Predgit vom 16.12.2018 (Röm. 15,4-13)


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Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduldund den Trostder Schrift Hoffnunghaben. Der Gott aber der Geduldund des Trostesgebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt,den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommenhat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungenzu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeitwillen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freuteuch,ihr Heiden, mit seinem Volk!« Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« Der Gott der Hoffnungaber erfülle euch mit aller Freudeund Friedenim Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnungdurch die Kraft des heiligen Geistes.

Liebe Gemeinde,

Eine Seniorin geht in einen Buchladen und fragt nach einem Buch über Fußball. Der Verkäufer zieht ein Taschenbuch raus und meint, “Na, Sie wollen sich sicher besser mit ihrem Enkel unterhalten können.” “Nein,” sagt sie, “ich will die Predigten von unserem Pastor besser verstehen.” Nun, auch wenn Fußball für manche wie eine Art Religion ist, und wenn viele Leute mehr Fußballspiele erleben als Gottesdienste – ich bin kein großer Fußballkenner und Fußball-Fan. Manchmal, wenn von “Eintracht Braunschweig” die Rede ist, dann bekomme ich ein kleines bisschen mit (mehr wegen “Braunschweig” als wegen der “Eintracht”). Aber keine Sorge für alle Nicht-Eintracht-Fans, selbst mir ist klar, dass es nicht sehr spannend ist, über einen Verein zu reden, für den es selbst in der Dritten Liga nur noch wenig Hoffnung gibt.

Aber “Hoffnung”, “Freude”, “Eintracht” – darum geht es in unserem Ausschnitt aus dem Gemeindebrief, den Paulus nach Rom geschickt hat. Der ist vom Schluss des Briefes genommen. Und ist geschrieben an eine gemischte Gruppe – Sklaven, die nicht in ihre Heimat zurück können, weil sie unfrei sind, darunter vielleicht Nordafrikaner, Syrer, Germanen. Dazu Juden, die zum Glauben an Christus als den versprochenen Retter gekommen sind, von denen manche ihr ganzes Leben in Rom gelebt haben. Von ihnen sind zwar viele frei, aber sie wissen, dass sie jederzeit aus der Stadt vertrieben werden können wie unter Tiberius im Jahr 19 unserer Zeitrechnung. Und es gibt ein paar wohlhabende Bürger in der Gemeinde, zum Teil die “Besitzer” dieser Sklaven. Insgesamt aber ist das eine Gruppe, die kaum in der ersten Liga mitspielt – bei den römischen Bürgern – und kaum in der zweiten, bei den Freien, die über ihr Leben selbst entscheiden können.

An diese Gemeinde schreibt Paulus von Hoffnung und Geduld und Trost, und von Eintracht. Und schreibt ihnen “Freut euch!” Das ist zwar damals ein normaler Gruß. Wie man bei uns “Guten Tag” sagt, sagt man da “freu dich” oder “freut euch”. Aber so, wie Paulus das hier tut, ist klar: Es ist ein guter Tag, wo ihnen diese Worte von ihm im Gottesdienst vorgelesen werden. Es ist ein Grund zur Freude.

Bei der Eintracht Braunschweig gab's in der letzten Zeit wenig Grund zur Freude.  Deswegen sind inzwischen zwei Trainer gegangen (oder “gegangen worden”, ich weiß es nicht so genau), der Sportliche Leiter wurde “freigestellt”, der Geschäfts­führer tritt Ende Januar zurück, und der Präsident, Sebastian Ebel, will sein Amt niederlegen. So ist das, wenn alle Anstrengung nur ein Kampf gegen den Abstieg ist. Dann wird irgendwann die Führung ausgetauscht.

In der christlichen Gemeinde in Rom hatten sich alle, die keine Juden waren, sozusagen von ihrer bisherigen Führungsriege verabschiedet: Vom Gott der Kaufleute und dem Gott des Meeres. Von Venus, der Göttin der Liebe. Und Diana, der Göttin der Jagd. Und von dem Chef vom Ganzen, Zeus. Mit denen hatten sie zwar manchmal kleine Erfolge erlebt, wie sie damals geglaubt hatten. Etwa wenn ein guter Handel zustandegekommen war oder jemand sich verliebt hatte. Aber genau genommen waren alle Opfer für diese Führungsriege und alles Redenmit ihnen nur ein Kampf gegen den Abstieg. Man rief sie an, wenn man Glück brauchte. Und noch mehr, wenn man Unglück hatte. Aber irgendwann kam der Abstieg in das Totenreich. Diesen letzten und endgültigen Abstieg konnte keiner von diesen “göttlichen” Anführern verhindern.

Aber dann war in Rom etwas Neues zu hören. Unter den Juden zuerst. Sie warteten ja schon lange auf einen Retter, einen Messias. Da kamen Leute aus den römischen Provinzen Galiläa und Judäa und sagten, der Messias ist gekommen. Geboren als ein Nachkomme von König David und damit auch von Davids Vater, Jesse (oder “Isai”). Dieser Jesus hat Kranke geheilt und Tote auferweckt. Und hat die angenommen, die am Rande sind. Die hart arbeiten müssen für ihren Lebens­unterhalt und es gar nicht schaffen können, die vielen Gebote zu halten, die die Pharisäer für das tägliche Leben gesammelt haben. Und die, die mehr oder weniger offensichtlich im Widerspruch zu Gottes Willen leben. Prostituierte. Und Betrüger aus dem Finanzbereich.

Und noch mehr: irgendwann um das Jahr 30 kamen dann welche, die sagten, dieser Jesus ist von den Römern hingerichtet worden. Am Kreuz. Als Aufrührer. Weil er gesagt hat, dass er ein König ist. Aber er ist am dritten Tag auferstanden. Und er ist aufgestiegen. Hat seinen Platz eingenommen neben Gott dem Vater. Er ist der Herr aller Herren. Auch über den Kaiser in Rom, der sich als Gott und Herr anreden lässt.

Aber dieser Jesus hält die Menschen nicht klein. Schon mit seinem Kommen hat er alles auf den Kopf gestellt. Die, die unten sind, nimmt er an. Macht sie groß. Die, die wissen, dass sie immer wieder schuldig werden. Schuldig an Gott, weil sie der Versuchung nachgeben und gegen seine Gebote handeln. Mit dem Gedanken, “vielleicht merkt's keiner”. Oder “ein bisschen Spaß muss sein”. Oder “ich kann nicht anders”. Die die Ehe brechen, mit der Tat oder in Gedanken. Unehrlich sind in Geldsachen. Denen die Zunge durchgeht und die Dinge über andere sagen, von denen sie eigentlich wissen, dass es umgekehrt ihnen selbst wehtun würde, wenn das einer mit ihnen täte. Die, die nicht weiter so leben wollen, denen das leidtut, die nimmt Jesus an. Und die, die das alles nicht gerne hören, aber doch das eine zugeben: Dass sie nicht so vollkommen sind in der Liebe zu Gott und zu ihren Mitmenschen wie sie sein sollten. Ja, alle, die umkehren wollen, die mit ihm neu anfangen wollen. Und die am Ende nicht zu den ewigen Verlierern gehören wollen, für immer von Gott getrennt mit dem Wissen, dass es dann keine Chance und keine Hoffnung mehr gibt, das zu ändern. Die zu Christus kommen, weil sie vom „Relegationsplatz“ runter wollen. Die nimmt er an. Die macht er zu Gottes Kindern.

Die aber, die stolz sind, die meinen, sie haben so einen nicht nötig, sie kommen allein zurecht – die macht er klein. Die werden am Ende ganz kleinlaut vor ihm stehen, wenn er sie nach ihrem Leben fragt und sie erkennen müssen: Der hat ein Recht, jeden zur Rechenschaft zu ziehen. Dann werden sie wünschen, sie hätten hingehört und geglaubt, als das zu ihren Lebzeiten gesagt wurde.

Das haben die gehört, die jetzt zur Gemeinde in Rom gehören. Haben Taufunter­richt genommen. Für die Juden unter ihnen hieß das: Das, worauf sie seit Jahr­hunderten gewartet haben, ist eingetreten. Jetzt wissen sie, wie Gott das gemeint hat, als er angekündigt hat, dass aus dem abgehauenen Baumstumpf ein neuer Zweig heraus­ wächst, aus dem Königshaus David. Dass aus dem unbedeutenden Nest Bethlehem der Herr kommen soll. Dass der unsere Krankheit auf sich nimmt und für unsere Ver­ gehen geschlagen und gedemütigt wird. Dass man ihn hinrichten wird wie einen Verbrecher oder einen Aufrührer. Wie einen, der die Leute aufwiegelt gegen den Kaiser.

Und die, die nicht Juden waren, haben gehört, dass sie nun auch dazugehören sollen. Manche haben mit den Schultern gezuckt. Das hat sie nicht vom Hocker gerissen. Anderes war für sie wichtiger und interessanter. Das Leben hier und jetzt. Der Sport. Das Geld. Die Familie. Aber die anderen haben die Ohren aufgesperrt. Sie sind zum Unterricht gekommen. Haben angefangen, am ersten Tag der Woche Zeit zu machen für den Gottesdienst. Haben das alles gelernt; aus der heiligen Schrift. Haben zum ersten Mal erfahren, was dieser kurze Satz bedeutet, der so wichtig ist: “Es steht geschrieben.” Denn das heißt: Der Gott, der da redet, der ist nicht wie die Politiker, die heute sagen, “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!” Der ist auch nicht wie die Götter, die die Römer sich irgendwie wie übergroße Menschen vorstellten; die versuchen, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen, und auf die man sich nie verlassen kann. Nein, der, dessen Wort da geschrieben steht, der ist so gut wie sein Wort.

Deshalb hat er gewollt, dass so viel aufgeschrieben wird aus der Geschichte der Juden mit ihm. Weil wir da sehen: Er tut, was er sagt. Er ist gerecht. Wir können ihm glauben. Und weil kein Mensch fähig ist, sich selbst oder andere aus seiner Situation zu retten, ist er selbst Mensch geworden, ist in seinem Sohn in diese Welt gekommen. Und sagt: “Wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.” Wenn er dir sagt, „Ich nehme dich an so wie du bist und mache dich neu, dann gilt das. Jetzt und ewig.

“Christus hat euch angenommen”, schreibt Paulus ihnen. Ihr seid getauft. Ihr gehört zum Sieger-Team. Nicht, weil ihr so großartige Leistung bringt. Sondern weil Christus der Sieger ist. Weiter aufsteigen kann man gar nicht. Und das gilt für alle in der Gemeinde: Juden, die bisher davon ausgegangen waren, dass sie eben das von Gott ausgewählte Volk sind und niemand sonst. Und die Nichtjuden oder Heiden, die bisher nur eine selbst zusam­mengebastelte Religion kannten, vor allem aber zu diesem einen Gott nicht gehört haben. “Christus hat euch angenommen”: Juden und Heiden. Freie und Sklaven.

Ich weiß nicht, was für die Gemeinde schwieriger zu hören war: Dass die Juden jetzt den Heiden nichts mehr voraus haben. Oder dass die Freien den Sklaven nichts voraus haben. Aber das ist gar nicht das eigentliche Thema hier. Das ist nur eine Erinnerung, weil wir Menschen so vergesslich sind. Weil wir auch in der Kirche oft so denken wie sonst in anderen Bereichen. Als ob es solche gibt, die irgendwie mehr dazugehören als andere. Oder als ob auch in der Gemeinde die mehr zählen, die im Alltag erfolgreich sind, die mehr haben; die es gewohnt sind, Entschei­dungen für andere mit zu treffen.

All das kann hilfreich sein – wenn es in den Dienst des einen Herrn gestellt wird, und damit in den Dienst der Kirche. Und dafür gibt es allen Grund. Denn wer zu ihm gehört, der ist in der höchsten Liga. Und die einzige Abstiegsgefahr ist, wenn wir meinen, es hat irgendwie etwas mit meinem oder deinem Beitrag zu tun, dass wir jetzt in dieser Liga sind. Oder dass wir irgendwann Gottes Barmherzigkeit für selbstverständlich halten; nach dem Motto: Wenn er ein “lieber Gott” ist, muss er doch vergeben.

Dass es aber eben unverdient ist, dass er uns annimmt, das ist natürlich ein großer Unterschied zum Fußball. Mir war schon im Sportunterricht in der Schule klar, warum ich immer ziemlich als letzter in eine Mannschaft gewählt wurde. Es gibt eben Leute, die sind als Zuschauer besser geeignet. Aber Christus kennt keine Zuschauer. Wer in ihn hinein getauft ist, wer damit auf geistliche Weise in seinen Tod am Kreuz hineingenommen worden ist und auf geistliche Weise schon mit ihm auferstanden ist, der hat ein neues Leben. Der gehört zu ihm. Ganz und gar.

Und das ist noch ein Unterschied zum Fußball. Da tragen die Fans eigentlich wenig zum Sieg bei. Sie sind nicht auf dem Platz. Keiner holt sie zur Siegerehrung aufs Podest. Ja, wenn ein Fan im Stadion nicht dabei ist oder den Fernseher nicht einschaltet, läuft das alles genauso ohne ihn ab. Aber wer zu Christus gehört, der ist jeden Tag herausgefordert auf dem Feld zur Abwehr der Versuchung mit viel Gebet für sich selbst, für die jungen Leute in der Gemeinde, für die Nieder­gedrückten, für die, die nicht immer erfolgreich sind. Herausgefordert zum Angriff, wenn es darum geht, Not zu erkennen und etwas dagegen zu tun. Geistliche Not, und ganz menschliche Not. Und er soll täglich im Training bleiben. Lesen, was da geschrieben steht in Gottes Wort. Entscheidungen mit ihm treffen. Und immer wieder einüben, die anderen in der Gemeinde genauso wichtig zu nehmen wie sich selbst. Zusammenzuspielen. Die Trompeten mit den Posaunen und den Hörnern (und der Tuba). Die Gemeinde mit der Orgel. Die Alten und die Jungen. Die neu Dazugekommenen und die, die schon als Kleinkinder hier auf der Bank gesessen haben.

Aber eben so, dass sich für keinen sein Christenleben auf die Bank beschränkt. Sondern so, dass er sich hier vorne immer wieder Vergebung holt. Sich den Segen auflegen lässt, der ihn immer neu verbindet mit den Brüdern und Schwestern in der Kirche. Und dann auch außerhalb des Gottesdienstes dazu steht: Ich bin Christ. Da gehöre ich hin. Und Sonntagmorgens habe ich da einen Termin. Fußballfans tun's auch. Haben wir nicht viel mehr Grund dazu? Hier ist unser Leben!

Und noch etwas Großartiges: Hier hoffenwir nicht auf “gut Glück”. Die Hoffnung, von der Paulus hier schreibt, heißt so, weil sie etwas ist, das man noch nicht sieht. Aber nicht, weil es nicht gewiss ist. Nicht wie bei der Eintracht Braunschweig, die nicht wissen kann, wie gut ihre nächsten Gegner spielen werden und wie fair der Schieds­richter entscheiden wird. Sondern eher wie bei einem jungen Spieler, der einen Brief bekommen hat, dass er zum besten Nachwuchsspieler gewählt worden ist. Und dass er demnächst bei der Siegerehrung dabei sein wird. Der kann sich darauf verlassen, der kann das auch schon weitersagen und sich schon richtig freuen, auch wenn er die Medaille noch nicht um den Hals hängen hat.

“Der Gott derHoffnungaber erfülle euch mit allerFreudeund Friedenim Glauben”, schreibt Paulus, “dass ihr immer reicher werdet an Hoffnungdurch die Kraft des heiligen Geistes.” Mit Christus seid ihr “unabsteigbar”, heißt das. Das hat der entschieden, der der unparteiische und gerechte Richter ist. Das ist unser Trost. Daran wollen wir in Eintracht und Hoffnung festhalten. Und es weitersagen. Amen.

  1. Sonntag im Advent, Hauptgottesdienst (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.