Predigt vom 17.12.2017 (Röm 15,4-13)


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Create Date17. Dezember 2017
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Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Ps 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« Und wiederum (Ps 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja (Jes. 11,10): »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

 

Liebe Gemeinde,

mit modernen Handys kann man (wenn man will), sogenannte Twitter-Nachrichten verschicken. Das sind Kurzkommentare zu dem, was irgendwo passiert. Vor zwei Wochen hat Martin Schulz so eine Kurznachricht in die Welt geschickt, gleich in drei Sprachen, und das entscheidende Stichwort war “Vereinigte Staaten von Europa”. Auf dem SPD-Parteitag hat er's dann gleich noch mal wiederholt.

Vereinigte Staaten von Europa, das heißt: Eine Einheit aus verschiedenen Volks­ gruppen und Sprachen und Strukturen. Die einen meinen, es ist höchste Zeit, dass das kommt. Die anderen sehen darin große Probleme.

Dabei ist die Idee an sich nicht neu. Als 1776 die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet wurden, schrieb George Washington, eines Tages würde es nach diesem Vorbild auch in Europa so weit kommen. Ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg hat Winston Churchill in Zürich in einer Rede vor den Studenten der Universität von dieser Idee gesprochen, daran erinnert heute noch eine Tafel dort.

Thatcher war dagegen, Kohl sah das kritisch, Ursula von der Leyen ist klar dafür, Macron freut sich über solche Worte von Martin Schulz. Dass von all diesen Namen dazu etwas kommt, zeigt: Bis heute ist es nicht so weit. Und es zeigt: Kein führender Politiker kann diese Idee mehr ignorieren. Ja, sie ist untrennbar verbunden mit seiner Karriere. Und sie betrifft ihn natürlich selbst als Europäer. Genauso wie es uns alle längst betrifft, dass es keine Grenzen mehr gibt zwischen den europäischen Ländern, und dass in den meisten auch die gleiche Währung gilt.

Als Gottes Sohn in einem kleinen Ort ein paar Kilometer von Jerusalem entfernt zur Welt kam, gehörte dieser Ort, zum vereinigten römischen Reich. Das war damals nicht nur der Wunsch einiger Politiker, es existierte. Und es war ungefähr doppelt so groß wie die EU heute. Und viel internationaler: mehr als die Hälfte der Einwohner lebte in Nordafrika und Kleinasien. Aber als Paulus rund 60 Jahre später den Brief nach Rom schickt, von dem wir einen Teil gehört haben, schreibt er von einem noch viel größeren Reich, einer viel größeren Zahl von Menschen, und einer Sprache, die sie tatsächlich alle vereint.

Er schreibt von dem Reich Gottes, das schon da ist. Er schreibt an Gemeinden in Rom, zu denen Menschen aus allen römisch regierten Gebieten gehören. Er schreibt von der Sprache der Hoffnung und des Gotteslobs, die sie alle vereint.

Um ein bisschen nachzusprechen, was Paulus ihnen schreibt, will ich einmal ein Wort zuhilfenehmen, eine Abkürzung. So wie “EU” kurz für die “Europäische Union” steht, können wir hier das Wort “Advent” als Abkürzung nehmen. Wobei jeder Buchstabe etwas Entscheidendes zusammenfasst. Advent, das ist “A” wie angenommen”, “D” wie Diener (nämlich auf Christus bezogen), “V” wie Verheißun­ gen, “E” wie ehren (oder “loben”), “N” wie 'nehmt einander an!', und “T” wie Trost.

A” wie angenommen: So fängt es an. Gott hat zuerst ein Volk angenommen. Das war in der Zeit des Alten Bundes, des Alten Testaments. Das Volk Israel. Er hat es erwählt, heißt es. Ein kleines, Volk, die meiste Zeit politisch unwichtig und unscheinbar. Warum gerade dieses? Dafür gab es nur einen Grund. Nicht die Liebe dieses Volkes zu diesem einen, wahren Gott. Sondern Gottes Liebe zu ihm. Wenn Gott erwählt, wenn er etwas verspricht, dann aus seiner Liebe allein. Und von ganzem Herzen.

Aus diesem Volk gab es einige in den christlichen Gemeinden in Rom. Aber die meisten kamen aus ganz anderen Völkern. Von denen die Juden glaubten, dass sie nie ganz denselben Platz in Gottes Reich einnehmen konnten wie sie selbst.      Schließlich hatte Gott sich ihrem Volk zu erkennen gegeben, sie hatten seine Ankün­ digungen und Zusagen, dass er einen Retter schicken würde.  Und die unter ihnen, die nun glaubten, dass dieser Retter gekommen ist, Jesus, der Sohn der Maria, die konnten weiter argumentieren: Zu uns ist er in Person gekommen. Zu euch nicht. Als eine nicht-jüdische Frau zu ihm kam, deren Tochter so krank war, hat er nicht gesagt, er ist nur zu den Kindern des Hauses Israel gesandt?

Aber da hat sich ja etwas Entscheidendes geändert. Gottes Sohn, der in Person zu den Juden in ihrem Land gekommen ist, hat dieser Frau doch geholfen. Und hat seine Apostel zu allen anderen Völkern geschickt. Zu allen anderen. Der Apostel Johannes hat's mit seinen Worten so gesagt: “Wie viele ihn ... aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.” (s. Joh 1,12). Das ist doch durch die Taufe geschehen. Damit sind doch auch die in Rom von Gott angenommen, die getauft sind, aber keine Juden sind.

Ja, so ist Gottes Reich zu einem Vielvölkerreich geworden: Durch die heilige Taufe. Und wird es noch heute. Und deshalb gibt es heute sehr gemischte Gemeinden nicht nur aus Leuten, die ursprünglich aus Hessen und Tansania und Bayern kommen, sondern aus dem Iran, aus Afghanistan oder aus China.

Aber wie ist es geschehen, dass sich das so geändert hat? Hier sind wir beim zweiten Buchstaben des Wortes “Advent”, beim D. Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen. Das müssen wir einmal kurz auseinander nehmen. Wörtlich steht hier, „ein Diener der Beschneidung“. Paulus meint damit sicher das jüdische Volk, aber die von Gott vorgeschriebene Beschneidung hieß auch, dass ein jüdischer Junge von da an verpflichtet war, Gottes Gesetzesregeln zu halten. Jesus ist ein Diener des Gesetzes geworden, könnte man also sagen. Um der Wahrhaftigkeit Gottes willen: Um zu zeigen, dass Gott wahrhaftig ist. Dass das, was er sagt, gilt, auch für ihn selbst. Und dass er es tut. Dass das Verhältnis zu seinem Volk immer wieder durch solche Krisen ging, lag nicht an diesen Regeln, die Gott ihnen gegeben hatte für das Zusammenleben mit ihm und untereinander. Diese Regeln sind gut – daran wollen wir uns auch immer wieder erinnern lassen im Blick auf die 10 Gebote; und alle zehn, nicht nur ein paar davon, die wir uns aussuchen. Aber der Mensch ist nicht gut.

Bis auf diesen einen, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, Jesus Christus. Gekommen, um diese Regeln zu erfüllen. Und damit zu zeigen, dass sie gelten. Und dass Gott sich selbst daran hält.

Denn dazu gehören ganz wesentlich die Verheißungen. Damit sind wir beim Buchstaben V im “Advent”. Das, was Gott vorher versprochen hat, das tritt ein, könnten wir sagen. Aber das wäre viel zu kurz. Wie wenn die Vereinigten Staaten von Europa irgendwann zustandekommen: dann wäre das eingetreten, was George Washington vor inzwischen 240 Jahren geschrieben hat. Aber er hätte das nicht bewirkt. Das ist bei Gott anders. Wenn er etwas ankündigt, dann tut er es. Er ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit. Das, was er ankündigt, ist kein Zukunftsraten. Und wenn wir die Weissagungen aus dem Alten Testament an Heiligabend wieder von den Konfirmanden hören, dann auch nicht deshalb, weil es so schöne Wünsche sind von irgendwelchen Menschen ganz früher, oder irgend­ welchen selbsternannten “Propheten”. Sondern weil das Gottes Wort ist. Und sein Wort ist ein Tu-Wort. Er tut es.

Er hat es getan. Die entscheidenden Verheißungen sind erfüllt. Das muss man sich mal überlegen, wie spannend das ist: Da sitzen Leute in Rom, haben den römischen Kaiser vor der Nase, sehen ihn in der Stadt, müssen ihn dabei verehren wie sonst einen Gott – und unterwerfen sich einem anderem, einem König, der in der Provinz in Palästina gelebt hat, aus einem unbedeutenden, zersplitterten Volk. Sie unterwerfen sich ihm, weil sie das glauben, was unser Katechismus sagt: Gottes Sohn hat für meine Schuld bezahlt “mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben – auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene.” Heiden, also Nichtjuden suchen diesen König. In allen Gemeinden, an die Paulus schreibt, ist das die Wirklichkeit. Und sie finden ihn. Da, wo er versprochen hat, unter ihnen zu sein. Im Gottes­ dienst. Wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenkommen. Sein Wort hören, seinen Namen anrufen, seinen Leib und sein Blut im heiligen Abendmahl empfangen.

Was für ein Grund, ihn dafür zu loben. Dafür steht in unserer Abkürzung “Advent” das E wie “ehren”. Und hier sind wir bei der einen Sprache. Im alten Römischen Reich war es Latein und Griechisch, das viele konnten. Deshalb konnten sie auch in allen Gemeinden die Briefe von Paulus lesen. Heute kommt man mit Englisch in Europa ziemlich weit, wenn man außerhalb von Deutschland unterwegs ist. Noch viel verbindender aber ist die Sprache, in der wir Gott ehren und loben. Die Sprache des Glaubens, wenn wir unseren Glauben bekennen, wenn wir Loblieder singen, wenn wir ihm unsere Not klagen – auch das ist ein Lob Gottes, denn wenn wir damit zu ihm kommen, heißt das: Ich bin klein, deshalb komme ich zu dir. Ich bin schwach, deshalb komme ich zu dir. Ich bin ein Sünder, deshalb komme ich zu dir. Egal, in welcher Sprache ich ihm meine Schuld sage. „Platt“ oder „hoch“, mit einem Gesangbuchvers oder meinen Worten. Ja, so lobt auch unser Klagen Gott und unser Sündenbekenntnis, weil wir damit bekennen: Du bist Gott. Ich kann damit nicht fertigwerden. Aber du kannst es.

Wenn uns in manchen alten Liedern unsere eigene deutsche Sprache etwas fremd ist, dann liegt das daran, dass wir damit in dasselbe Lob einstimmen wie unsere Brüder und Schwestern vor 300 oder 500 Jahren. Und wenn jemand ein neues englisches Lied im Gottesdienst singt oder vorsingt, und wir verstehen auch nicht alles, liegt's auch daran. Dann wissen wir aber: Wir loben damit gemeinsam Gott. Der das getan hat, was er versprochen hat. Der in diese Welt gekommen ist. Der unsere Schuld auf sich genommen hat. Der so seine Barmherzigkeit an uns zeigt, wie es uns der Chor nachher mit den Worten der Maria singen wird.

Und der uns angenommen hat. Das haben wir schon gehabt mit dem Buchstaben “A” im “Advent”. Jetzt kommt es noch mal mit dem N: “Nehmt einander an”. Ja, damit schließt Paulus unseren Abschnitt und den ganzen Brief, dass die Christen eines Sinnes sein sollen gerade bei aller ihrer Verschiedenheit, und einmütig Gottesdienst feiern. Das gilt dann unbegrenzt für alle Zeiten, und eben auch für uns. In der Gemeinde gilt nicht die menschliche Mehrheit, sondern es gilt ein Grundsatz: Wir sollen Einmütigkeit anstreben in allen Entscheidungen. Und wo wir mit einem Bruder oder einer Schwester dauernd uneinig sind, sollen wir prüfen, ob es dabei um Gottes Wort geht – dann sollen wir gemeinsam in der Heiligen Schrift nach einer Wegweisung suchen – oder ob es nicht um ganz menschliche Unter­ schiede geht, die Christus beide erträgt, und die wir dann auch ertragen sollen.

Damit sind wir nun beim letzten Buchstaben, dem T. Paulus redet am Anfang unseres Abschnitts von “Geduld und Trost”, und am Ende von “Freude und Frieden.” Ich glaube, er zählt da “Geduld und Trost” zusammen, und die Freude kommt dabei heraus. Die kann mit einem wunderschönen Gefühl kommen, aber auch in großer persönlicher Not in der Gewissheit, die Gott schenkt, dass ich auch darin nicht aus seiner Hand herausfallen kann. Was für ein Trost, was für eine Freude, und wenn's unter Tränen ist.

Liebe Gemeinde, als Churchill in Zürich zu den Studenten gesprochen hat, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, der vielen wie ein Weltuntergang vorgekommen ist, hat er gesagt:

“Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten. Nur auf diese Weise werden Hunderte von Millionen sich abmühender Menschen in die Lage versetzt, jene einfachen Freuden und Hoffnungen wiederzuerhalten, die das Leben lebenswert machen.“

Liebe Schwestern und Brüder, wir müssen uns nicht abmühen. Wir müssen nichts errichten. Im Gegenteil: Die Grenzen zwischen uns sind schon gefallen. Wir haben auch eine einzige Währung: Gottes Sohn hat für unsere Schuld bezahlt, mit seinem Leiden und Sterben. Wir gehören zu dem vereinigten Volk Gottes, der heiligen christlichen Kirche. Und haben darin die Freude und Hoffnung, die das Leben lebenswert macht. Das Leben mit und durch Christus, unseren Herrn. Und miteinander.

Denn Christus hat uns angenommen, ist ein Diener der Gerechtigkeit geworden, hat damit Gottes Verheißungen erfüllt. Dafür ehren wir ihn. Wir nehmen einander gerne an. Und sind getrost, weil wir eins sind mit ihm. Amen.

3. Sonntag im Advent (Predigtgottesdienst mit Chorprojekt)

(Daniel Schmidt, P.)