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Predigt vom 15.12.2019 (Lukas 3,1-14)

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jes. 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiß gemacht, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und laßt euch genügen an eurem Sold!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, liebe Gemeinde,

Nein, es war nicht so geplant, als die Bundeskanzlerin Ende November letztes Jahr zur G-20-Konferenz in Buenos Aires aufbrach. Der Bundesregierung lag daran, dass sie daran teilnahm, und die Regierungsmaschine mit dem Schlaf- und Arbeits­zimmer an Bord sollte es wie immer möglich machen, dass sie “ermüdungsarm” reist, wie es heißt. Das lief ja auch bis zum Abflug glatt. Aber dann gab es techni­sche Probleme, sie musste in Madrid in ein spanisches Linienflugzeug umsteigen und als normaler Passagier weiterfliegen.

Was für das eigene Regierungsoberhaupt gilt, das gilt auch für ausländische Staatsgäste: es soll für sie keine Hinternisse auf dem Weg geben. Auf der Zufahrt zum Schloss Bellevue gibt es keine Schlaglöcher, und wenn der Bundespräsident dort einen Würdenträger empfängt, wird dafür gesorgt, dass es auch nicht gerade eine Tagesbaustelle gibt.

Dass eine wichtige Persönlichkeit möglichst gut reisen soll, das galt schon in Persien mit seinen gut ausgebauten Fernstraßen zur Zeit des Alten Testaments. Was der Täufer Johannes um das Jahr 27 oder 28 unserer Zeitrechnung predigt, war also leicht zu verstehen. Und noch zwei Dinge sind deutlich: Ob die Straße frei ist, ob der Weg vorbereitet ist, das zeigt allen, ob der, der da kommt, willkommen ist. Und: Johannes predigte am Jordanufer in der Wüste. Da gab es keine solche Straße. Man würde sie also erst bauen müssen. Auch wenn Johannes nicht von einem Straßenbau mit Schotter und Steinen sprach, man konnte also ahnen, dass jeder von ihnen mit diesem Aufruf mit gemeint war. Und zwar doppelt: als geistliche Straßenbauer, und als die, die diesen Herrn dann sehen, wenn er kommt. Denn das ist das Thema der Predigt von Johannes, das ist es, warum er jeden Tag das gleiche predigt; denen, die schon länger da sind, und jeder neuen Gruppe, die ankommt: “Alle Menschen sollen den Heiland Gottes sehen.” Die Jünger des Johannes wissen's längst auswendig, und sind selbst von diesem Ziel ergriffen.

Das aber, was er sagt, passt nicht allen. Zwar geht er gar nicht dahin, wo die Menschen leben und arbeiten; nach Galiläa und Judäa, nach Kapernaum und Jerusalem. Aber sie kommen zu ihm. In diese einsame Landschaft. Dort aber, weit weg von der Zivilisation, haben die Politiker kaum Einfluss. Sie müssen selbst ihre Leute losschicken, um festzustellen, was da eigentlich los ist.

Ja, was ist da los? Ganz naheliegend ist etwas, auf das wir, wenn wir die Evangelien kennen, vielleicht nicht als erstes kommen. Nämlich, dass Johannes ein religiöser Spinner ist. Gar nicht im abwertenden Sinne. Einfach einer, der sich seinen Auftrag zusammengesponnen hat. Selbsternannte Unheilspropheten gibt es zu allen Zeiten. Heute stehen sie in der Fußgängerzone oder schieben im Internet den Zeiger der Weltuntergangsuhr auf die 12 zu (siehe z.B. www.weltuntergang.com). Hat Johannes sich also selbst gesandt? Lebt er schon so lange in der Wüste, muss er schon so lange ohne die Gesellschaft auskommen, selbst was seine Kleidung angeht und sein Essen, dass er da gar nicht mehr reinpasst -- wie ein Aussteiger, ein konsequenter Alternativer, so dass er die anderen nur noch kritisieren kann?

Nein, sagt Lukas, und stellt einen Vorspann vor den Bericht von der Wüstenpredigt, der genauso lang ist wie ihr Inhalt:

“Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene,“ –

das können die Leser des Lukasevangeliums alles einzuordnen: konkrete Namen, Politiker, die man kennt, und die uns zum Teil drei Jahre später wieder begegnen, als Jesus der Prozess gemacht wird: so wird in der heiligen Schrift die Berufung eines Propheten berichtet, und so verankert sie das Heilshandeln Gottes an konkreten Orten und konkreten Zeiten –,

„[und] als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren“:

es gab also solche, die für Gottes Volk geistlich zuständig waren, die erkennen mussten, dass sie alle in Gefahr sind, wenn sie so weitermachen wie bisher, dass zur Umkehr gerufen werden muss; und wenn sie's nicht selbst erkannt hätten, hätten sie es doch aus den Propheten lesen und predigen müssen. Aber sie taten es offenbar nicht, und deshalb ↓

„... geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.“

Nein, Johannes ist kein religiöser Spinner. Er ist ein Prophet, gesandt von dem Dreieinigen Gott. So wie Jesus es später denen sagt, die zu ihm kommen und ihn nach Johannes fragen und er sagt, „Wenn ihr's hören wollt: Er ist der, der kommen sollte, der mir den Weg bereitet, der größte aller Propheten, denn er steht an der Schwelle zum ganz Neuen, das kommt. Und er sieht den Herrn nicht nur von weitem, wie der heidnische Prophet Bileam vor langer Zeit, als Gottes Volk nach Kanaan einzog. Er sieht ihn mit seinen eigenen Augen. Denn Gott der Herr ist Mensch geworden. Kurze Zeit später wird er sich einreihen unter die Menschen am Jordan, die bereit sind zur Umkehr. Das wird der Anfang sein. Und dann sollen „alle Menschen den Heiland Gottes sehen.“

Die Vorbereitung dazu geschah am Jordan mit einer Bußtaufe. Das ist nicht die christliche Taufe, mit der wir in den Tod und die Auferstehung Christi hineingetauft werden. Aber bei den Juden gab es zu der Zeit ein Wasserbad, durch das man wieder rein werden sollte, wenn man unrein geworden war. Nicht unbedingt im Sinne von „dreckig“ am Körper, sondern wenn man etwas berührt oder getan hatte, das den Menschen un-heilig macht. Und es gab ein Wasserbad für solche, die sich dem jüdischen Glauben anschließen sollten. Das kam aus dem gleichen Gedanken, zunächst ganz äußerlich: Wer nicht Jude war, hatte ja bisher Dinge gegessen, die nach den Vorschriften im Alten Testament als unrein galten, er musste also rein werden für einen Neuanfang.

Wenn heute Politiker ein neues Amt antreten, dann holt sie oft etwas ein, wo sie in der Vergangenheit nicht sauber gehandelt haben. Saskia Esken wurde an die SPD-Spitze gewählt, und vorgestern kam die Meldung, dass sie vor acht Jahren in eine Kündigungsaffäre im Landes­ elternbeirat von Baden-Württemberg verwickelt gewesen sein soll. Mancher Politiker versucht vorher, reinen Tisch zu machen, indem er selbst an die Öffentlichkeit geht, aber finanzielle Mauscheleien oder unrechtmäßige Bespitzelung kann er damit nicht auslöschen.

Dass man allerdings dort etwas in Ordnung bringen sollte, wo es möglich ist, dafür hat Jürgen Klopp letzte Woche ein Beispiel gegeben, der langjährige deutsche Fußball­trainer, jetzt Cheftrainer beim FC Liverpool in England. Der hatte sich Anfang Dezember bei einer Pressekonferenz über den Übersetzer geärgert und ihn beschimpft. Zwei Tage später saß derselbe Übersetzer wieder neben ihm. Und bevor Jürgen Klopp über Fußball redete, sagte er: „Ich möchte mich erst nochmal entschuldigen.  Ich weiß, so etwas ist absolut Sch.“ [ihr wisst schon], „weil es in der Öffentlichkeit stattfindet – das war komplett Blödsinn.  Ich mochte das nicht, wie es übersetzt wurde, aber die Art und Weise wie ich es dann angesprochen habe, muss besser laufen. Entschuldigung."

Mich bewegen bei der Filmaufnahme zwei Dinge. Da sieht man zum einen, dass ihm das nicht leichtfällt. Aber als er bei den ersten Worten den Arm rüberstreckt zu seinem Übersetzer, legt der ihm sofort die Hand auf den Oberarm. Der ist schon bereit, die Entschuldigung anzunehmen, als sie noch gar nicht ganz raus ist. Zum andern sagt Klopp, „das muss besser laufen“. So kritisiert ein Trainer seine Spieler nach einem verlorenen Spiel und guckt doch zugleich nach vorn. Da bezieht er das auf sich selbst. Und macht's dann noch mehr öffentlich, indem er es auf Englisch zusam­menfasst: Sorry. Ich war ein Idiot. Da lachen beide, und man merkt, das war befreiend, und so können sie in Zukunft neu miteinander arbeiten.

So ähnlich sehen wir es hier bei Johannes. Die Leute kommen zu ihm und fragen ihn, und er sagt, was besser laufen muss. Natürlich heißt das, dass manches in der Vergangenheit verkehrt gelaufen ist. Aber er hält ihnen keine Strafpredigt. Vollständig aufzählen können wir das sowieso nicht. Und bei Gottes Vergebung geht es um das Freiwerden davon und einen Neuanfang. Wer das erlebt, der sagt sich selber: Das und das muss besser werden. Und damit geht der Blick nach vorn.

Wenn wir mal überlegen, wo wir in den Evangelien von Menschen lesen, die offenbar ein verkehrtes Leben führen, dann sehen wir, dass Jesus immer wieder gerade so mit ihnen umgeht: mit der Frau am Jakobsbrunnen, die offenbar lauter unverbindliche Männerbezie­hungen gehabt hat, der er's selber überlässt, dass sie sieht, was sich ändern muss. Genauso macht er's mit Zachäus, dem korrupten Zolleintreiber. Der Frau, die beim Ehebruch erwischt worden ist, vergibt er und sagt dann: Mach nicht weiter so, das heißt, sieh hin, was sich bei dir wie ändern muss. Und Petrus, der dreimal gelogen und gesagt hat, er gehört nicht zu diesem Jesus. fragt er er einfach dreimal, „Hast du mich lieb?“, und Petrus merkt selbst, warum.

„Hast du mich lieb?“ – um diese Frage geht es. Wenn wir ihn liebhaben, dann werden wir selbst fragen, wie wir uns in der Schule verhalten sollen, wie wir unseren Beruf ausüben sollen und unsere ehrenamtlichen Aufgaben. Hier sind's die Soldaten, die so fragen – jüdische Soldaten wahrscheinlich, vielleicht auch germanische Zöllner, die es im ersten Jahrhundert dort gab – und die Zolleinnehmer. Beides Berufsgruppen, in denen selbst von oben Machtmissbrauch gang und gäbe war zur eigenen Bereicherung oder zur Festigung der eigenen Position. Aber Johannes sagt nicht: Gebt euern Beruf auf. Sondern er sagt ihnen, sie sollen niemandem etwas mit Gewalt oder Unrecht nehmen. Sicher gibt es „Berufe“ wie das Drogen­dealen oder professionelle Schlägertrupps, aber im allgemeinen gilt: Nicht der Beruf verdirbt den Menschen, sondern der gottlose Mensch verdirbt den Beruf. Gerade deshalb braucht es "göttliche" Menschen in jedem Beruf.

Dass aber Johannes hier auf die Fragen dieser Menschen eingeht, zeigt uns: Sie haben den Weg auf sich genommen, sie haben gefragt, wie sie nach Gottes Willen leben sollen. Für einen Landwirt, einen Handwerker, einen Verwaltungsmenschen, eine Hausfrau oder Geschäftsfrau wäre die Antwort des Johannes anders aus­ gefallen. Aber sie hören alle die Warnung, dass die Axt schon beim Baum an der Wurzel liegt. Und wir sollten nicht sagen, jetzt liegt sie schon so lange da, Gott schlägt ja offenbar nicht zu. Nein, Gott hat jetzt noch Geduld, dass wir seinen Ruf hören. Aber keiner von uns weiß, wann sein „Lebensbaum“ gefällt wird.

Wer sich aber seine Stelle im Leben ansieht und so fragt, wie die Predigthörer des Johannes, der erhält eine Antwort aus Gottes Wort. Der erfährt, dass Gott schon längst bereit ist zu vergeben. Und daraus soll dann nach Gottes Willen bei uns das Tun wachsen. Zum Bekennt­nis dessen, was verkehrt war, gehört das Bekenntnis mit der Tat, dass es besser werden soll. Wo Gottes Wort so an uns arbeitet, da bereitet er sich den Weg in unser Herz. Da ist er schon am Einziehen bei uns und wir bekommen ihn zu sehen: Gottes Sohn, der Mensch geworden ist, damit wir Gottes Kinder werden. Amen.

  1. Sonntag im Advent (Predigtreihe II neu / III alt)

Daniel Schmidt, P.