Predigt vom 1.4.2018, Ostersonntag (1. Sam 2,1-2+6-8a)


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Create Date1. April 2018
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Liebe Gemeinde,

Am Ostermorgen nach dem Gottesdienst geht der Pfarrer zu einem Besuch. (Das ganze spielt in Süddeutschland, man hört's.) Er ist unverheiratet, und bei dieser Familie ist er gerne mal im Haus. Er klingelt, der fünfjährige Maxi macht sofort auf. Und legt gleich los mit einer Frage: “Sie, Herr Pfarrer, was is'n des eigentlich, a Wunder?” Der Pfarrer freut sich über das Interesse des Jungen und denkt, der hat doch etwas mitbekommen von Ostern, und fängt an zu erzählen über die Wunder Jesu im Neuen Testament, und natürlich über das größte Wunder, die Auferste­ hung. Alles noch mit der Jacke über'm Arm, im Eingang. Aber dann stoppt er plötzlich und sagt: “Sag amol, Maxi, warum wolltst'n des eig'ntlich wissen?” Sagt der Maxi, “Ja wissen's, grad wo Sie gekommen sind, hat Sie die Mama durchs Küchenfenster g'sehn.”

“Ja und, was hat das mit einem Wunder zu tun?”

“Na da hat sie gesagt, 'Da kommt der Pfarrer.'”

“Aber das ist doch kein Wunder.”

“Na, des net, aber sie hat g'sagt, 'das wär ein Wunder, wenn der net au' wieder zum Ess'n dableibn wollt'.'”[1]

Liebe Gemeinde, die Geschichte hat ein süddeutscher Bischof erzählt. Er nimmt damit eine alte Tradition auf: dass die Gemeinde im Ostergottesdienst zum Lachen gebracht wird. Eine gute Sitte, wenn sie sich traut zu lachen; weil dann nicht nur über die Osterfreude gepredigt wird, sondern alle von der Freude angesteckt werden. Das hatte dann allerdings nicht immer mit der Botschaft von der Auferstehung zu tun. Heute vor 500 Jahren ging in der vollbesetzten Münsterkirche in Basel der Prediger von der Kanzel runter und rannte wie ein Schwein quiekend auf allen Vieren durch das Mittelschiff.[2] In manchen Gegenden wurde diese Ostersitte dann auch von der Kirchenleitung verboten. Eins aber ist richtig daran: Wir haben Grund zur Freude und zum Lachen. Und auch wenn uns nicht allen zum Lachen zumute sein mag an diesem Osterfest, die Freude soll uns alle erreichen. Und wir haben einen zum Auslachen, gerade an Ostern: den Tod.

Zum Lachen ist auch, was wir heute aus dem ersten Buch Samuel zur Osterpredigt hören, und das, was Maria später daraus macht, die Mutter Jesu. Und das, was dann die Frauen am Ostermorgen zu sagen haben. Wir beginnen mit Hanna. Da heißt es im zweiten Kapitel:

Hanna betete und sprach: / Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, / mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. / Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, / und ist kein Fels, wie unser Gott ist. [...]

Der HERR tötet und macht lebendig, / führt hinab zu den Toten und wieder herauf. / Der HERR macht arm und macht reich; / er erniedrigt und erhöht. / Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub / und erhöht den Armen aus der Asche, / dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

 

So betet Hanna, noch mehr: So singt sie. Das ist erstaunlich, denn sie tut's in dem Moment, wo sie ihren kleinen Jungen hergibt. Den, den sie von Gott erbeten hat. Das war in dem Gotteshaus in der kleinen Stadt Siloh, heute Khirbet Seilun in der West Bank. Der alte Priester Eli hatte ihr gesagt, dass Gott ihr Gebet erhören würde, nachdem sie jahrelang nicht schwanger geworden war. Jetzt ist ihr kleiner Samuel drei, vier Jahre alt. Und sie bringt ihn dorthin, damit er bei Eli aufwächst.

Ja, da steht sie nun, im selben Heiligtum, den Jungen an der Hand, der mit großen Augen guckt. Gleich wird sie ihn dem Priester übergeben, wird sich ver­ abschieden von ihrem einzigen Kind. Aber jetzt singt sie. Singt von Freude, singt von dem heiligen Gott, der zu den Toten hinabführt und wieder herauf. Und man spürt, das hat sie selbst durchgemacht. Wie tot hat sie sich gefühlt, wenn andere Frauen übers Kinderkriegen geredet haben, wenn ihr die Bemerkungen wehtaten; die gedankenlosen und die absichtlichen. Aber sie hat erlebt, dass Gott Leben schaffen kann, wo keins ist und wir's nicht können. Und ihre Freude ist groß. Und die muss raus aus ihrem Herzen, muss rauskommen wie später im Tempel in Jerusalem, wo jeden Tag die Psalmen zu hören sind: die Klagepsalmen, die wir in der heiligen Schrift haben, und die Lobpsalmen. Weil die Klage so von vielen Schultern im Gebet getragen wird, und die Freude sich vermehrt. Weil Menschen so erleben, dass wir einen Gott haben, der Gebete erhört, der größer ist als unsere Not, der wunderbar rettet. Damit jede Generation neu glauben lernt, vertrauen – die, die noch klein sind und an der Hand ihrer Eltern zum Gotteshaus kommen; und die Großen, bei denen so vieles im Herzen ist, wenn sie hierherkommen, so vieles, was nur sie selber wissen und unser Vater im Himmel.

Deshalb haben wir die Samuelgeschichte auch vor zwei Jahren zum Thema gehabt in der Kinderfreizeit. Ein kleiner Mann, ganz groß. Der von seiner Mutter gehört hat, dass es eben nicht einfach Menschen sind, die Kinder kriegen, sondern dass Gott das Leben schafft. Der an diesem Tag die Hand seiner Mutter loslassen musste, aber als wichtigste Erinnerung daran ihr Freudenlied im Ohr hat. Der vom alten Priester Eli lernt, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Dass er hört, wenn Menschen ihm ihr Herz ausschütten. Wenn ihnen die Tränen laufen. Dass Gott das, was er verspricht, wahr macht, über das hinaus, was wir verstehen. Und so, dass wir nur staunen können, und wenn's unter Tränen ist.

So wächst Samuel heran und wird selbst zum Propheten. Wird selbst einer in der Reihe derer, die Gottes Zusagen weitersagen und damit jeder Generation neu die Hoffnung weitergeben auf den Gott, der vom Tod errettet.

Maria hört dann als Kind diese Berichte aus der Heiligen Schrift. Sie wächst damit auf. Sie weiß auch nicht, wie das gehen soll. Aber sie weiß eins: Was Gott sagt, das ist möglich, auch wenn alle unsere Erfahrung dagegen spricht. Das tut er. Und als sie dann 15, 16 ist und vom Engel hört, dass sie schwanger werden wird, da könnte sie eigentlich wie Hanna mit dem Samuel an der Hand heulen, mit der Hand auf ihrem Bauch. Denn sie weiß, was das für jeden Israeliten heißt, wenn eine schwanger wird, ohne verheiratet zu sein: Sie hat das Gebot von der Ehe über­ treten. Darauf steht der Tod. Aber als sie dann von ihrer Tante als Mutter ihres Herrn begrüßt wird, singt sie ein Freudenlied. Eine Cover-Version von dem, was Hanna gedichtet hat, würde man heute vielleicht sagen, eine Neuaufnahme ihres Songs. Sie singt das nach und interpretiert es dabei neu, bringt ihren eigenen Text hinein, und das, was Gott mit ihr und durch sie tut:

“Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Generation zu Generation bei denen, die an ihn glauben. [...] Er denkt an seine Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.” (Lk 1,49-50+54-55)

Der heilige Gott macht niedrig die, die sich groß vorkommen, und erhöht die, die „down“ sind, unten: Das ist der Kehrvers bei Hanna und bei Maria. Wie das geschieht, das weiß Maria nicht. Aber nun sind es schon viel mehr, die diese Freude erreicht. Alle, die seit Hanna mit ihrem Lied aufgewachsen sind. Alle, die's jetzt mitbekommen werden, dass Gott nicht nur Oben und Unten auf den Kopf stellt, sondern unsere ganze Erwartung und Erfahrung. Wie in dem Krippenspiel, bei dem die Kinder plötzlich anfangen zu improvisieren. Als Maria und Josef anklopfen und der Wirt sagt: “Ich hab' kein Zimmer frei”, zeigt Josef auf Marias Bauch und sagt spontan und mit ziemlichem Ärger: “Sehen Sie denn nicht, in welchem Zustand sie ist?” Da muss der kleine “Gastwirt” auch improvisieren, und er sagt barsch: “Dafür kann ich doch nichts.” Darauf Josef entrüstet: “Ich vielleicht?”

Nein, Josef kann nichts dafür, dass Gottes Sohn in die Welt kommt. Und Maria auch nicht. Auch wenn's durch sie geschieht, es ist Gottes Tun. So etwas gäbe es nicht, wenn wir Menschen alles in der Hand hätten.

Dann gäbe es aber auch keine Osterbotschaft. Dann würden die Frauen ganz früh am Morgen nach dem Ruhetag, dem Sabbath, zum Höhlengrab gehen, das Joseph von Arimathäa für seine Familie in einen Felsen hat schlagen lassen in teurer Handarbeit; zu dem Grab, das er am Karfreitag zur Verfügung gestellt hat. Dann würden sie in der Dämmerung etwas von dem Metall an der Rüstung der römischen Soldaten blinken sehen, die zumindest bis zum Tages­ anbruch dafür sorgen sollen, dass niemand die Leiche stiehlt und behauptet, dieser Jesus wäre auferstanden. Sie würden die Stimme des Unteroffiziers hören, der den Befehl zum Aufbruch gibt. Sie würden sich im Schatten halten, bis sie allein sind. Und würden immer ratloser werden mit dem Blick auf den großen runden Stein, der in einer Schiene im Fels von oben vor die Öffnung gerollt ist; den man nur mit großer Kraft wieder raufrollen kann und dann blockieren muss. Ratlos vor der geschlossenen Höhle mit dem Wachssiegel daran, unzerbrochen.

Und wenn ihnen doch jemand diesen Stein wegrollen würde, wäre da auf der Steinbank der tote Körper, in eine Stoffbahn aus Leinen gewickelt, doppelt so lang wie ein Mensch groß ist. Sie würden die Salben und Kräuter auflegen, das Herz schwer von Liebe, einen Kloß im Hals und Tränen auf der Wange. Ja, wie Hanna und wie Maria hätten sie Grund zum Heulen.

Aber es kommt ganz anders. Wir haben's heute wieder gehört. Sie kommen zurückgelaufen zu den Jüngern. Nach Singen ist ihnen noch nicht zumute, das Freuden-Gefühl mag auch noch nicht da sein (das braucht Zeit), aber der Grund zur Freude ist da: “Der Engel sagt, er ist auferstanden. Maria Magdalena hat ihn gesehen!” Ich stelle mir vor, dass sie den Tag noch kein neues Lied gesungen haben, zu erschöpft waren sie, und zu durcheinander. Sie erleben es ja gerade mit, wie Gott unsere Erfahrung und unsere Erwartungen auf den Kopf stellt.

Aber dann steht Jesus am Abend mitten im Raum. So verschieden, wie sie sich fühlen mögen, jetzt sehen sie ihn alle vor sich: Die tiefen Wunden an den Handgelenken, an den Füßen. Aber es fließt kein Blut mehr. Er ist derselbe, aber doch verändert. Auferstanden. Das ist ein neues Leben. Nicht mehr aufzuhalten durch Türschlösser und Wände. Ein Leben ohne Schmerzen, ohne Hunger. Ein Leben ohne Vergänglichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, einige von uns haben im letzten Jahr die Hand eines lieben Menschen loslassen müssen. Bei manchen sind die Tränen noch frisch wie bei Maria, bei den Frauen, bei den Brüdern Jesu, bei den Jüngern. Aber wir haben Grund zum Lachen. Wir haben Grund, den Tod auszulachen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, heißt es. Am Karfreitag hat sich der Tod in's Fäustchen gelacht. Am Ostermorgen hat ihm Christus das Maul gestopft, als er aufgestanden ist vom Tod, als der Engel den Felsen weggerollt hat, als das Grab leer war. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Offenbarung ganz am Ende des Neuen Testaments heißt, „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Er tut's mit der Tat. Mit seiner großen Ostertat.

Wir haben's ja eigentlich von Anfang an heute im Gottesdienst so getan wie Hanna und Maria. Wir haben von der Freude gesungen über unseren Gott, der aus dem Tod herausholt und lebendig macht. Wir lachen mit jedem „Ha-ha-lleluja“ den Tod aus. Und wir singen weiter davon. Denn das, was jemand mal humorvoll von Joseph von Arimathäa erzählt hat, das gilt auch von uns.

Joseph von Arimathäa kommt am Karfreitag nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Du, ich muss dir was beichten. Ich habe heute unser Grab einem Fremden gegeben.“ Seine Frau springt im Dreieck: „Bist du wahnsinnig? Weißt du nicht mehr, was das gekostet hat? Und ein Grab in dieser Lage bekommen wir nie wieder!“ Aber Joseph beruhigt sie: „Nun reg dich doch nicht so auf, Schatz! Es ist ja nur für ein Wochenende!“

Vielleicht wird unser Grab ein bisschen länger als ein Wochenende benutzt werden, aber es wird am Ende auch leer sein und wir werden gut lachen haben in der ewigen Ostersonntagsfreude, mit allen unseren Lieben, die vor und nach uns in diesem Glauben leben. Weil wir auferstehen werden. Denn:

“Der Herr ist auferstanden!” – “Er ist wahrhaftig auferstanden!” Amen.

Ostersonntag (Predigtreihe IV)

Daniel Schmidt, P.

 

[1]   (Quelle: Stefan Oster, röm. Bischof von Passau, https://www.youtube.com/watch?v=wfmHMoPot_s [23.3.2018, frei nacherzählt DS])

 

[2]   http://www.katholisch.de/aktuelles/dossiers/ostern-das-fest-der-auferstehung/osterlachen-und-andere-glucksfalle