Predigt vom 1.1.2019 (1. Mose 17,1-8)


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Create Date1. Januar 2019
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Liebe Gemeinde,

In den letzten Tagen haben wir uns ein gutes oder gesegnetes neues Jahr gewünscht, vielleicht auch einen “guten Rutsch” – das hat übrigens mit “rutschen” nichts zu tun, auch wenn wir um diese Jahreszeit mit Glatteis rechnen müssen. Das kommt aus dem Jiddischen von dem Wort “Rosch”, das heißt “Haupt” oder “Anfang”. Ein “guter Rosch” ist also ein guter Jahresanfang.

Aber was gehört für uns dazu für ein gutes neues Jahr? Glück, Erfolg im Beruf oder in der Liebe, Geld? Weniger Stress? Mut und Freude für jeden Tag? Dass man in der Schule die Versetzung schafft, oder den Abschluss, dass man einen Job findet, dass man sich in der Landwirtschaft nicht für “'n Appl und 'n Ei” abrackert?

Erst einmal müsste ein “neues Jahr” ja heißen, dass wir das Alte zurücklassen. Nicht die schönen Erinnerungen und Erfahrungen. Die wollen wir mitnehmen und daran denken, dem zu danken, der sie uns gegeben hat. Das wollen wir auch in unserem persönlichen Gebet tun. Aber dass wir das ablegen, was wir selbst an Unsegen hineingebracht haben. Dass wir das hier in der Kirche ablegen. Oder anders gesagt: Wenn du nachher zum Altar kommst für das heilige Abendmahl, dich vielleicht verneigst und dann hinkniest, dann darfst du deine ganze Schuld von den Schultern rutschen lassen, unters Kreuz. Und kannst dann wieder gerade stehen vor Gott und der Gemeinde in der Gewissheit: Mir ist vergeben.

Wenn wir uns aber klar machen, wie viel Unsegen aus uns selbst herauskommt, weil unser Herz so ein Sumpf ist, dann gehört zum Neuwerden ja auch dazu, dass wir gehorsam werden. Dass wir uns Gottes Willen neu zeigen lassen, dass wir uns den Willen erbitten, danach zu leben. Denn Gottes Segen ist nicht so eine Art Zusatzversicherung, die wir beantragen können, von der wir hoffen, dass wir sie bekommen, die aber auch nichts kostet. Gottes Segen ist immer persönlich. Von Gott persönlich für jeden von uns persönlich. Und obwohl er jeden Tag auch denen viel Gutes tut, die ohne Gott leben, liegt der eigentliche geistliche Segen doch in der Beziehung zu Gott – dass wir ihn immer mehr erkennen, dass wir seine Liebe immer neu empfangen, dass wir weiter lernen, auf ihn zu hören und uns von ihm führen zu lassen.

So hören wir es in der alttestamentlichen Lesung zum 1. Januar, wenn er als “Tag der Beschneidung und Namensgebung des Herrn” begangen wird, im 1. Buch Mose im 17. Kapitel:

Als nun Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm. Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir schließen und will dich über alle Maßen mehren. Da fiel Abram auf sein Angesicht. Und Gott redete weiter mit ihm und sprach: Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden. Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker. Und ich will dich sehr fruchtbar machen und will aus dir Völker machen, und auch Könige sollen von dir kommen. Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, daß es ein ewiger Bund sei, so daß ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz, und will ihr Gott sein.

Gott verspricht dem Abraham Segen. Einen Segen, der weit darüber hinausgeht, dass Gott jeden Tag auch für die Gottlosen die Sonne aufgehen lässt, dass er auch ihnen immer wieder ein neues Jahr gibt mit neuer Zeit und neuen Möglichkeiten. Gott verspricht Abraham geistlichen Segen. Und der hat mit einer Bindung zwischen beiden zu tun.

Man sagt ja manchmal vom Heiraten, dass sich da zwei Menschen binden. Weil von da an keiner mehr allein über sein Leben entscheidet, seinen Wohnort, sein Geld und seine Zeit. Es geht nicht mehr um “ich” und “ich”, sondern um “wir”. Einen solchen Bund macht Gott mit Abraham – nur, dass dieser Bund zwei ganz un­ gleiche Partner aneinander bindet. “Partner” ist schon gar nicht das richtige Wort, denn dieser Bund geht ganz von Gott aus, und wenn Abraham Ja dazu sagt, dann ist das auch Gottes Tun, der in ihm den Glauben schafft. In der Hinsicht ist dieser Bund ganz ähnlich wie die christliche Taufe. Vor allem aber: Gott bindet sich an Abraham. Gott sagt ihm Segen zu. Abraham wird zu einem großen Volk werden. Und von ihm wird der Eine abstammen, dessen Geburt wir gerade wieder gefeiert haben, von dem der Engel den Hirten gesagt hat, das ist eine große Freude, die für alle Menschen gilt; der, der seine Jünger dann in die ganze Welt geschickt hat, damit sie es alle erfahren.

Dabei hatte Abraham über viele Jahre gelernt, mit enttäuschten Hoffnungen fertigzuwerden. So wie ein Ehepaar heute, das sich Kinder wünscht und es stellen sich keine ein. Erst hatten seine Frau und er gehofft, dass aus ihnen eine Familie würde, von Jahr zu Jahr. Dann hatten sie versucht, immer wieder mit der Ent­ täuschung fertigzuwerden und sich allmählich in Gottes Willen zu fügen. Und wenn man aus seiner Erfahrung ableiten kann, wie es weitergeht, dann hatten beide nicht mehr viel zu erwarten. Mit 75 macht man kaum noch große Pläne für sich selbst.

Das heißt, als Gott die Worte spricht, die wir gerade gehört haben, da ist Abraham inzwischen 99. 24 Jahre ist es her, dass Gott ihm einen besonderen Segen versprochen hat. Und noch ist nichts davon zu sehen. Noch hat Abraham nur Gottes Wort darauf. Dieses Wort aber wiederholt Gott hier noch einmal. Und Abraham fällt auf sein Angesicht, heißt es. So ungleich ist dieser Bund, dass hier ein sündiger, sterblicher Mensch dem heiligen, ewigen Gott begegnet. Dass dieser Gott ihn anredet. Und so ist dieser Segen, dass er sich in einem Satz zusammen­ fassen lässt: “Ich bin dein Gott, und ich will der Gott deiner Nachkommen sein.”

Diesen Gott zu haben, liebe Gemeinde, das ist Segen. Das ist Leben und Seligkeit. Auch wenn wir heute in ein neue Jahr gehen. Und noch einmal: Die Verbindung zwischen ihm und uns ist eine ganz ungleiche Verbindung. Unser Gehorsam gehört dazu. Aber er ist keine Bedingung dafür.

So etwas gibt es zumindest im Geschäftsleben nicht. Ein Vertrag hält nur solange, wie sich beide Partner daran halten. Abraham aber ist Gott ungehorsam gewesen. Er ist zur Magd seiner Frau ins Bett gestiegen. Sicher, es war Saras Idee. Aber das ändert nichts daran. Sie haben beide gedacht, vielleicht muss man Gottes Wort ein bisschen anders interpretieren, wenn man gar nicht sieht, dass es in Erfüllung geht. Und Abraham hat's getan. Ein Kind von der Magd der Frau ist doch fast so wie ein Kind von ihr, oder?

13 Jahre lang hat Gott danach geschwiegen. Gott sagt zwar, dass sein Wort in Ewigkeit bleibt. Aber er hat uns nicht zugesagt, dass wir es weiter haben, wenn wir nicht darauf hören. Er kann uns die Freiheit nehmen, wenn wir sie für selbstver­ ständlich halten und nicht mehr nutzen; die Freiheit, die Glocken zu läuten zum öffentlichen Gottesdienst, den arbeitsfreien Sonntag, die Übertragung von Gottes­ diensten im Fernsehen, im Radio und im Internet, den Gottesdienst mit Schul­ kindern, das Wort zum Sonntag in der Zeitung. Passiert's nicht auch, wenn jemand sich für den Gottesdienst oder die eigene Andacht keine Zeit mehr nimmt, dass er dann auch keine Zeit mehr dafür hat? Gottes Wort kannwie ein durchziehender Platzregen sein. Er gebe uns, dass das in diesem neuen Jahr nicht so ist. Und dass wir hören, wenn er mit uns redet, und gehorsam sein wollen.

Mag sein, dass dieses Schweigen Gottes für Abraham eine Warnung war. Es war ja nicht so, dass er Gottes Wort nicht hatte. Aber Gott hatte die ganze Zeit nicht neu mit ihm geredet, und hatte sein Versprechen nicht erfüllt. Deshalb waren diese Jahre für Abraham wohl noch einmal eine Lektion in Geduld. Und dann die Erfahrung, dass Gottes Wort trotz unserem Ungehorsam weiter gilt. Jetzt, nach all dieser Zeit, erneuert Gott sein Segensversprechen. Mit 99 soll Abraham zum zweiten Mal Vater werden, dieses Mal von seiner Frau Sara.

Das alles hat mit uns zu tun. Denn Abraham und Sara wird ein Kind gegeben, von dem viel später Gottes Sohn abstammen wird, über seine Mutter Maria. Denn Jesus gehört ja zum jüdischen Volk, er ist Jude. Und er ist das Kind, das uns gegeben wird, wie es der Prophet angekündigt hat: Uns ist ein Sohn gegeben, ein Kind ist uns geboren, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter, und er heißt Ewig-Vater, Friedefürst. Und wie der Engel es den Hirten in der Nacht gesagt hat: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.

Ein kleines Kind also, mit dem das Versprechen an Abraham ganz groß in Erfüllung geht, viel größer als mit der Geburt des Isaak, auf den Abraham und Sara so lange gewartet haben. Ein neugeborenes Kind, das eins ist mit dem ewigen Vater, das der Herr ist, das herrscht über die ganze Welt. Der, der zu den Juden später sagt: “Ehe Abraham ward, bin ich.”

Und dieses Kind ist der Friedefürst. Frieden ist das Gegenteil von dem Zustand, in den Adam und Eva uns gebracht haben. Sie wollten sein wie Gott – und haben sein Gebot übertreten. Seitdem steckt das in uns, das Sein-wollen-wie-Gott. Gott gibt uns Regeln, aber wir wollen unsere eigenen Regeln machen. Gott gibt uns einen guten Platz in dieser Welt, über der ganzen Natur, aber wir wollen uns über ihn setzen. Das macht dauernd Unfriede. Und seitdem ist auch in der Natur kein Friede mehr. Fressen und Gefressenwerden. Wachsen und angegriffen werden durch Viren, Keime, Kartoffelkäfer. Waffenstillstand, den gibt es, wenn wir uns freuen über die Stille der Natur, vielleicht durch den Schnee laufen im Harz. Aber Friede ist das nicht mehr.

Und das betrifft auch unser Zusammenleben untereinander. Mit manchen Menschen kann man sich gut verstehen. Mit manchen kann man jahre- und jahrzehntelang gut miteinander auskommen. Aber dass ich mir selbst der Nächste bin, das steckt in mir auch dann drin.

Nun aber ist für uns ein Friedefürst geboren. Der nicht zuerst an sich gedacht hat – dann hätte er seine Herrlichkeit im Thronsaal Gottes nie aufgegeben. Der, der sich zwischen die Fronten begibt, zwischen uns und Gott, gegen den wir uns immer wieder auflehnen. Und mit seinem Kommen geschieht das, was unmöglich war: Gott bleibt der heilige, unbestechliche, gerechte Gott. Es gibt da keinen Kompromiss. Er fängt nicht aus lauter Frust mit den Menschen an, es mit seinen Geboten selbst nicht mehr so genau zu nehmen. Aber er schickt uns seinen Sohn. Der als einziger von ganzem Herzen und ganzer Kraft und mit ganzer Liebe Gottes Willen tut. Und der nimmt uns in seinen ganzen Gehorsam hinein.

Dem Abraham hatte Gott ein Zeichen verordnet. Das war die Beschneidung. Für ihn und seinen Sohn und alle männlichen Nachkommen. Ein äußeres Zeichen für den Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Vielleicht auch eine Erinnerung, dass die Weitergabe von Leben immer mit dem Gehorsam jedes neuen Menschen verbunden sein soll. Denn Leben, wirkliches Leben gibt es bei Gott. In der Lebensgemeinschaft mit ihm. Wenn ein jüdischer Junge am 8. Tag seines Lebens beschnitten wird, ist es deshalb ein Familienfest. Die Freude, dass wieder ein Kind in Gottes Bund hineinwächst. Und die Verpflichtung zum Gehorsam. Die Familie muss ihm dann beibringen, was Gottes Wille ist, so wie es alle ihre Kinder zu lernen haben, natürlich auch die Mädchen.

So berichtet es der Evangelist Lukas dann auch von Jesus:

Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

Ja, genauso wurde Jesus beschnitten. Aber warum? Wenn er selbst Gott ist, wenn er mit dem Vater eins ist, wozu muss er dann in diesen Bund reingenommen werden? Wenn Gottes Wille sein Wille ist und er ihn vollkommen tut, wozu dann noch die Verpflichtung zum Gehorsam? Und warum kommt er sozusagen auf unserer Seite in den Bund hinein, als Mensch, und eben ganz körperlich?

Das alles geschieht mit diesem kleinen Kind für uns. Wir sollen Gott gehoram sein mit unserm ganzen Leben. Aber dieses Kind schenkt uns seinen Gehorsam. Mit der Beschneidung gab man ihm den Namen “Jesus”, sagt Lukas. “Helfer” heißt das, “Retter”. Und es heißt: Er ist der versprochene Nachkomme von Abraham, durch den alle Völker gesegnet werden. Wir auch.

Der 1. Januar hat in unserem Gesangbuch zwei Gesichter: wir denken an den Anfang eines neuen Jahres, wir denken aber auch an die Beschneidung und Namensgebung unseres Herrn; weil es heute 8 Tage sind, vom 25. Dezember an gezählt, fällt das eben auf den 1. Januar. Beides zusammen ist für uns ein großer Trost und eine große Freude: Unsere Zeit steht in Gottes Händen, auch dieses Jahr. Wir aber wollen ihn um Gehorsam bitten, dass wir nach seinem Willen leben. Und uns das schenken lassen, was sein Sohn für uns gewonnen hat mit seinem Gehorsam; von Anfang an, als kleines Baby: nämlich dass er das wegnimmt, was an uns alt ist, und das neue schenkt, jeden Tag wieder in diesem Jahr: Dass wir als seine Kinder mit ihm leben, aus Vergebung und Gnade. Dann ist jeder Tag hier keine verlorene, sondern gewonnene Zeit, denn er bringt uns dem Tag näher, an dem wir mit Abraham und Isaak und Jakob und allen Brüdern und Schwestern vereint sein werden in seiner Gegenwart. Amen.

Neujahr / Tag der Beschneidung und Namengebung des Herrn

(alttestamentliche Lesung)

Daniel Schmidt, P.