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Create Date7. Oktober 2018
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Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Dank­ sagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Lieber Bruder, liebe Schwester in Christus,

Wer erntet, hat etwas zu essen. Wenn er will, sofort. Unterm Apfelbaum ist das klar. Und früher gab's das auch mit dem Kartoffelfeuer auf dem Acker. Heute kann man vom Roder die dicksten Kartoffeln mit nach Hause nehmen für selbstgemachte Pommes am Abend.

Aber keiner wäre so dumm, nur für den Tag etwas vom Acker mitzunehmen, den Rest am Rand aufzuhäufen und sich nicht mehr darum zu kümmern. Wer etwas davon haben will und es nicht sofort zur Zucker- oder Chipsfabrik fährt, muss seine Scheunen aufmachen. Und die müssen darauf eingerichtet sein mit Sauberkeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

So ähnlich ist das auch mit uns. Gott gibt uns in großer Menge, was wir täglich brauchen. Und er will, dass wir nicht nur immer wieder nehmen, was wir gerade brauchen, sondern dass wir offen werden für seine Liebe. Dass er damit unser Herz füllt, dass wir dankbar sind in guten Zeiten, und Vertrauen haben auch dann, wenn die Erfolgskurve nicht immer weiter steil nach oben geht.

So feiern wir Erntedank. Wir feiern ihn miteinander. Die, die in der Landwirtschaft aus einem schweren Jahr doch mit einem guten Ergebnis herauskommen. Die, die sich nach Monaten mit 12-Stunden-Schichten und endloser Beregnung fragen, wie sie wirtschaftlich weiter durchhalten können. Die, die in der Firma aufsteigen, und die, die keine Arbeit haben. Die mit dem zweiten Neuwagen in zwei Jahren. Und die, deren Geldbeutel an manchen Tagen nicht nur deshalb leer ist, weil sie vergessen haben, am Bankautomaten anzuhalten.

Dabei haben wir miteinander Grund zum Danken. Auch wenn nicht alles besser ist als früher, wirklich hungern muss bei uns wohl keiner, auch wenn eine Ernte ausfällt oder wenn er seine Stelle verliert. Und was dieses Jahr wieder so schön hier aufgebaut ist, ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir haben. Man könnte auch unsere Computer und Handys und Haus- und Autoschlüssel dazutun, Versicherungsverträge und Rentenbescheide. Und das Bild eines lieben Menschen, ob's nun die neue Freundin ist oder ein wunderbares Enkelkind. Auch dafür können wir dankbar sein.

Gott schüttet seine Güte aus über die, die zum Ernte-Dank in die Kirche kommen und die, die nichts von ihm halten. Er will, dass wir daran erkennen, wie lieb er uns hat und wie wichtig unser Leben für ihn ist. Und deshalb will er nicht, dass wir das alles gedankenlos und herz-los empfangen. Nicht wie ein Kind, das von seinem Onkel etwas sehr Nötiges und Schönes bekommt und ihm sagt: “Kannst es in mein Zimmer legen.” Gott will, dass wir offen werden für das, was er uns gibt. Und das heißt dreierlei: Offene Augen, offene Herzen und offene Hände.

I                       Offene Augen

I.A       Dass wir sehen, wie viel er uns gibt!

Gott will uns die Augen dafür öffnen, wie viel er uns gibt. Beim Altarumgang werden wir's gleich miteinander singen, und wer's nicht auswendig kann, kann ja mal sein Gesangbuch mitnehmen: “Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir, allein gegeben werd?” (ELKG 230,3)

Es steckt in unserer Natur, dass wir uns den Erfolg gerne selber zuschreiben. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen guter Arbeit und Erfolg. Wer etwas schaffen will, muss lernen. Und zuverlässiges, gutes Arbeiten gehört durchaus zu einer christlichen Einstellung. Aber wir wissen auch, dass die Rechnung nicht so einfach ist. Nicht jeder, der weniger Erfolg hat, hat weniger oder schlechter gearbeitet. Da kommen viele andere Faktoren dazu, auf die wir oft keinen Einfluss haben. Und es mag zwar heute unwahrscheinlich sein, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten. Aber mancher, der in der Schule faul war, ist weich gelandet. Und mancher, der's mit der Ehrlichkeit nicht so genau nimmt, hat trotzdem (oder deswegen) jeden Monat eine dicke Überweisung auf seinem Konto.

Ja, der Erfolg ist Gottes Geschenk genauso wie die Arbeit (die übrigens zu Gottes guten Gaben im Paradies gehört,) und all das, was uns ohne unsere Arbeit zufällt. Und offene Augen dafür, dass eruns das gibt, heißt auch sehen, wie vielwir von ihm bekommen. Man findet immer jemanden, der mehr hat. Aber hat nicht fast jeder von uns mehr, als seine Großeltern hatten und viele Generationen davor? Und hier ist auch Gelegenheit, der Werbung mal zu widersprechen und zu sagen: Ich freue mich, wenn ich mir etwas leisten kann. Aber brauchen, wirklich zum Leben brauchen tue ich viel weniger. Und glücklich macht mich das denn auch nicht, wenn ich nicht den habe, der mir das Leben gegeben hat und noch erhält. Mit dem täglichen Brot und mit seinem Wort.

 

I.B       Dass wir sehen, es ist genug und es ist gut.

Gott will uns auch die Augen öffnen, damit wir lernen, mit seinem Maß zu messen. Nicht auf das zu gucken, was wir nicht haben, sondern auf das, was wir haben. Nicht zu rechnen, wie viel Platz noch auf dem Teller ist, sondern zu sehen, dass das, was drauf ist, genug für uns ist.

Das ist ein Grund, warum wir nicht nur ein Erntefest feiern, draußen im Ort. Sondern Erntedankfest, und hier in der Kirche. Denn was nützen uns die ganzen Gaben, wenn wir den Geber nicht haben? Was nützt es uns, wenn wir so leben, als wenn es am wichtigsten wäre, Tag für Tag zu essen und zu trinken und etwas zu erleben, und vergessen, dass genau wie die Lebens-Mittel auch unser Leben ein Ablaufdatum hat, sogar schriftlich, auch wenn wir es noch nicht kennen? Denn es heißt ja, dass alle unsere Tage in Gottes Buch geschrieben sind.

Das Sorgen hört nie auf, auch bei dem, der viel hat. Außer wir haben den, der für uns sorgt. Dann haben wir das Leben. Und wessen Name bei der Taufe in Gottes Buch eingetragen worden ist, der hat das ewige Leben.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, schreibt Paulus an Timotheus in dem Wort für unsere Predigt. Das heißt auch: Es mag sinnvoll sein, auf gesunde Ernährung zu achten. Aber wenn wir mehr Zeit damit verbringen, die Zutatenlisten auf Lebensmittelpackungen zu lesen als in der Heiligen Schrift, dann läuft etwas schief. Es soll uns eben nichts vereinnahmen, nicht das Gute und nicht die Sorge um das Beste. Sondern das Gute soll uns täglich erinnern an den, der allein gut ist, und von dem es alles kommt.

 

II                      Offene Herzen

II.A      Lasst uns ihm danken, von dem alles Gute kommt.

Weiter schreibt Paulus an Timotheus, “Nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.” Es waren zu der Zeit andere Gründe als heute, warum manche meinten, man dürfte bestimmte Sachen nicht essen. Einige, die mit der jüdischen Tradition aufgewachsen waren, meinten, die Regeln für das Essen müssten doch auch weiter gelten. Und wenn dann der Blick auf den andern in der Gemeinde fällt, der einfach alles isst, dann gibt das Spannungen. Aber nichts ist zu verurteilen, das mit Danksagung empfangen wird. Nicht nur mit einem “Danke” für die Person, die eingekauft und gekocht und den Tisch gedeckt hat – auch das ist wichtig –, sondern mit einem Dankgebet. So mag mancher Jude zum ersten Mal Schweinefleisch gegessen haben, wenn er bei nichtjüdischen Mitchristen im Haus war, mag ein schlechtes Gewissen gehabt haben, aber hat doch kein Unrecht getan. Denn für das Gewissen ist dieser Satz von Paulus eben der Maßstab.

Heute gibt's andere Gründe, warum manche meinen, man sollte kein Fleisch essen oder keine Erdbeeren im Winter. Aber da gilt das gleiche: Für dich selbst kannst du Regeln machen. Aber sie sind dann nicht mehr als das: deine Regeln. Andere sind frei, es anders zu machen. Und alle sollen wir Gott danken für das, was wir bekommen. Wer das Tischgebet zu Hause nicht mehr praktiziert, mag's ja vielleicht heute mittag mal tun. Und wenn er einfach “Gott sei Dank” sagt. Für Speis und Trank. Und dann: “Guten Appetit”.

 

II.B    Und wenn wir denken, wir haben nicht genug, oder er hört nicht, was wir uns besonders wünschen, dann lasst uns anfangen, ihm zu danken.

Der Dank für die Gabe öffnet das Herz für den Geber. Und das gilt auch, wenn wir denken, es fehlt uns etwas. Wenn nach noch so viel Bewerbungen immer noch keine Stellenzusage kommt. Wenn jeder einen lieben Partner zu haben scheint außer mir. Wenn gerade in meinem Leben die Sorge nie aufzuhören scheint.

Dann öffnet der Dank das Herz. Deshalb ist es ein guter Rat, das Beten mit dem Danken anzufangen, gerade wenn du Sorge hast. Wenn dich die Arbeit am Morgen überfällt, dann danke dafür, dass du gut geschlafen hast – viele andere können's nicht. Wenn die Arzttermine sich häufen, dann danke für einen lieben Ehepartner, der das mit dir trägt – viele andere haben den nicht. Ich weiß von einem Elternpaar, die eine Tochter im Alter von wenigen Wochen verloren hatten und auf den Grabstein geschrieben haben: “Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen ...” und weiter: “... der Name des Herrn sei gelobt.” Das haben sie bei Hiob gefunden, der seine Kinder, seine Gesundheit und das Vertrauen seiner Freunde verloren hat und gesagt hat: “Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?” Kommt es nicht aus derselben Hand, die uns im Guten wie im Bösen hält?

III      Offene Hände

III.A   Wer die irdischen Dinge festhalten will, kann seine Hände nicht zum Gebet falten.

Damit sind wir nach den offenen Augen und dem offenen Herzen auch bei der offenen Hand. Gott gibt mit der ganzen Hand. Er hält nichts zurück. Er lässt sich auch immer wieder bewegen, wo wir ihn bitten. Auch das haben wohl schon viele von uns erlebt, wenn sie gebetet haben, dass nachher etwas da war, wo vorher nichts war. Am Nötigsten, an Zeit, an Kraft oder an Freundschaft.

Und so will er auch unsere Hände öffnen. Wer die irdischen Dinge festhalten will, kann seine Hände nicht zum Gebet falten. Martin Luther sagt im Großen Katechismus in der Auslegung zum 7. Gebot, zu dem Satz “Du sollst nicht stehlen”, dass Gott den Dieb mit einem größeren Dieb straft. Auf gestohlenem Gut liegt kein Segen. Das gilt auch von der Gier. Wer meint, immer mehr haben zu müssen, hat damit nicht immer mehr Segen. Denn der folgt dem alten Adam, der ihm im Bauch sitzt, der alten Natur, die nie genug bekommt. Und bei dem die Augen sehr “flexibel” sind. Die werden nämlich immer noch größer, je mehr der alte Adam bekommt. Sonst gäbe es keine Reichen, die Millionen an Steuern schulden. Aber was wir über Kalorien heute in jeder Zeitung lesen können – dass mehr nicht immer gut ist, auch nicht für unsere Gesundheit –, das gilt auch im geistlichen Sinne. Wer aber ein Beter ist, den wird sein Besitz nicht besitzen.

 

III.B   Wer seine Hände zum Gebet erhebt, wird sie auch öffnen zum Teilen.

Und wer sich davon nicht besitzen lässt, der kann seine Hände auch öffnen zum Teilen. Jeden Sonntag haben wir hier dieses Jahr um das tägliche Brot miteinander gebetet. Mehrmals haben wir um Regen gebetet. Und um gerechte Arbeitsbedingungen, um eine Regierung, die das Recht schützt. Und wir haben vieles bekommen, das wir auch dieses Jahr hierherbringen konnten; das hier vorne, und noch viel mehr jeder für sich im Herzen.

Dass die Lebensmittel hier vorne morgen zur Tafel gebracht werden ist gut. Dass wir hier in den grauen Kasten legen, was wir können, ist auch gut. Es hilft dazu, dass hier in der Gemeinde weiterhin das Brot des Lebens ausgeteilt wird. Dass in der Kinderstunde und im Unterricht die Saat des Wortes Gottes gesät wird. Dass Menschen im Frieden Abschied nehmen können von dieser Welt in der gewissen Hoffnung auf ihr ewiges Zuhause, wo Gott schon den Tisch für uns gedeckt hat. Es hilft auch dazu, dass unsere Kirche weiterhin Pastoren anstellen und bezahlen kann.

 

Schluss         So wird das geheiligt, was wir von Gott bekommen.

Das, was wir im Garten von den Bäumen und aus der Erde geholt haben, was über das Band auf dem Kartoffelroder gelaufen ist oder durch den Mähdrescher, was in der Molkereistraße im Ofen gebacken wurde, das wird geheiligt, sagt Paulus, durch das Wort Gottes und Gebet. Das Wort, das uns dankbar macht, das uns glauben lässt auch im Blick nach vorne. Und das Gebet, das wir heute dazu sprechen. Wo das geschieht, ist für Gott das Ziel erreicht, für das er auch dieses Jahr so lange an unseren Herzen gearbeitet hat. Dann wird auch im Himmel dankbar gefeiert. Amen.

Erntedanktag (Predigtreihe IV)

Immanuelsgemeinde Groß Oesingen, Hauptgd.