Predgit vom 3.9.2017 (Jes. 29,17-24)


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Create Date3. September 2017
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Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Recht bekommen und rechthaben, das sind zwei verschiedene Dinge. Wer mit mehreren Geschwistern aufgewachsen ist, kann sich vielleicht erinnern an die täglichen kleinen Auseinandersetzungen und dass die Strafe von den Eltern nicht immer den Richtigen getroffen hat.

Rechthaben, aber nicht Recht bekommen (oder sich das Recht nehmen wo man nicht recht hat) – darum geht es in unserem Abschnitt aus Gottes Wort. Rechts­ beugung heißt das. Und wir hören hier, dass das zur Zeit des Propheten Jesaja eine allgemeine Erfahrung war. Und sagen wir nicht, das gibt es in einer modernen Demokratie nicht. 2015 lagen bei einem Amtsrichter mehrere Verfahren wegen zu schnellen Fahrens. Doch in allen diesen Fällen fehlten entscheidende Unterlagen von der Straßenverkehrsbehörde, unter anderem das Messprotokoll. Der Richter wollte der Behörde einen Denkzettel verpassen und hat die Verfahren eingestellt. Begründung: Eine Ordnungswidrigkeit lasse sich nicht nachweisen.

Damals dürfte mancher Autofahrer am Stammtisch auf diesen Richter sein Glas gehoben haben. Gefühlsmäßig atmen viele von uns auf, wenn wir das hören. Es ist halt blöd, wenn man erwischt wird. Und wenn man zahlen muss, noch mehr.

Aber dieser Richter ist vom Amtsgericht Erfurt verurteilt worden. Begründung: Er hätte die Pflicht gehabt, die fehlenden Unterlagen heranzuholen. Das Ergebnis: Haftstrafe, ein Jahr und drei Monate. Ja, es gibt Rechtsbeugung auch in einer Demokratie. Und vielleicht zeigt uns dieser Fall, dass es uns sogar ganz recht sein kann, wenn's zu unseren Gunsten ist. Wir beugen uns nicht gerne unter das Recht wo's gegen uns ist.

Wo solche Rechtsbeugung aber zum System wird, da leiden die Machtlosen darunter. Es gibt genug Länder, wo Menschen das täglich erleben. Da hat jemand ein Auge auf dein Land geworfen, sein Cousin ist im Gemeinderat, und du wirst enteignet. Eine Frau misshandelt das Kind ihrer Nachbarin, es kommt vor Gericht, und die Klage wird abgewiesen, weil sie den Richter vorher zuhause besucht hat.

“Glaubst du an Gerechtigkeit?”, wenn man diese Frage den Israeliten damals gestellt hätte, hätten die Rechtlosen wohl gesagt: Wir sehen sie nicht. Und die anderen: Wir machen uns die Gerechtigkeit zurecht, wie wir wollen. Ja, daran glauben wir.

Und wir? Glauben wir an Gerechtigkeit? Sicher, wir leben in einem Rechtsstaat. Wer keinen Anwalt bezahlen kann, bekommt einen gestellt. Gegen Gerichts­ entscheide kann man Revision einlegen. Aber die ständige Arbeit an den Gesetzen im Bundestag zeigt ja, dass es in der Frage der Gerechtigkeit dauernd etwas nachzuregeln gibt – und dass das, was als recht und richtig gilt, auch von wech­ selnden Meinungen abhängt. Ja, die Gesellschaft geht immer weniger davon aus, dass sie gerade da eine Verantwortung vor einem Höheren hat, vor Gott.

Nun kündigt Gott durch den Propheten an, dass es mit der Rechtsbeugung ein Ende haben soll:

“Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor,” (das Stadttor war der Ort, wo öffentlich Gericht gehalten wurde) “und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.”

Das ist zunächst etwas, das zu glauben ist. Denn die Zeitgenossen Jesajas erleben zu ihrer Zeit keine große Erneuerung der Gerechtigkeit; weder die, die das Recht beugen noch die, die darunter leiden. Rund hundert Jahre später setzt der König Josia vieles von Gottes Recht durch, aber auch das ist eine Glaubenssache: Er ist im Glauben an den einen Gott aufgewachsen, lässt als junger König den Tempel gründlich renovieren, und dabei stoßen die Arbeiter auf eine Schriftrolle, vielleicht das 5. Buch Mose, das ja außer den 10 Geboten auch so etwas wie ein Bürgerliches Gesetzbuch für das Volk Israel enthält. Diese Rolle war offenbar in irgendeiner dunklen Ecke gelandet wie eine Konfirmationsbibel, in die man nicht deshalb nicht mehr reinguckt, weil man sie nicht mehr finden kann; sondern die man nicht mehr findet, weil man darin schon lange nichts mehr gesucht hat: keine Wegweisung für's Leben, keinen Spiegel für seine eigene Sünde, keine Gerecht­ gesprochenwerden durch Vergebung, keine Hoffnung für die Ewigkeit.

Und es ist eine Glaubenssache, dass Gott einmal selbst eingreifen wird, weil sein Volk in solcher Ungerechtigkeit lebt, weil es Unrecht tut und Unrecht leidet in dieser von Gott abgefallenen Welt. Und er kommt und bringt denen Gerechtigkeit, die an ihn glauben: Der Taubstumme, der mit seiner Behinderung überhaupt nicht die gleichen Chancen hatte wie andere, kann reden und hören, kann mitreden, kann vielleicht auch mit im Gericht sitzen am Stadttor. Die Witwe, die ihren toten Sohn zurückbekommt, muss nicht mehr fürchten, dass sie außer ihrer Familie auch noch ihren ganzen Besitz verliert. Paulus und Silas werden in Philippi gegen alles Recht schwer geschlagen und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen. Am nächsten Tag sollen sie freigelassen werden – verbunden mit einer Art verdecktem Verweis aus der Stadt; aber Paulus verlangt eine öffentliche und persönliche Entschuldigung der Machthaber. Silas und er bekommen keine Entschädigung für die unrechtmäßige Haft, kein Schmerzens­ geld. Aber die junge Gemeinde im Ort und die junge Kirche bekommt ein Stück Rechtsschutz im römischen Reich.

Wir könnten die Liste fortsetzen bis in unsere Zeit. Und wir würden beides finden: dass es einerseits in dieser Welt keine umfassende Gerechtigkeit gibt, dass Menschen immer wieder das Recht beugen und unter Rechtsbeugung leiden. Und dass Gott andererseits auf viele Weise denen, die darunter leiden, Recht schafft. Und sei es dadurch, dass die Antreiber des Völkermords in Ruanda und Burundi in den Haag vor Gericht gestellt werden und die Überlebenden das mitbekommen. Oder dass er denen, die von einem Unrechtsstaat aus ihrer Heimat vertrieben wurden, in einem Rechtsstaat eine neue Heimat schenkt.

Wir leben in einer gefallenen Welt. Und sie wird sich nicht zu einem Paradies entwickeln. Im Gegenteil, diese Welt muss aufhören. Das Böse muss für immer von Gott getrennt werden. Deswegen muss die Sünde verdammt werden. Nur so kommt die Ungerechtigkeit an ihr Ende. Und Gott wird eine neue Welt machen, in der ewige Gerechtigkeit und Friede herrschen.

Nun steckt aber die Sünde, die Ungerechtigkeit nicht nur in der Welt, sondern in uns selbst. Gott sei Dank, dass er unsere Sünde schon verdammt hat, und dass er das nicht in uns getan hat, sondern außerhalb von uns. Dort am Kreuz. An seinem Sohn. Das ist das Ende unserer Ungerechtigkeit.

Und Gott sei Dank, dass wir so schon jetzt zu der neuen Welt gehören. Auch das ist etwas, das zu glauben ist. Das ist ein Glaube, den Gott dem schenkt, der mit seiner Ungerechtigkeit hier an den Altar kommt zur Vergebung seiner Schuld in der Beichte, und der im Heiligen Abendmahl das erlebt, was Luther den “fröhlichen Wechsel” nennt: Seine Ungerechtigkeit wird Christi Ungerechtigkeit und kommt ans Kreuz. Christi Gerechtigkeit wird seine Gerechtigkeit und kommt in sein Herz und sein Leben.

Merken wir jetzt, liebe Schwestern und Brüder, wie die Gerechtigkeit aus dem Gottesdienst kommt? “Sie werden meinen Namen heiligen”, sagt Gott. “Die, die irren, werden Verstand annehmen, und die, die murren”, die immer unzufrieden sind und sich nichts sagen lassen, “werden sich belehren lassen.”

Ja, damit fängt's an. Dass wir Verstand annehmen; verstehen, dass die Unge­ rechtigkeit nicht nur in der Welt und in den anderen steckt, sondern in uns selbst. Und dass wir nicht zu Dauer-Murrern werden. Sondern erlittene Ungerech­ tigkeit zu ihm bringen. Er wird sie vor der Welt aufdecken, spätestens am Jüngsten Tag. Und dass wir Gerechtigkeit üben: In unserem Verantwortungsbereich Situationen und Menschen ohne Ansehen der Person beurteilen, ohne Blick auf den Vor- oder Nachteil für uns selbst. Und uns einsetzen für Gerechtigkeit – im Kleinen und im Großen, in der Schule und am Arbeitsplatz und in der Welt als ganzer. Denn dass Gott Menschen Recht schafft, das will er auch durch uns tun. Und wer an Gerechtigkeit glaubt – an die, die Gott uns in Christus schenkt – der wird sie erleben. Ja, “Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.”

Gott sei Dank. In Ewigkeit. Amen.

Daniel Schmidt, P.

12. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe III)