Predigt vom 1.9.2019 (Hi 23, 1-17)


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Create Date1. September 2019
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Liebe Gemeinde,

wie sehr kann man sich dabei verrennen, wenn man sein Recht bekommen will! Es gibt davon viele Beispiele in Literatur und Film. Ein bisher gesetzestreuer Mensch erleidet großes Unrecht. Er versucht es mit der Polizei, doch niemand kann oder will ihm helfen. Dann nimmt er es schließlich selbst in die Hand: Er startet einen Rachefeldzug, bis auch der Letzte umgebracht ist, der mit der Sache zu tun hat. Am Ende ist man zufrieden, dass die Übeltäter es heimgezahlt bekommen haben. Aber trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl: Was hat der Mensch davon? Ist die Welt dadurch gerechter geworden?

Wir schlagen uns in so einem Fall gerne auf die Seite dessen, der Unrecht erfährt. Mit ihm möchten wir kämpfen. Niemand identifiziert sich gern mit denen, die ihm das angetan haben. Aber was ist, wenn es heißt: Du bist es! Du bist der Täter!

So geht es David ja. Wir haben es gehört: Der Prophet Nathan kommt zu ihm. Und der erzählt ihm die Geschichte von einem Menschen, dem ein anderer Unrecht tut: Das Liebste, was er hat, wird ihm weggenommen.

Für so jemanden wollen wir uns einsetzen. Darum sagt David wutentbrannt: Dieser Mann soll sterben! Dabei ziehen wir leicht zu schnelle Schlüsse: Wenn Gott solch einen Menschen nicht bestraft, dann ist er ungerecht. Aber solche Überlegung geht nach hinten los: David selbst ist dieser Mann. Und auch wenn es um uns geht, sind wir froh, wenn uns die Strafe nicht trifft; wenn unser Verhalten keine Konsequenzen hat.

Unser heutiger Predigtabschnitt ist nun aus der Perspektive eines Opfers von Unrecht geschrieben. Es ist Hiob – der verliert so schnell so viel wie kaum ein anderer: Alle seine Diener und Tiere werden getötet: Einen Teil bringen mehrere Horden von Räubern um, der andere Teil stirbt im Feuer. Zur gleichen Zeit kommen alle seine Söhne und Töchter in einem Unwetter um. Hiob selbst bekommt eine ansteckende Hautkrankheit. Deshalb sitzt er außerhalb des Dorfes auf dem Asche- und Abfallhaufen.

Anfangs nimmt er alles von Gott an, was ihm passiert ist: Gott kann das, was er ihm gegeben hat, auch wieder nehmen. Dann aber kommen Freunde von weit her und versuchen das Ganze zu erklären: Es müsste bei Hiob einen Grund dafür geben, dass es ihm so schlecht geht. Irgendwie muss er sich falsch verhalten haben; ja, da wird eine Schuld sein, für die er jetzt bestraft wurde.

Das stachelt Hiob an im Kampf um Gerechtigkeit. Denn was die Freunde vermuten, das hat er alles nicht getan. Deshalb gerät er in eine natürliche Abwehrhaltung: Man will und muss sich doch verteidigen gegen solche falschen Vorwürfe! Wenn die der Grund sein sollten für sein Unglück, dann wäre das ungerecht. Er ist doch bei dem geblieben, was Gott gesagt hat! Er ist doch den Weg gegangen, den Gott durch seine Gebote gezeigt hat!

Das muss Gott jetzt klarstellen: Er, Hiob wurde ungerecht behandelt. Alles Leiden hat er von Gott akzeptiert. Aber diese Vorwürfe der Freunde kann er nicht ertragen - dass er auch noch daran schuld sein soll. Deshalb soll ihn Gott prüfen und verteidigen. Deshalb sehnt sich Hiob danach, dass Gott das richtig stellt. So sagt er es im 23. Kapitel:

Hiob antwortete und sprach: Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde Acht haben auf mich. Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! Aber gehe ich nun vorwärts, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht. Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht.

Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold. Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. Doch er ist der Eine – wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Hiob will also seine Sache nicht mit Gewalt durchsetzen. Er wählt den Rechtsweg. Die Räuberbanden verfolgen – das könnte er nicht, es würde ihm auch nichts bringen. Und den Naturgewalten ist er sowieso hilflos ausgeliefert. Wir würden heute vielleicht Menschen suchen und finden, die schuld sind. Die das Haus nicht unwetterfest gebaut haben, in dem seine Söhne und Töchter waren. So wird die Frage nach dem Warum heute oft geklärt: Dieser oder jene haben etwas falsch gemacht.

Aber damit würde sich Hiob nicht zufrieden geben. So plötzlich, so heftig, so vielfältig ist das Unglück, das ihn getroffen hat. Das kann nicht einfach daran liegen, dass er sich falsch verhalten hat. Deshalb wendet er sich an die höhere Instanz; er ruft den, der darüber wachen soll, dass es dem Gerechten gut geht und dem Bösen schlecht.

Und Hiob vertraut darauf, dass Gott nicht seine Macht missbraucht; dass er die Klage nicht einfach abschmettert. Nein, sondern Gott wird ihn beachten, ihn anhören, was er zu sagen hat. Und da hat sich einiges angesammelt: Er hat Beweise dafür, wie ungerecht er behandelt wurde. Sein Mund ist voll davon. Ja, er meint, dass er alles widerlegen kann, was Gott an Gründen vorbringen könnte. Wir kennen die Argumente: Wenn Gott gerecht und allmächtig ist, warum verhindert er dann nicht das Unrecht auf der Welt? Warum greift er nicht ein, bestraft die Bösen und rettet die Leidenden?

Und die meisten von uns haben im Lauf ihres Lebens Unrecht und Leid erfahren. Das war vielleicht nicht so extrem wie bei Hiob; aber schlimm genug, um mit der gleichen Leidenschaft wie er nach Gottes Gerechtigkeit zu fragen. Damit bleiben wir nicht im äußerlichen Bereich: Wo wir vielleicht jemandem die Schuld geben oder das Geschehen als bösen Zufall deuten. Das hilft in schwierigen Fällen auch nicht unbedingt. Deshalb ist es wichtig, Gott unser Leid zu klagen. So weit sind wir als Christen ganz auf Hiobs Seite.

Nicht nur Hiob wüsste nun gern die Antwort auf die Frage „Warum?“. Der Mensch sehnt sich mit ihm danach, Gott zu fassen zu bekommen. Gott könnte ihm nicht mehr entweichen ohne Konsequenzen. Dann könnte der Mensch ihn zur Rede stellen. Nach dem Motto: „Pass auf, ich weiß wo du wohnst!“ Dann wird er sicher nicht mehr ungerecht entscheiden. Und wenn doch, dann würden wir festlegen, dass er nicht mehr Gott sein kann.

Das ist übel für Hiob und uns: Die Sehnsucht nach Gott mischt sich mit der Vorstellung, wie er sein muss. Das heißt für Hiob: Er muss doch Gutes erfahren, weil er selbst gut war. Deshalb geht er wieder dazu über, sich selbst zu rechtfertigen.

So aber kann uns Gott nur als fern und schrecklich begegnen, er erfüllt nicht unsere Erwartungen. Er passt nicht in die Ordnung, die wir uns vorstellen. Er tut, was er will, sagt Hiob. So kann man auch aus Vertrauen reden: „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ Doch hier redet Hiob aus dem Widerspruch. Er versteht nicht, warum Gott nicht dem entspricht, was wir für gerecht halten. Er spürt den Griff Gottes nach ihm. Aber er hält ihn für den Angriff eines überlegenen Feindes. Ja, er wird ihn wohl weiter leiden lassen – und nicht nur ihn: Er hat noch mehr davon im Sinn.

Jetzt gerät er in Verzweiflung. Eben wollte er sich noch mit Gott auseinandersetzen, jetzt erscheint ihm alles ganz sinnlos. Um ihn herum ist es dunkel. Der einzige, der ihm helfen könnte, scheint nicht helfen zu wollen. Jetzt ist Hiob nicht mehr in seiner Vorstellung, wo er Gott nicht gefunden hatte. Nun ist er wieder in der Realität. Dort scheint er dem wirklichen Gott näher zu sein – aber davor hat Hiob Angst. Diesem Gott will er nicht begegnen. Der, der tut, was er will. Der sein Leiden zulässt und die Ungerechtigkeit in der Welt. Dieser Gott nimmt ihm wieder allen Mut und lässt ihn erschaudern. So hart kämpfen die Gefühle in ihm gegeneinander.

Den Grund für den Widerspruch sucht Hiob in Gott. Er kann bei Gott nicht die Ordnung finden, die bei ihm in Ordnung ist. Die Freunde sagen: Du hast dein Schicksal selbst in der Hand. Ähnlich dem Motto: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Aber solche Freunde haben gut reden. Hiob hat gemerkt: Was mit ihm geschieht, steht allein in Gottes Hand. Und der handelt nach anderen Vorsätzen; er ist unabhängig und entzieht sich jeder Kontrolle und Beschränkung.

Von selbst kommen wir da nicht heraus aus dem Widerspruch: Dass wir Gott begegnen wollen, aber doch so, wie wir es uns denken. Nämlich so, dass wir recht haben. Wir drehen uns um die Frage, wie man Gott verteidigen kann. Aber damit sind wir immer noch bei den Freunden Hiobs. Denen hat Hiob selbst klargemacht, dass sie sich in einer Sackgasse befinden. Warum Gott unschuldiges Leiden zulässt, das können wir nicht mit unserer Ordnung in Einklang bringen, mit dem, was wir gerecht finden.

Stützen wir uns auf solche Ordnung, schiebt sie sich zwischen Mensch und Gott. Wenn wir mit dem Maßstab unserer Gerechtigkeit nach Gott suchen, finden wir ihn nicht. In dieser Hinsicht gleichen sich Hiob und seine Freunde hier: Sie gehen davon aus, dass ihre eigene Gerechtigkeit zum Erfolg führt. Eine ähnliche Haltung haben wir heute schon von dem Pharisäer im Evangelium gehört. So kann aber das echte Gottvertrauen des Glaubens nicht hochkommen. Dazu ist es nötig, dass der Mensch seine Selbstgerechtigkeit aufgibt. Das heißt, vor Gott zu kapitulieren und sich ihm ganz in die Arme zu werfen.

Das hat ein anderer getan, der viel Unrecht erlitten hat: Jesus ist unschuldig, aber er pocht nicht darauf. Er verrennt sich nicht dabei, sein Recht zu bekommen. Schon gar nicht setzt er sein Recht mit Gewalt durch. Er startet keinen Rachefeldzug, bis auch der Letzte bestraft ist, der mit der Sache zu tun hat. Das sähe übel aus für uns, denn wir sind ja darin verstrickt: Unser Unrecht musste er erleiden. Dieser gesetzestreue Mann.

Und Jesus wählt auch nicht den Rechtsweg gegenüber Gott, dem Vater. Anders als Hiob an dieser Stelle. Jesus bittet zwar um Verschonung. Doch er tut es zugleich mit den Worten: „Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Das ist ihm nicht leicht gefallen. Er hat Angst gehabt. Er hat mit Gott gerungen. Denn wie kann ein Mensch diesen Abgrund aus Gottes Hand annehmen? Da muss Gott selbst ihn gehalten haben.

Mit ihm zeigt Gott, was er wirklich im Sinn hat. Er macht die Welt wirklich gerechter, indem er das Unrecht auf sich nimmt. Und damit hat der Mensch tatsächlich Besseres als das Gefühl gestillter Rache: Durch ihn werden wir zum gerechten und erlösten Menschen erklärt. So können wir zu Gott kommen und selbst bei ihm wohnen. Dort werden wir ihn noch in seiner Gerechtigkeit fassen, wie er richtet und alles Unrecht beseitigt. Das ist noch mehr als Hiob sich ersehnen konnte.

Aber auch schon im Leiden lässt er Hiob und uns nicht allein. Er begleitet ihn, bis er erkennt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und wir wissen, wo wir den finden können: Am Kreuz breitet er seine Arme aus. Hier auf der Erde will er von nun an wohnen und sich finden lassen. Mitten unter den Leidenden. Amen.

(11. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)