Predigt vom 1.12.2019 (Röm. 13,8-12)


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Create Date1. Dezember 2019
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Seid niemandem etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. – Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Liebe Gemeinde,

Waffen des Lichts” heißt es im letzten Satz unserer Lesung zur Predigt heute. Seit 1977 kann man sich darunter ganz wörtlich etwas vorstellen. In dem Jahr kam der erste Film der Reihe “Krieg der Sterne” (oder Star Wars) in die Kinos. Da geht es um den Kampf des Guten gegen das Böse. Darin verbindet der Regisseur George Lucas die ferne Vorzeit, in der der Kampf stattfindet, mit modernen Waffen, nämlich mit Lichtschwertern. So etwas gibt es bis dahin nicht, und es ist eine ziemliche Herausforderung, das im Film darzustellen. Damals haben sie an den Schwertern lauter kleine reflektierende Flächen angebracht, die von einem Motor im Griff gedreht wurden, um das Licht zu reflektieren. Mit der Entwicklung der Computer ging das bei den Fortsetzungen bald erheblich einfacher. Und heute kann man in Spielzeugläden Schwerter mit einem Plastikrohr kaufen, das auf Knopfdruck bunt leuchtet. Die Idee aber ist klar: Im Licht sitzt eine hohe Energie, eine konzentrierte Kraft, die das abwehrt, was aus der Finsternis kommt. Die finsteren Mächte.

Wenn der Apostel Paulus im Römerbrief von “Waffen” schreibt, dann denken viele damals wohl tatsächlich zuerst an ein Schwert. Das ist so ziemlich die Standard­waffe der römischen Soldaten, die man überall in der Stadt sieht. Aber “Waffen des Lichts” sind nichts, das es zu der Zeit irgendwo gibt. Und trotzdem kann man sich darunter etwas vorstellen: eine große Energie oder Kraft. Und etwas, vor dem sich nichts Böses verstecken kann. Im Licht sieht man, was was ist und was wer macht.

In der Finsternis dagegen sind die unterwegs, die nicht gesehen werden wollen. Die, die am Montag in Dresden in das Grüne Gewölbe eingebrochen sind, haben das gemacht, bevor es hell wurde. Und sie haben als erstes die Straßenbeleuch­tung lahmgelegt. Und wenn einer von ihnen jetzt im Hellen zum Bäcker geht, verhält er sich so, als wären das zwei verschiedene Personen: der Einbrecher, der irgendwo in der Garage unbezahlbare Edelsteine liegen hat, die ihm nicht gehören, und der Kunde, der sagt, “ein Weltmeister­brötchen bitte und eine Bild.”

Und tatsächlich setzt die Polizei jetzt in Dresden zur Aufklärung Licht ein. Mit Scheinwerfern und vielleicht auch mit Speziallicht werden die kleinsten Spuren ge­sucht: Licht zur Aufdeckung einer Straftat, und letztlich zum Schutz der Gesell­schaft, damit so etwas nicht zunimmt und sich möglichst auch nicht wiederholt.

Aber lässt sich die Welt einfach so einteilen in Bösen und Gute, Schwarz und Weiß? In vielen Filmen ist das so. Da sind die Guten eine kleine Truppe und sie müssen irgendwie die Welt retten. Aber der Apostel Paulus redet von “uns”, nicht von “den anderen”: “Lasst uns aufstehen vom Schlaf,” schreibt er, “lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.” Finsternis ist offenbar etwas, was wir Menschen in uns tragen, in dem wir stecken wie in einem T-Shirt. Das sollen wir ablegen, oder noch deutlicher: ausziehen. Es ist also nicht nur so, dass die, die in der Finsternisleben wollen, ein Doppelleben führen. Das gilt offenbar auch für die, die im Licht leben wollen.

Deshalb ist die erste Frage, lieber Bruder, liebe Schwester, ob wir das wollen. In der Taufe und in der Konfirmation bekennen wir das: “Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen”: ich will damit nichts zu tun haben. So haben's die Christen in Rom gelernt in ihrem Taufunterricht als Jugendliche oder Erwachsene. Aber die Frage stellt sich immer neu. Es gibt wohl Zeiten im Leben, da machen wir so weiter, wir gehen zur Kirche, mehr oder weniger regel­mäßig, wenn wir gefragt werden, sagen wir, wir sind “evange­lisch”, oder “evangelisch-lutherisch”. Aber zugleich würden wir vielleicht doch nicht den Mund aufmachen, wenn einer über den Glauben herzieht oder einfach eine ziemlich schiefe Vorstellung von der Kirche hat. Ja, es liegt uns, das Leben in zwei Bereiche einzuteilen – sonntags in der Kirche bin ich so, und zuhause oder in der Schule oder im Betrieb anders.

Wacht auf,” schreibt Paulus deshalb. Ein Doppel-Leben ist gefährlich. Denn das kommt raus. Gott braucht dazu nicht einmal auf Spurensuche zu gehen. Damit wir's aber auch sehen, gibt er uns sein Wort. Das ist das Licht, in dem wir erkennen, was was ist und was wir tatsächlich tun. Wenn Paulus uns Christen deshalb zuruft, “Wacht auf”, dann macht er damit das Licht an. Genug mit dem Augenzumachen vor dieser Situation, heißt das. Dazu ist keine Zeit mehr. Und er begründet das: “Unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, als wir zum Glauben gekommen sind.” Unser Lebens-Ende kommt näher und das Ende dieser Welt. Wer sich jetzt in die Finsternis zurückzieht, der zieht sich vom Heil zurück, von seiner Rettung.

Letzten Mittwoch hat mir eine Frau erzählt, dass ihre Eltern mit Anfang Sechzig allein eine Amerikareise gemacht haben. Ihr Vater hatte als Schüler im Englisch­unterricht ein Referat gehalten über den Colorado-Fluss, der durch den Grand Canyon fließt. Da wollten sie unbedingt hin. Sie konnten nur wenig Englisch, haben's aber geschafft, sind dann oben vom Rand der Schlucht die 1300 m abgestiegen. Abends waren sie unten. Da hat man ihnen gesagt, dass sie da nicht übernachten können. Sie mussten also im Dunkeln wieder rauf, auf dem schmalen Pfad an der Felswand. Wenn man da nicht sieht, wo man hintritt, stürzt man ab. Sie waren heilfroh, dass sie Taschenlampen hatten und durch­gehalten haben.

Genauso gilt für unser Leben: Wer sich von dem Licht zurückzieht, mit dem Gottes Wort leuchtet, der verliert sein Leben. Deshalb ist es entscheidend, ob wir auf beiden Seiten mitmachen, oder die “Werke der Finsternis” ablegen. Was damit gemeint ist, das ist keine Ansichtssache, das sagen Gottes Gebote deutlich. Ja, im Licht des Wortes Gottes ist zu sehen, was verkehrt ist. Paulus leuchtet mit diesem Scheinwerfer nachein­ander vier Bereiche in unserem Leben aus. “Du sollst nicht ehebrechen”: Wenn ein Mann und eine Frau das Bett teilen, um's mal ganz direkt zu sagen, dann gehören sie zusammen, solange sie leben. “Du sollst nicht töten”: keine Gewalt gegen den Mitmenschen, nicht körperlich, nicht mit Wörtern, nicht mit unserem Verhalten. “Du sollst nicht stehlen”: nichts nehmen, was dir nicht gehört und dir nicht zusteht. Wenn Steuern zu zahlen sind, dann gehört das dem Staat. Wenn uns Beihilfe nicht zusteht, gehört sie uns nicht, auch wenn wir sie auf irgendeine schräge Tour bekommen. “Du sollst nicht begehren”: Was einem anderen gehört und wer zu einem anderen gehört, das ist seins und nicht deins.

Wenn alle sich an diese Gebote halten würden, liebe Gemeinde, wäre die Welt dann nicht ein viel besserer Ort zum Leben? Dann könnten ja die Weihnachts­märkte in den Städten so offen sein wie der in Klein Oesingen, ohne Betonklötze zur Absperrung, die als Geschenke dekoriert sind, damit keiner mit einem Auto in die Menschen reinfährt. Dann würde niemand versuchen, unsere Kontodaten zu stehlen, es gäbe keinen Betrug bei Abgaswerten, keine Hassparolen auf unseren Straßen, und keinen Enkeltrick am Telefon, um Rentner um ihr Geld zu bringen.

Aber gegen all das gibt es ja Gesetze. Gebote, die Familie und Ehe, Leib und Leben und Besitz schützen sollen, gibt es in allen Kulturen. Aber sie können nur Strafe androhen, um dem Bösen einen Riegel vorzuschieben. Sie sind wie Schilder in Australien, die es verbieten, im Busch Feuer zu machen. Aber sie löschen die Waldbrände nicht, die dort dieses Jahr besonders stark im Gang sind. Im Gegenteil – wenn so ein Feuer außer Kontrolle ist, nimmt es auch die Schilder mit.

Deshalb ist das, was Paulus hier schreibt, leicht zu verstehen, aber es ist keine Schwarzweißmalerei. Denn die Weste rein zu halten, das kann man schaffen. Aber das Herz nicht. Aber auch da scheint Gottes Licht hinein. Deshalb geht es darum, dass jeder auf sich selbst sieht. Und dass wir wachsam bleiben. Denn wenn etwas bisher für mich keine Versuchung war, kann es das in einer anderen Lebensphase werden. Wir können langsam ins Dunkel reingeraten, ohne es zu merken; wie wenn man nachmittags im Dezember länger am Tisch sitzt, und dann kommt jemand und sagt, “du sitzt ja hier im Dunkeln”. Wenn wir allerdings von der Adventszeit erwarten, dass sie vor allem gemütlich wird, dann passt das, was Paulus uns hier sagt, nicht dazu. Aber wenn wir an die kleine Flamme einer Kerze denken, die Licht ins Dunkel bringt, dann schon. Und so wie jetzt jeden Sonntag eine Kerze dazukommt, sollen wir im Licht weitergehen und nicht von dem Licht weggehen.

Dazu passt aber auch der Ton, den Paulus hier anschlägt. Jeder Tag bringt uns dem Tag des Heils näher, an dem wir Christus selbst sehen werden, an dem wir keine Gebote mehr brauchen, weil die Sünde eine Sache der Vergangenheit sein wird. An dem auch die Vergänglichkeit aufhören wird, unter der auch die Pflanzen und Tiere leiden. Und wenn wir noch mal hinhören, merken wir, dass das Aufstehen vom Schlaf mit der Liebe verbunden ist:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. – Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf.”

Wer sich darauf freut, den Tag mit einem lieben Menschen zu verbringen oder wer seine Arbeit gerne tut, der steht gerne auf. Wollen wir dann nicht auch gerne Wege suchen, das Feuer zu löschen, wo Menschen sich hassen? Wollen wir's dann nicht auch immer wieder üben, es zu ertragen, wo andere uns Unrecht tun? Mit Freundlichkeit entzieht die Liebe dem Feuer den Sauerstoff.

Und genau damit fängt unser Abschnitt an. Gerade vorher hat Paulus davon geschrieben, dass staatliche Macht von Gott kommt und dass nur der die Straf­androhung zu befürchten hat, der sich nicht an die Gesetze hält. Und jetzt schreibt er vom persönlichen Bereich: Wir sollen niemandem etwas schuldig sein, außer dass wir uns untereinander lieben. Da geht’s nicht um Kreditaufnehmen. Das haben römische Händler damals auch getan, wenn sie Schiffs­ladungen mit italienischem Wein nach Ägypten geschickt haben. Sondern wir sollen uns aus der Erfüllung der Gebote nicht herausreden nach dem Motto: Das kann ich morgen auch noch tun. Oder später im Leben. Dass wir uns untereinander Liebe geben ist eine tägliche Aufgabe. Ja, vielleicht will der Apostel auch sagen, sie fängt jeden Tag wieder an. Keiner kann sagen, jetzt habe ich's schon solange getan, jetzt reicht's fast.

Und das ist zugleich das Schöne daran. Denn in der Liebe zu leben, das geht nicht anders als bei einer Brunnenschale, die ständig von oben gefüllt wird, um nach allen Seiten überzufließen. Und aller Dreck, der mit reinkommt, der wird zugleich mit weggespült. Was für eine schöne Zusam­menfassung der Gebote, die Gott uns gibt.

Im Licht der Liebe Gottes wird dann auch sichtbar, wie schön die Gebote Gottes sind. Wenn wir sie nicht nur als Verbote verstehen, sondern als Hilfe zum Zusam­menleben, dann entdecken wir, dass sie zugleich ein Anreiz sind, wie wir Gutes tun können; in der Ehe, mit unserem Besitz und für Leib und Leben eines anderen.

Man kann das mal ausprobieren, sich ein Gebot vornehmen und gucken, welche Person aus der heiligen Schrift sich darin spiegelt. Lukas berichtet von der Prophetin Hanna, die seit Jahrzehnten in Jerusalem auf dem Tempelgrundstück lebt und dann dabei ist, als Maria und Joseph mit dem neugeborenen Jesus kommen – wie hat die das Gebot gehalten, dass wir Gottes Wort gerne hören und lernen sollen, wie war sie in Gottes Haus zuhause! Und sie hat so mit als erste den versprochenen Retter gefunden!

Markus erzählt von mehreren Freunden, die einen Gelähmten zu Jesus bringen – wie haben sie damit das fünfte Gebot gehalten, dass wir dem Nächsten helfen und ihn fördern sollen in allen Leibesnöten! Und noch mehr: sie haben ihn zu dem gebracht, der das ewige Leben hat.

Und die Witwe am Opferkasten im Tempel, die ihre beiden kleinen Münzen da einwirft: Die stellt Jesus selbst den Jüngern als ein Beispiel vor Augen. Das Gebot, dass wir nicht stehlen sollen, heißt auch, dass wir ohne Sorge geben können von dem, was wir haben. Denn Gott gibt uns, was wir nötig haben. Unser Gemeinde­beitrag ist in seiner Höhe etwas Freiwilliges, aber er ist uns nicht nur in der Ordnung unserer Gemeinde aufgetragen, sondern auch im siebten Gebot.

Liebe Schwestern und Brüder, in Filmen wie der Star Wars-Serie kann man mit einiger Sicher­heit sagen, wann wieder ein Licht­schwertkampf dran ist. Wann und wo wir Gottes Wort als Lichtwaffe brauchen, das wissen wir nicht vorher. Aber wenn wir uns rufen lassen aufzustehen und das, was mit der Finsternis zu tun hat, abzulegen, dann brauchen wir diese Waffe. Denn das Leben als Christ ist keine Weihnachtsplätzchenparty. Es ist ein tägliche Auseinandersetzung. Deshalb lasst uns wach sein und mit dem mitgehen, der die Macht der Finsternis besiegt hat, und das Licht der Welt ist, in dem das Leben hell wird und warm. Amen.

1. Adventssonntag (Predigtreihe II neu)

Daniel Schmidt, P.