Predigt vom 15.4.2018 (1. Petr. 5,1-4, Prof. Chr. Barnbrock)


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Create Date15. April 2018
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Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:  Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund,  nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.  So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“

Liebe Gemeinde!

I.     Oma Erna feiert ihren 80. Geburtstag. Nachdem die Kuchenplatten weitgehend leergefegt sind und die meisten Gäste gegangen sind, sitzt die Jubilarin noch mit ihrer Tochter Monika und ihrem Enkel Stefan zusammen. Sie kommen auf die alten Zeiten zu sprechen. Und Erna erzählt davon, wie es früher in der Kirche war: „Unser Pastor hat uns ganz schön rangenommen. Wenn der im Konfirmandenunterricht auftauchte, haben wir aber stramm gesessen. Und von der Kanzel hat er manchmal gepoltert, dass selbst die Kirchenschläfer wieder aufgewacht sind! Aber wir haben was gelernt bei ihm. Viele Bibelsprüche, Gesangbuchlieder und Merkverse. Dafür bin ich dankbar. Ich weiß gar nicht, ob das heute noch so ist.“

Monika hakt ein: „Also, ich bin froh, dass das bei uns schon ganz anders war. Ich fand das als Jugendliche toll, dass wir einen Pastor hatten, der mit uns Fahrradtouren gemacht hat und gezeltet hat. Was haben wir abends noch lang ums Lagerfeuer gesessen und über Gott und die Welt diskutiert. Das war toll! Es gab nichts, was wir mit ihm nicht hätten bereden können!“

Schließlich meldet sich auch Stefan zu Wort: „Bei uns ist das ganz anders. Ich finde das cool, dass wir mit unserem Pastor auch noch nach der Konfirmandenzeit über WhatsApp Kontakt haben können. Irgendwie ist das ein beeindruckender Typ. Ich meinʼ, heute noch Pastor sein, wo kaum noch jemand glaubt. Das musst du erstmal bringen. Ich find das gut, dass es jemanden gibt, der ne klare Meinung vertritt. Manches sehe ich zwar ganz anders, aber das macht ja nix.“

II.    Wir verlassen mal dieses Gespräch zwischen Oma, Mutter und Enkel. Vieles hat sich verändert. Die Pastoren von heute sind nicht mehr die von gestern und vorgestern. Und auch die Gemeindeglieder von heute sind anders als die, die vor 100 oder 50 Jahren auf den Kirchbänken saßen.

Nun wäre es naheliegend danach zu schauen, wie wir uns unseren Pastor wünschen würden. Und ganz sicher käme da ganz Unterschiedliches zusammen. Aber wir sind ja in keinem Wunschkonzert – und entscheidend ist ja für uns, wie Gott in seinem Wort von denen spricht, die die Gemeinde leiten und von denen, die Gemeinde sind. Und dazu gibt das Predigtwort aus dem 1. Petrusbrief eine ganze Reihe Impulse.

III.      Das erste, was wir erkennen können, ist dies: Der Pastorenberuf ist ein reichlich unspektakulärer Beruf. Im Bild vom Hirten ausgedrückt, bedeutet das als Aufgabenbeschreibung: Passt auf die Schafe auf und seht zu, dass sie satt werden!

In unserer Zeit verbinden sich mit herausgehobenen Berufen oft andere Erwartungen: Entwickler in Automobilfirmen sollen immer möglichst innovativ sein. Von Comedians und Kabarettisten erwarten wir immer neue Witze. Designern sollen immer neue optische Eindrücke schaffen.

Dagegen ist der Pastorenberuf unspektakulär: Der Hirte soll die Herde nicht durch Reifen springen lassen, soll die Schafe nicht jeden Monat in einer anderen Farbe anmalen. Sondern er soll sich um sie kümmern, auf sie Acht geben und sehen, dass sie satt werden. Soll übertragen heißen: Sie im Blick behalten, bei ihnen sein, mit ihnen leben, gesprächsbereit sein und ihnen geben, was sie zum Leben brauchen: nämlich Gottes Wort und die Sakramente.

IV.    Nun birgt das Bild von Hirte und Herde eine Gefahr, nämlich dass ich als Pastor hergehe und sage: „Das ist ja prima, endlich habe ich einen Beruf gefunden, in dem alle nach meiner Pfeife tanzen müssen!“ Schließlich bin ich ja der Pastor, der Hirte. Und ich weiß eben am besten, was für die Schafe richtig ist.

Das aber lässt eines außer Acht. Und hier bricht das Bild von Hirten und seiner Herde. Denn über dem Hirten gibt einen Oberhirten – oder den Erzhirten, wie ihn der 1. Petrusbrief nennt –, der sowohl die Pastoren als auch die Gemeindeglieder weidet.

Und so ist auch die Diskussion müßig, die es auch in unserer Kirche immer wieder gegeben hat, ob denn nun eigentlich die Gemeinden oder ob die Pastoren das Sagen in der Kirche haben. Es ist nämlich an und für sich genommen beides falsch. Denn Jesus Christus, der einzige gute Hirte, hat in der Kirche das Sagen. Und wenn wir uns um sein Wort versammeln und hören, was er zu sagen hat, da geraten die Unterschiede zwischen Pastor und Gemeindegliedern in den Hintergrund, auch wenn der Pastor durchaus manch Hilfreiches zum Verständnis der Bibel beitragen kann. Aber beide, Pastor und Gemeindeglied, sind gerufen, zuallererst auf das zu hören, was Gott selbst in seinem Wort sagt.

V.    Unser Predigtwort fasst das so zusammen: Die Ältesten, wir würden heute sagen: die Pastoren, sollen sich nicht als solche aufführen, „die über die Gemeinde herrschen, sondern als Vorbilder der Gemeinde“ handeln.

Beim Wort Vorbild können wir an einen Stempel denken. Der ist von jemandem gefertigt worden und drückt das so entstandene Bild nun jedem Formular oder Briefumschlag auf. Was heißt das für die Aufgabe des Pastors?

Zunächst einmal dies: Pastoren müssen bearbeitet werden, damit sie andere prägen und ihnen ihren Stempel aufdrücken können. Und damit meine ich zunächst nicht die Ausbildung an unserer Hochschule in Oberursel, so wichtig sie auch ist. Sondern es geht hier um die geistliche Prägung, die ein junger Mensch auf dem Weg ins Pfarramt und im Pastorenberuf selbst erhält: Dass Christus ihn prägt durch sein Wort. Dass er selbst in den Anfechtungen seines Lebens immer wieder erfährt, dass Gott ihm Halt schenkt.

Das ist nichts, was ein Pastor „machen“ kann, sondern etwas, was an ihm geschieht, wenn er die Bibel liest, betet und als Christ im Alltag lebt und Erfahrungen im Miteinander mit anderen Christen (und auch Nichtchristen) sammelt. Ein solcher Christ kann dann als Pastor auch wiederum andere prägen, weil er ihnen denn eben nicht sein Bild oder seinen Stempelabdruck aufdrückt, sondern das Bild Jesu Christi, das in alledem durchscheint.

VI.    Wollte man das Miteinander von Pastor und Gemeinde, wie es sich der Apostel Petrus vorstellt, mit einem Wort fassen, dann wäre es wohl „Demut“. Kurz nach unserem Predigtabschnitt heißt es: „Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut“ (V. 5).

Was kann das für das Verhältnis von Pastor und Gemeinde bedeuten? „Demut“ beginnt mit dem Wahrnehmen und Zuhören. Keiner von uns weiß alles. Keiner von uns hat die Erfahrungen gemacht, die ein anderer gemacht hat. Da lohnt es sich, nicht gleich mit fertigen Antworten zu kommen, sondern auch den anderen mit seiner Erfahrung – auch seiner geistlichen Erfahrung – zu Wort kommen zu lassen. So wird das Miteinander von Pastor und Gemeinde gut gelingen, wenn wir einander zuhören, aufeinander achten und den jeweils anderen mit seiner Lebensgeschichte wertschätzen.

Demütig sein, das bedeutet auch: Ich nehme mich selbst nicht zu wichtig, sondern achte auch den anderen. Da nehme ich den anderen nicht als lästiges Gegenüber wahr – „Ach, der schon wieder!“, sondern gehe eine Meile mit ihm mit, um zu verstehen, zu helfen und zu tragen, eine Meile – und wenn nötig sogar eine zweite Meile.

VII.    Nun stellen sich am Ende zwei Fragen: Erstens: Wie um alles in der Welt soll das gelingen, dass wir tatsächlich so miteinander umgehen? Und zweitens: Warum soll man dann Pastor werden oder sich in einer christlichen Gemeinde engagieren, wenn es vor allem ums Dienen und nicht um Erfolg und Karriere geht?

VIII.    Zunächst zum Ersten: Wie um alles in der Welt soll das miteinander gelingen, dass wir so miteinander umgehen? Und die Frage zeigt schon, dass wir regelmäßig daran scheitern. Wir leben nicht so, wie Gott sich das von uns vorstellt. Und das gilt für Pastoren und für Gemeindeglieder gleichermaßen.

Wir würden aber diese Mahnungen aus dem 1. Petrusbrief auch völlig falsch verstehen, wenn wir glauben würden, wir könnten demütig sein, wenn wir uns nur ordentlich am Riemen reißen würden. Da wäre schon alles verloren. Der Clou ist aber, dass Gott selbst aus uns längst schon solche Menschen gemacht hat, indem uns Christus die Sünde abgenommen hat und uns der Heilige Geist begabt hat.

Wir sind in der Taufe zu solchen neuen Menschen geworden. Und unser Miteinander in der Gemeinde und Kirche ist ein Feld, in dem wir immer wieder etwas davon beobachten können, dass der Heilige Geist voll in Aktion ist. Da gibt es den, der sich für jemand anderes Zeit nimmt, obwohl eigentlich so viel anderes anliegt. Da wissen wir um diejenige, die sich um vieles in der Gemeinde kümmert, ohne großes Aufheben darum zu machen. In alldem sehen wir den Heiligen Geist am Werk – Menschen handeln ganz unaufgeregt, im Dienst der Sache – eben demütig.

IX.    Und darin liegt dann auch schon die Antwort auf die zweite Frage: Warum soll man dann eigentlich Pastor werden oder sich in einer christlichen Gemeinde engagieren?

Ganz einfach: Weil es wunderbar ist. Nein, reich kann man hier nicht werden. Und mit Ehre und Ruhm wird man hier auch nicht überschüttet. Aber es gibt auch noch andere Formen von Freude und Glück, von Zufriedenheit und erfülltem Leben. Und die finden wir in der Kirche.

Ein Wort in den Ermahnungen an die Ältesten kann man auch so übersetzen: Arbeitet mit „Lust und Liebe“ und nicht gezwungen! Und das setzt ja voraus, dass man genau das erleben kann: Dass man Lust haben kann zur Arbeit in Kirche und Gemeinde und dass man fröhlich und mit Liebe Gemeindeleben gestalten kann. Und viele von uns haben es ja auch genauso erlebt.

Denn hier sind wir nicht alleine am Werk. Und wenn wir scheitern, dann werden wir nicht auf unsere Fehler reduziert. Sondern Gott ist am Werk, arbeitet mit uns Pastoren und mit uns Gemeindegliedern und baut seine Kirche in dieser Welt. Hier lässt er die Botschaft verkündigen, dass wir geliebt sind, unabhängig davon, ob wir leistungsstark oder leistungsschwach sind. Hier wird davon weitererzählt, dass ein gutes, erfülltes Leben nicht in die wenigen Jahre dieses Lebens passen muss, sondern dass dafür noch eine Ewigkeit wartet. Da bin ich gerne dabei. Mit Lust und Liebe. Und du vielleicht auch.

Amen.

Misericordias Domini (2018; Predigtreihe IV)

Themengottesdienst: „Pastor und Gemeinde“

Prof. Dr. Christoph Barnbrock (Oberursel/Ts.)