Ansprache vom 31.12.2018, Altjahrsabend


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Create Date31. Dezember 2018
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Begrüßung                               „Anfang und Ende“

Herzlich willkommen zu unserem musikalisch-geistlichen. Wir sind ja eigentlich alle in derselben Situation. Wir befinden uns “zwischen den Jahren”. Das stimmt zwar nicht vom Kalender her, aber es trifft doch sehr das Gefühl dieser Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr; wo das alte Jahr irgendwie weitgehend “gelaufen” ist und das neue noch nicht angefangen hat. Genau wie Martin Luther es in seinem Weihnachtslied “Vom Himmel hoch” in der letzten Strophe sagt:

“Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, / der uns schenkt seinen ein'gen Sohn. / Des freuen sich der Engel Schar' / und singen uns solch neues Jahr.”

Gottes Eingreifen, sein Kommen in die Welt zeigt, dass etwas neu werden muss. Und damit wird das, was war, alt. Und es muss zurückbleiben. Einen solchen Neu­ anfang hat Gott durch seine Boten in der Nacht in Bethlehem angekündigt, und hat dazu einen ganzen Chor geschickt. Was der zu singen und zu sagen hatte, war mehr als eine Information, eine Nachricht. Es ist eine Botschaft, die alle Menschen existentiell betrifft.

Solche Botschaften wurden in Europa jahrhundertelang von Fanfaren angekündigt. Nicht immer waren sie angenehm, aber das betraf alle und hören musste man es. Hörenwollen wir heute auch – uns eine gute Stunde der Stille nehmen nach dem, was dieses Jahr gewesen ist; und uns von Gott sagen lassen, wie das neue Jahr tatsächlich “neu” werden kann, wie wir es mit ihm neu anfangen können.

Das erste Stück, das wir gehört haben, ist so ein Fanfarenstück. Giuseppe Verdi hat die Oper Aïda komponiert, uraufgeführt wurde sie in Kairo Heiligabend 1871, kurz nach der Eröffnung des Suezkanals. Dafür hat er eigens Fanfarentrompeten bauen lassen, etwa 1,5 m lang und gestimmt in C, H, B, und As. Übrigens mit einer interessanten Vorgabe: In alten griechischen Texten heißt es, ägyptische Fanfaren klingen wie das Schreien eines Esels – so sollte der Instrumentenbauer sie bauen. Das war etwas Neues, das etwas ganz Altes aufnahm. Und das im Kontext einer gewaltigen technischen Leistung – dem Bau des Kanals mit der Erwartung, dass der einen großen wirtschaftlichen Erfolg bringt.

Gewaltige Leistungen an Technik, an Kraft und Einsatz, das kennzeichnet für viele von uns das vergangene Jahr, ja, für die Landwirtschaft die letzten zweiJahre. 2017 war extrem nass, bis zum Frühjahr dieses Jahr standen noch Flächen unter Wasser. Und 2018 war so trocken, dass wir jetzt nur hoffen, dass sich der Grund­ wasserspiegel allmählich wieder auffüllt. Zwei Jahre, die für manche Landwirte wirtschaftlich so schwierig waren, dass sie jetzt nur hoffen können, dass die Bedingungen der Natur und damit auch die wirtschaftlichen 2019 besser werden.

Genau dazu haben wir ein Bild vorn auf dem Programmheft. Damit setzt der Künstler die Weissagung aus dem Jesajabuch um, dass ein Trieb, ein Reis aus einer abge­ hauenen Wurzel neu austreibt. (Aus diesem Reis ist dann in der Dichtung “ein Ros'” geworden.) Eine ganz alte Weissagung geht in Erfüllung und bringt etwas ganz Neues, aus dem, was wie tot war, wächst neues Leben. Das ist die entscheidende Hilfe für uns, wie wir es anschließend gemeinsam singen wollen. Weil Gott diese Welt nicht sich selbst überlassen hat. Weil er eingegriffen hat und selbst gekommen ist. Ja, er ist Mensch geworden, damit wir neu werden.

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Besinnung:                              „Untrennbar“

Dass etwas Neues kommen musste, das hat mit einer Trennung zu tun. Man kann auch sagen, mit einer Entfremdung. Das ist fast wie bei einer Entwicklung, die wir gerade dieses Jahr in unserer Gesellschaft vermehrt erlebt haben: dass sich gesellschaftliche Gruppen auseinanderleben. Viele finden sich mit ihrer Sicht von traditionellen Werten, auch von christlichen Werten, oder von Ehe und Familie kaum noch wieder in dem, was von den Politikern oder den großen Medien kommt. Andere sind sehr für Veränderungen in solchen Bereichen, aber finden sich in den veränderten Umgangsformen nicht mehr wieder. “Untrennbar”, dieses eine Wort, zu sehen auf einer Demonstration in Chemnitz, das war da wie ein Gegen-Signal.

Eine viel größere Entfremdung stellt Gott bei uns fest. Und das betrifft auch unser Leben in diesem Jahr, das nun zu Ende geht. Wenn der Bundespräsident sagt, wir müssen mehr miteinander reden, auch mit solchen, die anders denken als wir, dann gehört dazu auch das Aufeinanderhören. Genau da aber liegt das Problem zwischen uns und Gott. Wenn er redet, hören wir gerne weg. Wenn er uns in seinen Geboten sagt, was wir nicht tun sollen, dann filtern wir das oft gekonnt aus. Und wenn er sagt, was wir tun sollen, uneigennützig, für den anderen, für die Gerechtigkeit, in Liebe – dann klicken wir schnell weiter zum nächsten Titel. Wir mögen das Gefühl haben, dass Gott uns fremd geworden ist in unserer technischen Welt im 21. Jahrhundert, in unserer Gesellschaft, die so gern selbst­ bestimmt sein will. Gottes Wort aber sagt es andersherum: Wir sind ihm fremd geworden. Weil wir fremdgegangen sind. Wir haben diese Welt lieber gewonnen als ihn. Und wir haben uns selbst am liebsten. Das ist es, was Gottes Wort mit “Sünde” oder “Verfehlung” meint. Wir verfehlen unsere Bestimmung.

Aber Gott will nicht, dass diese Entfremdung so bleibt. Er will nicht, dass uns das von ihm trennt. Deshalb ist er in diese Welt gekommen. Er ist Mensch geworden. Ein kleines Kind, das aber vom ersten Tag auf dem Weg nach Golgatha ist, ans Kreuz. Das unsere Verfehlung auf sich nimmt. In ihm kommt uns der fremde Gott nahe. Das wir in ihm den liebenden Gott erkennen. Wer den hat, wer auch nur den Versuch macht, in dieser Zeit mit den Hirten und den anderen mitzulaufen, um ihn zu finden, für den gilt das, was in der Epistellesung zum Altjahrsabend geschrieben ist im Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom im 8. Kapitel (V. 31-39):

Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

“Suche Frieden und jage ihm nach”, heißt es in der Jahreslosung für 2019. Gott hat seinen Sohn für uns hergegeben. Durch ihn hat er Frieden zwischen uns und ihm gemacht. Und so kann auch Frieden zwischen uns werden. Da, wo Streit gewesen ist in einer Nachbar­schaft, einer Familie, zwischen Ehepartnern, unter Arbeits­ kollegen. Suche Frieden bei ihm. Bitte ihn an diesem Abend darum und gib ihm das, was dich verletzt hat, und was dir Angst macht. Und jage diesem Frieden nach: Bitte ihn um die Kraft, die Gelegenheit, die Worte und, am wichtigsten, die Liebe, Frieden zu machen, so weit es an dir ist.

Dazu hast du von ihm etwas, das mehr ist als eine Hoffnung, eine Forderung, ein Signal wie das Wort “untrennbar”. Am Anfang, nach der gewaltigen Naturkata­strophe der großen Flut, hat Gott den Regenbogen in die Wolken gesetzt. Der verbindet Himmel und Erde, da wird aus dem Wasser des Regens und dem Licht der Sonne ein Zeichen, an das er sein Versprechen geknüpft hat: Es wird weiter­ gehen, solange diese Welt besteht. Solange wird es Saat und Ernte geben, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Solange wird er uns ver­ sorgen mit Arbeit und Brot. Er gebe uns dazu im neuen Jahr, wenn er will, in seiner großen Liebe von allem das rechte Maß. Und gebe uns dazu auch neues Vertrauen auf ihn. Dann sind wir untrennbar von ihm.

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Besinnung:                                       „Wachsam“

Wir haben in der Lesung aus dem Römerbrief eine wunderbare Zusage gehört: dass uns nichts und niemand von der Liebe Gottes trennen kann. Es gibt kaum eine größere Zusage in der Heiligen Schrift, in der Welt.

Aber wir machen sie klein, wenn wir sie hören wie ein Teil von einem Märchen. Bevor ich das erkläre, will ich ein Beispiel geben: Wenn wir die Weihnachtsbot­schaft hören als Teil eines wunderschönen Märchens von einem jungen Paar, einem kleinen Baby, und alles in einem Rahmen voller romantischer Stimmung mit Schnee und Glocken und Rentieren und einem Mann mit dickem Bauch und langem weißen Bart – dann machen wir die Weih­nachtsbotschaft klein. Dann bleibt von Weihnachten nur etwas, das manche etwas unbe­holfen und ziemlich unbe­stimmt als “Fest der Liebe” bezeichnen.

So ist das auch mit der Zusage, dass nichts und niemand uns von der Liebe Gottes trennen kann. Wenn wir sie hören als Teil einer Geschichte von dem sogenannten “lieben Gott”, dann machen wir sie ganz klein. Dann bleibt davon nicht viel mehr übrig als dass Gott es eigentlich gut mit uns meint, auch wenn es leider oft anders kommt. Dann ist der Schritt ins Jahr 2019 hinein ein großes Risiko, auch wenn wir keine Wahl haben und die Uhrzeiger in den nächsten Stunden einfach weiterlaufen.

Die Heilige Schrift redet von Gott als dem Heiligen. Dem Allmächtigen. Dem, der anders ist als wir Menschen. Der über uns ist. Die Menschen, die mit dem lebendigen Gott zu tun bekommen, erschrecken vor ihm. Wie Mose am Dornbusch in der Wüste. Und die Hirten in der Nacht bei Bethlehem – nicht umsonst sind die ersten Worte des Engels an sie: “Fürchtet euch nicht!” Und erst dann: “Siehe, ich verkündige euch große Freude.”

Einen Gott, dessen Liebe einfach grenzenlos ist wie “Gras und Ufer”, die “immer und überall” da ist, der für alle unsere Fehler Verständnis hat und alles vergibt, der ist wie ein alter Großvater in früheren Zeiten, bevor es Hör- und Sehhilfen gab; der nicht mehr gut hört und nicht mehr gut sieht, den die Jungen aus dem Dorf aufziehen, und der gutmütig murmelt: “Lat 'em man moken”. Vor so einem fürchtet sich niemand.

Und so fürchtet unsere Gesellschaft inzwischen längst nicht mehr Gott. Sie fürchtet den Dieselskandal, die Entschädigungsforderungen, den Wertverlust, die Fahrver­bote; sie fürchtet die Klimaveränderung und sie sucht besondere Personen, die davor warnen wie die fünfzehnjährige Schwedin Greta Thunberg, die zur Weltklima­konferenz nach Kattowitz in Polen gereist ist, und den deutschen Astronauten Alexander Gerst in seiner fünf­minütigen Botschaft vor seiner Rückkehr zur Erde.

Wie aber viele von uns es gelernt? „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Ob wir es wollen oder nicht: Wir haben es am Ende dieses Jahres mit ihm zu tun, und werden im neuen Jahr mit ihm zu tun haben. Und wir tun gut daran, zu bedenken, dass jeder Tag 2019 für uns der letzte hier sein kann. “Seid wach­sam” ist deshalb die Botschaft am Kirchenjahresende, und sie gehört auch zum Ende eines Kalenderjahres. Ja, wir sind verantwortlich für unser Leben, und wir müssen ihm dafür Rede und Antwort stehen – dem heiligen, gerechten Gott, mit dem niemand verhandeln kann. Wer ihn ignoriert, dem wird er wie ein ganz fremder Gott begegnen, nicht voller Liebe, sondern voller Zorn. Wer sich aber von ihm rufen lässt, wer zu ihm umkehrt, wer eingesteht, dass er ihm nun wirklich keine nachhaltige Liebe vorweisen kann, sondern im Gegenteil sehr viel Altlast, der findet ihn in seiner Liebe. Durch Christus, seinen Sohn, in dessen Namen wir dieses Jahr beschließen und das neue beginnen. Was der für uns auf sich genommen hat, um Gottes Zorn zu überwinden, das hören wir jetzt mit den Strophen des Chorals „Jesu, meine Freude.“

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Jahresrückblick                                                                 „Unendlich geliebt“

“Jahresrückblick” steht über dieser letzten Kurzbesinnung. Ich möchte nur zwei Aspekte herausgreifen. Es hat auch dieses Jahr furchtbare Ereignisse gegeben: Terroranschläge, vom Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin mit einem LKW noch im Vorjahr bis zum Anschlag in Straßburg jetzt im Dezember. Es hat Natur­katastrophen gegeben, nicht zuletzt das Seebeben in den Philippinen, das wieder viele Menschenleben gekostet hat. Der Theologe Klaus Berger sagt, bei Kata­strophen – seien es die persönlichen, die gesell­schaftlichen oder die weltweiten –, bei Katastrophen von Gericht Gottes zu reden, das gebührt nur den Propheten und den Dichtern. Die Dichter können sich's ausdenken, das lassen wir hier beiseite. Die Propheten sind Warner. Sie warnen uns wie Jesus selbst es getan hat: Keiner von uns kann sagen, wir hätten so etwas weniger verdient als die, die es getroffen hat. Aber wir haben einen Gott, dem diese katastrophale Welt nicht egal ist. Der in sie hineingekommen ist. Der wenige Tage nach seiner Geburt Asyl im Ausland suchen musste mit seiner Mutter und ihrem Mann. Und dreißig Jahre später Opfer einer kata­strophalen religiösen und politischen Rechtssprechung geworden ist. Wir haben einen Gott, der mit leidet mit dem, was uns passiert. Unendliche Liebe – darin zeigt sie sich.

Das zweite ist die Aktion zur Rettung der Fußballmannschaft in Thailand aus der Höhle, in der sie zweieinhalb Wochen lang eingeschlossen waren. Sie konnten sich selbst unmöglich retten. Sie konnten auch mit der Außenwelt keinen Kontakt auf­ nehmen. Aus dem In- und Ausland sind Marinetaucher angereist. Einer von ihnen hat sein Leben gelassen. Aber das, was viele gehofft, aber viele auch für kaum möglich gehalten haben, ist geschehen: Die Jungen sind alle gerettet worden.

Wie oft hat Gott im vergangenen Jahr seine Engel geschickt, um dich und mich vor Gefahr zu bewahren? Wer von uns kann das sagen? Aber eins wissen wir: Er hat seinen Sohn geschickt, um uns aus der Sündenhöhle herauszuholen, aus der wir uns selbst nicht befreien konnten. Sein Sohn hat dafür sein Leben gelassen. Um seinetwillen dürfen wir alles Alte aus diesem Jahr hinter uns zurücklassen – alles Scheitern, alle Schuld, alle Fehlentscheidungen, alles Verhalten und jedes Wort, das nicht gut war. Und im neuen Jahr jeden Morgen sagen: “one more try”; ein neuer Versuch, nach seinem Willen zu leben. Nicht, als ob er uns “vertraut” oder als ob es davon abhängt,dass wir uns vor ihm bewähren. Sondern so, dass jeden Morgen seine Gnade neu ist, dass wir daraus Lebensfreude und Lebenskraft schöpfen, und unser Bestes tun. Gut genug wird's nicht sein. Aber was daran fehlt, das füllt Christus auf für den, der mit ihm geht. Und jeder Tag ist einer mehr mit ihm, ein Tag umgeben von seiner Liebe zu uns in seinem Sohn Jesus Christus, ein Tag zum Weiter­wachsen im Glauben. Und ein Tag näher dran an dem herrlichen Ziel, auf das wir zugehen. Wo einmal alles Alte hinter uns sein und alles neu sein wird.

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(Daniel Schmidt, P.)