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Create Date30. Mai 2019
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Predigt vom 30.5.2019, Christi Himmelfahrt

(zu dem Choral “Jesus Christus herrscht als König”, ELKG 96, und Lukas 24, 44-53)

 

(Anstelle des Glorias wurden am Beginn des Gottesdienstes die folgenden Strophen gesungen:

1          Jesus Christus herrscht als König, / alles wird ihm untertänig, / alles legt ihm Gott zu Fuß. / Aller Zungen soll bekennen, /Jesus sei der Herr zu nennen, / dem man Ehre geben muss.

2          Fürstentümer und Gewalten, / Mächte, die die Thronwacht halten / geben ihm die Herrlichkeit; / alle Herrschaft dort im Himmel, / hier im irdischen Getümmel / ist zu seinem Dienst bereit.

3          Gott der Herr, der Herr ist Einer, / und demselben gleichet keiner, / nur der Sohn, der ist ihm gleich; / dessen Stuhl ist unumstößlich, / dessen Leben unauflöslich, / dessen Reich ein ewig Reich.

4          Gleicher Macht und gleicher Ehren / sitzt er unter lichten Chören / über allen Cherubim; / in der Welt und Himmel Enden / hat er alles in den Händen, / denn der Vater gab es ihm.)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Gottes Sohn nimmt den Thron ein als König. Darum geht es an diesem Feiertag. “König”, das klingt nach etwas von früher. Obwohl es in Europa auch heute Könige gibt. Aktuell sind das 5, dazu kommen 2 Königinnen, außerdem einige, die statt­ dessen den Titel “Prinz” oder “Großherzog” führen. Aber die haben nicht mehr viel zu sagen. Sie sind für feierliche Auftritte da, damit kommen sie dann auch mal wieder in die Zeitung, und entsprechend großzügig ist das Budget, das ihnen die Parlamente zugestehen. Aber beim Geld sieht man's schon: Die eigentlichen Entscheidungen treffen auch in Norwegen, Dänemark, Spanien oder im Vereinigten Königreich die gewählten Volksvertreter. Wir haben eine Volksherrschaft.

Und das heißt, wer über uns etwas zu sagen haben will, muss dafür sorgen, dass eine Mehrheit sich für ihn entscheidet. Ja, das gilt auch nach der Europawahl letzten Sonntag, etwa wenn es um einen Nachfolger für Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker geht. Der braucht sogar eine doppelte Mehrheit: Vom Europäischen Rat und vom Europäischen Parlament. Seit kurzem wird da jetzt auch Mark Rutte als Kandidat genannt, der Regierungschef der Niederlande. Wenn der allerdings  gewählt würde, wenn eine Mehrheit sagen würde, dass er an die Spitze gesetzt werden soll in Brüssel, dann müsste er alle Macht in den Nieder­ landen abgeben und das könnte die Regierung dortin eine Krise stürzen.

Ich weiß, liebe Gemeinde, warum ich nicht Politiker geworden bin. Und norma­ lerweise mache ich auch nicht zu Beginn der Predigt ein so vollgestopftes Paket auf. Aber nun haben wir's gesungen, dass Jesus Christus als König herrscht, und damit stellen sich drei Fragen:

  1. Wie ist das denn bei ihm mit den Mehrheiten? Was, wenn die Mehrheit sich nicht für ihn entscheidet? Wenn viele vielleicht von ihm nur seinen Namen wissen, aber weiter nichts?
  2. Was ist denn nun sein Regierungsauftrag? Oder andersherum: Wird der auch immer neu definiert wie bei uns, wo es sich ständig ändern kann, ob nun Klima­ schutz wichtiger ist oder eine Regelung der Flüchtlingssituation oder die Familie?
  3. Und drittens: Wenn Jesus Christus in den Himmel gegangen ist, um dort die Macht zu bekommen, ist er dann hier nicht weg? Bleiben wir dann nicht in einer Krise zurück?

Kommen wir zum ersten. Zu den Mehrheiten. Kandidaten, die man nicht kennt, von denen man nichts weiß, haben ja in unserem Gesellschaftssysstem heute kaum eine Chance. Wir haben zwar gerade in dem Lied Mehrheiten besungen – “Fürstentümer und Gewalten … geben ihm die Herrlichkeit”. Aber das kann doch nur von den geistlichen Mächten gemeint sein, von denen, die ihm im Himmel dienen, von den “Mächten, die die Thronwacht halten”, von denen, die dort Herrschaft haben, also vielleicht von den Engelfürsten, von denen wir im Buch der Offenbarung des Johannes lesen. Und die Herrschaft hier im irdischen Getümmel, das kann wohl auch nur geistlich gemeint sein, velleicht eben von den Engeln, die von Gott hier in der Welt ihren Auftrag haben, aber nicht eigentlich von mensch­ lichen Mehrheiten. Die sind uns nicht versprochen. Im Gegenteil, dass Menschen sich von Gott abwenden, das wird zum Ende der Zeit zunehmen. Und zumindest hier in Europa wissen ja viele tatsächlich kaum noch etwas von Gottes Sohn; vielleicht noch seinen Namen, aber was er getan hat und was er heute tut – wenn man danach fragt, würden viele wohl so herumraten wie die meisten von uns bei dem Namen “Mark Rutte”.

Und noch mehr – wir, die wir ihn kennen, die wir uns nach ihm nennen, die also sozusagen zu seiner “Partei” gehören: Gibt's bei uns nicht auch immer wieder so etwas wie ein Misstrauensvotum gegen ihn? Wenn er nicht das tut, was wir erwarten, oder wenn uns manches ganz einfach nicht passt, was er uns in seiner Regierungsgewalt sagt?

Aber, liebe Gemeinde, das ist eben die Botschaft des Himmelfahrtstages: Jesus Christus ist eingesetzt in alle Macht. Das hängt von keiner menschlichen Mehrheit ab. Weder damals am Himmelfahrtstag, als sowieso nur 11 anwesend waren, die hätten abstimmen können, noch heute. Denn die entscheidende Mehrheit ist eine doppelte, und die hat er: Das ist die Mehrheit des Vaters und des heiligen Geistes. Und es gibt nun doch eine Öffentlichkeit, die ihn kennt und die weiß, dass Jesus Christus seinen einen, ernsthaften Gegner mundtot gemacht hat, dass er ihn als Volksverhetzer und Betrüger bloßgestellt hat, und alle seine Versprechen damit als Lügen. Und die glaubt, dass wir seine Regierung brauchen, damit wir überhaupt eine Zukunft haben. Das ist die große Zahl der Christen, die seinen Namen bekennen seit dem Anfang der Kirche und in jedem Gottesdienst.

Ja, Gott sei Dank, dass es darüber keine Verhandlungen, keine Ungewissheit gibt. Gott sei Dank, dass Jesus Christus für uns seine Regierungsgewalt ausübt, Tag für Tag. Davon singen wir jetzt mit den Strophen 5 und 6:

5          Nur in ihm, o Wundergaben, / können wir Erlösung haben, / die Erlösung durch sein Blut. / Hört's: das Leben ist erschienen, / und ein ewiges Versühnen / kommt in Jesus uns zugut.

6          Jesus Christus ist der Eine, / der gegründet die Gemeine, / die ihn ehrt als teures Haupt. / Er hat sie mit Blut erkaufet, / mit dem Geiste sie getaufet, / und sie lebet, weil sie glaubt.

Damit kommen wir zur zweiten Frage, dem Auftrag unseres Regierungsoberhaupts, und ob sich dieser Auftrag mit der Zeit oder mit den Bedürfnissen der Menschen ändert. In der Vergangenheit sollte die Kirche oft eine Rolle spielen in der Politik, heute erwarten viele von ihr ganz bestimmte Positionen, wenn es um Umweltschutz geht, um Flüchtlingspolitik, Gerechtigkeit oder sogar das Feld der sogenannten “Gender”-Ideologie mit seiner ganzen Verwirrung. Was aber hat sich unser Ober­ haupt auf die Fahne geschrieben? Ja, es geht ihm um Gerechtigkeit, um unser Leben, um eine Welt, die “Zukunft” hat. Aber nicht so, wie wir es von unseren irdischen Politikern erwarten.

Es geht ihm um unsere Gerechtigkeit vor ihm. Um unser Leben mit Leib und Seele, nicht nur um Krankenversicherung, gerechte Arbeitsbedingungen oder geregelte Freizeit. Es geht ihm um unsere Zukunft, nämlich darum, dass wir nicht mit vergehen, wenn diese Welt vergeht. Und sie wird vergehen. Und weil es ihm darum geht, deshalb ändert er sein Regierungsprogramm nicht. Vielleicht kann man das vergleichen mit einem Dorf, wo der ganze Boden stark belastet ist – so ähnlich wie es mir jemand dieses Jahr am Osterfeuer hier in Groß Oesingen erzählt hat, dass dort im Boden einiges liegt an Autowracks und Hausmüll, irgendwann einfach zugeschüttet; nur so, dass eben keiner im Dorf davon etwas wissen würde, und wenn nach einem Regenguss irgendwo etwas Müll auftaucht oder irgendwo doch erhöhte Schadstoffe gemessen werden, dann wird das erklärt als Einzelphänomen. Aber stellen wir uns vor, ein Lokalpolitiker wüsste, was da los ist. Er wüsste auch, dass das nicht mehr lange gutgehen kann, dass die Gesundheit aller Leute im Dorf auf dem Spiel steht, die Zukunft der Kinder, ja, dass der Boden unter den Häusern selbst nicht mehr lange tragen wird. Müsste er dann nicht alles tun, um sie zu warnen, um den Schaden einzudämmen? Wäre da nicht alles, was in der großen und kleinen Politik diskutiert wird vom Dieselskandal über Pisastudien und, ja, bis zu den Lebensmittel­ preisen, so sehr sie manche von uns betreffen – wäre das nicht alles zweitwichtig für ihn? Ja, würde er es nicht tun, zumal wenn er selbst in diesem Dorf aufgewachsen wäre, wenn das seine Verwandtschaft wäre; und selbst wenn sie dort nicht auf ihn hören würden, wenn den Leuten vieles andere viel wichtiger wäre, wenn sie jemand anderes wählen würden, wenn sie könnten?

So ist das mit unserem Oberhaupt Jesus Christus. Er weiß, dass diese Welt nicht mehr lange bestehen wird. Er weiß, dass der Boden hier vergiftet ist, dass die Sünde sich überall zeigt in dieser Welt. Ja, was wir an Unordnung und Unfrieden und Angst und Not mitbekommen, das sind keine Einzelphänomene, das kommt alles aus dem Müll der Sünde, in der wir leben. Aber er ist hier selbst aufge­ wachsen. Und wir sind seine Brüder und Schwestern.

Und deshalb behandelt er unseren Schaden, Tag für Tag, wenn wir zu ihm kommen. Er heilt den Schaden unserer Sünde, indem er uns vergibt. Er schafft Versöhnung, wo wir's nicht schaffen. Lasst uns ihn deshalb darum bitten. Und er öffnet uns die Augen, dass wir's zumindest ein kleines Stück weit selbst sehen. Und dass wir begreifen: Wir können hier nicht wohnen bleiben. Er hat ja unseren Umzug schon vorbereitet.

Deshalb noch einmal: Gott sei Dank, dass keiner von uns Jesus Christus gewählt hat als unser geistliches Oberhaupt. Und noch mehr, dass er's ist und bleibt. Denn das ist unsere Rettung. Deshalb lasst uns das tun, wovon die Strophen 7 und 8 singen:

7          Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, / klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, / sagt, ihr Armen, ihm die Not. / Wunden müssen Wunden heilen, / Heilsöl weiß er auszuteilen, / Reichtum schenkt er nach dem Tod.

8  Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder / hier auf kurze Zeiten nieder, / und das Leiden geht zuvor. / Nur Geduld, es folgen Freuden; / nichts kann sie von Jesus scheiden, / und ihr Haupt zieht sie empor.

Nun bleibt uns noch die dritte Frage. Wenn Jesus zum Himmel aufgestiegen ist und dort die Herrschaft angetreten hat, ist dann nicht für uns hier “weg”? Das könnte man ja verschieden sehen. Als Bill Clinton als Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde, sagten hinterher manche, er hätte besonders viele Stimmen aus dem Staat Arcansas bekommen, wo er bis dahin Gouverneur war; weil viele gedacht haben sollen, wenn er nach Washington geht, sind wir ihn hier los. So  ähnlich scheinen viele Menschen das mit Jesus zu sehen. Weihnachten und Ostern, das ist schön und gut. Aber Himmelfahrt heißt ja, er ist irgendwie nicht mehr hier, und das ist dann auch ganz bequem.

Es kann einem aber auch Sorge machen. So wie wenn Mark Rutte tatsächlich aus Amsterdam und den Haag nach Brüssel wechseln sollte: Was wird dann aus seinem Land ohne das Regierungsoberhaupt? Aber das ist ja die zweite wichtige Botschaft am Himmelfahrtstag: Jesus Christus ist nicht weg. Bevor die Jünger ihn nicht mehr mit den Augen sehen konnten, hat er ja zu ihnen gesagt: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” So haben wir's gerade gesungen: “Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder / hier auf kurze Zeiten nieder. … Nichts kann sie von Jesus scheiden.” Bei ihm gibt es keinen Gegensatz zwischen der großen Gesamtpolitik und der Politik bei uns vor Ort. Wir können zu ihm mit den großen Problemen der Welt ebenso kommen wie mit den kleinen Problemen in unserem Wohnort und in unseren vier Wänden. Er kennt beides, er hat Macht über beides, und er setzt sie ein. Für uns. Nicht immer so, wie wir's erwarten. Aber das ist gut so. Denn er weiß tatsächlich am besten, was wir brauchen, und wann und wie. Und wenn wir da mit abzustimmen hätten, würden wir ihn verlieren.

Aber obwohl er nicht auf unsere Stimmen angewiesen ist, versucht er doch immer wieder, unser Vertrauen zu gewinnen. Er kommt dahin, wo wir sind. Er hört sich an, was uns bewegt. Wenn er zu uns spricht über den Schaden dieser Welt, und über das, was er mit ihr vorhat – so weit wir das jetzt schon begreifen können. Und indem er uns hineinnimmt in die Versammlung all derer, die sich schon jetzt ganz unbegrenzt freuen, dass er zur Herrschaft eingesetzt ist, seit seiner leiblichen Aufnahme in den Himmel; nämlich unserer Brüder und Schwestern, die ihm nun dort für immer so nahe sind, dass sie ihn jeden Tag sehen, und der himmlischen Heerscharen, die von Anfang an auf diesen Tag gewartet haben: den Tag, an dem Gottes Sohn mit dem Vater zusammen den Thron einnimmt, dass sich alle Mächte dieser Welt vor ihm beugen müssen. Amen.

(Daniel Schmidt, P.)

Auf die Predigt folgt das Glaubensbekenntnis, danach die letzten beiden Strophen des Chorals:

9          Jauchz ihm, Menge heil'ger Knechte, / rühmt, vollendete Gerechte, / und du Schar, die Palmen trägt, / und du Blutvolk in der Krone / und du Chor vor seinem Throne, / der die Gottesharfen schlägt.

10 Ich auch auf der tiefsten Stufen, / ich will glauben, reden, rufen, / ob ich schon noch Pilgrim bin: / Jesus Christus herrscht als König, / alles sei ihm untertänig; / ehret, liebet, lobet ihn.                                        (Ph. Fr. Hiller, 1755)