigentlich gut christlich ist, im Alten Testament, ist dieser: Hier wird die Welt nicht aufgeteilt in “wir” und “die anderen”. Wir haben bisher zwei Verse übersprungen. Wenn wir jetzt mal zurückgehen, dann sehen wir in Vers 17 etwas Wichtiges: Die, die da beten, geben zu, dass sie selbst den “Weg des Herrn” verlassen haben. Sie reden sich nicht raus, sie sagen es ganz direkt: Wenn jemand den wahren Glauben verlassen hat – und dazu gehört auch das Tun des Glaubens –, dann sind wir das auch!”

Es stimmt zwar – es klingt hier fast so, als ob sie Gott zumindest teilweise mit verantwortlich machen dafür: “Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten?” Aber jüdische Ohren hören es sofort: Verstockung ist das, was mit dem Pharao in Ägypten passiert ist. Er hat sich geweigert, Gottes Wort zu hören, und Gott hat sein Herz „verstockt“, hat es schlimmer gemacht. Das war Teil der Strafe. Damit alle Welt sieht: Diese Person lebt und handelt gegen Gott.

Und das bezieht Israel jetzt auf sich selbst: Wir sind wie unsere Feinde geworden – haben gelebt, als ob wir nicht zu dir gehören. Vielleicht sind wir noch zu den Gottesdiensten gekommen, aber wir haben deine Warnungen nicht an uns heran gelassen, haben gemeint, wir haben es nicht nötig umzukehren. Ja, unsere Herzen sind hart geworden, und deine Warnung und dein liebevolles Rufen haben wir nicht mehr gehört. Wir haben's verdient, dass es uns schlecht geht. Aber jetzt, Herr, 'kehr zurück um deiner Knechte willen,' um unsertwillen.” Ja, wir wollen dir dienen, dir folgen, dir gehorchen, deinen Willen tun, mit dir leben. Wir wollen dir gehören. Weil du uns ja zu deinem Eigentum gemacht hast. Als wir nichts hatten als dich. Und selbst dann dich noch kaum kannten. Doch du bist unser Vater, du hast dich zu unserem Erlöser gemacht.” (V. 16) Anders gesagt: In dem Schlamassel, in den uns unsere Sünde gebracht hat, kann uns keiner helfen. Nur du.

Denn “Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.” Das könnte heißen, ihr Stammvater, von dem sie alle herkommen, will von ihnen nichts mehr wissen. Wie ein Vater, der sich von seinem kriminellen Sohn lossagt. Oder wie ein Mann, den ich in Afrika mal bei einem Flüchtlingslager ein Stück im Auto mitgenommen habe. Der hat mir erzählt, er gehört zum Stamm der Hutu, und seine Frau zu dem der Tutsi, und sie hatte ihn in Burundi mehrmals gebeten, einen ihrer Verwandten vor dem Völkermord zu schützen, und er konnte nichts für sie tun. Durch seine Heirat war er ja selbst mit ihnen verwandt, aber ich stelle mir vor, in so einer Situation kann es soweit kommen, dass er erklärt, er kennt sie nicht. Das mag ihm furchtbar weh tun, aber nur so können sie beide ihr Gesicht wahren, wenn er die größte Pflicht eines Afrikaners nicht mehr tun kann, nämlich für einen Ver­ wandten einzustehen.

Abraham und Isaak und Jakob konnten für Israel nicht einstehen. Deshalb jetzt dieser Ruf von so vielen Betern: “Um Gottes willen, um deinetwillen, Gott, tu etwas. Ach, dass du den Himmel zerreißen würdest und runterkommen, dass die Berge zittern. Komm und tu etwas gegen das Böse in der Welt. Gegen den Bösen.” Merken wir's? Das ist ein Gebet für den Advent, die Ankunft Gottes, sein Kommen. Selbst wenn Gott von oben her eingreifen würde, das wäre nicht genug. Er muss selbst kommen, in seiner Person, um uns zu retten.

Das, liebe Gemeinde, ist unser Ruf und unsere Bitte in der Adventszeit. Darum geht's in der Gemeinde und im Gottesdienst. Nicht, dass wir über die schlechte Welt klagen – sondern dass wir bei Gott für sie eintreten: Lass sie nicht zugrunde­ gehen. Nicht, dass wir mit Fingern auf andere zeigen. Sondern dass wir Gott für uns selbst bitten: Lass uns nicht zugrundegehen mit dieser Welt, auch wenn wir's verdient haben. Lass deine Kirche nicht zugrundegehen.

Genau darauf werden unsere Vorsteher deshalb auch gleich hier im Gottesdienst neu verpflichtet: dass sie sich für den Gottesdienst einsetzen. Denn wir haben kein anderes Mittel gegen das Böse in der Welt – und in uns! – als das, was Gott uns an Mitteln gibt: Das Gebet zu ihm, der allein wirklich helfen kann. Die Vergebung, in der er uns von aller Schuld freispricht und damit seine Hände um uns hält, dass der Böse keine Angriffsfläche mehr hat. Die Versöhnung unterein­ ander, mit der das Böse seinen Keimboden und seine Keimfähigkeit verliert.

Deshalb: Wir teilen als Christen die Welt nicht ein in “Gute” und “Böse”, in uns und die anderen. Wenn über uns der Name Gottes genannt ist, wenn wir als Christen den Namen seines Sohnes tragen, dann soll das Böse vor allem bei uns keinen Platz haben; in unserem Denken und Reden und Tun. Dann bekennen wir aber auch gerade heraus, dass die Sünde eben doch noch in uns steckt. Denn wir wissen, wer sie uns abnimmt: Gottes Sohn, der kommt, ja der den Himmel aufge­ rissen hat und herab­ gekommen ist, in die Krippe in Bethlehem, um den Bösen zu besiegen.

Das ist der Anfang vom Ende. Vom Ende des Bösen in der Welt. Der Anfang der neuen Welt. Wo wir bei Gott sicher sind wie in einer Burg, geborgen wie in einer warmen Stube im Winter. Und wo es auch in der Welt nicht mehr ungemütlich ist. Weil sie durch und durch gut sein und bleiben wird. Weil Gott in ihr wohnt. Bei uns. Amen.

  1. Sonntag im Advent (Predigtreihe IV)

Hauptgottesdienst mit Segnung neugewählter Kirchenvorsteher

Daniel Schmidt, P.